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Gottvolle Gefühle über dem Maggiatal

Thomas Widmer am Freitag den 24. Mai 2013

Diese Woche hoch über dem Lago Maggiore.

Ja, ich weiss, wir hatten in dieser Kolumne vor zwei Wochen schon Tessin. Aber erstens habe ich den Südkanton über viele Monate vernachlässigt und will das wiedergutmachen. Zweitens bin ich von der Wanderung auf Locarnos Hausberg Cardada in der Auffahrtwoche begeistert und musste diese Route sofort an den Mann bzw. die Frau bringen. Und drittens ist es im Tessin schon bald sehr heiss. Dann ist ein 1200-Meter-Aufstieg, führe er durch einen noch so schönen Hang, nicht mehr unbedingt zu empfehlen .

Häuser aus Glimmergranit

Der Bus brachte mich von Locarno nach «Avegno, Paese» im untersten Maggiatal. Um 9 Uhr 18 konnte ich die Wanderung beginnen, recht früh, wenn man bedenkt, dass ich gleichentags in der Deutschschweiz losgefahren war; ich war um 5 Uhr 22 in Zollikerberg gestartet. Avegno stellte sich als Preziose heraus, abgesehen vom Verkehrslärm der Strasse. Das Dörfchen ist samt seiner Kirche, den engen Gassen und den Häusern aus Glimmergranit Bilderbuch-Tessin. Es gewann auch schon den
Wakkerpreis. Das Restaurant wiederum, das ich zu Beginn passierte, heisst «Stazione», weil bis 1965 eine Bahn das Maggiatal erschloss.

Nun fing ein im besten Sinne endloser Aufstieg an, bis nach Pianosto und etwas darüber hinaus geht es eigentlich immer aufwärts. Gut drei Stunden war ich mutterseelenallein und genoss den ingeniös angelegten Weg, der stellenweise eine Steintreppe war. Holzbohlensicherungen, Geländer an heiklen Stellen, Bildstöcke mit frischen Blumen, aber auch die tadellos unterhaltenen Rustici von Scaladri und Monasté versicherten mir, dass nicht nur fremde Wanderer, sondern auch Einheimische den Pfad nach wie vor brauchen und nutzen. Etwas Schatten spendeten zuerst Kastanienbäume, dann Birken, endlich Buchen.

«Ich war ein verborgener Schatz»

Und die Sicht steigerte sich bald ins Göttliche. An einer erhabenen Stelle fiel mir ein islamischer Weisheitsspruch ein; Gott sagt darin über sich selber: «Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden; daher erschuf ich die Welt.» Erst sah ich nur das Maggiatal zu meinen Füssen. Dann auch das Onsernonetal mit den Bergen dahinter. Schliesslich den Lago Maggiore, diesen delikaten tiefblauen Kurvensee. Und alles war eingebettet in ein rauschhaftes Frühlingsgrün.

Bei aller Schwärmerei nun ein handfester Tipp: Bis zur Alpe Vegnasca ist der Weg perfekt markiert; einzig muss man beachten, dass statt «Cardada» oft nur «Cimetta» aufgeführt ist, wie das 300 Meter höhere Gipfelchen heisst, das von Cardada aus per Sessellift erschlossen ist. Ansonsten: keine Probleme bis zu besagter Alp. Dort allerdings zeigte mir ein verblichener Wegweiser Monteggia und Brè an; nichts von Cardada und Cimetta. Ich wählte diese Richtung, passierte 200 Meter später den nächsten Wegweiser neueren Datums, ecco «Cardada».

Hoch über Locarno

Der Rest: ein Höhenweg geradeaus und ein kleiner Schlussabstieg. Tief unter mir erblickte ich Locarno und das als kreisrunde Scheibe in den Lago Maggiore sich schiebende Maggiadelta. Und vor mir hatte ich plötzlich die ersten Menschen. Sie sassen auf den Quersitzen des erwähnten Sesselliftes hinauf zur Cimetta. Bald darauf war ich bei der Bergstation der Cardada-Seilbahn. Ich ging zu dem berühmten Panoramasteg, der ins Leere ragt, so dass die Sicht nicht von Bäumen behindert wird, ich schaute und fotografierte – und befand kurz darauf im Restaurant: Ich würde jederzeit beeiden, dass das Tessin unser allerschönster Wanderkanton ist.

***

Route: Avegno Paese – Scaladri – Monasté – Pianosto – Alpe Vegnasca – Cardada Bergstation.

Gehzeit: 4 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 1230 Meter auf-, 190 abwärts.

Wanderkarte: 276 T «Val Verzasca», 1: 50 000.

Charakter: Stilles Tessin an einem Steilhang. Einige Rustici und Bildstöcke und sehr viel Natur: Kastanien, Birken, Buchen. Anstrengende Route, im Sommer an heissen Tagen nicht anzuraten.

Höhepunkte: Der erste Anblick des gewundenen Lago Maggiore oberhalb von Scaladri. Die schönen Rustici von Monasté. Der Blick von Cardada hinab auf das Maggiadelta.

Kinder: Etwas streng. Der Weg ist nicht ausgesetzt, aber es gibt ein paar Stellen, wo man auf Kinder aufpassen muss. Hoher Abenteuerfaktor.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Bei der Bergstation Cardada.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Der gläserne Mountainbiker

Jürg Buschor am Donnerstag den 23. Mai 2013
epa03380258 Britain's Manon Carpenter is on her way to take the third place in the women's downhill race at the Mountainbike World Championsships in Saalfelden/Leogang, Austria, 02 September 2012.  EPA/EXPA/JUERGEN FEICHTER

Die Bergauf-Fahrer kommen: Die britische Downhill-Bikerin Manon Carpenter während der WM 2012 in Saalfelden, 2. September 2012. (Foto: EPA/Jürgen Feichter)

«Grüezi. Min Name isch Müller. Ich lüüte a im Uuftrag vom Meinigsforschigs-Institut Volltransparent und ich han sie welle fröge, öb sie föif Minute Ziit händ für d’Teilnahm anere Umfrog?»

«Ähm…»

«Es goht würklich nur föif Minute.»

«Aber…»

«Genau ihri Meinig isch euis wichtig. Es freut mich deswäge, dass sie mitmached…»

Wenn Sie diese Situation nicht aus eigener Erfahrung kennen, müssen Sie sich ernsthafte Sorgen bezüglich Ihrer Bedeutungslosigkeit machen. Oder man darf Ihnen dazu gratulieren, dass Sie es erfolgreich geschafft haben, Ihre Kontaktdaten erfolgreich aus irgendwelchen Datensammlungen herauszuhalten. Die erste Fragerunde ertragen die meisten ja noch mit stoischer Ruhe. Bei den nächsten Anrufen kommt einem die gute Erziehung in die quere, die es einem verbietet, den Mitmenschen fünf Minuten seiner Zeit vorzuenthalten. Die nächsten drei Gespräche führt man noch aus Mitleid mit den bedauernswerten Call-Center-Mitarbeitern, die bestimmt auch lieber in einem anständigen Gewerbe arbeiten würden. Spätestens beim zehnten Anruf zu Unzeiten hingegen hilft auch die gute Erziehung nur noch so weit, dass man im Tonfall anständig bleibt, wenn reale oder fiktive Erklärungen zur Nichtteilnahme angeführt werden: Keine Zeit. Keine Lust. Kinder mit Masern und Durchfall. Gerade beim Essen. Auf dem Sprung ins Kino. Auf dem Klo.

