Outdoor

Wieder eine Gipfel-Täuschung?

Natascha Knecht am Mittwoch den 11. April 2012
Christian Stangl

Mit diesem gefälschten Bild, wollte er beweisen, dass er auf dem K2-Gipfel stand: Christian Stangl.

Wir erinnern uns noch gut: Im Sommer 2010 lieferte der Österreicher «Skyrunner» Christian Stangl die bisher peinlichste Bergsteigerlüge des 21. Jahrhunderts. Er hatte behauptet, den 8611 Meter hohen K2-Gipfel erreicht zu haben und präsentierte als Beweis ein Bild, das er – wie sich später herausstellte – plump gefälscht hatte. Zuerst stritt er alles ab, dann gab er doch zu, nicht auf dem Gipfel gewesen zu sein und sagte, das Bild habe er 1000 Meter unterhalb aufgenommen, was erneut gelogen war. Denn in Wahrheit hatte sich Stangl unweit des Basislagers versteckt, gemütlich ein Buch gelesen und dann der Welt den K2-Höhepunkt vorgetäuscht. Speziell war auch seine Ausrede: «Ich arbeite als Sportler schon seit Jahren mit Visualisierungs-Prozessen und erreichte am K2 einen tranceartigen Bewusstseinszustand. Ich war der Überzeugung, auf dem höchsten Punkt zu stehen.» (Lesen Sie auch: «Christian Stangl wird zur Lachnummer der Alpinistengemeinde»)

Doch weshalb ist der K2 für den 45-jährigen Steirer so wichtig, dass er log bis sich die Felsen bogen? Längst sind die grössten, schwierigsten und bekanntesten Berge bestiegen – von allen Seiten. Um sich noch vermarkten zu können, müssen die Profis kreativ sein. Also kamen sie zum Beispiel auf das Projekt «Seven Summits» – die höchsten Gipfel der Kontinente zu besteigen. Dies schaffte der Amerikaner Dick Bass bereits 1985. Seither beissen sich Stangl und andere Alpinisten am Projekt «Seven Second Summits» die Zähne aus – an den zweithöchsten Bergen der Kontinente, von denen manche schwieriger sind als die höchsten.

Ein Gipfelbild auf dem falschen Gipfel

Stangls stärkster Konkurrent in diesem Rennen um die «Seven Second Summits» ist Hans Kammerlander, der schon viele grosse bergsteigerische Leistungen vollbracht hat, auf 12 der 14 Achttausender stand, 2001 auch auf dem K2. Vergangenen Januar erreichte der 55-jährige Südtiroler in der Antarktis den 4852 Meter hohen Gipfel des Mount Tyree und glaubte, damit als erster Mensch die zweithöchsten Berge aller sieben Kontinente bestiegen zu haben. Doch das war anscheinend ein Irrglaube, wie in Internetforen befürchet wird und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vorige Woche berichtete.

Wieder steht ein Gipfelbild im Zentrum des Zweifels. Es geht um den zweithöchsten Berg Nordamerikas, den Mount Logan (5959 Meter) im Nordwesten Kanadas. Kammerlander sagte, er habe ihn im Mai 2010 zusammen mit seinem Bergfreund Konrad Auer erklommen. Auer machte ein Gipfelbild, darauf zu sehen ist, wie Kammerlander auf einem breiten Schneerücken steht (Kammerlanders Gipfelbild hier anklicken).

Der Eispickel des Anstosses. (Bild: Petter Bjørstad)

Der Eispickel des Anstosses. (Bild: Petter Bjørstad)

Pikant: Der Hauptgipfel des Mount Logan erhebt sich auf einem scharfen Grat. Das dokumentiert auch Christian Stangl auf seiner Webseite. Auf dem Gipfel steckt als Markierungspunkt ein Eispickel mit rotem Schaft, einem Aufkleber und Tape umwickelt, den jemand vor vielen Jahren dort oben gelassen hat und der als Wiedererkennungsymbol auf den Gipfelbildern anderer Alpinisten zu erkennen ist – auch bei solchen, die nach Kammerlander auf den Mount Logan gestiegen sind. Zum Beispiel fotografierte der amerikanische Bergsteiger Joe Stock den Eispickel im Sommer 2011. (Stangels Eispickel-Foto hier, Stocks hier, das Gipfelbild des Norwegers Petter Bjørstad von 2009 hier.)

