Outdoor

Der Wanderer als Maserati

Thomas Widmer am Freitag den 25. Januar 2013

Diese Woche auf der Furkastrasse bis Tiefenbach (UR)

Ich mag den Bahnhof Göschenen. Man hat dort nicht immer einen schlanken Anschluss, man darf ein wenig warten. Als ich kürzlich nach Realp hinauf fuhr, waren mir in Göschenen 24 Minuten Aufenthalt beschieden. Ich nahm einen Kaffee und ein Schinkenbürli in der Bahnhofs-Buvette, und wie schon oft amüsierten mich auch diesmal die Pausengespräche der Bähnler.

Bald ging es weiter, mit dem Schüttelbähnlein die Schöllenen hinauf nach Andermatt und durchs Urserental, dessen Bewohner «Urschner» heissen; ich kalauerte im Stillen vor mich hin: «Alle Urschner sind Urner, aber nicht alle Urner sind Urschner.» Etwas irritierte mich und andere im Waggon: ein Mann im Langlauf-Outfit, der mit einem schrecklichen Rotzgeräusch alle 20 Sekunden den Schleim im Hals hochzog. Ich fragte mich, wie seine Partnerin das den ganzen Tag aushielt.

In Realp schien die Sonne, nachdem das Unterland vernebelt gewesen war; was für ein Geschenk! Ich stieg aus. Wechselte durch die Unterführung auf die andere Geleiseseite. Ging ins nahe Dorf hinauf. Bog links ab. Passierte das Hotel des Alpes. Und kam am südlichen Dorfausgang beim Skilift zu einer Kette, die die schneebedeckte Furkastrasse absperrte. Etwas weiter vorn ein Schild: «Tiefenbach offen».

Sieben Kilometer kann man auf der weissen Passstrasse wandern, die in der kalten Jahreszeit völlig den Fussgängern, Schlittlern und Skitourengängern gehört. Oben, das ist der Clou, wartet das Hotel-Restaurant Tiefenbach, dessen Wirt den Weg walzt und zur perfekten Gehunterlage bereitet. Bei Schlechtwetter oder drohenden Lawinen allerdings wird die Strecke geschlossen. Man beachte also besagtes Schild oder rufe zuvor an!

Alpine Gotik

An meinem Tag waren die Verhältnisse perfekt. Wie ein Maserati brauste ich bergan, schnitt frech eine Kurve um die andere, drehte in den Geraden voll auf, überholte den einen oder anderen Berggänger; ich war der Wander-Fittipaldi. Unter mir sah ich immer wieder mal die Furkareuss und das Urserental zwischen seinen hohen Bergen. Es war ein Schaugenuss.

Schliesslich erblickte ich mein Restaurant - oder vermeinte es. Das Haus mit den roten Läden stellte sich als das Hotel Galenstock heraus und ist im Winter zu. An dieser sehr coupierten Stelle wich die Piste von der Strasse, die weit ausholte, ab, man konnte wählen: gemütlich oder Direttissima. Hernach gelangte ich in den weiten Geländeschlitz, der sich bei nunmehr sanfter Steigung zum Pass zieht. Das «Tiefenbach» gut vier Kilometer Luftlinie vor der Passhöhe versteckte sich hinter einer Kurve, doch gleich nach dem Kapellchen zeigte es sich. Bevor ich eintrat, blickte ich mich noch einmal um - hohe Berge allenthalben! Einige bestachen durch ihre ziselierten Türmchen, alpine Gotik sozusagen.

Ich kehrte ein, bestellte an der Theke eine Portion Spaghetti aglio olio, trank etwas und hatte eine Stunde lang meine Ruhe. Der Abstieg verlief ebenso harmonisch wie der Aufstieg. Die Rückreise hielt dann ein kurzes Ärgernis bereit: Ich musste die erste Etappe wieder mit dem Rotzer und seiner armen Partnerin fahren. Unten in Göschenen war ich die beiden los – und hatte 26 Minuten zur Verfügung. Ich nutzte sie, um mir die Auslagen im Schaufenster von Strahler Indergand gleich beim Bahnhof zu beschauen. Fazit: Die Berge des Urnerlandes haben auch innere Schönheit!

