Leben


Erleuchtung im Prättigau

Thomas Widmer am Freitag den 3. Februar 2012

Früh oder nicht früh, das ist hier die Frage. Ich entscheide mich für früh, gehe um 5 Uhr 55 aus dem Haus und bin kurz vor neun schon in St. Antönien. Kurzweilig die Busfahrt von Küblis hinauf ins Dorf, das mit dem Slogan «Hinter dem Mond, links» für sich wirbt: Eine Schar Erstklässler oder so ist mit der Lehrerin unterwegs zum Skilift. Bei der einen Haltstelle stösst ein Bub dazu. «Morgä, Jamie», krähen die Kinder im Chor.

In «St. Antönien Platz» steige ich aus, belämmert von den Kindern und vom Tiefblick ins Schanielatobel. «Platz» klingt als Ortsbezeichnung immer ein wenig verwirrlich. Es ist typisch für die Walser, jene alpinen Siedlungspioniere des Mittelalters, die auch St. Antönien begründeten. Sie pflegten den Kern ihrer Orte «Platz» zu nennen: Davos-Platz, Safien-Platz usw.

Bäuchlings wie ein Curlingstein

Im Tourismusbüro erkundige ich mich, wo der Winterwanderweg nach Pany anfängt. Der Mann hinter dem Schalter erklärt es mir. Und ich stelle wieder einmal fest, wie freundlich die Leute dieses Prättigauer Seitentals sind. Das kleine und feine St. Antönien, um die kleine und feine Kirche von 1493 gruppiert, hat sich einen Rest prä-touristischer Unschuld bewahrt.

Aufwärts am Volgladen vorbei aus dem Dorf und nach der Schule das Strässchen links den Hang hinauf Richtung Aschüel, das ist der Trick. Derweil ich Höhe gewinne, fährt ab und zu ein Subaru vorbei. Bei einem Bauernhof ist die Strasse plötzlich glatt wie eine Eisbahn. Ich beginne rückwärts zu rutschen, gehe gemächlich in die Knie, beuge mich nach vorn, dann falle ich auf die Hände und rutsche bäuchlings vier, fünf Meter talwärts wie ein Curlingstein. Gut, hat es niemand gesehen.

In einem Tunnel unterquert die Strasse die Skipiste, dann kommt ein Abzweiger mit Sommerwegweisern, ich gehe links, Richtung Pany. Die folgende lange Passage bis zum Chrüzhof ist das Filetstück meiner Route: Unter dem Kreuz, auch «Rigi des Prättigaus» geheissen, steige ich zuerst durch stillen Wald aufwärts. Dann kommt im freien Gelände ums Capöllerbüel die Weitsicht. Ich habe im Rücken die Felsmauer der Drusenfluh, vor mir aber zur Linken die Berge um Klosters und Davos und geradeaus die Hochwangkette. Die Schönheit des Szenarios raubt mir den Atem.

Die Meerestiere von Pany

Die Sonne wärmt mich jetzt, nachdem ich zuvor fror, weil ich in der Morgenkälte gestartet war. Die Bodenhütte finde ich weiter unten leider geschlossen vor. Die fehlende Viertelstunde bis elf Uhr warten mag ich nicht, obwohl der Hüttenweiler seine Poesie hat mit den dick wattierten Dächern und dem sonnengeschwärzten Holz. Ich nehme mir vor, in Pany zu essen.

Nach dem Chrüzhof, einem Bauernhof mit Wirtschaft, wird zur Skilift-Talstation hinab alles gewöhnlich, die letzte Viertelstunde gehe ich auf der Strasse. In Pany nehme ich bei «Don Antonio» die empfohlenen Spaghetti allo scoglio mit Muscheln, Tintenfischchen, Crevetten. Sie munden. Hernach, als ich vollen Bauches wieder auf die Strasse trete, kost mich die Sonne, dass ich nicht schon heimreisen mag. Ich wandere, schlittere, rutsche auf dem Sommerwanderweg über gefrorene Fusssstapfen noch ein Dorf tiefer.

In Luzein formuliere ich, berauscht vom gleissenden Licht, die Bilanz der Wanderung in einem Satz, der da lautet: Im Prättigau ward mir die Erleuchtung zuteil.

Route: St. Antönien-Platz – Abzweiger Aschüel – Aschüel – Capöllerbüel – Bodenhütte – Chrüzhof – Skilift Pany, Talstation – Pany – Sommerwanderweg – Luzein, Alte Post (Bus).

Gehzeit: 2 ½ bis 3 Stunden bis Pany. Zusätzlich 30 Minuten für das Stück Pany – Luzein.

Höhendifferenz: 350 Meter auf-, 800 abwärts für die ganze Strecke St. Antönien – Luzein.

Charakter: Nach St. Antönien und vor Pany Strässchen, zum Teil vereist oder schneebedeckt, zum Teil aper. Im Mittelteil gewalzte breite Piste durch den Schnee. Mittlere Anstrengung. Gewaltige Aussicht.

Höhepunkte: St. Antönien, seine kleine, feine Kirche, der Kirchfriedhof. Und der perfekte Winterwanderweg ums Capöllerbüel mit den Bergen rundum.

Tipp: Der Weg ist vielbegangen. Am besten unter der Woche oder früh!

Auskunft/Prospekt: www.st-antoenien.ch, dann «Tourismus». Es gibt in der Gegend weitere schöne Pfade.

Einkehr: St. Antönien, Bodenhütte, Chrüzhof (www.chruezhof-pany.ch), Pany, Luzein.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Weshalb Zürcher Biker Millionen aufs Spiel setzen

Simon Eppenberger am Donnerstag den 2. Februar 2012

Die Bikeszene in Zürich hat ein Problem. Die Stadt will den grössten Bikepark bauen, den eine Schweizer Gemeinde je geplant hat. Die Ausgangslage scheint gut, schliesslich beabsichtigt Zürich, hinter der Überbauung Sihlcity zwei Millionen Franken für Biker zu investieren. Pumptracks, Dirtjumps und eine BMX-Bahn sollen dort entstehen – eine Anlage, die von den Bikern herbeigesehnt wird wie das Hardturm-Stadion von Fussballfans. Doch das Projekt droht zu kippen.

Dabei sind es nicht Politiker, die mit dem Rotstift Budgets für Sportanlagen zusammenstreichen. Es sind auch nicht Anwohner, die dagegen rekurrieren, wie beim Freestyle-Park, der erst nach jahrelangen Verfahren auf der Allmend endlich entsteht. Die Gründe liegen in der Geschichte dieses Sports und dem Alleingang eines Bikers.

Das Projekt Sihlcity hat bereits zwölf Jahre auf dem Buckel. Eine Zeit, in der Pläne geschmiedet und gekippt, Hoffnungen geweckt und wieder zerstört wurden. Eine Zeit, in der sich das Biken vom simplen Off-Road-Fahren zu einem Sport mit einem halben Dutzend Disziplinen entwickelt hat. Eine Zeit auch, in der innerhalb der Zürcher Szene nicht nur Brücken geschlagen, sondern auch tiefe Gräben ausgehoben wurden und Freunde zu Feinden mutierten.

Eine umfassende Analyse der Ursachen würde wohl für eine soziokulturelle Masterarbeit der pädagogischen Fachhochschule reichen. Doch für einige Antworten lohnt sich der Blick zurück auf die Entstehung des Mountainbike-Sports.

Hauptsache Freiheit

Als eine Handvoll Kalifornier Ende der 60er-Jahre ihre schweren Räder mit den dicken Reifen bergauf schoben, waren sie beseelt von einem Gefühl der Freiheit. Sie hatten die geteerten Strassen verlassen und ratterten Off-Road ins Tal. Der Pioniergeist steckte immer mehr junge Menschen an, Bikes wurden modifiziert, Bergwege und Waldpfade erobert und schliesslich war das Mountainbike geboren. In den 80er-Jahren erreichte das neue Rad die Schweiz und Zürich.

Die neue Freiheit, die das Bike versprach, faszinierte in der Limmatstadt immer mehr Leute. Die anfangs kleinen Gruppen von Bikern, die den Uetliberg hinabfuhren, wurden immer grösser. Sie begannen, sich eigene Weg durch das Unterholz zu bahnen. Dieser Freiheitsdrang führte zu Konflikten. Fussgänger erschreckten, wenn «wilde Biker» auf den Forstwegen an ihnen «vorbeirasten», Förster und Wildhüter waren plötzlich mit zahlreichen illegalen Trails konfrontiert. Mit jedem Jahr wuchs die Bike-Gemeinde, die Fronten verhärteten sich.