Im Video: Ein Expeditionsteam der Bersteigerschule Canada West erreicht den höchsten Punkt des Mount Logan. Deutlich zu erkennen ist auch der rote Eispickel:

«Eine Verwechslung, keine Lüge»

Auf Kammerlanders Bild fehlt der rote Eispickel, zu sehen ist sein eigener, und er selber steht auf einem plateau-artigen Untergrund, nicht auf einem Grat. «Ich habe keine Eisaxt gesehen», sagt Kammerlander gegenüber der «FAZ». «Wenn da eine Eisaxt sein soll, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.» Auch Auer sagt, er habe keinen Pickel gesehen.

«Aber wenn das so ist, dann handelt es sich lediglich um eine Verwechslung, nicht um eine Lüge mit böser Absicht», so Kammerlander von der «FAZ» konfrontiert. Hätte er das bewusst gemacht, dann hätte er ein Bild veröffentlicht, das überhaupt nichts zeigt. «Aber in diesem Moment war ich mir hundertprozentig sicher, dass das der richtige Punkt ist.» Dennoch seien seine eigenen Zweifel nun so gross, dass er, «um alle Fragen zu klären», zum Mount Logan zurückkehren und dort einen Flug über den Berg unternehmen werde. «Wenn ich dann sehe, dass ich den Gipfel verwechselt habe, dann möchte ich das sofort richtigstellen und werde den richtigen Gipfel besteigen.»

«Ist es also möglich, dass Kammerlander sich einfach nur getäuscht hat und unwissentlich auf dem falschen Gipfel stand?», fragt die «FAZ». Kammerlander gelte zwar als etwas nachlässig, als Lebemensch, der nicht zu viel Zeit mit grossen Vorbereitungen verschwende. «Doch für gewöhnlich wird eine solche Expedition genau geplant, es gibt Karten, Routen, Foren im Netz.»

Auf Bergsteigen.at – wo ein gewisser «gabhub80» die Diskussion mit «Hans Kammerlander betrügt uns mit seinen Second seven summits» und « Leute, da ist was faul!» die Diskussion öffentlich ins Rollen brachte – schreibt Hans Kammerlander: Am Mount Logan sei er nicht wie Stangl mit einen GPS-Gerät, sondern mit einer Militärkarte unterwegs gewesen, «auf der die Gipfel zwar eingezeichnet, aber nicht namentlich benannt waren. Das Gipfelplateau des Mount Logan ist rund 8,5 Kilometer lang und besteht aus mehreren Gipfeln, die sich in ihrer Höhe nicht wesentlich unterscheiden. Das eröffnet vielleicht durchaus die Möglichkeit einer Verwechslung. Ich steuerte mit meinem Südtiroler Bergführer-Kollegen Konrad Auer also konsequenterweise den Gipfel an, der uns am höchsten erschien und wir bestiegen ihn. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass offenbar den Hauptgipfel ein alter Pickel markiert.»

Auch in Ozeanien auf dem falschen Berg?

Doch dem noch nicht genug: Auch bei einem zweiten von Kammerlanders «Seven Second Summits» tauchen Fragen auf. So bestieg er 2011 in Indonesien den Puncak Trikora (4711 Meter). Aber dieser sei aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der zweithöchste Berg Ozeaniens, schreiben verschiedene Internetmagazine und die «FAZ». Seit Jahren werde in der englischen Wikipedia der 30 Meter höhere Puncak Mandala als zweithöchster Gipfel Ozeaniens gelistet. Kammerlander sagt dazu, er beziehe sich auf das indonesische Tourismusministerium, das den Trikora offiziell als zweithöchsten Punkt listet und bei dem er seinen Informationen angefordert habe. Und leicht resigniert: «Dann war ich da also auch auf dem falschen Gipfel. Aber mit so lächerlichen Sachen spiele ich nicht rum. Deswegen fahre ich da nicht auch noch mal hin.»

Auch Christian Stangl stand in Ozeanien auf einem falschen Gipfel

Es sieht also aus, als hätte Kammerlander bisher nur fünf der sieben Zweithöchsten erklommen. Aber auch Christian Stangl – von dem man bisher meinte, ihm fehle nur noch der K2 für die Vollendung seines «Seven Second Summit»-Projekts – hat nur fünf, nicht sechs, wie Hochasienchronist Eberhard Jurgalski auf 8000ers.com berichtet. Auf seiner Webseite dokumentiert Stangl, er habe den Ngga Pulu als zweithöchsten Berg Ozeaniens bestiegen. Doch dieser gilt nicht als eigenständiger Berg, sondern als Nebengipfel  der Carstensz-Pyramide, der höchsten Erhebung Ozenaiens.

