An einem vorerst düsteren, dann wundersam sich erhellenden Oktobertag fuhren wir letztes Jahr von Frutigen die Engstlige entlang hinauf nach Adelboden. Ich musste im Bus daran denken, wie man im Mittelalter die Menschen dieses sonderlich abgelegenen Tals treffend nannte: Waldleute.
Immerhin haben die Waldleute dann doch kräftig gerodet, vor allem hinten im Talkessel. Und sie haben es in unserer Neuzeit verstanden, den Tourismus als Einkommensquelle anzuzapfen – heute ist das weiträumige Adelboden ein Ferienort mit zig Skiliften und Bergbahnen. Die garagenartige Bushalle zeugt vom Zuschnitt des Dorfes, sie könnte auch eine Greyhound-Station sein.
Auf dem Vogellisi-Weg ins Sillerenbühl
Wir stiegen um, fuhren weiter nach Adelboden-Gilbach. Unser Wanderziel war der Hahnenmoospass, wo wir den Vögeln beim Abflug ins Winterquartier zuschauen wollten; für dieses Wochenende war die Reise gen Süden angesagt. Vor dem Hotel des Alpes orientierten wir uns. Und zogen los, anfangs auf einem Strässchen, dann den steilen Gilbachegge hinauf. Gemäss einem Schild wanderten wir auf dem Vogellisi-Weg. Kennt jemand das Vogellisi nicht? Es ist die Hauptfigur des gleichnamigen volkstümlichen Schlagers, der zur Adelboden-Hymne avanciert ist.
Würde ich nun die Berge aufzählen, die wir hier und später sahen, wäre der Platz dieser Kolumne ausgeschöpft; die Route ist aussichtsreich. Lassen wir es bei einem Exemplar: dem Tschingellochtighorn, einem wilden Solitär. Es besteht aus vier Türmen – klingt das nicht nach biblischer Apokalypse? Und jedenfalls ist es einer der expressivsten Gipfel der Schweiz, ein abgebrochener Zahn, verwandt durch diese Form mit dem Spitzmeilen auf der Grenze St. Gallen – Glarus.
Auf dem Sillerenbühl trafen wir auf eine Gondel-Bergstation. Viel Volk war hochgefahren, stürzte sich auf die Miet-Trottinetts, montierte Helme. Wenig später und etwas weiter unten rasten die Spassgesellen an uns vorbei, dass es uns fürchtete – nicht um uns, sondern um sie, die Freizeitkamikazes. Wir selber zottelten gemütlich weiter und erreichten den Hahnenmoospass. Wieder eine Bahnstation, wieder ein Restaurant. Wir kehrten ein. Ich hatte den Hamburger. Gut!
Tosende Wassermassen
Danach die Vogelfreunde. Zahlreich warteten sie auf dem Grat, mit riesigen Teles an ihren Stativ-Kameras. Doch offenbar waren bis anhin kaum Vögel vorbeigezogen. Uns war es gleich. Da nun die Kälte weg war und die Herbstsonne wunderbar wärmte, entschieden wir, die Fortsetzung der Wanderung anspruchsvoller zu gestalten als vorgesehen: hinab an die Lenk via Wengibergli.
Wir hielten auf den Pommernpass zu, stiegen hernach über stille Alpen ab und ab. Schliesslich langten wir bei der jungen Simme an. Natürlich leisteten wir uns das Abenteuerchen der Barbarabrücke, die das ursprüngliche Bachbett hin zu einem Kanal quert. Gewaltig toste es dort. Ebenso gilt dies für die Aussichtsplattform unmittelbar vor dem Hotel Simmenfälle zuhinterst an der Lenk, wo die Wanderung einige Zeit später bei einem Coupe Dänemark endete. Hier erblickt man die Simmenfälle von unten – und wer nie da war, dem sei gesagt, dass er sie sich nicht als Senkrecht-Anlage, sondern als Steilrampe vorstellen muss. Und: An extremen Tagen toben 30 Kubikmeter Wasser pro Sekunde talwärts!
Route: Adelboden-Gilbach – Gilbachegge – Sillerenbühl – Hahnenmoospass – Pommernpass – Wengibergli – Barbarabrücke – Simmenfälle, untere Plattform – Hotel Simmenfälle, Lenk (Bus zum Bahnhof Lenk)
Karte: Wanderkarte 1: 50 000 Nr. 263T «Wildstrubel».
Gehzeit: 6 Stunden. Dank der Gondelbahn aufs Hahnenmoos kann man die Wanderung auch halbieren.
Höhendifferenz: 600 Meter auf-, 950 abwärts.
Einkehr unterwegs: Sillerenbühl und Hahnenmoospass. Lohnend ist am Schluss die Einkehr im rustikalen Hotel Simmenfälle.
Charakter: Normale Bergwanderung mit einigen ruppigen Steilpassagen. Keine ausgesetzten Stellen. Aussichtsreich.
Höhepunkte: Der gewaltige Bergkessel zum Wanderbeginn. Die Vegetation am Vogellisi-Weg. Das aparte Tschingellochtighorn. Die stillen Alpen am Wengibergli. Die ungezähmte junge Simme.
Tipp: Das Vogellisi-Lied anhören auf Youtube.
Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com







Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
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ich finde es coll was sie da gezeigt haben.
Wow coole story.