Einsatz für die Legalität

Während die meisten Biker am Feierabend vor allem ihre Freiheit auf zwei Rädern ausleben wollten, erkannten einige von ihnen, dass der Moment längst gekommen war, sich für offizielle, legale Trails einzusetzen. So entstand um die Jahrtausendwende das Projekt eines Bikeparks auf der Allmend. Mit Herzblut gestartet, schien es zu fruchten. Die Stadt signalisierte Interesse, zusammen mit dem Verein Freestylepark traten die Biker als grosse Sportlergruppe auf. Und mit Think & Build Velosolutions stand bald eine junge Firma für Streckenbau bereit, um den Bikepark professionell zu realisieren.

Was danach ablief, wird von jedem Beteiligten unterschiedlich beschrieben. Klar ist: Es führte zu viel Frust auf allen Seiten. Das blockierte Freestyle-Projekt behinderte auch den Bikepark, Velosolutions trat in die zweite Reihe, die Stadt wusste nicht, wie eine solche Anlage zu bauen und unterhalten ist. Und als der Freestyle-Verein sich nur noch auf den Skatepark konzentrierte, hatten die Biker keine klare Struktur mehr, die sie vertrat. Andere «Baustellen» wie die Trails am Uetli- und Zürichberg absorbierten die verbliebene Energie, das Projekt Sihlcity verschwand unter die Oberfläche.

Öffentliches Interesse

An dieser Stelle hätten sich die Biker vereinen können, um als geschlossene Gruppe mit der Stadt weiterzuarbeiten. Doch einen Verein zu gründen, behagte den freiheitsliebenden Individualsportlern wenig. Und verglichen mit anderen Massensportarten war das Biken noch immer jung. Damals in Kalifornien, als das Bike erfunden wurde, brauchte es so etwas auch nicht. Die bis anhin vorhandenen Trails und Dirtjumps waren auch ohne Verein fahrbar. Als die Rufe nach einer Vereinsstruktur trotzdem lauter wurden, sprach sich ein wichtiger Kopf der Bike-Szene dagegen aus.

Pete Stutz, Inhaber des ältesten Bikeladens der Stadt, Swiss-Cycling-Vertreter und Ur-Biker in Personalunion, führte ins Feld, dass ein allgemeines Bedürfnis von der öffentlichen Hand befriedigt werden sollte. So wie Fussballclubs auf öffentlichen Plätzen spielen können, sollten Biker auch auf Trails fahren können, welche von der Stadt betrieben werden. Sein Argument leuchtete mit Blick auf andere Städte ein. So hatte beispielsweise der Berner Bike-Verein Trailnet einen derart guten Trail mit Bahnanschluss gebaut, dass er lange Mühe hatte, die Strecke stetig zu unterhalten. Die Zahl der Abfahrten hatte so stark zugenommen, dass die Pflege des Trails zu einem Teilzeitjob wurde, der dem Verein enorm viel abverlangte. Das sollte in Zürich nicht passieren.

Betonharter Kampf

Also nickten viele Biker und schaufelten in losen Gruppen weiter an ihren (halb)legalen Lieblingstrails. Stutz baute seine Stellung als Vertreter der Biker aus und nutzte seinen Einfluss bei der Stadt, um sich für einen Pumptrack auf dem Zürichberg einzusetzen. Die Begeisterung war gross, als das Pionierprojekt schnell vorangebracht wurde, viele legten selber Hand an. Doch dann kam etwas ins Spiel, das in der Zürcher Bikeszene bisher eine Nebenrolle spielte: Geld.

Denn für den Pumptrack brauchte es Profis, die wussten, wie eine solche Anlage gestaltet werden musste. Das Bedürfnis erkannte Stutz als Erster und gründete die Pumptracks GmbH. Sie realisierte dann im Auftrag der Stadt die Anlage auf dem Zürichberg. Viele Biker freuten sich, dass der Sport durch solche Firmen professioneller wurde. Doch Geld bedeutet auch Macht.

Mit den Aufträgen in der Tasche verdiente die Biketrail-Firma nicht nur, sondern bestimmte auch, wie die Anlagen gebaut wurden. Diese Praxis ist üblich und macht Sinn. Aber nur, wenn sich der Grossteil der Kunden vom Lieferanten ernst genommen fühlt. Bereits auf dem Zürichberg begann Pumptracks jedoch, seltsame Fehler zu machen.

Nach der ersten Begeisterung merkten die Biker schnell, dass die Anlage stark verbesserungswürdig ist. Doch entsprechende Anregungen wurden seitens Pumptracks ignoriert, Fragen blieben unbeantwortet. Die Kommunikation, das zentrale Element in einer solchen Phase, wurde abgewürt.

Der anfängliche Rückhalt in der Szene schwand. Als dann klar wurde, dass Pumptracks den Zürichberg lediglich nutzte, um sich mit dem Sihlcity-Park das wichtigste Projekt der Schweiz zu angeln, rieben sich viele Biker die Augen. Schliesslich war das Vorprojekt noch nicht einmal ausgereift, geschweige denn eine Referenz für einen derart grossen Park. Am stärksten in der Kritik steht dabei die Absicht, die künftigen Dirtjumps beim Sihlcity aus zementgebundenem Material zu bauen.

300 Mitglieder in einem Jahr

Für Stutz macht das jedoch Sinn. Er verspricht damit der Stadt, wartungsarme Jumps realisieren zu können, die Regen und Schnee widerstehen. Die Biker fürchten jedoch um ihre Sicherheit, wenn sie auf den pickelharten Sprüngen stürzen. Zudem ist Dirtjumps eigen, dass sie kaum normiert werden können. Bis heute werden rund um die Welt die Sprünge aus Lehm gebaut und erst durch die Benutzung und stetige Verbesserung so geformt, dass ein Dirtpark den gewünschten Flow entwickelt.

Weil sich die Stadt aber gewohnt ist, bei Bauprojekten mit der Privatwirtschaft zusammenzuspannen, arbeitet sie weiter mit Pumptracks und trieb das Projekt Sihlcity voran. Spätestens als auch der Trail am Uetliberg und die Situation am Dolder vor wichtigen Entscheidungen standen, hatten die Biker ein Problem. Sie fühlten sich von Stutz nicht nur schlecht vertreten, sondern hinters Licht geführt. Nachdem er sich lange gegen die Gründung eines Vereins aussprach, hielt er nun alle Fäden in der Hand. Er hatte nicht nur die Beziehungen zur Stadtverwaltung über Jahre gefestigt, sondern war mit Pumptracks zum Berater und sogar Planer des Millionen-Projektes geworden.

Um mitreden zu können, organisierten sich die Biker vor einem Jahr schliesslich in einem Verein. Der Zuspruch in der Szene war enorm, mittlerweile gehören rund 350 Biker dem Verein Züritrails an (darunter auch Stutz sowie der Verfasser dieses Textes). Die Stadt hat Züritrails in kurzer Zeit als legitimen Vertreter der Szene akzeptiert und an den Verhandlungstisch geholt.

Dort hat Züritrails die Bedenken zum Sihlcity-Park dargelegt. Das Verfahren wurde trotzdem weitergezogen – und am betonähnlichen Material festgehalten. Das führte dazu, dass sich andere Streckenbauer gar nicht erst um den Auftrag bewarben, bzw. die Vorgaben nicht erfüllten und deshalb ausgeschlossen wurden. Sie wollen keine betonharten Sprünge verantworten. In der Folge sprach sich der Verein so vehement gegen die Pläne aus, dass die Stadt handeln muss. Die Entscheidungsträger in der Verwaltung werden sich deshalb in der kommenden Woche treffen. Sie werden dann wohl entscheiden, ob und wie es mit dem Projekt weitergeht.

Es ist zu hoffen, dass die Stadt sich selber, dem Bikesport und seinen Exponenten die Chance bietet, sich weiter zu entwickeln und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Dafür muss man miteinander reden und einander ernst nehmen. Das Sihlcity-Projekt ist zu wichtig, als dass es abgesägt, zusammengestrichen oder fragwürdig gebaut werden darf. Der Bikepark wird nicht nur in Zürich eine wichtige Infrastrukur sein, sondern könnte ein Vorbild für Bike-Projekte der öffentlichen Hand werden.

