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Vollgas, immer linksherum

Anette Michel am Donnerstag den 13. Dezember 2012
Der Geschwindigkeitsrausch auf der Radbahn kann süchtig machen.

Der Geschwindigkeitsrausch auf der Radbahn kann süchtig machen: Bahntraining in Aigle. (Foto: www.adrianvilligerfotografie.com)

Meine Beine wirbeln und pedalen so schnell es geht, ich ducke mich im Sattel meines Bahnvelos, um möglichst viel Windschatten abzubekommen; wieder hat ausgerechnet mein Vordermann das verrückte Tempo noch mehr erhöht, sobald er die Führung übernommen hat – mit geschätzten knapp 50 km/h rasen wir im Kreis. Ich gebe zwei Runden lang alles, um sein Hinterrad nicht zu verlieren, bis er auf der 200 m langen Radrennbahn nach oben ablöst und ich die Führung übernehme. Ich fahre aus der Steilwandkurve nach unten und drücke mich in den Sattel. Dank dem Schwung vermag ich das Tempo über eine halbe Runde in etwa zu halten. Blick zurück, ein Ellbogenzwick, und ich löse nach oben ab. Nach dieser zweiten Ablösung fehlt mir die Kraft, um den Anschluss in den Windschatten des letzten Fahrers der kleinen Gruppe wieder zu schaffen. Ich lasse die Gruppe entwischen und drehe stattdessen allein ein paar gemütlichere Runden.

Für unseren Trainingsanlass auf der Radrennbahn in Aigle konnten wir uns eine Woche vorher an den grossen Vorbildern der Profis inspirieren: als Besucher am Sechstagerennen im Zürcher Hallenstadion, das noch vier Abende statt sechs Tage dauert und entsprechend Sixday-Nights heisst. Die Rennen sind höchst eindrücklich, und schon das Zuschauen recht anspruchsvoll: um in der Américaine, der wichtigsten Disziplin der Sechstagerennen, den Überblick zu behalten, ist Aufmerksamkeit gefragt. Das Fahrerfeld fährt mit über 50 km/h im Kreis, dabei wird stets die Führung gewechselt; einige Fahrer drohen hinten aus dem Feld zu fallen, während andere vorne Angriffe fahren und Verfolger diesen nachsetzen – zusätzlich wechseln sich während des ganzen Spektakels die Fahrer der zwölf Zweierteams alle paar Runden mit dem sogenannten Schleudergriff ab. Irrsinnig sind auch die Geschwindigkeiten: im Rundenzeitfahren nahm der Sieger, schwungvoll lanciert von seinem Partner, die 200m lange Bahn in weniger als zehn Sekunden unter die Räder– was einer Geschwindigkeit von sage und schreibe 72 km/h entspricht.

Foto: Adrian Villiger

Die Bahn in Aigle. (Foto: www.adrianvilligerfotografie.com)

Nicht ganz so schnell, doch für mein Empfinden genug rassig ist meine Trainingsgruppe auf der Bahn in Aigle (VD) unterwegs. Das Fahren auf der Bahn braucht zu Beginn etwas Mut: die Bahnvelos ohne Gangschaltung, Freilauf und Bremsen sind speziell, und die über 46° steile Kurve kann beängstigend wirken.  Nach etwas Gewöhnung hat das Bahnfahren aber enormes Suchtpotenzial; das dumpfe Rollen der Räder auf dem Holz, der regelmässige Tritt auf den Starrlaufvelos und vor allem die hohen Tempi, die mit eigener Kraft unterstützt von der Wirkung der steilen Kurven erreicht werden, lassen Euphoriegefühle aufkommen.

Wer im Winter auf der Bahn trainieren will, muss bis heute weit reisen: neben der offenen Rennbahn in Oerlikon, die nur im Sommer genutzt werden kann, gibt es bislang nur in Aigle und Genf gedeckte Bahnen (die Bahn im Hallenstadion ist mobil und gastiert nur für die Sixday-Nights in Zürich). Bereits nächsten Winter aber sollen Bahntrainings auch in der deutschsprachigen Schweiz möglich sein: in Grenchen befindet sich das Velodrome Suisse im Bau; die offizielle Eröffnung der ersten WM-tauglichen 250 m langen Radrennbahn der Schweiz ist bereits im Juni 2013. Vom künftigen Radsportzentrum, das sich direkt neben der BMC-Velofabrik von Andy Rihs befindet (der das Projekt selbst mit zwei Millionen Franken unterstützt), wird ein Impuls auf die hiesige Radsportszene erhofft. Bereits ist dort auch ein weiteres Sechstagerennen geplant. Für Viele aber ebenso wichtig: die Bahn wird auch Hobbysportlern für Trainings zur Verfügung stehen.

