Man nehme ein Stück Roulade und halte es in die Höhe. Ist die Füllung sehr weich, so fällt sie heraus. Das ist, erdgeschichtlich gesehen, beim Creux du Van passiert, der einer (nicht ganz vollständigen) Rouladenscheibe gleicht: Der harte Kalkrand ist noch da. Die weicheren Gesteine hingegen, die er einst fasste, gaben der Schwerkraft und dem Reissen des Wassers nach und rutschten ab. So ist einer der schönsten Orte der Romandie entstanden. Ein U-förmiger Canyon mit 160 Meter hohen Senkrechtwänden.
Tief unten der Neuenburgersee
Ich ging mit Nina zum Creux du Van, einer alten Kollegin und Wirtschaftsredaktorin, die den Journalismus irgendwann suspendiert und an ihr Ökonomie- ein Theologiestudium gehängt hat. Wir sprachen über Gott und die Welt, während wir von Bevaix am Neuenburgersee dem Canyon entgegenstiegen. Die Strecke eignete sich dafür vorzüglich, sie ist im Mittelteil eintönig, führt durch eine Forstplantage mit breiten Servicewegen. Vorangegangen war ein konfuser Start. Der Wegweiser bei der Bahnstation Bevaix hatte uns verwirrt. Dabei ist die Sache simpel: Mehr oder minder rechtwinklig zur Bahnstrecke hinauf ins Dorf, ein wenig links, dem Wald entgegen. Und dabei immer auf die Wanderkarte schauen.
Nina und ich datierten uns gegenseitig auf über unser Leben, während wir Höhe gewannen; wir hatten uns länger nicht gesehen. Und irgendwann veränderte sich die Landschaft und legte an Kraft zu. Wir gingen auf einem Höhenrücken mit dem Jura-typischen Mix von offenen Weideflächen und Waldinselchen, dem Pâturage boisé, tief unten erblickten wir den Neuenburgersee. Noch mehr freuten wir uns, als sich in einer Senke das Restaurant von «La Grand Vy» zeigte. Ich ass einen Rote-Beeren-Kuchen.
Der Grosse Geist sei gepriesen
Hernach erreichten wir bald jenen Abzweiger, wo man in den Creux-du-Van-Kessel absteigen könnte. Wir aber stiegen zwecks besserer Sicht vorerst ein wenig höher Richtung Le Soliat. Und es zahlte sich nun meine landschafts-dramaturgisch motivierte Routenwahl aus. Die meisten Leute gehen von Noiraigue im Val de Travers zum Creux du Van. Dabei haben sie diesen die meiste Zeit vor Augen, und bekanntlich stumpft Schönheit ab. Meine Idee war es gewesen, den klaffenden Canyon auf einen Schlag zu erblicken; ich hatte auf den Schockeffekt gesetzt. Und tatsächlich waren wir erschüttert, als wir nun an die Kante traten und die Weite des gerundeten Kessels vor uns erfassten. Ich behaupte, dass auch ein abgewitterter Indianerhäuptling aus Arizona an diesem Ort gerührt gewesen und den Grossen Geist gepriesen hätte.
Der Abstieg vollzog sich dann zügig: retour zu besagtem Abzweiger und auf abschüssigem Berg-Wald-Weg abwärts. Wir begegneten dabei schamlosen Steinböcken; das Wild vom Creux-du-Van ist sich Scharen von Wanderern gewohnt und empfindet, da geschützt, keine Furcht. Im folgenden verpassten wir den Abstecher zur Fontaine Froide, einem Spektakel von Quelle, deren Wasser selbst im Hochsommer vier Grad kalt ist. In der «Ferme Robert», einer weitläufigen Freiluftwirtschaft, tranken wir Realersatz in Form eines gutgekühlten Bieres und waren hernach schnell unten in Noiraigue im Val de Travers. Dass wir die grosse Roulade der Romandie nun aus eigener Anschauung kennen – dies machte uns zufrieden.