In dieser Geschichte geht es nicht in erster Linie um Querelen innerhalb der Szene, die allzu schnell als Grabenkämpfe zwischen einer Biketrail-Firma und firmenlosen Trailbikern wahrgenommen werden. Die allermeisten Biker und Züritrails sind froh, wenn ein Park von Profis gebaut wird. Sie wollen aber als spätere Nutzer aktiv an der Planung beteiligt werden und zu einer optimalen Anlage beitragen. Bis dahin möchten sie zumindest erklärt bekommen, weshalb der Bikepark Sihlcity – so wie geplant – ein guter und sicherer Park sein soll. Schliesslich braucht ein noch junger Sport die bestmögliche Anlage, um zu wachsen. Und nicht zuletzt schaut auch das Bundesamt für Sport gespannt auf das Pionierprojekt, das eine Referenz für künftige Bikeparks werden soll.

Ob der leidigen Geschichte geht manchmal vergessen, was den Bikern (selbst in Zürich) am wichtigsten ist: Sie wollen gute Trails fahren.

Zwei Jungkletterer spalten die Alpinistengemeide

Natascha Knecht am Mittwoch den 1. Februar 2012

Die «Kompressorroute» am Cerro Torre entfernt und die alpinistische Freiheit neu definiert: Hayden Kennedy (l.) und Jason Kruk in Patagonien. (Bild: Jason Kruk/Teton.outerlocal.com)

Gewisse Themen sind so heikel, dass sie unter Alpinisten Endlosdebatten auslösen können – und sogar Gewaltbereitschaft. Zum Beispiel das Thema Bohrhaken. Ist es ethisch vertretbar, eine Felswand zu verbohren und damit dem Berg einen irreparablen Schaden zuzufügen? Falls ja, wie viele Haken sind in Ordnung? Oder anders herum: Darf man aus einer Kletterroute, die ein anderer erschlossen hat, Haken entfernen? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Aktuell sorgt ein Vorfall am Cerro Torre in Patagonien für dunkelrote Köpfe: Der 3128 Meter hohe Granitturm an der argentinisch-chilenischen Grenze gilt wegen der steil aufragenden, glatten Felswände und der extrem widrigen Wetterbedingen als einer der schwierigsten Kletterberge der Welt – und als einer der geschichtsträchtigsten.

Cerro Torre (Bildmitte) rechts anschliessend Torre Egger, Punta Herron und Cerro Standhard. (Bild: Wikipedia)

Nun begingen dort der Amerikaner Hayden Kennedy und der Kanadier Jason Kruk am 17. Januar 2012 eine Variante der historischen «Kompressorroute», nach eigenen Angaben «by fair means» (das bedeutet, ohne die Bohrhaken der «Kompressorroute» zu nutzen, was ihnen – wie sich später herausstellte – allerdings nicht ganz gelang). Beim Abstieg entfernten sie in der Headwall und in einer Seillänge darunter sämtliche Bohrhaken der «Kompressorroute». Insgesamt 125 Stück. Nachdem ihre Aktion bekannt wurde, entwickelte sich eine wilde Kontroverse. Eine Gruppe von 40 Personen versuchte gar, Kruk nach der Rückkehr zu lynchen, die argentinische Polizei griff ein, verhörte die beiden Jungkletterer und beschlagnahmte die Bohrhaken.

Massaker am Berg

Weshalb so hitzig? Die Vorgeschichte der «Kompressorroute» ist legendär: Lange galt der Cerro Torre als «unmöglich», alle Versuche, den Gipfel zu erklimmen, scheiterten. 1959 nahmen der Italiener Cesare Maestri und der Österreicher Toni Egger einen Anlauf durch die Nordwand. Egger geriet (angeblich beim Abstieg) in eine Eislawine und starb. Maestri behauptete, sie hätten den Gipfel erreicht, doch das Beweisfoto konnte er nicht vorweisen, weil seine Kamera im Rucksack von Egger gewesen sei. Weder Toni Egger noch sein Rucksack wurden bis heute gefunden. Maestris Schilderungen gerieten immer mehr unter Zweifel, kaum einer nimmt ihm die Erstbesteigung von 1959 ab.

Mit dieser Kritik wollte Maestri nicht leben. 1970, elf Jahre später, kehrte er zum Cerro Torre zurück – und bohrte sich wie ein Besessener mit Hilfe eines hundert Kilo schweren Kompressors die Nordostwand empor. Nachdem er den Berg mit bereits 300 Haken verschandelt hatte, drehte das patagonische Wetter, Maestri musste aufgeben. Aber noch im selben Jahr reiste er wieder an und «massakrierte» den Berg mit weiteren 100 Bohrhaken – daher der Name «Kompressorroute». Maestri stieg aber nicht ganz auf den Gipfel, sondern nur bis zum Ende der Headwall. Den instabilen, 35 Meter hohen Gipfelschneepilz mochte er nicht erklimmen, weil er diesen nicht als Gipfel anerkannte und glaubte, er werde ohnehin eines Tages weggeblasen.

Kompressor

1970: Cesare Maestri mit seinem Kompressor und seinem Team.

Maestri erachtete den Berg als bestiegen und seine Ehre als wieder hergestellt. Vor dem Abstieg habe er noch überlegt, ob er die Bohrhaken wieder herausbrechen und die Wand so hinterlassen solle, wie er sie vorgefunden habe – damit keiner, der die Route zu wiederholen versucht, von den Löchern profitieren kann, die er gebohrt hatte. Aber letztlich war es Maestri wichtiger, dass alle Zweifler sehen konnten, dass er den Cerro Torre bestiegen hat. Als erster Mensch. Seine Bohrhaken-Leiter (siehe Bild unten) war für ihn der unanfechtbare Beweis für die Nachwelt. Beim Abseilen entfernte er dann 20 Haken, zerstörte den Kompressor, der übrigens noch heute in der Headwall hängt, und warf alles über die Wand, was für andere irgendwie hätte hilfreich sein können (Klemmkeile, Karabiner, Seile, etc.).

Die ehemalige Bohrhaken-Leiter am Cerro Torre. (Bild: Dörte Pietron)

Heute stecken 125 Haken (markiert) weniger: Die ehemalige Bohrhaken-Leiter am Cerro Torre. Zu sehen: Rolando Garibotti. (Bild: Dörte Pietron)

Maestris Bohrhaken-Wahnsinn löste eine Polemik aus. Viele betrachteten die «Kompressorroute» als Symbol eines «entweihten Bergs», als Klettersteig, des Alpinismus unwürdig. Jahrzehntelang wurde debattiert, ob Maestris Bohrhaken entfernt werden sollen. Die einen fanden: Ja, man müsse dem Berg seine Wildheit zurückgeben. Die anderen: Nein, die Route sei historisch, Teil der Klettergeschichte, und das müsse respektiert werden. Viele, die die Route wiederholen konnten, sagten, höchstens zehn Prozent der 380 Bohrhaken seien nötig.

Der Kompressor hängt noch in der Wand. (Bild: Dörte Pietron)

Maestri zerstörte seine Kletterhilfe und liess sie am Berg: Der Kompressor hängt noch in der Wand und dient inzwischen als Standplatz. (Bild: Dörte Pietron)

Eine Alpinisten-Versammlung beschloss: Die «Kompressorroute» bleibt

Wie delikat die Angelegenheit ist, zeigt auch der Eklat von 2007. Zwei Amerikaner hatten sich damals vorgenommen, die «Kompressorroute» so clean wie möglich zu klettern, also möglichst keine von Maestris Bohrhaken zu benutzen. Und falls sie dies schafften, wollten sie alle überflüssigen Bolts entfernen. Das brachte einen anderen Bergsteiger im Basislager so in Rage, dass er ihr Zelt demontierte und drohte, ihre Ausrüstung in eine Gletscherspalte zu werfen und die beiden anzugreifen. Später prügelte er sich deswegen mit einem anderen Amerikaner so heftig, dass er im Spital geröntgt werden musste. Daraufhin versammelten sich rund 40 argentinische und internationale Bergsteiger in El Chalten, um über die Zukunft der «Kompressorroute» einen Konsens zu finden. Am Schluss entschieden sie mit 30 zu 10 Stimmen, die Bohrhaken am Berg zu lassen. Protokollführer Vincente Labate fasste zusammen:

Die Meinungen wurden offen ausgetauscht, doch die Angelegenheit ist noch nicht zu Ende. Aber an folgenden Grundsätzen wollen wir festhalten:

- Nein zu weiteren Bohrhaken-Leitern an einem der Berge, ab sofort
- Ja zu gemeinsamen Lösungsfindungen
- Nein zu jeder Art von Herrschaftdenken und -handeln
- Ja zur Akzeptanz, dass Geschichte Teil unserer Kultur ist

Alpinismus basiert auf dem Prinzip der Freiheit

Trotz dieses demokratisch getroffenen Beschlusses von 2007 nahmen sich nun die Jungkletterer Kennedy (21) und Kruk (24) die Freiheit, die historische Kompressorroute «zu entsorgen». Für die einen sind sie «Helden», für die anderen «Vandalen», «arrogante amerikanische Cowboys» oder «Personae non gratae». In den Kletterforen gibt es Tausende von Kommentaren (insbesondere im amerikanischen SuperTopo und im italienischen FuoriVia). Die Argumentationen provozieren und führen ins Uferlose.