Was fast jede Umfrage grundsätzlich suspekt macht ist die Tatsache, dass weder der Auftraggeber noch die Zielsetzung bekannt sind. Wenn man schon seine Zeit opfert, sollte zumindest Klarheit darüber herrschen, ob wenigstens indirekt ein Nutzen daraus gezogen werden kann. Zum Beispiel, indem ein echte Angebotsverbesserung daraus resultiert.

Trotz weitgehender «Umfrage-Immunität» hat dieser Tag der Teilnahmeaufruf für eine Mountainbike-Studie mein Interesse geweckt, die das Hergiswiler Marktforschungsinstitut GfK Switzerland AG durchführt. «Da gehöre ich wenigstens zur Zielgruppe», denke ich mir. Der Aufruf impliziert, dass die Datenerhebung einem höheren Zwecke diene: «Marktforschungen wie jene des renommierten GFK können wesentlich dazu beitragen, dass künftig Angebote und Infrastruktur näher an den Bedürfnissen der Mountainbiker liegen.» Da allerdings wie üblich, der Auftraggeber nicht offengelegt wird, bleibt es bei der Hoffnung, das eine übergeordnete Instanz wie beispielsweise Schweiz Tourismus oder der Schweizer Tourismusverband dahinter stehen könnte. Spätestens bei der «Welche Bikestrecken nutzen Sie?» überlege ich mir erstmals, aus der Umfrage auszusteigen. Nicht der Frage wegen, sondern ob der angebotenen Antwort-Auswahl:

«Bergauf fahren»

«Downhill»

«Singletrails – technisch anspruchsvoll»

«Singletrails – technisch einfacher»

«Wald- und Flurwege»

«Asphaltierte Strassen»

Wer hat sich diese Antwortauswahl ausgedacht? Und mit welchem Ziel? Dass es genügend Menschen gibt, die ausschliesslich Downhill fahren, und für die es sich lohnt, ein entsprechendes Angebot bereitzustellen, ist mir durchaus bekannt. Aber gibt es wirklich Menschen, die sich darüber definieren, dass sie bergauf fahren? Und wie sähe denn das entsprechende touristische Angebot aus? Uphill-Strecken mit anschliessender Talfahrt per Bergbahn?

Ich liefere artig weitere Antworten, bis dass auf Basis der Fragestellungen wenigstens klar wird, dass offenbar Graubünden Ferien sein Angebot möglichst bedürfnisgerecht anpassen möchte. Zwei Fragen weiter stürzt das Frageformular ab. Aber die fünf Minuten sind ohnehin schon längst um, und so verzichte ich, meine Kundenbedürfnisse in einem zweiten Anlauf noch einmal kundzutun. Ein Konkurrent weniger, der einem das Bike-Weekend streitig machen könnte, das unter allen Teilnehmern der Umfrage verlost wird…

Nehmen Sie an Studien teil? Sie gehören zur Zielgruppe der aktuellen GfK-Studie – gedenken Sie an der Umfrage teilzunehmen? Welches sind die Gründe für eine Teilnahme/einen Verzicht? Sollte Ihrer Meinung eine solche Umfrage von einzelnen Destinationen oder übergeordneten Organisationen durchgeführt werden?

Zimmerservice im Everest-Ferienlager

Natascha Knecht am Mittwoch den 22. Mai 2013

Heute ein Gastblog von *Thomas Senf,  Alpinfotograf und Bergsteiger.

Eiskurs am Everest

Unmittelbar neben dem Advanced Basecamp auf 6400 Meter: Die Everest-Aspiranten lernen erstmals im Leben, wie man am Fixseil aufsteigt und wieder abseilt. (Foto: Thomas Senf)

Ungläubig schaue ich aus meinem Zelt auf den Gletscher. In ihre nagelneuen Daunenanzüge gehüllt üben etwa zehn Bergsteiger an einem kleinen Eishang. Unter Anleitung ihrer Bergführer und Sherpas geht es auf der einen Seite mit Steigklemmen am Fixseil empor. Mehrmals muss ein Bergführer eingreifen, da ihre Schützlinge versehentlich die Selbstsicherung falsch einhängen. Oben angekommen fädelt ihnen ein Sherpa den Abseilachter ein, damit sie an der kleinen Wand das Abseilen üben können. Ein «Grundkurs Eis» neben dem Advanced Basecamp vom Mount Everest auf 6400 Meter. Die Gruppe Bergsteiger ist in ihrer Akklimatisationsphase, ein paar Tage später wollen sie auf den Everest-Gipfel.

Ich bin für einen Fotoauftrag an der chinesischen Normalroute unterwegs. Viel habe ich schon vom Bergsteigen am Everest gehört. Aber nachdem mich bisher zahlreiche Expeditionen zu unbekannten Gipfeln rund um den Erdball führten, lerne ich hier, am berühmtesten Berg der Welt, einen anderen Expeditionsstil kennen.

Ferienanlage am Everest

Am Gate für den Flug von Qatar nach Kathmandu bekomme ich zum ersten Mal die 8000er-Welt zu spüren. Teilnehmer verschiedener Expeditionen sind an Bord. Unschwer zu erkennen an ihren Unmengen von Werbeaufnähern. Man mustert sich auffällig unauffällig. Je nach Anzahl zur Schau getragener Sponsoren grüsst man sich kurz, oder eben auch nicht. Das anvisierte Ziel findet sich bis zu fünf Mal auf den Kleidern. So dass auch der Letzte weiss, dass es zum «Everest 2013» geht. Einige von ihnen sehe ich im Basislager wieder. Neugierig frage ich einen nach seinem offensichtlich grosszügigen Ericsson-Sponsoring. Schliesslich erfahre ich, dass es lediglich sein Arbeitgeber ist. Unterstützung hat er keine erhalten. Aha, wer keinen Sponsor findet, erfindet halt einen, um dazuzugehören.

Das Leben im Basislager erinnert mich ein wenig an Berichte aus Ferienanlagen im Mittelmeerraum. 9.30 Uhr, wenn die ersten Sonnenstrahlen das Camp streifen, wird, wer noch schläft, von einem «Tea, Coffee, Milktea?» in seinem Einzelzelt geweckt. Zimmerservice à la Everest BC. 10.00 Uhr, Frühstück. Nebst frisch gepresstem Orangensaft gibt es Toastbrot und Spiegelei. Danach ist Treffpunkt im Tischtennis- und Billardzelt. Hier und da stehen noch Bierbüchsen vom letzten Abend rum. Ein greller Pfiff und einer der Küchenjungs eilt zum Aufräumen herbei. Nach dem Mittagessen geht es für die meisten ins Internetzelt. Ein Skype mit der Familie steht an. Via iPad  startet einer nach dem anderen zu seiner virtuellen Rundtour durch das Camp für die Daheimgebliebenen. Der Verdauungstrunk zum Abendessen wird im Fernsehzelt eingenommen. Rund 300 DVDs stehen neben dem Flachbild-TV zur Verfügung.

