Der neue Volkssport: Medienkritik

Christian Lüscher am Donnerstag den 2. April 2015
Flowers and lit candles are placed on the ground in Cologne Bonn airport

Ist mit dem Airbus A320 von Germanwings auch die journalistische Ethik abgestürzt? Gedenkstätte für die Opfer am Flughafen Köln/Bonn. Foto: Reuters

In den Augen vieler Leser arbeiten Journalisten unseriös. Wir würden Verleumdungen verbreiten. Alles sei üble Nachrede. Ohne Fakten. Und der Klassiker lautet: «Hat alles nichts mit Journalismus zu tun!»

In Umfragen ohnehin nicht mit traumhaften Sympathiewerten gesegnet, haben wir in diesen Tagen den Eindruck, mit dem Flug 4U9525 sei auch die Berufsehre abgestürzt. 

An der Berichterstattung über den schrecklichen Absturz hatte die Bevölkerung – wenn denn die sozialen Netzwerke diese korrekt repräsentieren – keine Freude. Wir stehen in der Kritik, weil wir den Namen des Co-Piloten veröffentlichten. Weil wir schnell und umfassend über den Absturz berichteten. Bilder zeigten. Experten befragten. Selber recherchieren, Fragen stellen und auch mal was im Konjunktiv formulieren. 

Bedenkenswert an der jetzigen Medienschelte ist die Tatsache, dass nicht allein Boulevardmedien Haue kriegen. Es trifft alle Medienmarken. Die Schmuddelkinder, wie auch die Seriösen. Jeder Titel, jeder Sender steht irgendwie in der Kritik. 

Zu Recht? Ich finde nein. Die Kritik scheint mir in den meisten Fällen übertrieben und unsachlich. Sie ist ein Reflex und voller Vorurteile: Sensationsgier, Quotenbolzerei, Voyeurismus. Und die Kritik ist inkonsequent. Man unterstellt den Journalisten, Gerüchte zu verbreiten. Dabei fallen die bösen Urteile selbst faktenfrei aus. 

Im Grunde ist es doch so: In der Hitze des Gefechts haben die meisten Redaktionen gute Arbeit geleistet. Natürlich wurden Grenzen überschritten, Fehler gemacht. So verbreiteten einzelne Medien das falsche Bild des Co-Piloten. So was darf nicht passieren. Aber es war richtig, den Co-Piloten beim Namen zu nennen (die Haltung des Tages-Anzeigers finden Sie hier). Er, der 149 Menschen und sich selbst in den Tod gerissen hat. Und es war richtig, diese Tragödie, die grösste der deutschen Luftfahrtgeschichte, genau nachzuerzählen. Die Medien haben den Lesern das Unglück nahe gebracht, auch damit sie es überwinden können.

Woher kommt also dieser Anti-Medien-Reflex? Dass die Glaubwürdigkeit der Medien in letzter Zeit gelitten hat, liegt auf der Hand. Aber weshalb geisselt man in diesen Tagen die Arbeit der News-Profis ganz besonders? Mir fällt auf, dass viele Medienkritiker aus den eigenen Reihen stammen. Sie wirken als Katalysatoren und stimmen den Chor dieser Schelte ein. Es sind Journalistenkollegen, die eigentlich nicht im klassischen Newsgeschäft arbeiten. Die auffallend oft in gebühren- oder in stiftungsfinanzierten Werkstätten arbeiten. Sie pflegen eine gar überromantische Vorstellung von Journalismus, erheben gerne den Moralfinger und fallen durch Besserwisserei auf. Sie diffamieren legitime Ursachenforschung als Spekulation. Expertenmeinungen – aber natürlich nicht die eigene – sind ihnen wenig wert.

Ich halte die Aussagen von vielen Kollegen, die in den letzten Tagen Medienkritik äusserten, für grössenteils untauglich. Sie werten die Arbeit vieler gestandenen Profis ohne Reflexion ab und bedienen damit in erster Linie Reflexe der Leser. Die Berichterstattung zum Absturz sei widerlich gewesen, sagen sie. Wirklich? Sie war überdimensioniert, aber sie war sachlich. Die Medien hätten sich gegenseitig hochgeschaukelt. Wirklich? Die Berichterstattung zum Absturz war in vielen Fällen präzis, präziser und näher an der Wahrheit, als beispielsweise die Berichterstattung zu Griechenland in den letzten Wochen. Hier lag die Fehlerquote deutlich höher.