Die Diskussion sollte sich aber nicht nur darum drehen, ob Kennedys und Kruks Aktion gut oder schlecht war, sondern auch um den Grundsatz. Der Alpinismus basiert auf dem Prinzip der Freiheit. Mit ihrer Selbstjustiz, eine 40-jährige Route an einem Symbolberg zu entfernen, haben Kennedy und Kruk die bergsteigerische «Freiheit» neu definiert. Sollte ihr Prinzip zur Norm werden, kann sich künftig jeder das Recht nehmen, Routen nach eigenem Gutdünken auszubrechen oder zu verändern. Bis anhin galt das ungeschriebene Gesetz: Jeder darf eine Begehung von anderen anzweifeln, dagegen sein, oder sie in Frage stellen. Aber eine Route darf man nur verändern, wenn der Erschliesser sein Einverständnis gibt. Wo führt das jetzt also hin?

Kompressorroute

Die entfernten Bohrhaken aus der «Kompressorroute» auf dem Tisch der Polizei in La Chalten. (Bild: Lacachania.com.ar)

Eine neue Ära hat begonnen

Zehn Tage nach ihrem Tun erklären Kennedy und Kruk ihre Motivation in einem ausführlichen Communiqué:

«Wer hat dem Cerro Torre Gewalt zugefügt? Maestri, der die Hacken reinbohrte, oder wir, die sie entfernten? (…) Wir sind Teil der nächsten Generation, eine junge Gruppe von ehrgeizigen Alpinisten. (…) Eine Menge Leute kletterten die ‹Kompressorroute› und hatten Spass. Aber jetzt beginnt eine neue Ära.»

Dass die Bolts der «Kompressorroute» unnötig waren, habe David Lama soeben bewiesen, schreiben sie. Vier Tage nach ihrer Aktion gelang dem 21-jährigen Österreicher mit Peter Ortner als erstem Alpinist die freie Begehung der Südostwand des Cerro Torre, also ohne sich mit technischen Hilfsmittel fortzubewegen oder diese zu belasten.

David Lama

David Lama kletterte den Cerro Torre als erster Alpinist ohne technische Hilfsmittel. (Foto: Red Bull Content Pool)

Für diese ausserordentliche Leistung, welche durch die ausgebrochenen Kompressor-Haken noch mehr Anerkennung verdient, brauchte David Lama drei Anläufe. Und auch der junge Ausnahme-Kletterer hatte bei seinem ersten Versuch am Cerro Torre vor zwei Jahren eine böse Bohrhaken-Diksussion verursacht. Sein Kopf-Sponsor hatte ihm ein Filmteam mitgeschickt. Damit die Crew am Fels filmen konnte, bohrte sie zahlreiche neue Haken entlang der «Kompressorroute». Weil das Wetter umschlug, brachen die Filmer das Projekt ab, liessen Haken, Fixseile und Materialsäcke am Berg. Ein No-go, das David Lama bis heute schwer nachgetragen wird. Zur Aktion von Kennedy und Kruk hat er sich bislang noch nicht offiziell geäussert.

Die Kompressorroute am Cerro Torre gibt es nicht mehr. Finden Sie es richtig, wie Kennedy und Kruk gehandelt haben?

Auf Biegen und Brechen

Pia Wertheimer am Montag den 30. Januar 2012

Auch ehrgeizige Frauen nehmen den Laufsport lockerer als Männer: Am Ziel des 24. Swiss Alpine Marathons, Juli 2009. (Keystone/Ennio Leanza)

Der deutsche Schauspieler Siegfried Lowitz traf mit seiner pragmatischen Aussage den Nagel auf den Kopf: «Ein guter Vorsatz ist ein Startschuss, dem meist kein Rennen folgt», sagte der Mann, der Jahre lang den Kriminalkommissar Köster in der Serie «Der Alte» verkörperte. Ein Startschuss fiel noch vor Jahresende online. Und zwar auf einer der unzähligen Sportplattformen. Es ging dabei darum, am meisten Kilometer auf seinem Konto zu vereinen.

Unter meinen Kontrahenten, die ich allesamt persönlich kenne, befanden sich richtige Cracks. Iron-Männer. Erst schenkte ich dieser virtuellen Herausforderung keine grosse Aufmerksamkeit. In den letzten Vorbereitungen für den Marathon von New York, war ich zu dieser Zeit ohnehin lange und oft in meinen Laufschuhen unterwegs. Bis ich eines frühen Abends mit Erstaunen feststellte, dass ich dieses virtuelle Rennen führte – um nur knapp einen Kilometer, aber immerhin. Hinter mir lag einer dieser Cracks, einer der mich sonst meilenweit zurücklässt, einer der schneller ist und häufiger läuft.

Einige Kilometer – und ein wenig mehr

Abend für Abend lud ich die Trainingskilometer hoch und klickte mich in den Wettkampf. Abend für Abend führte ich – nur um einen knappen Kilometer vor dem Crack. Wie jedes Rennen hatte auch dieser virtuelle Wettstreit eine Ziellinie. Die Deadline war auf einen Abend angesetzt. Ich trainierte wie geplant einige Stunden vorher, lud die Kilometer hoch – ich lag noch immer in Führung – diesmal um einige Kilometer. Der Crack war an diesem Tag nicht gelaufen. Siegessicher schaltete ich meine Computer ab und gönnte mir einen erholenden Abend.

Am nächsten Tag dann die Ernüchterung. Der Crack hatte die Challenge gewonnen – um nur einen knappen Kilometer und zwar ganz kurz vor der Deadline. Später erfuhr ich, dass er an diesem allesentscheidenden Abend gewartet hatte, bis ich laufen war und meine Kilometer hochgeladen hatte. An seinem eigentlich trainingsfreien Tag, schnürte er seine Schuhe – für einige Kilometer und einen knappen dazu. Er konnte nicht zulassen, dass ich gewann – er musste mehr Kilometer auf seinem «Tacho» haben.

Männer greifen zur Brechstange, Frauen zum Ratgeber

Tendenziell wollen Männer eine möglichst hohe Kilometerzahl in ihrem Trainingsprotokoll verbuchen, das weiss auch Valentin Belz. Der Läufer ist verantwortlich für den dynamischen Online-Trainingsplan Runningcoach.ch. Sein Zeichen tragen etliche Trainingspläne von Läufern und Läuferinnen mit den mannigfaltigsten Zielen und Trainingswünschen. Aushängeschilder der Plattform Runningcoach.ch sind die renommierten Schweizer Läufer Viktor Röthlin, Valentins Bruder Christian Belz und Markus Ryffel. Valentin Belz hat beobachtet, dass Männer ab und an eine Zusatzschlaufe oder eine Extra-Wiederholung einlegen, um die zusätzlichen Kilometer auf ihr «Tacho» zu kriegen. Frauen hielten sich wiederum strikter an die Vorgaben des Trainingsplans.

Nur nicht nachlassen: Teilnehmer des Swiss Alpine Marathons.

Nur nicht nachlassen: Teilnehmer des Swiss Alpine Marathons.

«Sowohl Frauen wie Männer verspüren den Drang, möglichst schnell zu laufen. Egal, wie gut sie sind», sagt Belz. Den Weg zur persönlichen Bestzeiten ebnen sich die Läufer allerdings anders als die Läuferinnen: «Die Männer greifen trainingstechnisch eher zur Brechstange, die Frauen eher zum Ratgeber.» Männer wollen ihr Ziel erreichen – auf Biegen und Brechen. Frauen hingegen wollen den Weg dorthin verstehen. Sie geben sich in der Regel nicht mit dem blossen Trainingsplan zufrieden. «Sie wollen es genauer wissen.» Beispielsweise warum ein Intervalltraining auf dem Programm stehe und nicht ein lockerer Dauerlauf. Die Rubrik «Ziel und Zweck» in der Trainingsbeschreibung werde deshalb von den Sportlerinnen fleissiger genutzt.