Everest

Auf dem Weg zum North Col: Die Bergsteiger kämpfen sich am Fixseil empor. Solange sie ihre Steigklemmen richtig eingehängt haben, können sie nicht runter stürzen. (Foto: Thomas Senf)

Wie an der Hundeleine den Berg hochgezogen

Während der ersten Tage im Basislager starten Karawanen von Yaks Richtung Berg. Was man zum Leben dort oben benötigt, kann von hier nur noch zu Fuss transportiert werden. Selber starten wir ungleich weniger beladen in die nächsten Camps. Hier und da höre ich Diskussionen, ob man tatsächlich selber einen Rucksack mit Jacke und Trinkflasche tragen muss. So verwundert einen folgendes Bild nur am Anfang: Ein Träger kommt gelangweilt in kaputten Turnschuhen entgegen. Auf dem Rücken eine riesige Tasche. Vorne vor der Brust baumelt der Rucksack des Gastes. Dieser schleppt sich etwa 100 Meter hinter ihm auf seine Trekkingstöcke gestützt den Berg hinauf.

Eine Stunde hinter dem Advanced Basecamp beginnen die Fixseile, welche zum North Col auf 7000 Meter führen und von dort in einer ununterbrochenen Linie weiter bis zum Gipfel. Zeit, das Gelernte aus dem «Grundkurs Eis» vom Vortag anzuwenden. Bereits nach wenigen Metern am ersten Fixpunkt Stau. Einer der Gipfelaspiranten versucht vergeblich, seine Steigklemme umzuhängen. Ein Sherpa eilt herbei und hilft ihm. Mittlerweile hat sich hinter ihm eine Schlange von gut 15 Leuten gebildet. Ich mag nicht mehr warten, hänge ich mich aus dem Seil aus und laufe an der Menschenschlange vorbei. Den Pickel lasse ich auf dem Rucksack. Dafür ist es noch viel zu flach. Ich stelle mir die Situation auf über 8000 Meter bei Sturm und -30°C vor. Nicht auszudenken. Dagegen wirkt ein Stau am Gubristtunnel geradezu wie ein Kindergeburtstag. 150 Höhenmeter vor dem Camp auf dem North Col ist für einen Mann Schluss. Nichts geht mehr. Doch statt abzusteigen, zieht ihn ein Sherpa wie an der Hundeleine die letzten Meter hinter sich her.

Everest

Stau auf 7000 Meter: Der Vorderste kommt nicht weiter, alle anderen müssen hinter ihm warten. (Foto: Thomas Senf)

Schlafsäcke liegen ausgerollt bereit

Bei meinen anderen Expeditionen hätte der Abend etwa so ausgesehen: Der schwere Rucksack fällt in den Schnee. Müde stampfe ich im Schnee einen Platz für das Zelt zurecht, während mein Seilpartner anfängt, Schnee im Kocher zu schmelzen. Der bereits etwas feuchte Schlafsack kommt nur widerwillig aus dem Packsack. Fröstelnd schütten wir eine Instantsuppe in den Topf.

Hier am Everest setzen wir uns im grossen Küchenzelt an den Campingtisch. Wenige Augenblicke später steht eine dampfende Hühnersuppe vor uns. Lediglich das Dessert ruft etwas Brummeln im Zelt hervor. Die Mangos aus der Büchse sind noch halb gefroren. Zumindest liegen unsere Schlafsäcke bereits ausgerollt im Zelt. Unsere Sherpas haben sie vor zwei Tagen hochgetragen.

Ein paar hundert Höhenmeter weiter oben ist mein Auftrag als Fotograf erfüllt. Um relativ schnell und ohne künstlichen Sauerstoff wie zum Beispiel Ueli Steck letztes Jahr auf den Gipfel zu steigen, bin ich nicht stark genug. Für eine andere Art der Begehung fehlt mir am Everest dann aber doch die Motivation.

Da steige ich lieber weiterhin auf unbekannte Berge.

Thomas Senf*Thomas Senf ist Fotograf, Alpinist und diplomierter Bergführer. Mit Freunden gelang ihm u. a. die Erstbegehung der Nordwand am Arwa Tower und der Route Harvest Moon am Talay Sagar, beide Indien, die Wintererstbesteigung des Torre Egger in Patagonien, oder die Begehung von Ulvetanna und Holtanna in der Antarktis. Mit der Kamera begleitet er Extrem-Kletterer auf Expeditionen in aller Welt. Er lebt in Ringgenberg BE. www.thomassenf.ch

«Ich sterbe, wenn ich aufhöre zu laufen»

Pia Wertheimer am Dienstag den 21. Mai 2013

In Bern brach am Pfingstwochenende das Haile-Fieber aus. Der Langstreckenläufer aus Äthiopien bescherte dem Grand-Prix von Bern nicht nur einen Besucherrekord. Die Zuschauer standen zu Tausenden am Strassenrand, um einen Blick auf die Lauflegende zu erhaschen. Sie wurden belohnt: Haile Gebrselassie brach am Grand-Prix von Bern den Weltrekord der Männer über 40 Jahren auf der Distanz von 10 Meilen. Die Uhr zeigte 46.59 Minuten an, als er unter tosendem Applaus die Ziellinie querte. Was darauf folgte war ein regelrechtes Spektakel: Während der 40-Jährige auf dem Siegerpodest mit einem Maskottchen tanzte, kreischten die Fans als stünde Justin Bieber vor ihnen. Sie belagerten den mehrfachen Weltmeister und Olympiasieger auf seinem Weg zur Pressekonferenz. Er liess sich seelenruhig hundertfach ablichten, signierte Shirts und präsentierte sein weltbekanntes Haile-Lächeln.

Am Abend zuvor hatte er sich in einer der wenigen ruhigen Minuten der Altersfrage gestellt:

Pia Wertheimer: Nicht alle haben wie Sie den Laufport als junger Mensch für sich entdeckt. Macht es Sinn sich mit 30, 40 Jahren oder in der Midlifecrisis noch sportliche Ziele zu stecken?

Haile Gebrselassie: Keine Frage. Jeder sollte sich Ziele setzen, egal in welchem Alter.

Weshalb?

Verschiedene Menschen, verschiedene Ziele. Nehmen Sie meine Frau, meine Tochter – auch sie laufen. Ihnen geht es darum, ihre eigene Zeit immer wieder zu unterbieten. Andere wollen die Ziellinie eines Marathon in drei Stunden überqueren oder schlichtweg Finisher sein.

Spätzünder sind aber kaum Podestanwärter.

In diesem Fall spielt Siegen keine Rolle. Wer sportlich etwas erreichen will, muss erst sich selbst dafür gewinnen. Das ist schon ein grosser Schritt.

Sie sind nicht nur Athlet, sondern auch Unternehmer und wollen 2015 als Parlamentarier in die Politik ihres Landes einsteigen. Hilft es Ihnen, dass Sie im Sport gelernt haben zu kämpfen und durchzubeissen?

Ja, auf jeden Fall. Beim Sport geht es nicht nur ums Siegen, es geht auch um die Leistung, um eine Errungenschaft. Das ist auch im Geschäftsleben so. Ich kämpfe auch in diesem Bereich gegen Niederlagen. Genau wie an Wettkämpfen will ich nicht die Nummer zwei sein. Wer läuft, weiss was Ausdauer und Stehvermögen bedeuten. Ein Sportler akzeptiert immer wieder die Strapazen eines harten Trainings oder Rennens. Er kennt grosse Herausforderungen. Das nimmt jeder auch ins Geschäftsleben mit und profitiert davon.

Wie?

