«Stürzen ist tabu»

Herab aus vagen und dunstigen Höhen kamen aufgebrachte milchige Zickzack-Rinnsale gekrochen, und fanden ihren Weg zum Rand jener gewaltigen, überhängenden Wände, wo sie herabstürzten, in einer Woge von Silber, zerstäubt zu Atomen in halbem Fall, und verwandelt in einen Lufthauch aus leuchtendem Staub. (M. Twain)

Gut möglich, dass Mark Twain die Staubbachfälle oder die Breitwangflue zu Kandersteg vor Augen hatte, als er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diese Zeilen über seine sommerliche Reise durchs Kandertal verfasste. Als Bergsportler fragt man sich, was Twain wohl geschrieben hätte, wäre er im Winter nach Kandersteg gelangt. Das Tal geniesst für seine kühnen Eis- und Mixedlinien heute internationalen Ruhm. Selbst ein Meister der Fantasie wie Twain hätte sich allerdings kaum ausmalen können, dass die zu Eis erstarrten Wasserfälle und Rinnsale dereinst von Kletterern bezwungen würden.

Eigentlich ist das auch kaum verwunderlich. Denn gibt es etwas Magischeres als das Klettern an gefrorenen Wasserfällen? Auf den Schreibenden jedenfalls übt keine Spielart des Alpinismus eine ähnliche Faszination aus – und keine vermag ähnlich flaue Gefühle in der Magengegend zu wecken. Denn gibt es etwas Schmerzhafteres als langsam auftauende Finger? Oder etwas Schrecklicheres als eine ausbrechende Eisschraube?

Kurzes Trainingsfenster

Eisklettern ist eine heimliche Königsdisziplin, es verlangt dem Kletterer alles ab: Mut, Technik, Kraft und Leidensbereitschaft. Vor allen Dingen aber verlangt die Beurteilung eines Eisfalles sehr viel Erfahrung und sein sicheres Erklettern regelmässiges Training. Und genau da liegt das Problem: Erfahrung im Eis zu sammeln, ist so einfach nicht. Allzu häufig ist das Zeitfenster, da die Verhältnisse stimmen, sehr kurz. Ist der Herbst zu wenig niederschlagsreich, bleibt das Eis weg. Ist es zu kalt, wird es rasch sehr hart und diffizil zu klettern; auch fliesst das nötige Wasser dann mitunter nicht nach. Schwanken die Temperaturen stark, baut das Eis gefährliche Spannungen auf. Schliesslich kann ein einzelner Wärmeeinbruch die ganze frostige Freude davonspülen. Wie oft schon habe ich mir Anfang Winter zehn durchstiegene Eisfälle zum Ziel gemacht –  geschafft habe ich es noch nie.

Wer aber Anfang Saison keine Geduld zeigt und zu offensiv agiert, riskiert schnell viel. Problematisch wird dies insbesondere da, wo man mit dem eigenen Verhalten andere einschränkt oder gar gefährdet. Wenig Freunde schafft sich etwa, wer zu früh in einen Fall steigt und das wachsende Eis zum Einsturz bringt. Kurz: Das Anfängerdasein ist beim Eisklettern besonders heikel – und besonders mühsam zu überwinden. Davon können auch Profis ein Lied singen.

Vermeintliches Gehgelände

Der Walliser Bergführer Simon Anthamatten glänzt seit dem Gesamtweltcupsieg im Eisklettern 2008 regelmässig mit schwierigen Erstbegehungen in Eis- und Felswänden rund um die Welt. Der heute 30-Jährige erinnert sich indes sehr wohl auch an seine ersten Kletterversuche im Steileis vor rund 15 Jahren. Damals kletterte Anthamatten praktisch nur Toprope. Einmal, so erinnert er sich, mussten er und seine Seilpartner beim Zustieg zum Fall einen kleinen zugefrorenen Bach überqueren. «Natürlich waren wir zu faul, die Steigeisen anzuziehen», erzählt er, «denn nach dem Bach blieben circa 50 Meter Gehgelände bis zum Eisfall.» Anthamatten überquerte den Bach also ohne Steigeisen, «mehr schlecht als recht». Einer seiner Freunde hatte weniger Glück: Er rutschte aus und stürzte 15 Meter tief, brach sich das Becken und musste mit dem Helikopter geborgen werden. «Er hätte sich noch viel schlimmer verletzen können», meint Anthamatten. Die Eltern seien mit dieser alpinistischen Tat natürlich auch nur mässig zufrieden gewesen.

«Eine Sache der Erfahrung»

Das Berner Nachwuchstalent Nicolas Hojac klettert im Eis bis WI 6 und M11 im Mixedgelände. Seiner Anfängerfehler ist der 21-Jährige durchaus noch gewahr. Selbstüberschätzung und mangelndes Bewusstsein für die Gefahr wurden ihm in Blue Magic (IV 5+) ob Kandersteg vor drei Jahren zum Verhängnis. Er habe den Eisfall möglichst schnell klettern wollen und zu wenige Zwischensicherungen gesetzt. 15 Meter tief stürzte Hojac und schlug auf den Boden auf. «Hätte ich mir mehr Zeit genommen und etwas langsamer geklettert, wäre das nicht passiert.» Generell sei Eisklettern «eine Sache der Erfahrung». Man müsse lernen, mit dem Eis umzugehen, findet Hojac. «Das Eis wandelt sich beständig, jeder Tag verlangt eine neue Beurteilung.»