Von diesen Wächtern der Qualität erwarte ich mehr Reflexion. Eine genauere Einordnung des Für und Wider einer Entwicklung. Es ist einfach, Polemik, die Meinung der sogenannten 5. Gewalt (die Leser) zu bedienen und auf Fehler hinzuweisen. Es ist besser, genauer hinzuschauen und zu erklären, warum beim Absturz die Nennung des Namens und die Ursachenforschung legitim waren. Es ist besser zu erklären, warum die Aufklärung über unangenehmes, tragisches not tut, auch wenn es nicht wohlfühlig ist. Es ist einfach, einzelne Fehlleistungen stellvertretend mit Entwicklungen in der Branche gleichzusetzen. Tun das die Kollegen  eigentlich aus eigenem Interesse? An der Lust der Selbstvermarktung? Ich habe den Verdacht. Aber vielleicht fürchtet man auch den Gegenwind der Community. Es ist en vogue, auf der Seite der Mehrheit zu stehen.

Für mich ist es offenkundig: Medienkritik ist ein schwieriges Feld. Und sie verkommt leider zum Volkssport.​ Das sollte aufhören. Auch dem Beruf zu liebe.

33 Kommentare zu “Der neue Volkssport: Medienkritik”

  1. […] plädiert aber auch Christian Lüscher. Im Medienblog des «Tages-Anzeiger» bezeichnet er die Kritik an der Berichterstattung zum Germanwings-Absturz als übertrieben, […]

  2. Hans Hegetschweiler sagt:

    Ich hätte den Namen des Co-Piloten nicht veröffentlicht wegen des Herostrat-Effekts, gebe aber zu, dass bei Germanwings die Medienschelte etwas übertrieben ist. Nur, der Tagesanzeiger ist in so vielen aneren Sachen boulevardesk (Zuger Kantonsrat-Liebschaft, Hldebrand, Geri Müller etc.) und in so vielen wichtigen Sachen ungenau,weil den einfachen Lesern Genauigkeit nicht zumutbar ist (Recht Politik), dass der Kommentar heuchlerisch ist. Man pickt einen Fall heruas, wo die Medienschelte übertrieben iust und wendet sich dann generell gegen die Medienschelte des Publikums, die in 9 anderen Fällen bei Bouleverdmedien wie 20 Minuten, Blick und Tagesanzeiger aber durchaus berechtigt ist

  3. Paul Moser sagt:

    Ich habe in verschiedenen Kommentaren auch meine Kritik hinterlassen. Diese “Rechtfertigung” hier bestärkt mich noch in meiner Kritik. Offenbar ist man nicht bereit, Kritik anzunehmen – man geisselt die Kritiker und unterstellt den Berufskollegen, die den Finger erhoben haben, Eigeninteresse und Mitgehen mit der Mehrheit. (was darin falsch sein soll, ist mir noch nicht klar geworden). Sorry, aber das ist mir jetzt wirklich zu einfach und völlig oberflächlich und bestärkt mich einmal mehr, dass die Selbstreflexion “der Medien” (ja genau, ganz verallgemeinernd) nicht mehr gegeben ist. Quoten und Menge der Klicks sind offenbar noch die einzigen Indikatoren, nach denen gearbeitet wird. Schade Herr Lüscher, bei mir haben sie die Chance völlig verpasst.

  4. Tronco Flipao sagt:

    Ich finde Medienkritik durchaus gerechtfertigt und notwendig. Genau so, wie die Medien sich früher mal als die vierte Gewalt gesehen haben, gibt es dank den Sozialen Medien jetzt eine Kontrolle dieser vierten Gewalt. Das ist gut so.

    Die Qualität, gerade in den Online Medien, hat stark gelitten.Oft wir einfach wiedergegeben was jemand ins Mikrofon spricht, anstatt dass man hinterfragt und aufklärt. Selbst mir fallen immer wieder Rechtschreibfehler und schlecht recherchierte Fakten auf. Klar, es muss schnell gehen und darunter leider natürlich die Qualität.

    An dem Tag an dem die Zahlen publiziert wurden, dass es in der Schweiz noch nie so sicher war, haben sich die “seriösen” Medien mit Berichten überboten, welches nun die gefährlichsten Gemeinden sind oder wo die Kriminalität am stärksten zugenommen hat. Aber Sensationsgier gibt es Ihrer Meinung nicht. Tatsache ist, gute News bringen weniger Klicks.

    Über 50 Artikel (!) über den Germanwings Absturz alleine auf tagi.ch. Sensationgier? Nein. Alles seriöse Information. Wirklich? Kann man da nicht ein klein wenig kritischer mit der eigenen Zunft sein?