Gelingt es Ihnen, im Sport Hindernisse zu akzeptieren und sie mit zielgerichtetem Training zu überwinden, werden Sie auch bei Ihrer Arbeit Probleme als solche akzeptieren und sich aufmachen, diese zu lösen statt nur darüber zu reden – weil Ihnen die Situation vertraut ist. Viele Menschen gehen in ihrem Leben immer wieder den einfachsten Weg. Sie geben ihre privaten oder beruflichen Ziele auf, weil diese harte Arbeit erfordern. Aber wer kann schon einen Marathon beenden, ohne zu kämpfen? Niemand! Dasselbe gilt fürs Leben und Läufer geben auch im Leben nicht auf.

Sie sind eine regelrechte Lauflegende. Sie haben Dinge erreicht, wovon wir Normalsterblichen nur träumen können. Aber auch Sie werden älter. Sie sind jetzt 40 Jahre alt, müssen Sie ihre Ziele redimensionieren?

Nein, so weit ist es noch nicht.

Menschen werden mit dem Alter aber typischerweise langsamer. Auch Sie.

Wissen Sie…  (sucht nach Worten). Ja, natürlich ist es anders als vor zehn Jahren. Ich fühle mich gut und bei jedem Wettkampf überprüfe ich mich selbst. Ich lief in Wien den Halbmarathon in 61,14 Minuten und diese Niveau möchte ich nun halten.

Können Sie das?

Warum nicht?

Wegen dem Zahn der Zeit?

Vielleicht… Die Natur ist stärker. Eines Tages wird sie mich schlagen.

Kommen mit dem Alter die Schmerzen?

Die sind immer da. Die Natur gab uns unsere Beine zum Gehen nicht zum Rennen.

Sie laufen also unter Schmerzen?

Das ist schwierig zu erklären. Ich spreche nicht von Verletzungen, aber Laufen ist schmerzhaft, mühsam. Es ist ein Kampf.

Glauben Sie, dass Ihr Körper das noch lange mitmacht?

Er muss, er hat keine Wahl (lacht)! Wissen Sie, die Kommandozentrale ist mein Kopf, meine Muskeln sind nur Befehlsempfänger (grinst).

Wo wird Haile Gebrselassie mit 50, also in zehn Jahren sein?

Im Parlament.

Und seine Laufschuhe?

Noch da. Eines Tages werde ich mit den Wettkämpfen aufhören, nicht aber mit dem Laufen.

Warum nicht?

Es ist mein Leben.

Auch ohne Rekorde und Ziele?

Ja, ein Tag ohne zu laufen ist ein verlorener Tag.

Weshalb bedeutet es Ihnen so viel?

Es hilft mir überleben. Im Büro wartet viel Stress. Rennen ist der einzige Weg, meine Gesundheit zu pflegen, ohne würde ich innert Kürze mit Blutdruckproblemen oder so kämpfen.

Es geht also um die Gesundheit und ist keine Herzensangelegenheit?

Doch. Ich sterbe, wenn ich aufhöre zu laufen. Im Ernst! Das meine ich im übertragenen Sinn, aber auch wörtlich. Wir Menschen haben heute gar keine Wahl, wir müssen Sport treiben, wir müssen laufen.

Weshalb?

Das Leben ist komfortabel geworden. Wir nehmen zu oft den Lift, sitzen viel im Büro und zu Hause wartet der Fernseher. Die Menschen bewegen sich nicht genug, ernähren sich schlecht. Mal ehrlich, wie sollen wir das überleben? Laufen ist der Schlüssel dazu, die einzige Wahl – auch für unser Gehirn.

Inwiefern?

Menschen lesen, lernen und glauben dadurch klug und brillant zu sein. Das reicht doch nicht! Die Industrie stellt uns eine ganze Palette verschiedener Seifen zur Verfügung. Damit waschen wir aber nur unsere Haut. Was ist mit unserm Innern, unserem Hirn? Wo bleibt diese Seife? Genau dafür ist unser Schweiss da. Laufen und Schwitzen klärt die Gedanken, bringt neue Ideen. Sie sehen, es lohnt sich immer, sich Ziele zu setzen und dafür zu schwitzen (lacht).

Der Äthiopier Haile Gebrselassie kam am 18. April 1973 als eines von zehn Kindern in Asella zur Welt. 1996 und 2000 Gewann er die Olympischen über 10’000 Meter. Er erlief sich mehrere Weltmeistertitel und besserte 26 Weltrekorde auf. Gebrselassie lebt mit seiner Frau Alema, seinen drei Töchtern und seinem Sohn in Addis Abeba, wo er eine Firma mit rund 1000 Angestellten führt. Seit Jahren steckt er das Geld, das er mit seinen Siegen verdient, in Hotels, Kinos, Schulen und eine Kaffeeplantage in Äthiopien.

Die Altersfrage – Teil 1

Pia Wertheimer am Montag den 20. Mai 2013
Diese ganz persönlichen Projekte zeigen den Menschen, dass sie zu mehr fähig sind, als sie ahnen»: Pia Wertheimer am Greifensee-Lauf 2008, 2010 und 2012.

Diese ganz persönlichen Projekte zeigen den Menschen, dass sie zu mehr fähig sind, als sie ahnen»: Pia Wertheimer am Greifensee-Lauf 2008, 2010 und 2012.

Kürzlich erhielt ich ein langes, berührendes Mail einer Leserin. Berührend darum, weil sie sich mir anvertraute, weil mich ihr Anliegen mitten ins Herz traf. Sie schrieb: «Ich habe vor knapp zwei Jahren etwas intensiver mit Sport angefangen. Seit diesem Winter (also seit Oktober) trainiere ich nun regelmässig und konsequent. Ziel wäre, mal einen Marathon zu bestreiten. Ich habe aber immer mal wieder ein Motivationsloch beziehungsweise eine ‹Altersblockade›. Ich denke dann, dass ich doch mit 31 zu alt bin, um noch voll in dieses Metier einzusteigen.» Sie katapultierte mich damit direkt zurück in zwei der turbulentesten Jahre meines Lebens…

Auch ich bin ein Spätzünder, habe meine Leidenschaft fürs Laufen erst 2009 entdeckt. Zuvor war es Mittel zum Zweck: Die Laufschuhe schnürte ich, um mich fürs Turniertanzen fit zu halten. Ab und an stand der Greifenseelauf auf dem Programm. Es war eine ausgewachsene Krise, die mich das Laufen entdecken liess: Eine gründlich gescheiterte Ehe sowie eine angekündigte Kündigungswelle unserer Redaktion und damit die Angst meine berufliche Leidenschaft zu verlieren. Ich tigerte in diesem Tief hin und her.

Ein kraftspendender Fluchtplan

Plötzlich war er da, mein Fluchtplan – dieser Gedanke, irgendwann an einem Morgen im Jahr 2009. Ich beschloss einen Marathon ins Aug zu fassen. 42,195 Kilometer laufen – das ist Knochenarbeit. Und bei diesem Vorhaben würde es nur drei Protagonisten geben: Me, myself and I. Dieser Ausbruch sollte nicht irgendein Ziel haben. Er hatte etwas Grosses verdient: den Big Apple, die mythische Marathon-Kulisse von New York!

