Frauenschweiss und Trillerpfeife

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Heute ist kein guter Tag. In meinem Körper nehme ich bisher noch unentdeckte Sehnen und Fasern wahr, deren scheinbar einziger Zweck es ist, mir Schmerzen zuzufügen. Jawohl, ich verspüre Muskelkater. Ein Ziehen und Spannen, das sich auch mit einer halben Tube Dul-X-Gel nicht wegmassieren lässt. Doch ich bleibe positiv. Denn schliesslich ist Muskelkater auch immer ein Zeichen dafür, dass man am Leben ist.

Als ich am Tag zuvor durch Genf marschiere, ist die Stadt noch tot. Kurz nach sechs Uhr morgens erreiche ich mein Ziel: ein dunkler Stadtpark, dessen Pforten von schlafenden Obdachlosen flankiert wird. Ausser ihnen, mir und Denise van Erven Dorens hat sich noch niemand hier eingefunden. Denise organisiert gemeinsam mit ihrer Kollegin Linh das Private Bootcamp – eine aussergewöhnliche Art von Fitnesskurs, inspiriert durch militärische Drillübungen.

«Das Wichtigste ist Pünktlichkeit», sagt Denise. Deshalb kämen die Teilnehmer jeweils auch kurz vor Trainingsbeginn aus den Büschen gekrochen. Wenn sich jemand verspätet, habe dies Konsequenzen für die gesamte Gruppe: eine Rumpfbeuge oder Liegestütze pro versäumte Sekunde. Ob es tatsächlich zur Kollektivstrafe kommt, hänge jeweils vom Trainer ab; der heutige sei beispielsweise ein «ganz netter».

Freundlich, aber knapp begrüsst Anthony die Gruppenmitglieder. Ohne sich in Floskeln zu verlieren, fordert er uns auf, ein paar Runden im Park zu laufen. Was auffällt: Ausser mir sind es nur Frauen, die dem Ruf der Trillerpfeife gefolgt sind. Die beiden Männer, die regelmässig vorbeischauen – zwei Private Banker – sind heute auf Geschäftsreise. Also bin ich Hahn im Korb: Eine 20-jährige, leicht übergewichtige Kunststudentin gesellt sich zur durchtrainierten, aber schon etwas angegrauten Managerin eines Tabakkonzerns. Daneben eine knapp 50-jährige Bankerin, die schon in den frühen Morgenstunden so wach und parat wirkt, als könnte sie gleich ein Kundengespräch zur Vergabe eines Millionenkredits abhalten. Insgesamt präsentiert sich die Gruppe so bunt wie das internationale Flaggenmeer des nahen UNO-Hauptquartiers. Was die Teilnehmer hier eint, ist die Motivation zu leiden – für die Fitness, für die Figur. Eine Stunde lang Hardcore-Training, das problemlos den täglichen Bewegungsbedarf einer gesamten Grossfamilie decken würde.

Die Anweisungen von Drill-Instructor Anthony bleiben freundlich aber bestimmt: «A little bit faster», als ich an ihm vorbeijogge, oder «do it again», nachdem ich die x-te Kniebeuge vollziehe, zu deren Erschwerung er mir kurz zuvor noch einen 12 Kilo schweren Sandsack auf die Schultern geladen hat. Zwischendurch wird mit Intervalltrainings die Schnellkraft auf die Probe gestellt. 50-Meter-Sprint, Rumpfbeugen, Kniebeugen und was sich sonst noch alles beugen lässt. Dann wieder Sprint, Liegestützen, Arm- und Beckentraining. Bizeps, Trizeps und schliesslich nochmals das bekannte Kniebeugenspiel mit aufgeschultertem Sandsack. Das Leistungsniveau der Teilnehmerinnen reicht von fortschrittlich bis medioker. Aber wer morgens um halb sieben in einem dunklen Stadtpark trainiert und dafür auch noch Geld bezahlt, ist von Grund auf hochmotiviert.

Einen ganz besonders beflissenen Eindruck hinterlässt eine junge Inderin, die mich und alle anderen alt aussehen lässt. «Die heiratet nächste Woche», verrät mir Denise nach dem Training. Als sie vor zwei Monaten hier anfing, habe sie noch zehn Kilogramm mehr gewogen. Nun scheint sie rechtzeitig zum Einstieg ins weisse Schleierkleid ihr Idealgewicht gefunden zu haben. Dafür habe es aber ein bisschen mehr gebraucht, als das morgendliche Training im Genfer Stadtpark, sagt Denise: «Wir beraten unsere Klienten auch in Ernährungsfragen und sind deshalb ständig für sie erreichbar.»

Im Mai 2011 gründete Denise mit ihrer Freundin Linh das schweizweit erste Bootcamp. «Wir hatten selbst ständig mit Gewichtsproblemen zu kämpfen und wollten etwas dagegen tun», sagt Denise. Ihren Job bei der Bank haben sie inzwischen an den Nagel gehängt. Heute gehört ein einwöchiges Drillcamp auf Mallorca ebenfalls zu ihrem Angebot. Eine Woche Hardcore-Training: «Da sind auch schon Tränen geflossen», sagt Denise.

Nach gefühlten 1000 Rumpfbeugen ist es inzwischen Tag auf dem Trainingsgelände im Genfer Stadtpark. Denise erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden: «Gut, aber ich werde mir nun ein fettiges Frühstück reinpfeifen», sage ich und bemerke, wie Denise, die Ernährungsberaterin, innerlich zusammenzuckt. Den Weg zum nächsten Starbucks legte ich schnell zurück. Der Muskelkater holte mich erst später ein.

The Private Bootcamp erwägt dieses Jahr den Schritt in die Deutschschweiz, nach Zürich. Könnten Sie sich vorstellen, sich einem solchen Drillprogramm zu unterwerfen – der Fitness zuliebe? Als Alternative zum Fitnesscenter?