Von Môtiers könnte ich soviel erzählen, dass für die Poëta Raisse und für den Chasseron kein Platz mehr bliebe. Das wäre schade. Beide, Schlucht und Berg, sind Spektakel. Nun, ich will mich kurz fassen. Aber einiges muss zu Môtiers gesagt sein, etwa, dass der Name von lateinisch «Monasterium» gleich Kloster stammt. Benediktiner begleiteten die Rodung und Besiedlung des Val de Travers spirituell und schufen in Môtiers die Keimzelle der Zivilisation im Tal.
Jahrhunderte später, 1762, kam der Denker Jean-Jacques Rousseau. Er wurde von der Obrigkeit verfolgt. Die Kirche entrüstete sich besonders über jene Passage des pädagogischen Romans «Emile», in der im Glaubensbekenntnis eines Pfarrvikars die Verehrung der Natur propagiert wird. In Môtiers hatte Rousseau Gelegenheit, seine Naturreligion zu leben und weiterzuentwickeln. Preussens Friedrich der Grosse, ein aufgeklärter Herrscher, hatte ihm Asyl gewährt. Neuenburg und also auch Môtiers gehörten damals zu Preussen.
Restwassermenge und Naturromantik
Man nehme sich Zeit für das schlummernde Dorf: für Kloster und Kirche, für das Museum im Rousseau-Haus. Gleich gäbe es anschliessend, nachdem man losgezogen ist, noch ein Museum, eines für Aborigine-Kunst, das sich am Wanderweg hinter einem Holztor versteckt. Dann sind wir in der Natur und können uns den flanierenden Rousseau vorstellen. Sicher war es in seiner Epoche nicht so, dass der Bach im Unterlauf der Schlucht wasserlos war. Restwassermenge: Begriff und Realität sind strikt neuzeitlich. Handkehrum blieb Rousseau die Begehung des engen, wilden, atemberaubenden Teils der Schlucht verwehrt, die uns Neuzeitlern möglich ist. Der Weg durch das Zauberreich am Bach aus Moos, Farnen, Kalkfelsen wurde erst 1857 durch Treppchen, Geländer und gemauerte Hangwege für den Normalbürger zugänglich. Just die kühne Erschliessung Steilstufen bereitet Vergnügen, Kinder werden die Poëta Raisse lieben. Stellenweise verengt sich die Schlucht zum Schlitz, so dass man unwillkürlich die Ellbogen an den Körper legt.
Der Name der Schlucht ist allerdings ein Affront wider sie selbst. Laut einem Online-Dictionnaire der welschen Pâtois-Varianten ist eine «Raisse» eine mit Wasserkraft betriebene Sägerei. «Poët(t)a» heisst schmutzig, schlecht, stinkend. Auch hier zeigt sich, dass Naturromantik ein Spätprodukt der Geschichte ist. Bis in die Neuzeit empfand der Mensch die Natur als hässlich, unwirtlich, böse, gefährlich.
Ein beeindruckendes Stück Romandie
Nach der Schlucht landen wir in den Juraweiden – und es dauert ordentlich, bis wir den Chasseron erobert haben. Der Pfad führt einmal an einer Alpwirtschaft vorbei, dem Chalet de la Grandsonnaz-dessus. Schliesslich stehen wir doch auf dem Gipfel, der aus abrupten Klippen besteht. Wir stellen uns an die Kante, fühlen uns wie Steinböcke, haben den Neuenburger- und Genfersee zu Füssen. Wir sehen aber auch weit über den Jura hinüber nach Frankreich.
Dann die Einkehr im Gasthaus. Wenn es kalt ist und man drinnen sitzt, gemahnt der etwas dunkle Raum an eine Höhle. Die Käseschnitte, serviert vom beleibten jungen Wirt, schmeckt. Sie macht fit für den Abstieg durchs Skigebiet nach Les Avattes, wo man im gleichnamigen Restaurant wieder einkehren könnte. Schliesslich endet die Wanderung in Sainte-Croix mit dem Fazit, dass dies ein beeindruckendes Stück Romandie ist.