Nach etlichen wertvollen Fehlern, zahlreichen Trainingsstunden und nicht zuletzt dank der Unterstützung von Freunden und Familie war es ein Jahr später soweit: Ich lief im Central Park über die Ziellinie. Unvergesslich. Weder diesen Augenblick noch den Weg dorthin möchte ich missen. Mein Marathon war viel mehr als nur ein knapp vierstündiger Lauf. Er umfasste gut zwölf Monate, in denen ich laufend viel Zeit mit mir selbst verbrachte, mich neu entdeckte und neu orientierte. Das anspruchsvolle Ziel gab mir Halt und damit Kraft. Ich würde es zweifellos wieder tun – trotz den Strapazen, den Rückschlägen und den Zweifeln, die ein derart grosser Plan zuweilen mit sich bringt.

Eine Medaille von unschätzbarem Wert

Auch ich hatte damals die 30er-Marke bereits geknackt – na und? Natürlich wünschte ich heute, ich hätte diese Passion vorher entdeckt. Offenbar war die Zeit nicht reif dafür, denn die Laufschuhe standen schon Jahre zuvor im Regal – griffbereit. Ich packte aber just in dieser Krise im Jahr 2009 zu – nennen Sie es Zufall, nennen Sie es Schicksal.

Ich glaube nicht, dass es eine Rolle spielt, in welchem Alter ein Mensch seine Leidenschaft zum Sport entdeckt. Natürlich gehören die Podeste nur selten den Spätzündern. Und obschon meine New-York-Medaille nur die Finisher-Medaille ist, die jedem Läufer im Ziel umgehängt wurde, ist sie für mich von unschätzbarem Wert: Selbstvertrauen, Zuversicht, Neugierde, überschrittene Grenzen sind nur einige ihrer Facetten.

Sich Marathonziele setzen – egal in welcher Disziplin – lohnt sich immer! Sie eröffnen neue Horizonte. Es sind diese ganz persönlichen Projekte, welche den Menschen zeigen, dass sie zu mehr fähig sind, als sie ahnen. Oder in den Worten der Olympia-Hymne von Atlanta: «It’s the moment that you think you can’t, you’ll discover that you can!»

Ich habe mich mit der Lauflegende Haile Gebrselassie, der 40 Jahre alt ist, über die Altersfrage unterhalten. Lesen Sie das Interview morgen im Outdoorblog!

Vogelbeerenschnaps und die Bahnhofskatze Felix

Thomas Widmer am Freitag den 17. Mai 2013

Diese Woche von Saignelégier durch die Tabeillonschlucht nach Glovelier (JU).

Die Wanderung durch die Tabeillonschlucht trug mir ein Souvenir ein: In einem Hofladen kaufte ich mir einen Schnaps. Auf der Etikette stand «Sorbus Aucuparia». Ich hatte keine Ahnung, was das war. Meine Begleiterin Frau Z., die kenntnisreiche Gastrojournalistin, konnte für einmal auch nicht helfen.

Wikipedia wusste Bescheid. Laut der Online-Enzyklopädie handelt es sich um die Vogelbeere. Sie sei, las ich, entgegen ihrem Ruf nicht giftig. Allerdings enthielten die Beeren eine Säure, die den Magen irritieren könne. Koche man die Beeren, werde die Säure zerstört.

Der Schnaps war dann in der Tat köstlich. Er ist – wir begingen diese Route letzten November – längst getrunken.

Gestartet waren wir in Saignelégier, triumphal schien die Sonne, gesteigert wurde unsere Freude dadurch, dass ein Gutteil der Schweiz samt Zürich und Bern im Nebel hockte. Die ersten anderthalb Stunden via Les Rouges-Terres nach Pré-Petitjean stellten sich nun als lockere Schlenderei heraus. Gruppen von Tannen auf weiten Weiden, niedrige Steinmäuerchen, an manchen Stellen nackter Kalk war, was wir sahen. Kurz vor Pré-Petitjean kamen wir an dem erwähnten Hofladen vorbei. Die Bauernfamilie Farine bietet Tee an. Hausgemachte Spätzle. Und, eben, Sorbus Aucuparia.

In Pré-Petitjean frohlockten wir; wir hatten Hunger, die Auberge de la Gare war offen, ein helles, freundliches Lokal. Auf einem der Hocker an der Bar sass ein fetter oranger Riesenkürbis; sicher ein unerlöster Märchenprinz. Und bald sichtete ich den ersten Totché meines Lebens. Es handelt sich um eine jurassische Spezialität, einen salzigen Nidelkuchen mit porösem Brotteig. Frau Z. hatte ihn als Hauptspeise, ich durfte probieren, fand ihn toll.

Ein roter Wurm zog an uns vorbei

Wir zogen weiter, zuerst längere Zeit auf Hartbelag; unser Wanderweg folgte mehr oder minder den Schienen der Chemins de fer du Jura hinab nach Glovelier. Ein kleiner süsser Zug, ein roter Wurm, zog an uns vorbei. Um La Combe schlug uns eine Reihe von Etangs, versumpften, riedbestandenen, charmanten Weihern, in den Bann. Am schönsten fanden wir den ersten, den Plain de Sagne.

Die Bahn verabschiedete sich, wir betraten die Tabeillonschlucht, es wurde dunkel. Und sehr feucht, schliesslich war Spätherbst, und eine Serie von Regentagen war vorangegangen. Wir liebten die nächsten drei Viertel Stunden: das Raschellaub, die vermoosten Äste, den Bach, die glitschigen Holzbrücklein. Doch, die Combe Tabeillon kann mit jurassischen Konkurrentinnen wie der Wolfsschlucht bei Welschenrohr, der Teufelsschlucht bei Hägendorf, der Areuseschlucht zwischen Neuenburgersee und Val de Travers mithalten.

Glovelier hat eine Bahnhofskatze

Irgendwann liess der Zauber nach, die Schlucht endete und gab zwei beeindruckte Wanderer frei. Es dauerte freilich, bis wir in Glovelier anlangten, das uns stil- und trostlos vorkam. In der «Colibri»-Bar tranken wir ein Bier. Und einige Zeit darauf nahmen wir in der Buvette am Bahnhof einen Kaffee, derweil der Abend heranzog. Alle kannten sich in der Kleinststube, wir waren die Fremden, man befragte uns, woher wir kämen und welchen Weg wir gewandert seien.

Ich meinerseits erkundigte mich nach der schwarzweissen Katze, die ich vor dem Fenster des Stationsvorstands-Büros gesehen hatte, und erfuhr: Glovelier hat eine Bahnhofskatze. Sie wird von den Bähnlern gefüttert, die sie als ihr Maskottchen anschauen. Sie heisst Felix. Ich hoffe nun, Felix habe den langen jurassischen Winter gut überstanden.

Route: Bahnhof Saignelégier – Les Rouges-Terres – Pré-Petitjean – La Combe – Tabeillonschlucht – Glovelier Dorf – Glovelier Bahnhof.

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 80 Meter auf-, 540 abwärts.

Wanderkarte: 222 T «Clos du Doubs», 1: 50 000.

Kürzer: Erst in Pré-Petitjean starten, so dauert die Wanderung bis Glovelier noch 3 1/2 Stunden.

Charakter: Juraweiden und dann eine wilde Schlucht. Sonne und Schatten, sumpfige Weiher, Kalk und weidende Kühe. Leicht, weil es vor allem abwärts geht.

Höhepunkte: Der Weiher Plein de Sagne. Die Spitzkehre der Bahn bei Combe-Tabeillon. Die Tabeillonschlucht.