Er prüft – sie vertraut

Belz stellt zudem fest, dass die Frauen auch andere Ansprüche haben, als weiter und schneller. «Sie möchten oft auch schöner laufen und sind deshalb offener für Techniktrainings, Stretching oder Pilates.» Frauen hielten sich strikter an die Vorgaben seiner Trainingspläne als Männer. Im Protokollieren sei das schwache Geschlecht aber stärker als die männlichen Läufer. «Bei den Frauen sind 12 Prozent mehr Trainings protokolliert», weiss Belz.

Die dynamischen Trainingspläne aus der Schmiede von Belz und seinen Mitarbeitern werfen bei den männlichen Nutzern kritischere Fragen auf, als bei den Läuferinnen. Das starke Geschlecht habe sich oft bereits Konkurrenzprodukte angeschaut, spiele mit den Möglichkeiten des Systems und bringe Verbesserungsvorschläge. «Männer wollen eher wissen, wie das System funktioniert, was dahinter steckt und nach welcher Logik die Pläne generiert werden. Hier vertraut die Frau.»

Und Mann kann darauf vertrauen, dass ich demnächst wieder eine Challenge ins Leben rufen werde: Gewinner ist, wer am meisten Pilates-Stunden auf sich vereinen kann.

Den Neoliberalismus kann man erwandern!

Thomas Widmer am Freitag den 27. Januar 2012


Letzten Februar war eines Samstags das Wetter so schön, dass ich meine Halbgrippe mit zwei Panadol unterdrückte und losfuhr. Mit dem Mont Pèlerin über Vevey hatte ich mir ein leichtes Ziel erwählt. Bei der Einfahrt in Bern musste ich lachen. Der Zugbegleiter gab per Lautsprecher die Anschlüsse launig so durch: «Wenn Sie sich nach Interlaken begeben möchten, empfehle ich Gleis fünf.»

In Palézieux wechselte ich auf das Zuckelbähnchen nach Montbovon, stieg nach zwei Minuten Fahrt wieder aus bei der Station Granges. Sie liegt abseits des zugehörigen Dorfes, das ich westlich auf dem Ausläufer des Mont Chesau sah. Einen Wanderweg zum Dorf gab es nicht; kein Problem, ich ging kurz auf dem Strässchen retour, bog links ab, gelangte auf Feldwegen hinüber. Auf der Route de Palézieux zog ich durch den Ort leicht aufwärts bis zur Auberge de la Croix-Blanche. Hier fand ich meinen Wanderweg zum Chesau und Pèlerin.

Ein unspektakulärer Berg

Der Weg führte über Weiden, dann durch den Wald. Schnee hatte es praktisch keinen, doch traf ich auf Schneeschuh-Trail-Schilder in pink. Nun bereits nicht mehr im Kanton Freiburg, sondern im Waadtland marschierend, kam ich auf einer Anhöhe zu einer Verzweigung und erreichte daraufhin den höchsten Punkt des Chesau. Toll die Sicht auf die Berge zu meiner Linken: Dent de Jaman und Dent de Lys, der Teysachaux und der Freiburger Nationalklotz Moléson.

Hernach ein kleiner Sattel mit einer – geschlossenen – Buvette, und wieder ging es aufwärts. Der Pèlerin, 1080 Meter über Meer, ist ein Berg ohne spektakulären Gipfel, Wald bedeckt seinen Rücken. So wusste ich die längste Zeit nicht, wo genau der 122 Meter hohe Fernsehturm war, den ich schon von Palézieux aus registriert hatte. Als ich bei ihm anlangte, war ich enttäuscht: Auf 65 Metern gibt es eine öffentliche Aussichtsplattform, doch sie ist winters nicht zugänglich. Allein stand ich im Wald vor einer Anlage, die scheinbar ohne Menschen auskommt, die durch einen Gitterzaun geschützt ist, die mysteriös summt. Das erinnerte mich an Romanszenen von Jules Verne und H.G. Wells.

Die Vordenker der freien Marktwirtschaft

Nun trat ich die letzte Etappe der Wanderung an: hinab zur Standseilbahn, die von Vevey aus die Bergflanke erschliesst. Das kurze Wegstück vor dem Luxushotel «Mirador Kempinski», das mit seinem Seeblick protzt, erwies sich als schwierig: Metallstufen, glücklicherweise nicht vereist, führen durch den steilen Hang. Im Restaurant «Le Chalet» bei der Standseilbahn nahm ich einen Kaffee; Hunger hatte ich keinen, obwohl fantastisch aussah, was in dem rustikalen Lokal aufgetragen wurde. Ich tat zum Kaffee, was ich oft tue: Ich las per iPhone im Internet nach, wo ich durchgekommen war. Insbesondere interessierte mich die Mont Pèlerin Society.

1947 versammelten sich über dem Genfersee auf Einladung des Wirtschafts-Theoretikers Friedrich August von Hayek Ökonomen, Philosophen, Schriftsteller: Leute wie Karl Popper, Wilhelm Röpke, Milton Friedman, Ludwig von Mises. Ihr Anliegen war es, dass nach dem Ende des Krieges mit der politischen auch eine marktwirtschaftliche Freiheit eintreten würde. Besonderen Einfluss erlangten sie auf den Kanzler des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard. Auf dem Mont Pèlerin wurde neuzeitliche Geschichte geschrieben und der Neoliberalismus lanciert.

Route: Granges (Veveyse), Station – Granges, Dorf – Mont Chesau – Mont Pèlerin – Funiculaire Mont Pèlerin, Bergstation (Vevey).

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 450 Meter aufwärts, 350 abwärts.

Charakter: Mittelstrenge Route. Das letzte Stück vor dem Luxushotel Mirador Kempinski ist steil und mit Treppen gesichert, bei Vereisung Vorsicht! Wenn viel Schnee liegt, braucht man Schneeschuhe.

Höhepunkte: Der Blick vom Chesau zu den Waadtländer und Freiburger Alpen. Der gewaltige Pèlerin-Turm. Der Blick auf den Genfersee von der Bergstation des Funiculaire über Vevey.

Einkehr: Nur im Dorf Granges. Die Chesau-Buvette ist im Winter geschlossen.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Hausmitteilung

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 26. Januar 2012

Abschied von der Weisshorn-Challenge: Der Aufruf für die Weisshorn-Challenge hat für eine kontroverse Diskussion gesorgt. Infolgedessen kam Partner Mammut zum Schluss, die Weisshorn-Challenge nicht wie vorgesehen durchzuführen. Mammut wird die Projektidee in Eigenregie weiterverfolgen und auf einen anderen Berg ausweichen.

Newsnet und der Outdoorblog akzeptieren diese Entscheidung. Wir wollten einer Steilwand-Skifahrerin oder einem Extrem-Snowboarder unter fachkundiger Anleitung von Mammut eine aussergewöhnliche Chance bieten und das Projekt in unserem Blog begleiten. Angesichts der veränderten Ausgangslage haben wir nun entschieden, das Nachfolgeprojekt nicht mehr zu begleiten. Wir bedauern diese Entwicklung, wünschen Mammut für das Nachfolgeprojekt aber viel Erfolg.

Alle, die sich für die Weisshorn-Challenge beworben haben, werden direkt über das weitere Verfahren informiert.

Dirty Dan, der dicke Albert und ich

Jürg Buschor am Donnerstag den 26. Januar 2012


Im Schnee müssen Biker Gummi geben – nur welchen? Werbeclip eines Reifenherstellers.

Zugegeben – ich gehöre nicht zu der Sorte Mountainbiker, die sich vor jeder Tour die Frage stellt, welches denn für die aktuell herrschenden Bedingungen die ideale Bereifung ist. Die Reifen werden oft erst dann ausgetauscht, wenn das abgenutzte Profil es als ratsam erscheinen lässt oder die gehäufte Anzahl Rutschpartien die Alarmglocken klingeln lassen. Wenn die «Gummiphilen» und «Profilneurotiker» in meinem Umfeld zu ihren endlosen Diskussionen zum Thema ansetzen, schweige ich meist.

