Steve House klettert wieder! Kürzlich in der Eigernordwand. Das ist ausserordentlich, denn erst vor sieben Monaten verunfallte der 40-jährige Ausnahmealpinist so schwer, dass anfangs unklar war, ob er jemals wieder auf die Beine kommt.
Der US-Amerikaner gilt als extremster und erfolgreichster Höhenbergsteiger der Gegenwart – und gleichzeitig auch als der unauffälligste und bescheidenste. Ein radikaler Purist, der prinzipiell im Alpinstil klettert, ohne Träger, zusätzlichen Sauerstoff oder Fixseile. So gelang ihm 2005 die wohl unfassbarste alpinistische Leistung der vergangenen zehn Jahre: Er durchstieg am Nanga Parbat (8125 Meter) den Zentralpfeiler der Rupalwand – mit 4100 Metern die höchste Felswand der Erde.
Fast gestorben
Dann am vergangenen 25. März: Steve House stürzt am Mount Temple in den kanadischen Rockies 25 Meter ab. Kollaps des rechten Lungenflügels, doppelter Beckenbruch, 6 Rippen in zwanzig Stücke gebrochen, die Wirbelsäule an fünf Stellen angerissen. «Ich bin fünf Mal aufgeprallt und landete dann kopfüber im Schnee, konnte mich nicht bewegen und kaum atmen. Blut floss keines, aber ich spürte, dass ich innerlich zerbrochen war. Wäre keine Helikopterrettung möglich gewesen, hätte ich nicht überlebt. Ich lag neun Tage auf der Intensivstation.»

Hier am Mount Temple stürzte Steve House 25 Meter und landete im Schneefeld in der Mitte des Bildes. Das Foto entstand, nachdem er ins Spital gebracht worden ist – und nun sein Kletterpartner mit dem Helikopter abgeholt wurde.
Wie konnte ausgerechnet ihm ein solcher Unfall unterlaufen? «Ich stürzte ganz plötzlich und ganz unerwartet. In einer Passage, in der ich keine Sekunde damit gerechnet hätte. Bis heute weiss ich nicht genau, weshalb. Wahrscheinlich weil ein Stein unter meinem Steigeisen oder Eispickel abgebrochen ist. Man sagt, die Nordwand des Mount Temple sei ähnlich gefährlich wie die Eigernordwand.»
Schmerzhafte Monate
«Die Schmerzen im ersten Monat nach dem Unfall waren schlimm. Ich konnte nichts tun, ausser Medikamente schlucken und schlafen, war völlig auf die Hilfe anderer angewiesen. Als ich das Krankenhaus verlassen durfte, schaffte ich aus eigener Kraft nicht mal zwei Schritte. Nach zwei Monaten gelang es mir erstmals, mich selber zu waschen. Nach drei Monaten startete ich mit der Physiotherapie. Jetzt, sieben Monate nach dem Sturz, verfüge ich etwa über 80 Prozent meiner vorherigen Kraft. Ich habe so hart und konsequent trainiert wie für eine Expedition, einfach auf anderem Niveau. Mittlerweile glaube ich fest daran, dass ich meine alte Kondition wieder erreichen werde.»
«Während dieser schweren Zeit stand für mich nie zur Debatte, ob ich mit der Extrembergsteigerei weiterfahren will. Die Frage lautete viel mehr: Wird sich mein Körper so erholen können, dass ich dazu überhaupt wieder fähig bin.»
Misserfolge führen zum Erfolg
Andere Elite-Alpinisten investieren ihre Zeit ausschliesslich ins Training als Profisportler. Steve House gehört zu den wenigen, die auch als Bergführer tätig sind. So war er auch jetzt je eine Woche in Grindelwald und in den Dolomiten mit einem Gast unterwegs. «Meine Arbeit als Bergführer empfinde ich als wertvolle Ergänzung zu meinem üblichen Training. Ich selber klettere am liebsten am Limit, muss mich überwinden, auch einfachere Routen zu begehen, was für die Grundkondition, Flexibilität und Gesundheit aber sehr wichtig ist. Wenn ich einen Gast habe, geht das. Persönlich versuche ich, rund 700 Stunden pro Jahr easy zu klettern, quasi als Vorbereitung für mein Expeditionstraining.»
Warum ist er erfolgreicher als andere Alpinisten? «Ich mag es nicht, wenn man mich so bezeichnet. Klar bin ich stolz darauf, was ich bisher erreicht habe. Und ich versuche, mich weiter zu verbessern. Aber der Alpinismus ist kein Wettkampf. Ich möchte meine Ziele sauber und ohne auferlegten Druck erreichen. Viele glauben, einen Alpinisten einstufen zu können aufgrund der Routen, die er durchsteigt. Aber was die meisten vergessen: Es sind die Misserfolge, die zum Erfolg führen. Natürlich sind sie unschön, keiner will sie sehen, keiner will sie zeigen. Aber Misserfolge sind nötig, um weiterzukommen.»
Welche Projekte strebt er an? «Im Moment konzentriere ich mich darauf, 110 Prozent meiner Fitness zu erreichen, die ich am Tag meines Sturzes am Mount Temple hatte. Wenn mir das gelingt, nehme ich die Westwand des Makalu (8463 Meter) ins Visier, die ich schon zwei Mal versucht habe. Wenn möglich, nächsten Frühling.»
Zurück in Oregon
Steve House meldete sich nach seinem kurzen Europa-Trip nochmals aus seiner Heimat Oregon bei mir: «Meine Rippen schmerzen stark nach dieser 14-tägigen Kletterei im Berner Oberland und im Südtirol, mein Körper ist müde – aber ich weiss, alles kommt gut.» Und gestern per Mail: «Bin jetzt in Colorado unterwegs und habe bis nächsten Montag keinen Zugriff aufs Internet.»
Ich nehme an, seine Schmerzen sind wieder erträglich und er klettert dort irgendwo.
Natascha Knecht
Hinweis: «Jenseits des Berges – Expeditionen eines Suchenden» ist das erste Buch von Steve House. Es erschien soeben auch auf Deutsch (Malik-Verlag). Erstaunlich ehrlich und selbstkritisch.
Schlagworte: Eiger-Nordwand, Elite-Alpinist, Makalu, Mount Temple, Nanga Parbat, Steve House, Sturz, Unfall, USA









Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
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