Kinder: Gut machbar. Allenfalls die Kurzvariante nehmen. Im Sommer ist die Schlucht angenehm schattig. Dann kann man die Strecke auch mit dem Trottinett machen, Miete in Saignelégier: Juratourisme.ch

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Die Auberge de la Gare in Pré-Petitjean ist am Montag zu. Auch in Les Rouges-Terres (Le Sapin, Di Ruhetag) und La Combe (Buffet de la Gare, Di, Mi Ruhetag) kann man einkehren.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Ist Spitzenalpinismus in der Schweiz nichts wert?

Natascha Knecht am Mittwoch den 15. Mai 2013

Ueli Steck hat das Beste getan, das er in seiner momentanen Situation tun kann: Er engagierte Andreas Bantel, Reputationsberater und Profi für Krisenkommunikation. Denn so vorbildlich und professionell der Ringgenberger Spitzenalpinist stets seine Projekte anpackt, so unglücklich formuliert waren zum Teil seine Aussagen, die er nach dem Everest-Debakel machte. Für Kritiker waren sie ein gefundenes Fressen. Häppchenweise in (zu) vielen Interviews serviert. Steilpässe, mit denen er eine Art Shitstorm auf sich selber auslöste. Krass, welche Meinungen auf den Leserbriefseiten der Tageszeitungen gedruckt und in Online-Kommentaren ausgedrückt wurden. Krass aber auch, dass Steck die Reaktionen überhaupt liest – auf seinem iPad, wie das «Migros-Magazin», sein Medienpartner, in der aktuellen Ausgabe berichtet. Er sei fassungslos. Enttäuscht, ratlos und traurig.

Nun soll bei ihm mit Andreas Bantel wieder langsam Ruhe einkehren. Steck will vorläufig keine Interviews mehr geben. In einem offenen Brief an «Freunde», den er auf seine Webseite gestellt hat, bittet er um Verständnis, dass er eine persönliche Auszeit in Anspruch nehmen werde. «Wenn ich also in der nächsten Zeit keine Telefone und E-Mails beantworte, so geschieht dies allein aus dem Grund, dass ich eine Pause benötige.»

Warum sind in der Schweiz Alpinisten keine Volkshelden?

Noch vor einer Woche sagte Steck gegenüber der «Berner Zeitung», er habe «durch das Vorgefallene einen Imageschaden erlitten.» Aber nur er. Sein Everest-Kamerad Simone Moro werde in Italien als Held gefeiert, und auch in England, der Heimat ihres Fotografen Jonathan Griffith, «steht die Gesellschaft geschlossen hinter uns. Es ist die Schweizer Mentalität: Viele Menschen und Medien hier warten nur darauf, ihrer Missgunst Luft machen zu können», so Steck.

Dass in der Schweiz wirklich «viele Menschen und Medien nur darauf warten, ihrer Missgunst Luft machen zu können» – das kann man glauben, oder auch bezweifeln. Eher ist es doch so, dass Bergsteiger in der Schweiz noch nie Volkshelden gewesen sind. Im Gegensatz zu Italien, England und anderen Ländern. Dort geniessen Alpinisten ein ganz anderes Ansehen. Dort geht jede Erstbesteigung eines namhaften Gipfels und jede Erstbegehung einer schwierigen Route als Markstein in deren Geschichte ein. Seit der Alpinismus erfunden wurde. Seit man die hohen Berge als Spielplatz entdeckt hat. Seit manche Nationen unter sich einen zum Teil erbitterten Wettkampf starteten. In der Schweiz dagegen, kam dieser «Eroberungsfeldzug» nie gut an. Eine grundsätzliche und anhaltende Ablehnung zum Alpinismus bewirkten zudem die Tragödien, die sich vor unserer Haustür abspielten und von der Welt sensationsgierig mitverfolgt wurden. Etwa bei den ideologisch belasteten Versuchen, die Eigernordwand zu durchsteigen.

Wir sind Sherpa!

Aber Missgunst? Ist es nicht eher die chronische Unwissenheit der meisten Schweizer über den Alpinismus? Erinnert sich heute zum Beispiel noch jemand an den Meiringer Melchior Anderegg oder an den Grindelwaldner Christian Almer? Ihre Hochblüte erlebten die zwei vor 150 Jahren, im Goldenen Zeitalter des Alpinismus. Zahllose Erstbesteigungen gehen auf ihre Konten, zwar «nur» als Bergführer, welche die damaligen Cracks aus England zu Ruhm und Ehre brachten. Dennoch gelten Anderegg und Almer beim elitären Alpine Club in London bis heute als «wichtig für die Historie». Und bei uns?

Oder der Genfer Raymond Lambert. Er stellte 1952 am Everest einen neuen Höhenrekord auf. Damals eine Weltsensation. Zusammen mit Tenzing Norgay kam er bis auf 8611 Meter. In Erinnerung blieb in der Schweiz nur Sherpa Tenzing. Denn Tenzing wurde im Berner Oberland, in der Bergsteigerschule Rosenlaui ausgebildet. Er war charismatisch, die Leute liebten ihn und seine bescheidene Art. Im Mai 1953 stand er dann zusammen mit Edmund Hillary auf dem höchsten Erdengipfel (8848 Meter). Wir sind Sherpa! Das war etwas ganz Neues.

Was bringt Bergsteigen der Allgemeinheit?

Selbstverständlich ist Kritik berechtigt. Es gibt nach wie vor jedes Jahr Bergtote. In den Köpfen hält sich Bergsteigen bis heute als rücksichtslose, unverantwortbare Freizeitbeschäftigung. Ein sinnlos blödes Risiko. Aber das Schönste am Hochgebirge ist bekanntlich die Freiheit. Solange man niemand anderes gefährdet, kann jeder tun und lassen was er will, mit Flipflops aufs Schreckhorn klettern oder ungebüsst auf einen Gletscher pinkeln. Auf keinem Gipfel steht ein Alpenverbandsfunktionär und nimmt eine Urinprobe, keiner pfeift einen Penalty oder brüllt von einem Leiternsitz «Out!»

Dass Leute wie ein Ueli Steck ihre Leidenschaft zum Beruf erklären und davon leben, ist eine sehr, sehr junge Entwicklung im Alpinismus – und in der Schweiz offensichtlich noch nicht akzeptiert. Was bringt das der Allgemeinheit, was ist der Nutzen davon, wird gefragt. Dass Bergsteigen im Niveau eines Ueli Stecks ganz einfach Spitzensport ist, wird gerne ausgeblendet.

Muss man alles an die grosse Glocke hängen?

Natürlich darf Steck die grossen Nordwände der Alpen alleine und ungesichert in Rekordzeit hochspeeden, Everest und Lhotse in drei bis vier Tagen überschreiten, was bisher noch kein Mensch geschafft hat. Und selbstverständlich ist die Frage berechtigt: Muss man das an die grosse Glocke hängen? Jeder Lokalzeitung ein Interview geben? Jeder Fernsehstation vor der Abreise nach Kathmandu zeigen, wie er sich in der Mönchsjochhütte à la «sleep high, train low» an die Höhe akklimatisiert. Via Al-Jazeera-TV darauf schauen, dass er in Qatar Airways einen guten Platz im Flugzeug kriegt? Warum nicht? Fussballspiele werden auch live übertragen, Siege frenetisch gefeiert, Niederlagen gemeinsam verarbeitet.

Vielleicht gelingt es der «Swiss Machine» Ueli Steck nun mit Hilfe seines neu engagierten Reputations- und Kommunikationsberater Andreas Bantel, in diesen Hinsichten etwas zu bewegen.