Sind sie auch schon auf einer Radrennbahn gefahren? Was halten sie vom neuen Radsportzentrum in Grenchen?

28 Kommentare zu „Vollgas, immer linksherum“

  1. Philipp Rittermann sagt:

    nichts. die definitiv stupideste form des velölens überhaupt, ist das hirnlose im kreis fahren. ich muss aber zugeben, heute hat mir zum ersten mal eine velofahrering leid getan als ich sie heute morgen bei minus 10.1 grad c im nebelwerferlicht meines puschlig-warmen suv’s erkannt habe – kreidenbleich und dünn. ich verstehe sie nicht, die velöler.

    • Yves Suter sagt:

      War das heute schön am Morgen ein Stunde lang mit dem Fahrrad zur Arbeit unterwegs zu sein. Warm eingepackt, meistens auf Fahrradwegen unterwegs, die Stille und die Dunkelheit des Morgens für sich alleine zu geniessen. Fit im Büro angekommen musste ich denken: Ach, die staugeplagten Autofahrer tun mir leid:-)

    • roman sagt:

      mir tun jeden mrgen die armen autofahrer leid…. sie haben zwar warm, kommen aber nicht vorwärts im Stau…. ich sehe mmer die neidischen blicke wenn ich mit meinem Flitzer vorbei düse ;)
      Aber noch vor 2 jahren hätte ich ihre Meinung unterstrichen…. wurde aber eines besseren belehrt! und wer auf dem Velo kalt hat der tritt zu langsam….gasnz einfach

    • Theo Schmid sagt:

      Es gibt nichts genialeres als in frostiger Kälte und widrigen Bedingungen auf dem Rad unterwegs zu sein. Sei dies nun Rennrad, Crosser oder Bike. Fast so geil wie mit einem kräftigen SUV einen frischverschneiten Pass hochzufahren. Es ist halt wie bei vielem, entweder man liebt es oder man hasst es.

    • weder sagt:

      Herr R.:
      Damit sprechen Sie ja auch – obwohl Sie es nicht merken – vom stupiden Imkreisfahren von Formel1-Freaks, sie Sie wohl einer sind. Zusätzlich stupid ist ja auch noch die Umweltbelastung.

    • Andreas Meier sagt:

      falsch, herr rittermann.
      die dümmste veloart ist die im fitnessclub.
      auf der rennbahn kommt man wenigstens im kreis vorwärts :-)

    • Ueli Eichenberger sagt:

      Herr Rittermann, ich nehme mal an, Sie wollen ein wenig provozieren… Falls Sie die Velöler wirklich nicht gerne haben, seien Sie doch froh, dass die sich in der Halle und nicht auf den für SUV’s gebauten und von SUV-Fahrern bezahlten Strassen bewegen. Dann müssen Sie weniger aufpassen und können bald mit einem 2.60 Meter breiten Panzer fahren, da der Velostreifen evtl. obsolet wird.

    • Urs Dietschi sagt:

      @Rittermann: So schwatzt einer der keine Ahnung von Tuten und Blasen resp. vom Velofahren hat. Aber SUV-Fahrer! Da bringe ich eh kein Verständnis auf: Was müssen Sie sich beweisen, dass Sie eine solche Schleuder fahren? Und wie elegant man an den SUV-Staustehern vorbei kommt: einfach himmlisch – auch wenn es welche gibt, die den Weg versperren (wollen).

    • Alain Baumann sagt:

      Selberschuld wer noch nie auf einer Radrennbahn gefahren ist. Vergiss Alpe d’Huez, vergiss Mt. Ventoux … und vergiss jede stupide Tour bei Minusgraden … und wenn ich dann ans Veloputzen denke … Nein Danke.

  2. Finde die Rennbahn in Grenchen nicht ideal als Standort.Von Chur oder Thurgau und der Ostschweiz ist der Anfahrtsweg zu weit
    für die jungen Rennfahrer.Zürich als Standort wäre viel besser.das meint ein alter Gümmeler.

  3. R.Ehrensberger sagt:

    Andy Rihs sei Dank für die grossartige Unterstützung! Die Engländer sind der beste Beweis dafür, dass Erfolge auf der Strasse, auf der Radrennbahn entstehen.Siehe Beispiele wie Wiggins und Cavendish. Hoffentlich bleibt auch die offene Radrennbahn Oerlikon dem Radsport noch lange erhalten!