Dass ich mich in den letzten Wochen trotzdem des öfteren mit der Reifenfrage beschäftigt habe, hat weniger mit einer erhöhten Sensibilität als mit den aktuell herrschenden Wetterbedingungen zu tun. Das Thema drängt sich ganz einfach auf. Bis Mitte Dezember waren die Böden so knochentrocken, dass die Selbstreinigung der Reifen sich darauf beschränkte, den Staub durch die Kräfte des Fahrtwinds wegzupusten. Um die Weihnachtszeit versanken die Trails vielerorts unter einer weissen Schneedecke. Und auf die relativ kurze Zeit der hart gefrorenen Böden folgte das grosses Schlammfestival, das auch dieser Tage regelmässig für einen (temporär) dunklen Gesichts-Teint sorgt. Wir erleben gerade einen der wärmsten Januar-Monate der letzten Jahrzehnte. Es war auch schon einfacher, die ideale Bereifung für das Mountainbike zu finden.

Schwalbe macht noch keinen Sommer, aber die Reifen des Weltmeisters. (schwalbe.de)

Nur allzu gerne erinnere ich mich an die phänomenale Fahrt Danny Harts, die dem jungen Briten im schweizerischen Champéry den Weltmeistertitel in der Abfahrt einbrachte. Trotz den misslichen äusseren Bedingungen und komplett aufgeweichten Böden fuhr der 19-Jährige wie auf Schienen der Ziellinie entgegen. Wieso also nicht dieser Tage auf Dannys Hausmarke Schwalbe zurückgreifen, um dem Schlamm Herr und Meister zu werden?

Aber vielleicht lassen die angekündigten Minustemperaturen ja bereits ab diesem Wochenende die Böden und den wenigen feuchtnassen Schnee wieder erstarren. Ob dann vielleicht nicht doch der nächste Reifenwechsel fällig wird? Am meisten Erfahrung bringen bei solchen Bedingungen wohl die Skandinavier mit, die von Mitte Oktober bis Ende April nichts anderes als gefrorene Böden, Schnee und Eis kennen. Mit bissigen Stahlspitzen durchsetzte Reifen bringen nicht nur am alljährlichen, auf Davoser Schnee stattfindenden Rennen Ride the Night ein Maximum an Halt und Griffigkeit, sondern zweifelsohne auch im winterlichen Mountainbiker-Alltag.

Apropos Winter und Schnee – wer erinnert sich noch an die zahlreichen gewagten Eigenkonstruktionen, die für das legendäre Iditabike-Rennen in Alaska konstruiert worden sind? Zur Serienreife haben es zahlreiche dieser Produkte (wohl mangels Nachfrage) zwar nie geschafft – eine witzige Randnotiz zum Thema Winterbiking sind sie jedoch alleweil.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Mountainbike-Bereifung im Winter gemacht? Welches ist Ihrer Meinung der beste Allround-Reifen? Welcher Faktor ist beim Winterbiking besonders wichtig: Profiltiefe? Reifenbreite/Reifendimensionierung? Selbstreinigungseigenschaften? Gummimischung? Wechseln Sie die Reifen abhängig von den herrschenden Bedingungen regelmässig aus oder benutzen Sie nur einen Reifen? Haben Sie Erfahrung mit Spike-besetzten Reifen?

Für ein paar Tausend Franken das Leben riskieren?

Natascha Knecht am Mittwoch den 25. Januar 2012

Schnell, flüssig und originell, idealerweise noch einige Sprünge im felsigen, unerbittlich steilen Gelände, wenn möglich mit Back-Flips und alles ohne Sturz oder Bodylandings: Was die Profis an der Freeride World Tour (FWT) auf Ski oder Snowboards zeigen, ist bemerkenswert und spektakulär (siehe Bildstrecke oben). Die FWT gilt als Weltcup der Freerider, nur die Besten der Besten der Welt dürfen an diesen Wettkämpfen teilnehmen. In diesem Jahr umfasst die Tour sechs Stopps, der erste fand im Revelstoke (Kanada) statt, der zweite soeben am Le Brévent in Chamonix-Mont Blanc.

Samuel Anthamatten

Der Zermatter Profi-Freerider und Alpinist Samuel Anthamatten startete am Le Brévent in Chamonix. (Foto: Freeride World Tour/Jeremy Bernard)

Mit geschwollener und frisch genähter Lippe reiste Samuel Anthamatten im französischen Freerider-Mekka an. Der 25-jährige Zermatter erklärte, er habe in der Nordflanke des Bec des Rosses bei Verbier trainiert und dabei sein Knie «geküsst». Letzten Winter wurde er bei der Freeride World Tour Vize-Weltmeister, diesen Titel möchte er in diesem Jahr verteidigen. In Chamonix wählte er eine kreative Linie mit mehren Sprüngen, startete flüssig, alles lief wie geplant bis zum letzten 12 Meter hohen Cliff. Dieses erwischte Anthamatten nicht sauber. «Das Gelände oberhalb war so vereist, dass ich zu schnell darüber fahren musste.» Er beendete seinen Run mit einer Körperlandung, was ihn viele Punkte kostete. Schlussrang für ihn vergangenen Montag: 17. Platz.

«Wir alle könnten hier sturzfrei embrii fahren»

Samuel Anthamatten

Samuel Anthamatten. (Foto: Jeremy Bernard)

Überhaupt landeten in Chamonix zahlreiche Favoriten im Schlussfeld der Rangliste: Etwa die Franzosen Aurelien Ducroix (21., Ski), Jérémy Prevost (22., Ski), Xavier de le Rue (8. Snowboard), oder die Österreicher Matthias Haunholder (20.) oder Mitch Tölderer (12., Snowboard). Es war ein Wettkampftag mit vielen Stürzen und Bodylandings, es herrschten schwierige Schnee- und Sichtverhältnissen. «Wir alle könnten hier sturzfrei embrii (hinunter) fahren», sagte Samuel Anthamatten. «Aber wer gewinnen will, muss etwas wagen, kann nicht nur taktisch fahren.» Zu viel Wagnis zahlt sich allerdings nicht aus. Wer sein Können überschätzt und Sprünge nicht stehen kann, wird mit Punkteabzug bestraft (wie die Juroren die Abfahrten bewerten lesen Sie hier).

Richard Amacker.

Richard Amacker. (Foto: Jeremy Bernard)

Eine solide Fahrt zeigte in Chamonix Richard Amacker. Der 23-jährige Skifahrer aus Nendaz (VS) schaffte es diese Saison neu in die FWT. Als Jugendlicher fuhr er im Walliser FIS-Kader, seit vier Jahren konzentriert er sich aufs Freeriden. Der ausgebildete Sport- und Skilehrer erhofft sich von der Tour, viele Erfahrungen sammeln, von den «Grossen» lernen und vielleicht einen Podesplatz erreichen zu können. «Und viel Spass zu haben.» Am «Pentes-de-l’Hôtel»-Hang am Le Brévent holte er den 10. Schlussrang. Eine Top-Leistung für den Newcomer.

Emilien Badoux

Emilien Badoux. (Foto: Jeremy Bernard)

Emilien Badoux, der dritte Schweizer an der diesjährigen FWT, erreichte den 4. Rang der Snowboarder. Der 28-jährige aus Sitten, ehemaliger Schweizermeister in der Halfpipe, fährt ebenfalls den ersten Winter bei der FWT mit. Schweizerinnen sind dieses Jahr keine vertreten. Anne-Flore Marxer, die beste Snowboard-Freeriderin 2011, wird diese Saison voraussichtlich andere Projekte verfolgen.

Hier die FWT-Gewinnerfahrten am Le Brévent in Chamonix 2012 vom Neuseeländer Sam Smoothy (Ski):

Und das Video vom Wettkampftag:

Ankunft der Profi-Freerider vergangenes Wochenende in Chamonix: Schneefälle legten während Tagen die Bahnbetriebe lahm.

Nicolas Hale-Woods: «Profi-Freeriden ist eine Lebensschule»

Chef und Gründer der Freeride World Tour ist Nicolas Hale-Woods. Der 43-jährige Doppelbürger (Schweiz/England) ist in Neuenburg aufgewachsen und lebt heute mit seiner Familie in Lausanne. Er gehört zur ersten Generation Snowboarder, baute sein erstes Brett in den 80er-Jahren eigenhändig. 1994 bretterte er für Filmaufnahmen über den Bec des Rosses in Verbier, unten verfolgten seine Abfahrt 200 Zuschauer. Da sei ihm die Idee gekommen, die bekanntesten und besten Snowboarder zu einem Wettkampf einzuladen. 1996 fand das erste «Verbier Xtreme» statt, Hale-Woods wollte ähnliche Events in Russland und Alaska organisieren. «Doch der Markt war noch nicht bereit, wir brachten die nötigen Gelder nicht zusammen», sagt er. Ausserdem habe ihm die Erfahrung gefehlt, so grosse Wettkämpfe zu veranstalten, also habe er erst drei Jahre bei der Uefa gearbeitet, um zu lernen. Im 2007 fand schliesslich die erste Freeride World Tour statt, auf Ski und Snowboard und sowohl für Damen und Herren.