Wellen statt Berge

Outdoor-Redaktion am Dienstag den 14. Mai 2013

Ein Blog von Siri Schubert*

Schweizer als Ski- und Snowboardlehrer? Klar. Schweizer als Surflehrer? Hmm, nicht so selbstverständlich. Dennoch ist auf fast jeder Welle, egal ob in Europa, Australien, oder Asien, ein Schweizer Akzent zu hören, auch wenn er durch Englisch, Spanisch oder Französisch maskiert wird. Und in Galizien in Spanien eröffnet gerade das schweizerisch-deutsche Surfcamp Waverocker. Organisatoren sind der in Nebikon im Kanton Luzern aufgewachsene Tom Egli sowie Bernd Geissler und Ines Ruetz aus Deutschland, die auf der Suche nach der perfekten Welle ihre Ozean-armen Heimatländer zumindest vorübergehend hinter sich gelassen haben. Sie wollen nicht nur selbst surfen, sondern ihre Begeisterung für den Sport auch anderen vermitteln.

Ich habe die drei in der Atlantic Surf Lodge in Vieux-Boucau-les-Bains in Frankreich getroffen, einem kleinen Ort mit langem Sandstrand zwischen Bordeaux und Biarritz. Dort fand gerade der NARS Surf Coach Lifesaver Award Kurs statt, ein Ozean-Lebensrettungskurs, den Surflehrer alle zwei Jahre wiederholen müssen, um ihre Akkreditierung zu behalten. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin die einzige Nicht-Surferin im Kurs. Aber als Stand-up-Paddlerin und Instruktorin möchte ich so viel wie möglich über Wasserrettung lernen, weil es Sicherheit gibt, interessant ist und mich Meer und Wellen einfach faszinieren.

Die Sehnsucht nach dem Meer

Immer wieder müssen wir die Abläufe für das Retten von Ertrinkenden, bewusstlosen Erwachsenen und Kindern üben und zudem demonstrieren, wie wir mit und ohne Soft-Boards Ertrinkende aus dem Meer ziehen können. Ausserdem wird Theorie gepaukt und die Fitness mit Lauf- und Schwimmtest bewertet. Am Ende steht eine Prüfung und Assessor Dean Gough, Instruktor, Lifeguard und Surflehrer aus Wales, schaut genau hin, dass keine Fehler passieren. Denn die Routinen müssen sitzen, auch und gerade wenn es stressig wird. Am nächsten Tag geht es für die Teilnehmer, die noch keine Surflehrer-Akkreditierung von der International Surfing Association haben, weiter. Sie paddeln schon um 6:30 Uhr morgens im Neoprenanzug für ihre erste Lektion durch unruhige Wellen und kaltes Wasser, selbst wenn die Bedingungen durch starken Wind alles andere als ideal sind.

Zugegeben, ich bin überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit die Teilnehmer aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, die alle nicht am Meer aufgewachsen sind, durch die brechenden Wellen schwimmen, paddeln oder tauchen, Strömungen erkennen und auch richtig schwierige Wellen mit ihren Surfboards erwischen. Meine Einschätzung: Auch wenn sie nicht am Meer aufgewachsen sind, könnte man sie fast für Einheimische halten. Noch überraschter war ich, als ich erfuhr, dass die meisten der Teilnehmer nicht als Dreijährige von ihren Eltern in den Mini-Neoprenanzug gesteckt und aufs Surfbrett gestellt wurden, sondern sich den Surf-Virus erst als Jugendliche eingefangen haben. Seither haben sie alles darauf ausgerichtet, so viel Zeit wie möglich am Meer zu verbringen, bei jedem Praktikum und jedem Studienaufenthalt zählte nur das Kriterium: Gibt es dort gute Wellen?

Nun scheint die Sehnsucht nach dem Meer in der Schweiz besonders verbreitet. Jodie Winkler, Managerin der Atlantik Surf Lodge zählt viele Schweizer zu ihren Gästen und zwei der Mitarbeiter stammen aus Bern. «Was Trendsportarten angeht, sind die Schweizer immer vorne mit dabei,» sagt sie. «Sie sind einfach sehr aufgeschlossen.» Als Wassersportlerin kann ich die Sehnsucht nach dem Meer gut verstehen, auch ich versuche, so oft wie möglich ans Meer zu kommen. Doch natürlich frage ich mich, wo sie herkommt, denn in der Schweiz gibt es genug Möglichkeiten, auch ohne Meer einen richtigen Adrenalin-Kick zu bekommen. Was meinen Sie?

*Siri Schubert ist Journalistin, Medienberaterin und begeisterte Wassersportlerin. Nach mehr als 10 Jahren in den USA, die meiste Zeit davon in Kalifornien, lebt sie jetzt in Basel.

So macht Laufen Spass: Motivationstipps

Pia Wertheimer am Montag den 13. Mai 2013
Ein Frau geht mit ihrem Hund joggen. (Foto: Flickr/lululemon athletica)

Setzen Sie realistische Trainingsziele: Ein Frau geht mit ihrem Hund joggen. (Foto: Flickr/lululemon athletica)

Ich leide, wenn ich mich nicht bewegen kann – und meine Mitmenschen ebenfalls. Sport macht mich erst umweltverträglich – ab und an vielleicht sogar geniessbar. Muss ich stillhalten, vegetiere ich – gereizt, unzufrieden, geladen, gefangen. Die Endolis, wie ich meine kleinen Glücksbringer gerne nenne (im Duden auch Endorphine genannt), machen mich glücklich. Böse Zungen nennen es süchtig. Nennen Sie es, wie Sie wollen – ich bin ein Glückskind. Ich muss mich weder zwingen noch motivieren – im Gegenteil – an die frische Luft zu gehen und damit gesund zu leben. Gewichtsprobleme? Unbekanntes Terrain.

Ich brauche keine Neujahrsvorsätze, die mir genug Bewegung verschaffen. Fremd sind mir die Aussagen, wie jene meines Kollegen, dem Radio-1-Morgenshowmoderator Marc Jäggi. Mit einer regelrechten Rosskur, hatte er seinen Pfunden den Kampf angesagt. Das Ziel: ein Sixpack. Ich bewundere noch heute seine Disziplin. Sein neues Ziel? «Endlich mal Sport einfach zu meinem Leben zu machen und nicht drei Monate spinnen und drei Monate nix tun!»

Laufen zu einem Ganzjahressport machen

Ich kann ihm dabei kaum helfen – weil ich ein Glückskind bin, weil ich seine Not nicht kenne. Valentin Belz, von Runningcoach.ch hingegen schon. «Es gibt grundsätzlich den intrinsisch und den extrinsisch motivierten Läufer. Wer des Laufens willen läuft, kennt keinen Jojo-Effekt. Alle anderen hingegen schon.» Und jetzt kommt’s: «In diesem Fall ist Laufen ein ziemlich mühsamer Sport.» Denn wer zwei bis drei Wochen keinen Meter laufe, plage sich nach den ersten zwei bis drei Einheiten sofort wieder mit Muskelkater herum. Sein Körper ist sich die Belastungen nicht mehr gewohnt.

