Das Logensyndrom, die oft verkannte Diagnose für Wadenschmerzen

Die Waden einiger Teilnehmer des New-York-Marathon 2009. (Bild: Flickr/China Ziegenbein)

Vom Logensyndrom sind vor allem Ausdauerathleten aus dem Laufsport betroffen: Die Waden einiger Teilnehmer des New-York-Marathons 2009. (Bild: Flickr/Philip Bump)

Starke Wadenschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden bei Läufern und anderen Sportlern. Oft steckt das Logensyndrom dahinter. Was ist das, wie kann es soweit kommen, was kann man dagegen tun?

Wir fragten unseren Running-Doc *Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt der SportClinic Zürich:

Beschwerden
Sie bemerken beim Lauftraining Schmerzen in der Unterschenkelmuskulatur. Diese treten immer nach derselben Zeit auf. Sie denken an einen Krampf bleiben kurz stehen und können dann wieder weiter rennen. Während einiger Zeit bewährt sich diese Strategie nicht mehr, die Schmerzen nehmen zu und verschwinden auch nach einem kurzen Halt nicht mehr, sondern erst nach 30 Minuten, dazu kommt noch ein Taubheitsgefühl im Fuss. Sie beschliessen eine längere Sportpause über einige Wochen zu machen und alle Symptome sind wie verflogen. Kaum beginnen Sie wieder mit dem Sport, sind alle Beschwerden unvermindert wieder da. Sie versuchen es mit Magnesium, anderen Supplementen und Massagen, aber nichts hilft. Diese Symptome sprechen für ein chronisch belastungsabhängiges Logensyndrom.

Ursache
Wie ist es dazu gekommen? Kurz gesagt: Ihre Muskeln haben zu wenig Platz. 
Einzelne Muskeln sind von einer wenig dehnbaren Hülle, der so genannten Muskelfaszie, umgeben, die wie eine Socke über den Muskel gestülpt ist. Die Einheit aus Muskel und Faszie wird Muskelloge genannt. Bei Belastung schwillt die Muskulatur bis zu 20 Prozent an. Kann sich dabei die Muskelfaszie nicht genügend ausdehnen, kommt es dabei zu einem Anstieg des Gewebedruckes in der Muskelloge und dadurch zur Störung der Durchblutung sowie zu Schmerzen. Steigt der Muskelinnendruck weiter an, können auch Nerven geschädigt werden, was zum Kribbeln und Taubheitsgefühl führt. Kommt es immer wieder nach körperlicher Belastung zu einer solchen Erhöhung des Gewebedruckes, so wird dieser Zustand chronisches belastungsabhängiges Logensyndrom genannt.

Risikofaktoren
Zu einer übermässigen Volumenzunahme des Muskels kann es durch exzentrisches Krafttraining, Muskelverhärtungen und auch durch Anabolika kommen. Die Dehnbarkeit der Faszie kann durch Narbenbildung nach Entzündungen und durch eine altersbedingte Reduktion der Elastizität abnehmen. Die Krankheit tritt aber auch bei Sportlern ohne entsprechendes Risikoprofil auf. Betroffen sind vor allem Ausdauerathleten aus dem Laufsport, aber auch Kraftsportler. Am häufigsten wird das chronisch belastungsabhängige Logensyndrom an der Wadenmuskulatur beobachtet, kommt aber auch am Oberschenkel und am Vorderarm bei Kletterern und Motorradfahrern vor.

Diagnose
Leider wird die Diagnose des chronisch belastungsabhängigen Logensyndroms sehr oft verpasst. Bei einem entsprechenden Verdacht oder nach erfolglosen Therapieversuchen sollten Sie sich an einen Sportarzt wenden. Bereits die Beschreibung Ihrer Beschwerden sollte dann zur Verdachtsdiagnose führen. Die beweisende Untersuchung ist die direkte Logendruckmessung. Dabei muss also der Druck innerhalb des betroffenen Muskels gemessen werden. Dazu wird nach vorhergehender örtlichen Betäubung eine flexible 2 Millimeter dicke Sonde in die zu testende Muskelloge eingebracht und daraufhin der Ruhedruck gemessen. Dann wird der Patient entsprechend belastet, zum Beispiel auf dem Laufband oder an der Kletterwand, bis die typischen Schmerzen auftreten. Dabei kann der Muskeldruck um mehr als das Drei- bis Vierfache ansteigen. Unmittelbar danach wird der Druck wieder gemessen, bis sich die Werte wieder normalisiert haben. Nach verschiedenen Kriterien kann beurteilt werden, ob der Druck zu hoch war (über 30 Millimeter Quecksilbersäule) oder nicht rasch genug abgefallen war.

Therapie
Ist die Diagnose eines chronisch belastungsabhängigen Logensyndroms gestellt, ist fast immer eine operative Therapie nötig. Konservative Massnahmen wie Lösen von Verklebungen der Muskelfaszien, Dehnungen und Muskelentspannungen führen leider nur selten zum Ziel. Bei einer Operation muss die Muskelfaszie gespalten werden, damit der Muskel wieder genügend Platz hat. Währen dies früher noch über einen grossen Hautschnitt erfolgte, kann die Operation heute über die «Schlüssellochmethode» endoskopisch deutlich schonender durchgeführt werden. Nach der Operation müssen der Patient Kompressionsstrümpfe während 4 Wochen tragen. Mit einem aeroben Training kann er nach 4 Wochen, mit einem anaeroben Training nach 6 Wochen beginnen. Die meisten Patienten können nach der Operation wieder in gewohntem Umfang Sport ausüben.

Haben Sie Erfahrungen gemacht mit dem Logensyndrom?

Dr. med. Martin Narozny-Willi

Dr. med. Martin Narozny-Willi, unser Doc bei «Running im Outdoorblog».

* Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt Orthopädische Chirurgie, Sportmedizin SGSM und Verbandsarzt Swiss Ice Hockey. SportClinic Zürich, Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Die Klinik ist eine Swiss Olympic Medical Base.