Im Vergleich: 1996 kostete das Verbier Xtreme 200’000 Franken, heute 1,5 Millionen. Das Budget für alle sechs Tourstopps im 2012 beträgt 4 Millionen Franken (3 Millionen in bar und 1 Million Serviceleistungen der Tourismusorganisationen, Hotels und Bergbahnen). Mit der letztjährige Tour erreichte er weltweit 10’000 Stunden Fernsehpräsenz. Und es sollen noch mehr werden: Ziel sind Live-Übertragungen. Zehn Personen arbeiten ganzjährig für die Organisation der FWT, bei den einzelnen Events kommen noch 100 dazu. Büro-Hauptsitz ist in der Schweiz, in Lutry (VD).

Nicolas Hale-Woods. (Foto: www.freerideworldtour.com)

Nicolas Hale-Woods. (Foto: www.freerideworldtour.com)

Nicolas Hale-Woods, wie haben sich die Freeride-Wettkämpfe seit Beginn entwickelt?
Vor 15 Jahren dauerte eine Abfahrt fünf Minuten, heute braucht ein Profi am gleichen Berg noch zwei Minuten. Aber die Runs sind nicht nur schneller geworden, sondern auch flüssiger, die Sprünge höher. Heute trainieren die Athleten das ganze Jahr über, viele mit Coach und Trainer. Es ist ein Profi-Sport geworden.

Wie sieht die Zukunft in diesem Sport aus, wie viel Potenzial gibts noch?
An den Wettkämpfen der Junioren habe ich schon etliche junge Männer und Frauen gesehen, die bereits so stark wie die Profis fahren. Da kommen Leute zusammen, die vorher im Alpin-Skikader, im Freestyle- oder Boarder-Cross erfolgreich waren. Sie bringen alle ihre Technik mit und können voneinander profitieren. Bei unseren Nachwuchsfahrern liegt noch ein enormes Entwicklungspotenzial fürs Freeriden.

Immer schneller, steiler, krasser: Das Risiko ist ebenfalls enorm.
Vor zwanzig Jahren trug noch kein Freerider Helm oder Rückenschutz. Schaufel, Sonde und Lawinensuchgerät war nicht geläufig. Heute weiss jeder, wie wichtig diese Geräte sind und wie sie eingesetzt werden. Die Leute wissen, wie man im Notfall einen Verschütteten ausgräbt und rettet. Die Freeride World Tour spielt bei dieser allgemeinen Entwicklung eine wesentliche Rolle. Unsere Fahrer sind Vorbilder. Es stand noch nie einer auf dem Podest, der zu viel Risiko eingegangen ist, der mehr wagte, als sein Können erlaubt.

Trotzdem, die Sprünge sind gefährlich, das Risiko ist hoch, dass sich die Fahrer bei einem Sturz verletzen.
Keiner unserer Fahrer kam zum Freeriden wie die Jungfrau zum Kind. Sie haben bereits eine Ski- oder Snowboard-Karriere, sind am Berg ausgebildet, können sich und das Gelände einschätzen. Ich selber habe zwei Söhne, 11 und 9 Jahre alt. Als Vater habe ich zwei Möglichkeiten: ihnen das Freeriden einst zu verbieten, oder ich lasse sie darin gut ausbilden.

Selbst Wissen schützt vor Torheit nicht.
Klar, beim Schach oder Bridge besteht weniger Risiko als beim Extrem-Freeriden. Im Vergleich zu anderen Risikosportarten und zur Anzahl Abfahrten ist die Unfallrate jedoch klein. Die Fahrer haben keine Lust, für ein paar Tausend Franken das Leben zu riskieren. Wettkämpfe wie die Freeride World Tour sind ein gutes Kommunikationsmittel für die Sicherheit. Die Jugend folgt dem, was unsere Fahrer vorleben. Das Profi-Freeriden ist eine Lebensschule: Die Athleten bilden sich nicht nur im Sport weiter, sondern auch körperlich und mental. Sie müssen lernen, mit Sponsoren umzugehen, sich selber zu vermarkten, die Saison und ihre Trips zu planen. Eine Freerider-Karriere verläuft anders, als jene eines Fussballers.

Übrigens:
Als Journalistin an der Swatch Freeride World Tour 2012 erhielt ich vom offiziellen Bekleidungsausrüster Powderhorn eine extrem coole Damen-Daunenjacke, die ich einer Leserin oder der Freundin/Frau eines Lesers weiterschenken möchte. Powderhorn entstand ursprünglich in den USA, ist aber inzwischen eine Schweizer Marke. Die Jacke ist aus hochtechnischem Stoff, ultra-leicht und mit wasserfester Daune. Grösse: M. Farbe: Cobalt (blau) Ladenverkaufspreis: 595 Franken. Mehr Informationen und Beispielbild: hier. Wer am schnellsten schreibt, bekommt sie. Mail mit Adresse an: outdoorblog@newsnetz.ch. Ihre Angaben werden nicht weiter verwendet.

Der Tross der Freeride World Tour ist inzwischen nach Courmayeur-Mont Blanc weitergezogen. Mehr Infos: www.freerideworldtour.com

Was halten Sie vom Freeriden und von den Profi-Wettkämpfen?

Das Logensyndrom, die oft verkannte Diagnose für Wadenschmerzen

Natascha Knecht am Montag den 23. Januar 2012
Die Waden einiger Teilnehmer des New-York-Marathon 2009. (Bild: Flickr/China Ziegenbein)

Vom Logensyndrom sind vor allem Ausdauerathleten aus dem Laufsport betroffen: Die Waden einiger Teilnehmer des New-York-Marathons 2009. (Bild: Flickr/Philip Bump)

Starke Wadenschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden bei Läufern und anderen Sportlern. Oft steckt das Logensyndrom dahinter. Was ist das, wie kann es soweit kommen, was kann man dagegen tun?

Wir fragten unseren Running-Doc *Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt der SportClinic Zürich:

Beschwerden
Sie bemerken beim Lauftraining Schmerzen in der Unterschenkelmuskulatur. Diese treten immer nach derselben Zeit auf. Sie denken an einen Krampf bleiben kurz stehen und können dann wieder weiter rennen. Während einiger Zeit bewährt sich diese Strategie nicht mehr, die Schmerzen nehmen zu und verschwinden auch nach einem kurzen Halt nicht mehr, sondern erst nach 30 Minuten, dazu kommt noch ein Taubheitsgefühl im Fuss. Sie beschliessen eine längere Sportpause über einige Wochen zu machen und alle Symptome sind wie verflogen. Kaum beginnen Sie wieder mit dem Sport, sind alle Beschwerden unvermindert wieder da. Sie versuchen es mit Magnesium, anderen Supplementen und Massagen, aber nichts hilft. Diese Symptome sprechen für ein chronisch belastungsabhängiges Logensyndrom.

Ursache
Wie ist es dazu gekommen? Kurz gesagt: Ihre Muskeln haben zu wenig Platz. 
Einzelne Muskeln sind von einer wenig dehnbaren Hülle, der so genannten Muskelfaszie, umgeben, die wie eine Socke über den Muskel gestülpt ist. Die Einheit aus Muskel und Faszie wird Muskelloge genannt. Bei Belastung schwillt die Muskulatur bis zu 20 Prozent an. Kann sich dabei die Muskelfaszie nicht genügend ausdehnen, kommt es dabei zu einem Anstieg des Gewebedruckes in der Muskelloge und dadurch zur Störung der Durchblutung sowie zu Schmerzen. Steigt der Muskelinnendruck weiter an, können auch Nerven geschädigt werden, was zum Kribbeln und Taubheitsgefühl führt. Kommt es immer wieder nach körperlicher Belastung zu einer solchen Erhöhung des Gewebedruckes, so wird dieser Zustand chronisches belastungsabhängiges Logensyndrom genannt.