Belz, ist verantwortlich für den dynamischen Trainingsplan, der von Viktor Röthlin, Markus Ryffel und seinem Bruder Christian Belz entwickelt wurde. Er weiss, dass die Abonnenten von Runningcoach.ch im Winter beispielsweise weniger laufen. «Die Dunkelheit, die eisigen Strassen und die fehlenden (Wettkampf-)Ziele mögen mögliche Ursachen sein.» Für Belz steht deshalb fest: Das Ziel sollte sein, das Laufen zu einer Ganzjahressportart zu machen. Und wer beginnt, steht vor einer grossen Falle: dem Übereifer. «Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.» Beim Laufen sei es ganz entscheidend, dass man seinem Körper genügend Zeit gebe, damit er sich an die Belastung gewöhnen kann. «Der Motor mag zu mehr fähig sein, aber das Fahrgestell braucht seine Zeit.» Belz rät deshalb: zuerst die Häufigkeit steigern, dann die Dauer und erst am Schluss die Intensität.

Mit dem Laufen kommt die Freude

In der Praxis sehe es meistens so aus, dass die Leute bei jeder Einheit versuchen, eine neue Bestzeit aufzustellen. Ja, liebe Männer, das gilt besonders für euch! Belz kennt das Resultat: «Nach wenigen Wochen gibt es keine Verbesserung mehr und die Motivation ist weg.» Viel besser fahre man, wenn man systematisch trainiere und vor allem die Basis pflege. Drei Viertel der Trainingseinheiten sollten deshalb locker sein.

Für Belz steht fest: «Wenn Sport ein wahres Bedürfnis ist, dann funktioniert es. Dann räumt man ihm den nötigen Platz ein – auch in einer vollen Agenda.» Wer aber, wie Kollege Jäggi, Mühe hat, das richtige Mass zu finden, soll sich realistische Ziele setzen. Der Laufexperte schlägt beispielsweise vor: zwei Hauptwettkämpfe pro Jahr, 100 Laufkilometer pro Monat, vier Einheiten Sport pro Woche, 3000 Radkilometer pro Jahr, und so weiter… Es hilft aber auch, verbindliche Termine zu schaffen: Kneifen liegt dann nicht drin. Schliesslich lässt man den Arbeitskollegen nur einmal früh morgens im Regen stehen.

Für Marc Jäggi und Seinesgleichen ist allerdings nicht Hopfen und Malz verloren, denn mit dem Essen (sprich Laufen) kommt auch der Appetit (sprich Genuss) – oder?

Tessin und Tessinchen

Thomas Widmer am Freitag den 10. Mai 2013

Diese Woche in der unteren Leventina.

Vor gut zwei Wochen fuhr ich die Leventina hinab, deren Name übrigens auf die Lepontier zurückgeht. Das halb etruskische, halb keltische Volk siedelte einst in dem Tal. In Faido wechselte ich vom Zug auf den Bus, in Bodio, bei der Haltestelle «Bivio per Personico» stieg ich wieder aus. Die Sonne war daran, sich durch Hochnebel und Dunstreste zu kämpfen.

Ich ging los, über den Ticino, unter der Autobahn hindurch. Am oberen Ortsrand von Personico, wo der Höhenweg hinüber nach Chironico beginnt, packte mich ein erstes Mal das typische Glücksgefühl des Tessinwanderers: der Granit. Die feuchte Wärme. Die huschenden Eidechslein allenthalben und die alten Kastanienhüllen auf dem Pfad. Bald kam der erste Bildstock hinzu. Die Kraft seines erhabenen Platzes machte die lärmige Autobahn tief unten vergessen.

Mal auf einem Waldweg, mal auf einem Fahrsträsschen, mal auf einer Granittreppe durch eine wilde Schlucht gelangte ich nach Faidal, einem stattlichen Weiler. Ein Mann, der einzige Mensch vor Ort, werkte friedlich an seinem Rustico, kam dann zu mir auf die Bank, setzte sich. Er erzählte, er sei von Giornico, und das Rustico gehöre seiner Frau. Der Aufstieg vom Parkplatz weit unten sei steil. Waren trage man, oder man lasse den Helikopter kommen, was aber 35 Franken in der Minute koste. Und: Im Sommer sei es in Faidal geradezu turbulent, dann wimmle es von Familien mit Kindern.

Schweizmobil-App sei Dank

Der Weg wurde schmaler, führte auf den nächsten Kilometern immer wieder durch steile Hänge. Ausgesetzt war er nie, doch ich musste auf meine Schritte achten. Ärgerlich war die schlechte Signalisation, zweimal verlief ich mich und war froh um das Schweizmobil-App auf meinem Handy, das mir meinen Standort und den Wanderweg genau anzeigte. Am Hang gegenüber sah ich jene Höhenterrasse, über die die Strada Alta verläuft, samt einigen Dörfern. Alles schneefrei. Ich beschloss, bald auch dort zu wandern.

Irgendwann kam ein Abzweiger, ich hätte nach Giornico hinab halten können, dessen uralte Kirche San Nicola, lombardische Romanik, mich jedes Mal berührt. Stattdessen ging ich weiter geradeaus, erahnte einige Male die Felswände zu meiner Rechten, die ich aber nicht sah, genoss die Sonne, die gesiegt hatte. Ein schweisstreibender Aufstieg durch eine Halde mit Büschen und vom Winterschnee niedergedrückten Farnwedeln, dann war ich an jenem Punkt oberhalb von Sacco, an dem ein Strässchen beginnt. Auf dem begrasten Seitenstreifen zog ich vorwärts, passierte Orsino und Grumo und kam nach Chironico.

Tessin trocknet aus

Chironico ist gross, Chironico hat Attraktionen. Die erste besteht aus seiner Geländeterrasse, die durch einen prähistorischen Bergsturz am Gegenhang entstand. Meine zweite Attraktion war das Ristorante Pizzo Forno, in dem ich ein Bier trank, das ich begehrt hatte wie selten ein Bier; Tessin trocknet aus. Drittens fand ich den Rollator lustig, den eine Nonna in ihrer grossen Garage geparkt hatte. Und viertens war da der mittelalterliche Wohnturm Torre dei Pedrini. Doch, ich mochte Chironico, das vom Fluss Ticinetto durchströmt wird, also dem «Tessinchen». Schliesslich stieg ich ab nach Lavorgo, wo die Wanderung endete. Ich will bald wieder ins Tessin, es bereichert mich jedes Mal neu.

***

Route: Bodio (Bushaltestelle «Bodio, Bivio per Personico» der Linie Faido – Biasca) – Personico – Venn – Faidal – Magianengo – Sacco – Grumo – Chironico – Nivo – Lavorgo

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 910 Meter aufwärts, 620 abwärts.

Wanderkarte: 266 T «Valle Leventina», 1: 50 000. Der Weg ist im Mittelteil mangelhaft signalisiert.

Kürzer: Bei Catto nach Giornico absteigen. 3 1/2 Stunden. 610 Meter aufwärts, 550 abwärts.

Charakter: Tessin, Tessin, Tessin mit Granittreppen, Eidechslein, ganzen und verfallenen Rustici. Im Mittelteil schmale Pfade, nicht ausgesetzt, Trittsicherheit ist trotzdem nötig.

Höhepunkte: Der Bildstock hoch über Personico. Der in den Hang sich duckende Rustici-Weiler von Faidal. Die vielen Tiefblicke auf die Leventina; sogar die Autobahn (auf einem Gutteil der Strecke hörbar) wird schön.

Kinder: Machbar, aber man muss sie im Auge behalten.

Hund: Machbar.

Einkehr: «Pizzo Forno» in Chironico. Di Ruhetag. Zimmer. www.pizzoforno.ch

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com