Outdoor

Frauenschweiss und Trillerpfeife

martin sturzenegger am Dienstag den 3. April 2012


Heute ist kein guter Tag. In meinem Körper nehme ich bisher noch unentdeckte Sehnen und Fasern wahr, deren scheinbar einziger Zweck es ist, mir Schmerzen zuzufügen. Jawohl, ich verspüre Muskelkater. Ein Ziehen und Spannen, das sich auch mit einer halben Tube Dul-X-Gel nicht wegmassieren lässt. Doch ich bleibe positiv. Denn schliesslich ist Muskelkater auch immer ein Zeichen dafür, dass man am Leben ist.

Als ich am Tag zuvor durch Genf marschiere, ist die Stadt noch tot. Kurz nach sechs Uhr morgens erreiche ich mein Ziel: ein dunkler Stadtpark, dessen Pforten von schlafenden Obdachlosen flankiert wird. Ausser ihnen, mir und Denise van Erven Dorens hat sich noch niemand hier eingefunden. Denise organisiert gemeinsam mit ihrer Kollegin Linh das Private Bootcamp – eine aussergewöhnliche Art von Fitnesskurs, inspiriert durch militärische Drillübungen.

«Das Wichtigste ist Pünktlichkeit», sagt Denise. Deshalb kämen die Teilnehmer jeweils auch kurz vor Trainingsbeginn aus den Büschen gekrochen. Wenn sich jemand verspätet, habe dies Konsequenzen für die gesamte Gruppe: eine Rumpfbeuge oder Liegestütze pro versäumte Sekunde. Ob es tatsächlich zur Kollektivstrafe kommt, hänge jeweils vom Trainer ab; der heutige sei beispielsweise ein «ganz netter».

Freundlich, aber knapp begrüsst Anthony die Gruppenmitglieder. Ohne sich in Floskeln zu verlieren, fordert er uns auf, ein paar Runden im Park zu laufen. Was auffällt: Ausser mir sind es nur Frauen, die dem Ruf der Trillerpfeife gefolgt sind. Die beiden Männer, die regelmässig vorbeischauen – zwei Private Banker – sind heute auf Geschäftsreise. Also bin ich Hahn im Korb: Eine 20-jährige, leicht übergewichtige Kunststudentin gesellt sich zur durchtrainierten, aber schon etwas angegrauten Managerin eines Tabakkonzerns. Daneben eine knapp 50-jährige Bankerin, die schon in den frühen Morgenstunden so wach und parat wirkt, als könnte sie gleich ein Kundengespräch zur Vergabe eines Millionenkredits abhalten. Insgesamt präsentiert sich die Gruppe so bunt wie das internationale Flaggenmeer des nahen UNO-Hauptquartiers. Was die Teilnehmer hier eint, ist die Motivation zu leiden – für die Fitness, für die Figur. Eine Stunde lang Hardcore-Training, das problemlos den täglichen Bewegungsbedarf einer gesamten Grossfamilie decken würde.

Die Anweisungen von Drill-Instructor Anthony bleiben freundlich aber bestimmt: «A little bit faster», als ich an ihm vorbeijogge, oder «do it again», nachdem ich die x-te Kniebeuge vollziehe, zu deren Erschwerung er mir kurz zuvor noch einen 12 Kilo schweren Sandsack auf die Schultern geladen hat. Zwischendurch wird mit Intervalltrainings die Schnellkraft auf die Probe gestellt. 50-Meter-Sprint, Rumpfbeugen, Kniebeugen und was sich sonst noch alles beugen lässt. Dann wieder Sprint, Liegestützen, Arm- und Beckentraining. Bizeps, Trizeps und schliesslich nochmals das bekannte Kniebeugenspiel mit aufgeschultertem Sandsack. Das Leistungsniveau der Teilnehmerinnen reicht von fortschrittlich bis medioker. Aber wer morgens um halb sieben in einem dunklen Stadtpark trainiert und dafür auch noch Geld bezahlt, ist von Grund auf hochmotiviert.