Risikofaktoren
Zu einer übermässigen Volumenzunahme des Muskels kann es durch exzentrisches Krafttraining, Muskelverhärtungen und auch durch Anabolika kommen. Die Dehnbarkeit der Faszie kann durch Narbenbildung nach Entzündungen und durch eine altersbedingte Reduktion der Elastizität abnehmen. Die Krankheit tritt aber auch bei Sportlern ohne entsprechendes Risikoprofil auf. Betroffen sind vor allem Ausdauerathleten aus dem Laufsport, aber auch Kraftsportler. Am häufigsten wird das chronisch belastungsabhängige Logensyndrom an der Wadenmuskulatur beobachtet, kommt aber auch am Oberschenkel und am Vorderarm bei Kletterern und Motorradfahrern vor.

Diagnose
Leider wird die Diagnose des chronisch belastungsabhängigen Logensyndroms sehr oft verpasst. Bei einem entsprechenden Verdacht oder nach erfolglosen Therapieversuchen sollten Sie sich an einen Sportarzt wenden. Bereits die Beschreibung Ihrer Beschwerden sollte dann zur Verdachtsdiagnose führen. Die beweisende Untersuchung ist die direkte Logendruckmessung. Dabei muss also der Druck innerhalb des betroffenen Muskels gemessen werden. Dazu wird nach vorhergehender örtlichen Betäubung eine flexible 2 Millimeter dicke Sonde in die zu testende Muskelloge eingebracht und daraufhin der Ruhedruck gemessen. Dann wird der Patient entsprechend belastet, zum Beispiel auf dem Laufband oder an der Kletterwand, bis die typischen Schmerzen auftreten. Dabei kann der Muskeldruck um mehr als das Drei- bis Vierfache ansteigen. Unmittelbar danach wird der Druck wieder gemessen, bis sich die Werte wieder normalisiert haben. Nach verschiedenen Kriterien kann beurteilt werden, ob der Druck zu hoch war (über 30 Millimeter Quecksilbersäule) oder nicht rasch genug abgefallen war.

Therapie
Ist die Diagnose eines chronisch belastungsabhängigen Logensyndroms gestellt, ist fast immer eine operative Therapie nötig. Konservative Massnahmen wie Lösen von Verklebungen der Muskelfaszien, Dehnungen und Muskelentspannungen führen leider nur selten zum Ziel. Bei einer Operation muss die Muskelfaszie gespalten werden, damit der Muskel wieder genügend Platz hat. Währen dies früher noch über einen grossen Hautschnitt erfolgte, kann die Operation heute über die «Schlüssellochmethode» endoskopisch deutlich schonender durchgeführt werden. Nach der Operation müssen der Patient Kompressionsstrümpfe während 4 Wochen tragen. Mit einem aeroben Training kann er nach 4 Wochen, mit einem anaeroben Training nach 6 Wochen beginnen. Die meisten Patienten können nach der Operation wieder in gewohntem Umfang Sport ausüben.

Haben Sie Erfahrungen gemacht mit dem Logensyndrom?

Dr. med. Martin Narozny-Willi

Dr. med. Martin Narozny-Willi, unser Doc bei «Running im Outdoorblog».

* Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt Orthopädische Chirurgie, Sportmedizin SGSM und Verbandsarzt Swiss Ice Hockey. SportClinic Zürich, Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Die Klinik ist eine Swiss Olympic Medical Base.

Mediterrane Träume

Thomas Widmer am Freitag den 20. Januar 2012


Unsere Jahreszeiten folgen weniger aufeinander, als sich zu bedrängen und zu überlappen, so dass jede gleichzeitig ihr Gegenteil enthält. So war es letzte Woche, als ich am späten Vormittag nach Zug fuhr: Der Winter war auch ein Frühling. In Zug nahm ich den hinteren Bahnhofs-Ausgang, ging auf der Gubelstrasse westwärts, bog links ab in die Aabachstrasse – und schon war ich am Mittelmeer. So generös beschien die Sonne den See und blendete mich, dass ich wähnte, auf der Südseite der Alpen zu sein, in San Remo oder Livorno. Einzig Rigi und Pilatus am Horizont markierten die Realität.

Ich ging nun Richtung Cham, vorbei an vertäuten Passagierschiffen, dann Jachtbooten. Danach lenkte mich der Wanderweg für ein paar Minuten weg vom See. Dafür schenkte er mir die Schutzengelkapelle. Endlich weiss ich, weswegen die nahe S-Bahn-Station heisst, wie sie heisst: «Zug Schutzengel». Die namensgebende Kapelle stammt aus dem Jahre 1804 und ersetzte eine viel ältere Vorgängerin.

Fürs Nacktbaden zu kalt

Es kam das Strandband. Es kam das Gebiet Brüggli. Es kam ein Stück Strand, das laut Schild Nacktbadern vorbehalten ist. Für Nudismus war es aber doch zu kalt. Ich genoss die Landschaft, das Gehen, die Weite – ich atmete durch. Immer wieder mal schoss zur Rechten ein Zug vorbei. Dann die Nadel des Kirchturms von Cham. Grandios fand ich Chams Uferabschnitt «Villette» mit Gruppen hoher Bäume, Brücklein, Enten. Der Zürcher Bankier und Handelsunternehmer Heinrich Schulthess-von Meiss kaufte 1863 das Areal südlich der Bahngeleise. Er liess sich einen Palast im Neurenaissance-Stil bauen, verbrachte im «Villettchen», wie er die Prachtsvilla nannte, mit seiner Gattin den Sommer, lustwandelte durch seinen Park.

Hernach musste ich endgültig weg vom See, ich wanderte fortan auf Hartbelag; offenbar war dies die alte Landstrasse von Cham nach Buonas. Indem ich die Augen zukniff, konnte ich mir die Kutschenpassagiere vorstellen, durch die sanft gewellte Landschaft rollend, die Wasserfläche mit den Augen überstreichend, den Zugerberg und Rossberg musternd, dem Bäuerlein auf dem Felde gnädig zunickend.

So tun, als sei schon Frühling

Ein Anwesen machte mich neugierig, das durch Hecken und Mauern abgeschirmt war. Grosser Reichtum steht auch hinter dieser Anlage: Erwin Hürlimann, Generaldirektor und Verwaltungsratspräsident der Schweizer Rückversicherungsanstalt, liess ab 1929 hier bauen. Er spannte englische Stararchitekten ein, wohl auch, um seiner Gattin Eleanor, geborene Ridge, zu gefallen – eine Engländerin. In Hürlimanns Pförtnerhaus würde ich mit Freuden wohnen, dachte ich.

Buonas ist oberhalb der Durchgangsstrasse Küssnacht-Cham dominiert von modernen Wohnungen gehobenen Stils. Unterhalb duckt sich zum Wasser hin der alte Weiler in den Hang. Zwei Attraktionen hielt er mir bereit: zum einen die Kapelle St. German, die leider verschlossen war. Und zum anderen das Gasthaus zum Wildenmann, eine Stätte der gehobenen Kochkunst; ich nahm allerdings, da die Esszeit fast vorbei war, mit einem Kaffee vorlieb.

Bei der Bushaltstelle an der Strasse hätte ich die Wanderung beschliessen können. Doch eben, das Wetter, das Licht, die Sonne! Ich tippelte auf Asphalt dreissig Minuten weiter, zum Bahnhof Rotkreuz. Unterwegs fragte ich mich, ob ich nicht den Rest des Winters ignorieren soll – und so tun, als sei schon Frühling.

Route: Bahnhof Zug – Hafen – Schutzengel – Brüggli-Gebiet – Cham Alpenblick – Cham – Dersbach – Buonas – Bahnhof Rotkreuz.

Gehzeit: 3 Stunden. Wenn man in Buonas aufhört, eine halbe Stunde weniger.

Höhendifferenz: praktisch keine.

Charakter: Im ersten Teil Kies, Erde, Waldboden, Asphalt im Wechsel, im zweiten ab Cham Hartbelag. Die Strecke eignet sich für den Kinderwagen. Leicht, bis Cham zu einem guten Teil am See. Ab Cham in Sichtdistanz zum See. Viel Aussicht auf die Berge der Innerschweiz und den Zugersee.

Höhepunkte: Mediterrane Stimmung am Zugersee. Die Chamer Villette, einer der schönsten Flanierorte der Schweiz. Der Blick von Buonas auf den See.

Einkehr: Zug, Cham, Buonas. Teuer, aber sehr gute Küche: Wildenmann in Bunoas (www.wildenmann-buonas.ch). Ruhetage So/Mo. Ab 29. Januar drei Wochen Betriebsferien.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com