Erschwerend machen das Projekt aber auch die widersprüchlichen Angaben Indonesiens. Neben den unterschiedlichen Ansichten, wann ein Gipfel eigenständig ist, ist eine der Hauptursachen, dass verlässliche Daten zu der Höhe der einzelnen Erhebungen fehlen. Die wenigen Messungen sind teilweise veraltet, zudem haben einige Gipfel durch das Abschmelzen ihrer Eiskappen an Höhe verloren – dazu zählt auch der Ngga Pulu von Stangl, dessen Gipfel in den vergangenen Jahren geschmolzen ist und der nun tiefer liegt als zwei andere Gipfel am Carstensz-Grat.

Das Rennen um die «Zweithöchsten» ist also wieder eröffnet.

Fragen und Unterstellungen, Täuschungen und Tatsachen: Was sagen Sie dazu?


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23 Kommentare zu „Wieder eine Gipfel-Täuschung?“

  1. Paul Mircher sagt:

    Heute sollte man seinen erfolg mit GPS beweisen können, ein Foto ist immer leicht zu fälschen. Die Person könnte auch einfach mit einem SAT-Telefon jemanden andrufen und dann wäre auch alles Fälschungsicher bewiesen. Probleme gibt es :D

  2. R.Ehrensberger sagt:

    Bis heute habe ich immer geglaubt, bei den Bergsteigern -die ich sehr bewundere- sei alles sauber! Offenbar wird aus falschem Ehrgeiz auch hier betrogen. Ich bin enttäuscht!

  3. John Indermühle sagt:

    Ich war letzte Woche auf dem Mond. Wer will mein Beweisfoto sehen?

  4. Peter sagt:

    Kann man den Berg nicht einfach für sich selber besteigen. muss man immer der ganzen welt beweisen, dass man es auch wirklich geschafft hat?

    • Roman Rebitz sagt:

      Heute gilt “Angeben” scheinbar als vollwertiger Job :-)

    • Seppl sagt:

      Bergsport ist halt auch ein Trendsport und lässt sich vermarkten, hoffe dass die Mode vorübergeht und wieder Ruhe am Berg einkehrt. Ich hätte noch ein paar Ideen für neue Rekorde, Mount Everest in der Badehose und barfuss. etc, etc

    • Dani Meier sagt:

      Selbstdarstellung ist doch heute alles! Schaut Euch mal hier um!

  5. Lobo sagt:

    Es gibt viele Berge die höhenmässig falsch deklariert sind. Das entsteht unter anderem durch die früher eher ungenauen Messmöglichkeiten und auch durch das Bestreben einen möglichst hohen Gipfel im Land zu haben.
    Ich bin zum Beispiel 1997 auf den Pico Bolivar gestiegen als höchster Berg Venezuelas und bekannt als 5tausender mit angegebenen 5007 Metern. Neuere Messungen ergaben dass er lediglich 4981m hoch ist, welches aber jahrelang marketingtechnisch verschwiegen wurde.

  6. Renato sagt:

    Und sie bewegt sich doch; sagte Galilei. Hier bewegt sich ein zunehmender Schrottkreislauf der Menschheit von Lug und Betrug.
    Gipfelfoto betrogen – Meldung gelogen – Medien auf den Leim geflogen – Schrottmeldung abgewogen – und es wird munter neu
    betrogen. Kunststück: Finanzwirtschaft und Politik machen es munter vor. Wieso soltel der Bergsteiger nicht mithalten. Mit dem Trendsport klimmt die Lügerei auch in bisher paradisische Hochgebirgsregionen empor. Trotzdem carpe montagna.