Mit Frontzacken in die Nordwand

Simon Anthamatten gibt zu bedenken, dass Eisklettern aus dem Bergsteigen heraus entstanden ist, wobei die Materialentwicklung einen entscheidenden Beitrag leistete. Trugen zwei der vier Erstbesteiger der Eigernordwand zwar bereits Frontzacken an ihren Steigeisen, dauerte es dennoch bis in die 1970er-Jahre, bis sich die ersten Alpinisten mit Eisschrauben an Eisfälle heranwagten. Dies zeigt für Anthamatten auf, dass Eiskletterer zunächst stets erfahrene Alpinisten und Kletterer waren. Analog dazu gilt für ihn: «Nur einem erfahrenen Alpinisten ist es möglich, das Eisklettern selbstständig zu erlernen, da nur dieser über die nötige Erfahrung und die seiltechnischen Voraussetzungen verfügt.» Alle anderen würden nicht darum herumkommen, Kurse und Ausbildung zu absolvieren oder mit einem erfahrenen Kameraden mitzugehen.

«Eisklettern ist der schönste Sport, den ich kenne», meint schliesslich der Urner Bergführer Dani Arnold, der in der Eigernordwand den Speedrekord hält. Obwohl er schon viele Jahre im Eis unterwegs sei, treffe er immer wieder Situationen an, mit welchen er nicht gerechnet hätte. Gerade als Anfänger sei es deshalb wichtig, ein solides Wissen aufzubauen. Arnold rät: «Frage dich nach jedem Tag: Was habe ich gut gemacht, und was könnte ich das nächste Mal besser machen?»

Ohne eine seriöse Ausbildung ersetzen zu wollen, habe ich Simon Anthamatten, Dani Arnold und Nicolas Hojac um eine kleine Aufstellung der schlimmsten No-gos beim Eisklettern gebeten. Tipps von Profis haben im Alpinismus nämlich ebenfalls eine lange Vergangenheit. So liess sich schon Mark Twain von den 1857 publizierten Erzählungen eines Alpinisten namens Mr. Hinchliff begeistern, der abenteuerliche Begehungen im Monte-Rosa-Massiv schilderte. Twain vertröstete seinen Begleiter dann allerdings auf später – der Altels war dem Amerikaner nämlich zu steil. Frontzacken gab es damals halt noch nicht.

Die schlimmsten No-gos beim Eisklettern                       

Die folgenden Dinge gilt es, beim Eisklettern laut den Profis Arnold, Anthamatten und Hojac tunlichst zu vermeiden:

  • Das Nachsteigen einer zweiten Seilschaft in einer Route, in der bereits geklettert wird. Beim Eisklettern lösen sich durch die Pickelschläge oft Eisbrocken. Wird die untere Seilschaft von diesen getroffen, kann das lebensgefährlich sein. Seilt die erste Seilschaft ab, dreht sich der Spiess um – so gefährden Nachsteiger nicht nur sich selbst, sondern auch andere. (Nicolas Hojac)
  • Stürzen ist tabu. Mit Steigeisen an den Füssen und Pickeln in den Händen können Stürze beim Eisklettern im Vorstieg fatale Folgen haben. (Nicolas Hojac)
  • Standplätze im Eisschlag-Delta. Auch ich mache immer wieder den Fehler, dass ich unterschätze, wie weit die Eisstücke herumfliegen. Es gilt, das Eisschlag-Delta zu beachten. (Dani Arnold)
  • Eisklettern bei Lawinengefahr. Zustieg und Eisfall können exponiert sein. Es gilt die gleiche Tourenplanung wie beim Skitouren und Freeriden. (Simon Anthamatten)
  • Eisklettern bei grossen Temperaturschwankungen innert weniger Tage. Ein 20 Meter langer Eiszapfen zieht sich bei 10 °C Temperaturdifferenz um einen Zentimeter zusammen. Das bringt unweigerlich Spannungen in den ganzen Eisfall und kann im schlimmsten Fall zum Kollaps führen. (Simon Anthamatten)
  • Unterschätzen der Tour: Jeder Eisfall muss wie eine grosse Bergtour sauber geplant werden. Orientierungsmittel, Apotheke, Funk und Stirnlampe gehören in jeden Rucksack. Abseiltechnik und Standbau müssen gekonnt sein. Zustieg und Abstieg erfordern oft das Gehen am kurzen Seil. (Simon Anthamatten)

matthias150x150Matthias Ryffel ist freier Journalist und Mitherausgeber der Reportagezeitschrift «Zalle*». Sein Interesse gilt den Menschen und ihren Geschichten – ob auf Reisen, in den Bergen oder in der Wahlheimat Bern.

4 Kommentare zu ««Stürzen ist tabu»»

  • hallo matthias

    hervorragender bericht zum thema eisklettern.
    ich danke den 3 profis für die interessanten tipps und erfahrungen die Sie weitergeben. ich habe auch in den 1980er jahren
    als das eisklettern noch in den kinderschuhen war, unter anleitung von profis erlernt. das erlernte ist mir in den grossen
    nordwänden der alpen, ja in allen gebirgen dieser erde zugute gekommen.

    ich wünsche allen viel spass.
    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Joachim Adamek sagt:

    Toll, dass es Leute gibt, die sich für solche aussergewöhnliche, schnellvergängliche, im wahrsten Sinne “einmalige” Kletterrouten wie einen Eisfall begeistern. Sie dürften Eisklettern so gefährlich wie Skilanglauf halten: Stürzen kann man halt immer …

  • captain kirk sagt:

    Stürzen ist aber auch aus einem ganz anderem Grund Tabu als den genannten. Man weiss nie ob die Schraube unter einem wirklich hält. Auch wenn eine Schraube im guten solidem Eis mehr hält als so mancher Bohrhacken. Wissen tut man`s nicht.

  • Markus sagt:

    In der Tat ist das Zeitfenster für Eisklettern sehr kurz, wenn dann noch im Januar Temperaturen dazukommen wie sie aktuell sind ist der Frust gesetzt :-(

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