Route: Bevaix Station – Roche Devant – La Grand Vy – Abzweiger in den Creux-du-Van – Aussichtspunkt Richtung Le Soliat – retour zum Abzweiger – Ferme Robert – Noiraigue.
Dauer: 5 1/2 Stunden.
Höhendifferenz: 1000 Meter auf-, 700 abwärts.
Einkehr unterwegs: La Grand Vy und Ferme Robert (beide haben keinen Ruhetag.
Charakter: Anstrengend. Die Dramaturgie der Route kombiniert einen langen Aufstieg mit dem plötzlichen Anblick des Creux du Van.
Höhepunkte: Der Neuenburgersee von Roche Devant aus. Der Creux du Van, einer der schönsten Orte des Landes. Die zutraulichen Steinböcklein im Canyon. Die Einkehr in der Ferme Robert. Der Kiosk mit lokalen Produkten im Bahnhof Noiraigue.
Karte: Es reicht die Kümmerly + Frey 1: 60 000 «Chasseral – Neuenburg – Val de Travers – Ste-Croix».
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch
Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com








Natascha Knecht ist Journalistin und Outdoor-Sportlerin. Aufgewachsen im östlichen Berner Oberland, dem Mekka für Kletterer und Alpinisten, lebt sie seit über zehn Jahren in Zürich. Im Outdoor-Blog betreut sie die Ressorts
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Anette Michel ist Umweltnaturwissenschaftlerin und im Bereich Energieeffizienz tätig. Daneben hat sie mehrere Jahre als Velokurierin gearbeitet und dabei ihre Leidenschaft fürs Fahrrad entdeckt. Sie fährt seit fünf Jahren in ihrer Freizeit Rennvelo. Sie schreibt im Ressort 
















































Eine wunderschöne Wanderung, aber in umgekehrter Richtung meiner Meinung nach noch viel schöner!
Ich schliesse mich dem Kommentar von J. Becker an – die Wanderung ist in umgekehrter Richtung wesentlich beeindruckender weil sich am Rande der Krete die Runde laufen lässt und immer wieder neue Perspektiven schenkt. Wenn man die tour gemäss “wandersite” Empfehlung wählt, geht es zwar abschüssig und teilweise rutschig runter Richtung Fontaine Froid und Ferme Robert, der Blick nach oben in die beeindruckende Felsrunde ist es allemal wert. Am Pfingstsonntag gewandert – es wäre gut möglich gewesen La Grande Roulade mit einer Menschenkette zu umarmen…
Nein, lieber Herr Widmer, solche Schönheit stumpft nie ab….und…. wieder eine Wanderung mehr auf meiner Liste…..!
Absolut einverstanden mit Joel Becker: in umgekehrter Richtung ist die Wanderung schöner. Startpunkt in Noiraigue, Aufstieg über den Sentier des 14 Contours (kann man mitzählen, es sind wirklich 14). Aussicht bei Roche Devant ist unglaublich. Auch die Fondue ist dort erstklassig. Das ist schon fast eine “Pfilchtwanderung” für die Jura-Region.
Diese Wanderung ist auch im Winter ein Genuss – mit Langlauf-Skis (Schuppen) oder mit Schneeschuhen. Ausgangspunkt der Langlauf-Tour ist vorzugsweise der Ausflugsort Les Rasses oberhalb von Ste-Croix. Eine Loipe ist im Winter bis nahe zum Gipfel
Le Soliat (1463m) gespurt. Der Abstieg (Abfahrt!) erfolgt entweder hinunter zur Ferme Robert (bei guten Schneeverhältnissen!), oder in westlicher Richtung nach Le Couvent (Postauto nach Couvet) oder zurück nach Les Rasses (Auberge!).
Fotos über Wintertraversierungen und Sommertouren im Jura können Sie unter Google Earth, Panoramio, Kennwort ‘bongiorno’ einsehen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Vorbereitung einer Jurawanderung.