  4. Jan sagt:

    In meiner Jugend habe ich mich über die Kilometertest Ausscheidungen für einen Bahnkurs qualifiziert und bin danach sogar im alten Hallenstadion gefahren. Mir hat das immer Spass gemacht, als Sprinter und Flachlandtempobolzer schätzte ich, dass ständig action war und immer recht agressiv gefahren wurde. Heute würde mir die Spritzigkeit wohl fehlen. Als mittel und langdistanz Triathlet bringe ich auf der Velostrecke Zeiten hin, die ich auch als aktiver Velorennfahrer nicht wesentlich unterboten hätte, aber Sprints und ständige Tempowechsel gelingen mir im “Alter” nicht mehr wirklich. Zuschauen tue ich aber immer noch gerne.

  5. Roger sagt:

    Auf der Bahn zu fahren ist sicher abwechslungsreicher, als sich auf einen Hometrainer zu setzen. Für ambitionierte Fahrer bietet sie die Möglichkeit sehr gezielt zu trainieren und die Technik zu schulen. Die Erfolge von australischen und britischen Radprofis zeigen, dass ein wirklich guter Strassenfahrer nicht nur auf der Strasse trainiert. Bahn, Mountainbike oder Radquer sind für die Technik-Ausbildung wichtig. Wer diese Ausbildung nicht durchlaufen hat, landet öfters auf dem Asphalt (siehe z.B. Zülle).

  6. Audun Lien sagt:

    Bahnfahren hat etwas absurdes – und ist doch sehr spannend! Peter Kuhn sei dank, hat er mit seiner “generalstabsmäßigen Organisation” diesen Spaß auch uns Hobbyfahrer ermöglicht. Es hat riesen Spass gemacht, sinnlose Attacken zu probieren und ebenfalls verrückte Attacken zu kontern. Und für allfälligen Amateurmäßigen Manöver bitte ich hiermit besser geübten Bahnfahrern um Entschuldigung :)

    PS! Das Velölen zur Arbeit bei -10°C ist doch schön erfrischend!

  7. adrian sagt:

    Bahnfahren ist die wohl reinste Form des Radfahrens. Das Velo reduziert auf die für den Vortrieb nötigen Elemente. Die Bahn mit perfekten Radien und dank überhöhten Kurven die Möglichkeit bietend, mit Schwung in die Runde zu starten oder ein Zuviel an Energie dank Berghochfahren zu vernichten.
    Das Flow-Gefühl stellt sich schon nach wenigen Runden ein und jede/-r Radbegeisterte sollte sich das Erlebnis einer Fahrt auf der Bahn gönnen.
    Abgesehen davon lernt man konzentriert zu fahren und stets die Übersicht zu behalten. Eine, wie ich meine, unabdingbare Voraussetzung auch für sicheres Fahren im Verkehr. Dank der perfekten Bahn, des hohen Reifendrucks und des Windschattens der Gruppe, lassen sich Tempi fahren, von denen man auf der Strasse träumt. Die Kombination all dieser Elemente macht das Bahnfahren für mich zu einem speziellen Erlebnis, das leider nur selten ausgelebt werden kann. Dank Grenchen wird der Weg zur Bahn (bisher Aigle) massiv verkürzt – ev. kaufe ich mir bald ein Bahnrad?!

    • Thomas Bochet sagt:

      Absolut! Bahnfahrten ist Velo pur! Es hat fast etwas spielerisches und ist sehr anspruchsvoll. Als überzeugter Outdoor-Sportler war mir der Gedanke, sich vor Ort im Kreis zu drehen, zunächst auch etwas fremd. Bis ich meine ersten Bahnversuche machte und das Suchtpotential entdeckte. Das schönste ist aber, in Zürich diesen Sport quasi direkt vor der Haustür auf einer der traditionsreichsten und ältesten offenen Rennbahnen ausführen zu dürfen. Die Rennbahn Oerlikon vermittelt eine Art städtisches Outdoor-Feeling : Auf glattem Beton zu gleiten, unter freiem Himmel, mit fernen Stadtgeräuschen und die Oerliker Slihouette im Hintergrund: Wo gibt es das noch? Aber ich freue mich auch auf Grenchen.

  8. Philipp Rittermann sagt:

    meine herren. meine gattin hat mir eben im arbeitszimmer ein fussbad zubereitet und dazu einen feinen zwätschgen-lutz serviert. ahhhh-herrlich. ich weiss ich bin ein weichei.

  9. Daniel Matter sagt:

    Adrian, gratuliere zu deinen hammer Fotos. Du bist nicht nur ein super Radfahrer, sondern auch ein super Fotograf :-)

  10. dk sagt:

    forza rittermann – Vollgas , immer rechtsherum ! vive le velo und schöne festttage allen …

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