Route: Realp - Galenstock - Tiefenbach - retour. Die Wanderstrecke ist identisch mit der Furkastrasse und beginnt am südlichen Dorfausgang von Realp gleich nach dem Hotel des Alpes. Tafel beachten, die informiert, ob das «Tiefenbach» offen ist (bei Schlechtwetter und grosser Lawinengefahr ist es zu). Man kann auch anrufen und sich erkundigen: 041 887 13 22. Im Gebiet Galenstock ist eine Abkürzung angelegt, die die Strasse schneidet und mehr oder weniger der Falllinie folgt. Beide Varianten, Strasse und Abkürzung, sind möglich.

Gehzeit: Je nach Zustand der gewalzten Piste hinauf und hinab drei bis vier Stunden.

Höhendifferenz: Je 580 Meter aufwärts und abwärts.

Wanderkarte: 255 T «Sustenpass», 1: 50 000.

Charakter: Wenig anstrengende Winterwanderung in herrlicher Bergkulisse. Die Piste ist gewalzt. Viel Aussicht und Tiefsicht auf Realp und das Urserental.

Höhepunkte: Die genial angelegte Passroute. Der Tiefblick auf das Urserental. Die wunderlich ziselierten Berge gegen die Furka hinauf, sozusagen Naturgotik. Die Einkehr im «Tiefenbach».

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Tipp: Abwärts ist die Furkastrassse eine perfekte Schlittelstrecke.

Einkehr: Hotel-Restaurant Tiefenbach. Bestellung am Buffet, kleine Terrasse. Schlitten erhältlich. Vor der Wanderung klären, ob es auch wirklich offen hat!

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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8 Kommentare zu „Der Wanderer als Maserati“

  1. Philipp Rittermann sagt:

    hund? – ein jack russel versinkt doch im schnee, oder.

  2. W. Gabathuler sagt:

    Eine schöne Wanderung, danke für den Tipp. Mein Tipp: Einem Permanent-Rotzer habe ich auch schon ein Taschentuch angeboten. Er hat es dankbar angenommen, war nicht düpiert (die Leute haben wirklich die Manieren verloren) und meine Ohren hatten Ruhe.

  3. L.Bauamnn sagt:

    Einmal mehr ein schöner Bericht! Das macht “gluschtig!” Danke!

  4. Julian sagt:

    Im Sommer kann ich empfehlen beim Furkapass links abbiegen und über den stotzigen Firsten wieder hinunter nach Realp wandern…

    Wunderschöne Bergseen, Wanderwege die eigentlich Wiesen sind, schönes hochplateau etc.

    Nur am Schluss gehts relativ lange berab, lohnt sich aber trotzdem.

  5. Danke für Lob und Ergänzungen. Was den Jack Russell angeht: An meinem Tag war die Piste frisch gewalzt, das Hündchen wäre nicht einen Zentimeter eingesackt.

  6. Martin sagt:

    Man kann seine Wanderpartner überraschen mit der Frage, ob sie den Bunker vom Reduit sehen. Wers nicht weiss sieht ihn meist nicht, einer davon ist der graue Klotz auf Bild 7 links unter dem Restaurant Galenstock. Die Fenster sind aufgemalt. Von oben sieht man im Sommer zwei als Felsbrocken getarnte Geschütze. Die getarnten Abluft-Stollen und Notausgänge sieht nie einer. Hübsche Wanderung, bis man endlich wieder radeln kann.

  7. Ruedi sagt:

    Die Route von Julian kann ich nur empfehlen. Allerdings ist der Abstieg am Ende ziemlich intensiv für die Knie -also nicht gerade die Route für den Saisonstart.

    LG Ruedi

    p.s. als richtiger Schweizer kennt man die Bunker :)

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