Einen ganz besonders beflissenen Eindruck hinterlässt eine junge Inderin, die mich und alle anderen alt aussehen lässt. «Die heiratet nächste Woche», verrät mir Denise nach dem Training. Als sie vor zwei Monaten hier anfing, habe sie noch zehn Kilogramm mehr gewogen. Nun scheint sie rechtzeitig zum Einstieg ins weisse Schleierkleid ihr Idealgewicht gefunden zu haben. Dafür habe es aber ein bisschen mehr gebraucht, als das morgendliche Training im Genfer Stadtpark, sagt Denise: «Wir beraten unsere Klienten auch in Ernährungsfragen und sind deshalb ständig für sie erreichbar.»

Im Mai 2011 gründete Denise mit ihrer Freundin Linh das schweizweit erste Bootcamp. «Wir hatten selbst ständig mit Gewichtsproblemen zu kämpfen und wollten etwas dagegen tun», sagt Denise. Ihren Job bei der Bank haben sie inzwischen an den Nagel gehängt. Heute gehört ein einwöchiges Drillcamp auf Mallorca ebenfalls zu ihrem Angebot. Eine Woche Hardcore-Training: «Da sind auch schon Tränen geflossen», sagt Denise.

Nach gefühlten 1000 Rumpfbeugen ist es inzwischen Tag auf dem Trainingsgelände im Genfer Stadtpark. Denise erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden: «Gut, aber ich werde mir nun ein fettiges Frühstück reinpfeifen», sage ich und bemerke, wie Denise, die Ernährungsberaterin, innerlich zusammenzuckt. Den Weg zum nächsten Starbucks legte ich schnell zurück. Der Muskelkater holte mich erst später ein.

The Private Bootcamp erwägt dieses Jahr den Schritt in die Deutschschweiz, nach Zürich. Könnten Sie sich vorstellen, sich einem solchen Drillprogramm zu unterwerfen – der Fitness zuliebe? Als Alternative zum Fitnesscenter?


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21 Kommentare zu „Frauenschweiss und Trillerpfeife“

  1. Klara Lar sagt:

    Warum wohl ist der Hauptteil Frauen? Den meisten Männern ist dies im Militär wohl verleidet.

  2. Daniel Küttel sagt:

    Und was ist daran jetzt so speziell? :o) Menshealth und andere Anbieter führen seit Jahren bereits Trainingscamps in südlicheren Ländern aus. Sicherlich nicht weniger anstrengend, wohl aber besser durchdacht (na ja, hier liest man ja nicht alles über den angebotenen Service). Ernährungberater, professionelle Berater für Ausdauer und Kraft sind stets vor Ort und man wird betreut, sogar ärztliche Betreuung ist sicher gestellt. Zudem sind stets Spezialisten von anderen Anbietern vor Ort, sei es von PowerBar (Betreffend Ernährungsergänzung und Beratung zur Ernährung allgemein) oder von Polar. (Pulsuhren gratis mieten und kennen lernen) Jeden Tag hat man ein Angebot von diversen Kursen (Kraft, Ausdauer, Entspannung und Funsport) die sich über den ganzen Tag verteilen. Jeder Teilnehmer stellt sich sein “Menu” individuell zusammen. Wer es Hardcore will steht um 7 Uhr für das Earlybird Jogging an und kann dann von 9 Uhr bis 12Uhr und von 14 Uhr bis 17.30 Uhr so viel Trainieren wie er will. Die Coaches schauen dass jede Trainingseinheit richtig ausgeführt wird und dass Leute die weniger trainiert sind, sich nicht verletzen, und bei Leuten die noch mehr können, holen sie das letzte Quäntchen raus. Am Abend gibts jeweils 1-2 stündige Seminare über Ernährung, Muskelaufbau, Ernährungsergänzung, Ausdauer uvm. Wem es dann noch nicht reicht ist ab 23 Uhr dazu eingeladen sich bei einem Powerworkout (die Marines lassen grüssen) den Rest zu geben.

    Dieses Jahr geht das Camp in die dritte Runde, ich habe grosse Erwartungen. Dieses Jahr geht es nach Spanien. Soweit ich weiss bietet WomensHealth bald auch solche Camps an. Na wie wär es Outdoor Blog? Vielleicht hättet ihr einen von euren Autoren an das Camp schicken können und tagtäglich berichten lassen wie das Camp so ist.