Route: Môtiers Bahnhof – Poëta Raisse – La Grandsonnaz-dessus – Chasseron Gipfel – Les Avattes – Sainte-Croix Bahnhof.
Gehzeit: 5 Stunden.
Höhendifferenz: 900 Meter aufwärts, 500 abwärts.
Einkehr: Das Châlet de la Grandsonnaz-dessus ist täglich geöffnet. Das Gipfelrestaurant (www.chasseron.ch) derzeit ebenfalls. Das Bergrestaurant Les Avattes ist Mittwoch nachmittag und Donnerstag geschlossen.
Charakter: Durchgehend gute Wege, recht weit und anstrengend. Panoramisch auf dem Gipfel. Jura mit Kalkschroffen und weiten Weiden.
Höhepunkte: Môtiers’ Bröckelcharisma. Die Enge der Poëta Raisse. Die Gipfelklippen und dann die Einkehr mit deftiger Käseschnitte im Bergrestaurant. Sowie der Weitblick vom Gipfel.
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag: www.echtzeit.ch.
Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com







Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
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Laurens van Rooijen (38) ist seit 1989 mit dem Velo im Gelände und seit 2000 als Velo-Journalist unterwegs – bis Ende 2004 als Redaktor der Zeitschrift MOVE, seither als freischaffender Journalist in Sachen Fahrrad für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Web-Formate. Er schreibt neu im Ressort
Martin Sturzenegger (29) ist weder Profisportler noch Experte einer bestimmten Outdooraktivität. Als sportliches Highlight ragt der Bronzemedaille-Gewinn in einem Sprintbewerb für Kinder heraus. Im Outdoorblog betreut er das Ressort 






















































































Guter Tipp, danke. Wer Ruhe sucht oder genug hat von Hunden, Alpinisten oder Bikern
Den hirnlosen Bikern werde Sie auch hier begegnen….
den bösen, bösen…
dürfen wir diese Diskussion hier nochmals starten?
Danke für den schönen Artikel!
Die Poëta-Raisse hatte allerdings sicher schon damals wasserlose Phasen. Es gibt an diesem Bach keinerlei Fassung oder Kraftwerk. Das Wasser verschwindet schon bei mässiger Trockenheit lediglich stellenweise im Bachsediment, welches sehr wasserdurchlässig ist. Das kann man vor allem dann erkennen, wenn der Bach an mehreren Stellen im Sediment verschwindet und beim nächsten kleinen Wasserfall wieder zum Vorschein kommt!
Die Restwassermenge wird also hier vollkommen von der Natur “gesteuert”!
Danke Nicolas, da habe ich etwas gelernt! TW.
Danke für die Tipps in der 3-Seenlandschaft und Jura. Ein Gebiet, dass ich gerne besuche aber viel zuwenig kenne. Derzeit läuft eine sehr attraktive Aktion der Tourismuswerbung unter http://www.my-wonderland.ch/DE-CH/
Danke auch für Ihre anderen Tipps und last but not least… Herr Steiner spricht mit aus dem Herzen!
Wir mussten schmunzeln beim Kommentar “…zum Beispiel Käseschnitte”: Käse ist Grundzutat der welschen Küche. Bis zum geht nicht mehr
guten tag. warum gibt es keine wanderkarte 1:25000 mehr? früher gab es so einen karteausschnitt, den man ausdrucken konnte.
versuchen Sie’s mal mit http://www.gps-tracks.com (Karten – Topo Schweiz)
Hallo Herr Widmer
Wir waren dank Ihrem Wanderbericht ein paar Tage im Jura. Die Schlucht ist absolut fantastisch! Wild, grün und abgelegen. Wir werden bald wieder diese Gegend bereisen.
Danke für Ihre Tipps