  7. Guido sagt:

    Ich war vor 10 Tagen auf dem Wildstrubel als 168741 Besucher. Beweisen kann ich es nicht, aber es war trotzdem schön. Gebührt mir jetzt besondere Ehre? ;-)

  8. tömsi sagt:

    Die Jungs verdienen ihre Brötchen mit dem Bergsteigen, die Sponsoren wollen was sehen für ihr Geld. Die Einen protzen mit Speed, die Andern hängen ohne Sicherung in den Bergen rum. Jeder muss eine Nische finden wo möglichst kein Zweiter darin herummacht. Ist doch nur menschlich, dass da zwischendurch geflunkert wird. Im Training laufe ich die Marathondistanz auch in 2 Stunden;)

  9. Hitz sagt:

    Ich bin ganz erschüttert…darüber, dass ich tatsächlich 10 Minuten meines Lebens damit verbracht habe, diesen Artikel über für die Welt und die Menschheit völlig unerhebliche Ehrgeizlinge gelesen zu haben. Von mir aus können die auch auf dem Dach meines Hauses gewesen sein und davon Fotos haben oder eben nicht. Wegen dem fallen in China trotzdem immer noch gleich viele Reissäcke täglich um.

    • Hans sagt:

      Geht mir gleich. Ich finde Bergsteigen zwar toll und bewundere auch die Leistungen dieser Spitzenalpinisten, aber es ist mir scheissegal, ob die jetzt dort oben standen oder nicht, jedenfalls wenn es sich Berge handelt, die schon so oft bestiegen wurden, dass man sich an Bilder von Pickeln mit roten Lätzchen erinnern kann.

  10. wir manipulieren so gerne fotos und jetzt werden wir auch noch von den bergsteigern kopiert. sehr schön.

  11. Franzi sagt:

    …und warum wundert es mich kein bisschen, dass bei dieser ganzen Lügen-Prahlerei-Angeberei-Schönfärberei-Mogelei keine einzige Frau dabei ist?

  12. Ronald Som sagt:

    Bleibt ein normaler Eispickel jahrelang auf einem Gipfel stecken ? Bei Wind, Sturm, Schneefall ?
    Der wird doch weggeblasen, versinkt im Schnee.

    P.S. Ich habe einen schönen Posten rote Eispickel günstig zu verkaufen.

  13. Marco sagt:

    …und jetzt kommen wieder die üblichen Besserwisser und Oberlehrer – die noch nie etwas höheres bestiegen haben als einen Barhocker – aus der Deckung und wollen mitreden…

    WEITER SO, HANS !!!

    :)

  14. Joachim Adamek sagt:

    Ich denke, jeder Hobby-Bergsteiger macht irgendwann die Entdeckung, dass er im Zuge einer Gipfelbesteigung letztlich nicht auf dem angestrebten sondern vielmehr auf einem anderen Gipfel war. Dann ist die Enttäuschung groß. — Es würde mich sehr wundern, wenn Spitzen-Alpinisten von dieser Erfahrung verschont blieben.
    Mag sein, dass es bei ihnen mehr Zeit braucht, bis der Irrtum erkannt wird, da meist nur eine kleine Zahl die fraglichen Gipfel kennt. Man sollte deshalb einem Top-Alpinisten nicht immer gleich vorsätzliche Täuschungsabsicht unterstellen, wenn man ihm nachweisen kann, dass er bei dieser oder jener Expedition nicht auf dem Hauptgipfel war.
    Nun gibt es leider Fälle, was ich keineswegs bestreiten möchte, wo Spitzen-Bergsteiger tatsächlich tricksen, eine erfolgreiche Besteigung vortäuschen und entsprechend überführt werden. Freilich ist das nicht ok. Aber auch Sportler sind nur Menschen, die nicht immer der Versuchung widerstehen können, mal ganz schnell in eigener Sache für eine tolle Schlagzeile zu sorgen. Ich finde jedoch, dass man diese Vorfälle nicht überbewerten sollte.
    Es gibt Alpinisten, die den Vorwurf erheben, dass manche Bergsteiger das Shooting von schönen Fotos weit wichtiger nehmen, als die bergsteigerische Leistung. Ich will nicht in Abrede stellen, dass auch solches vorkommt. Aber diesen Alpinisten muss auch einmal gesagt werden, dass diese Fotos nicht nur ein eigenes vitales sondern auch soziale Bedürfnisse befriedigen: Den wenigsten ist es je vergönnt, die Schönheit der Berge und des Kletterns je aus eigener Erfahrung kennenzulernen. Darüber hinaus sind schöne Fotos immer auch Kunstwerke.
    Ich selbst gehe nur ungern ohne Foto zum Berg. Ich weiß, dass das Shooting manchmal die Konzentration für anderes mindert und für die Gruppe zur Last werden kann. Ab und an verzichte ich darauf, einen Foto mitzunehmen. Aber auch das ist nicht das Gelbe vom Ei.

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