  3. Karl August Schlumpfmann sagt:

    Ich veranstalte in meinem Betrieb auch täglich ein Bootcamp. – Ich keile nämlich meinen faulen, ungeschickten aber immer gefrässigen Mitarbeitern jeweils meine Boots zwischen die Hinterbacken…

  4. wilibald sagt:

    Alles Warmduscher & Beckenrandschwimmer, die täten lieber mal eine RS machen!

    • Petr Mayr sagt:

      @Wilibald: Wenn die RS so schlimm ist, dann sind sie als völlig unsportlicher eingerückt oder haben Grenadier mit Kampfausbildung abgeschlossen. Die RS ist ein Spaziergang, aber die meisten schweizer Jugendlichen sind einfach Weicheier. Du solltest mal an den Tough Guy Race in England gehen, aber die Winterausgabe und nicht im sommer. Dieser Wettkampf ist nicht zu vergleichem mit dem Strongman in der Schweiz. Bei Minusgraden durchs Wasser schwimmen und tauchen ist doch eher heftig, wenn man den Teilnehmern wärend des Wettkamps in die Augen schaut sieht mans. Ich war schon dreimal dabei und kann es nur jedem empfehlen der hier so Sprüche klopft als wäre er der krasseste Navy Seal den es gibt.

      Solche Bootcamps sind sicher nicht die beste Art sich in Form zu bringen, wenn man nicht schon relativ fit ist. In der heutigen Zeit muss alles immer schnell gehen. Mit 50 Jahren werden sie es dann merken das die Knochen, Sehnen und Gelenke dies nicht einfach ohne weiteres wegstecken.
      Was soll mir eigentlich das Bootcamp bringen? Ich trainiere 4-5 mal pro Woche mit Moutnainbike, Rennvelo, Gewichten und Klimmzugstange und zu Fuss. Ich glaube nicht das ich von dem Bootcamp wirklich profitieren würde.

      • Philipp sagt:

        @Mayr: Wilibald hat ganz recht, das beschriebene Training war zumindest in meiner RS als Panzergrenadier Alltag und auch bei anderen Kampftruppen sah es nicht wesentlich anders aus. Das hat nichts mit Navy Seal oder was auch immer zu tun, genau so wenig wie “ich hab schon drei mal am Tough Guy Race teilgenommen” was mit den krassesten SAS-Leuten zu tun hat.
        Ich gebe dir aber recht, viele Jungendliche sind Weicheier und ich hätte heute wohl auch ziemlich Mühe mit dem Tough Guy Race. Die körperliche Arbeite wäre mitunter ein Grund für mich, vom Büro wieder in die Werkstatt zu wechseln, da gehört das Schleppen von Gewichten zum Alltag.

        • wilibald sagt:

          Ich bleibe bei meiner Aussage und will dieses Forum nicht dazu nutzen um meine eigenen Leistungen ins Rampenlicht zu rücken. Eine RS ist eine sinnvolle und gute Sache.

          • peter sagt:

            oooder die RS ist eine dumme und schädliche quälerei voller erniedrigungen und entmenschlichungen. mag sein, dass ihnen die RS in ihr männerbild passt, aber für die meisten ist das überhaupt nicht sinnvoll oder gut.

          • Lukas Müller sagt:

            So so, in der RS habe ich angefangen zu rauchen und zu saufen…

  5. Lucky_Looser sagt:

    Ich frage mich, wo bei dieser Schinderei die Freude bleibt (auf den Gesichtern sehe ich jedenfalls keine). Ich frage mich auch, wie nachhaltig das ist, wenn ich den Motivator outsourcen muss bzw. wenn “Training” eine Qual ist.
    Ich mache schon seit mehreren Jahrzehnten diverse Sportarten, weil ich mich einfach sehr gerne bewege und gerne draussen in der Natur bin.
    Meine Vorbilder sind die Kinder mit ihrer natürlichen Bewegungsfreude. Da ist Bewegung immer spielerisch und abwechslungsreich.

    • Roman Rebitz sagt:

      In der heutigen Zeit geht es doch nicht mehr um Freude, da zählt nur noch Leistung und damit angeben zu können :-) Ich kann solche Trainings u.ä., dazu zählt auch die RS, gar nicht durchziehen. Spätestens am zweiten Tag fühle ich mich so verblödet das ist unglaublich. Habe immer das Gefühl mein Hirn entleert sich innert kürzester Zeit. Ich bevorzuge deshalb Sportarten welche auch das Hirn trainieren und empfinde diese auch als anstrengender/effizienter.

      • Philipp sagt:

        Zum Beispiel 90 Minuten einem Ball nachrennen? Bei welcher Truppengattung hast du denn die RS absolviert? In meiner RS wurden oft noch Geschicklichkeits- oder Logikaufgaben mit eingebaut. Bei Gefechtsschiessen etc sollte man den Kopf auch bei der Sache haben. Aber Hauptsache mal wieder gegen die Armee schiessen. Aber ansonsten gebe ich dir recht, ich bin auch kein Fan von eintönigen sportlichen Betätigungen.

        • Roman Rebitz sagt:

          Hatte mir sogar extra die, gem. Armeemitarbeitern, abwechslungsreichste Truppengattung Namens “Aufklärer” ausgesucht. RS war nur ein Bespiel unter anderem, seit wann darf ich meine Meinung nicht mehr vertreten, habs ja nicht mal verallgemeinert und schon gibts Schelte, danke. 90 min Ball nachrennen gefällt mir auch nicht bzw. das war jeweils mehr prügeln als rennen. Dann schon eher Badminton, Tischtennis usw..

      • Lucky_Looser sagt:

        Darum heisst es ja auch “Leistungsgesellschaft”.
        Eine “Freudengesellschaft” würde eh nur zu Sodom und Gomorra führen… ;-)

        • Roman Rebitz sagt:

          Ok für mich interpretiere ich das wie folgt: Die anderen sind getuned bringen sehr viel Leistung für 20 Jahre und sind danach ein Wrack, ich optimiere, bringe viel Leistung über 50 Jahre und geniesse danach noch das Leben.

  6. rudolfo sagt:

    hübsche frau auf dem foto.

  7. luna sagt:

    das ist auch für zürich nichts neues: schon seit ein paar jahren bietet meine fitnesstrainerin genau die beschriebenen workouts an, seit neuem auch mit eigenem studio und deutlich günstiger als die genfer ‘pioniere’:

    http://www.fit2day.ch

    best personal trianerin ever!!!

  8. Ott sagt:

    Ich mochte den verordneten Sport im Militär. Mit Gleichaltrigen Sport zu treiben war toll, trotz oder vielleicht auch gerade wegen dem Drill. Rückblickend wars ein Heidenspass!

    In meinem Kollegenkreis treiben wir einander auch mit ziemlich unzimperlichen Sprüchen über Gewicht, Fittness und Können des anderen an beim Sport. Alle finden das lustig und motivierend.

    Aber jemanden zahlen, damit er auf Pseudo-Army-Drill-Instructor macht (schaut euch die Bilder an)? Ich finde dieses Army-Getue ziemlich lächerlich, auch wenn einige Teilnehmerinnen mich in Sachen Sportlichkeit wahrscheinlich schlagen würden. Ein Trainer kann doch auch in Jogginghosen fordernd sein.

  9. James Lehmann sagt:

    Gut… ich finde es irgendwie noch witzig… würde aber selber nicht daran teilnehmen… habe schon genug Militär um die Ohren…

  10. C aus der Westschweiz sagt:

    Tatsächlich ist der Marketing-Slogan “schweizweit erstes Bootcamp” mehr als falsch – gerade in der Westschweiz gibt es mehrere Bootcamp-Style Angebote bereits seit 2009.

    Dies sind meist kleinere Organisationen, die sich weniger auf Marketing beschränken, dafür aber selbst über die notwendigen Qualifikationen verfügen und die Bootcamps selber durchführen, anstatt externe Trainer einzustellen. Der Schwerpunkt bei den meissten liegt dann auch eher auf “functional Fitness”, gerne auch Rehabilitation nach Verletzungen, und weniger mit militärischem Drill. Aber immer in der Gruppe, immer draussen (auch im Winter), immer hoch motiviert – und in der Regel auch wesentlich günstiger :-)

    Wer Interesse hat: Benutzt Google, Ihr findet dann einige zur Auswahl!

    Grüsse aus der Bootcamp-Pionier-Westschweiz ;-)

  11. Great article, exactly what I needed.

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