    Als Journalist kann und darf man alles und jeden kritisieren, aber wenn der eigenen Berufsstand kritisiert wird, fühlt man sich ungerecht behandelt. Man findet immer einen Weg um alles zu rechtfertigen was vom eigenen Haus publiziert wird.

    Ich wünsche mir noch viel mehr Medienkritik und sehe es positiv, dass man den Medien genauer auf die Finger schaut.

    • Christian Lüscher sagt:

      Es geht nicht um verletzte Egos oder dass wir keine Kritik vertragen können. Wir sind auch nicht dünnhäutig. Es geht um die Kollegen in der eigenen Zunft, die Reflexe bedienen, statt zu hinterfragen. Die Analysen abliefern, die einfach unglaublich oberflächlich sind. Die Dinge kritisieren, die nicht sind. Die Folge: Die Leser greifen das auf und decken uns damit ein. Verweisen noch auf diese “Experten” und hauen uns das dauernd um die Ohren. Resultat: Wir wünschen uns eine Medienkritik von Kollegen, die reflektiert ist. Wir wünschen uns Kritik, die mehr tut als sich empört über Dinge, die nun wirklich nicht sind.

      • Peter Spahr sagt:

        Wenn es um Kollegen-Schelte-Schelte geht, schreiben Sie doch besser in einem Fachmagazin. Ich glaube nicht, dass die Leser Anstoss und Anleitung Ihrer Kollegen brauchen, um eine kritische Haltung gegenüber dem heute praktizierenden Twitter-Journalismus zu erlangen. Der Dammbruch in der kritschen Leser-Rezeption kam ja wohl kaum mit dem Germanwings-Absturz sondern eher bereits mit der Ukraine-Berichterstattung, das klammern Sie geflisssentlich aus. Es dauerte keine 24 Stunden, bis erste Auswertungen über die Blackbox von 4U9525 vorlagen, bei MH17 warten wir noch jetzt auf Ergebnisse. HIer wäre es doch Aufgabe der Medien, unentwegt kritisch nachzuhaken und zu berichten, nicht Sache der Leser, welche mangels Zugang zu Informationen und Informaten als Ersatz für wahrheitsgetreue Berichterstattung nur dunkle Mutmassungen anstellen können. Als Journalist sind Sie einzig dem Leser und der Wahrheit verplichtet, keiner Agenda, politischen Strömungen oder den Werbekunden. Dafür erhalten Sie auch rechtliche Privilegien, welche ich einem rein kommerziell oder propagandistisch orientierten Journalismus nicht zugestehen würde (Quellenschutz, Redaktionsgeheimnis etc.).

  5. Ich glaube, dass die meisten Journalisten einen guten Job machen und sich ehrlich bemühen, gut recherchierte Artikel zu verfassen. Das Problem besteht darin, dass auch Medien Waren sind, die sich verkaufen müssen. Dies führt automatisch zu Qualitätsverlusten, beispielsweise in der Wahl der Themen und Schlagzeilen. Problematisch ist auch das negative Weltbild, das Medien vermitteln im Irrglauben, dass nur bad news good news sind. Wirklich gut gemacht good News könnten durchaus das Interesse der Leser genauso finden.

  6. maja sagt:

    warum verfallen Journalisten in Hektik wenn doch in jeder Zeitung das selbe steht?

  7. Renato Stiefenhofer sagt:

    Ich habe dem Tagesanzeiger meine Dienste als unabhängiger Aviatikspezialist angeboten. Nachdem ich als Leser immer wieder mit Falschaussagen eines offenbar im Sold des Tagis stehenden Fachmanns aus Österreich konfrontiert wurde, habe ich mich zur Verfügung gestellt. Sie dürfen mich selbstverständlich googeln. Gruss aus Korea. Capt. Renato Stiefenhofer

  8. Michael Luginbühl sagt:

    Anscheinend soll vom Germanwings Absturz ein Video vorhanden sein?! Wieso kriegt die Leserschaft dies nicht zu sehen? Weshalb dürfen FAZ Journalisten, quasi mit diplomaten Status, unkontrolliert durch jede Polizeikontrolle durchfahren?! Weshalb wird einem rechtschaffenden Bürger, wie Dr. Daniele Ganser an der ETH gekündet, nur weil er sich mit Fragen zu 9/11 beschäftigt?! Was haben Tagi Mitarbeiter an der Bilderbergerversammlung zu suchen und wo bleibt die Berichterstattung darüber?! Wie weit sind Journalisten käuflich?! Solange wir, das Volk, dies nicht genau wissen, solange bleiben wir skeptisch, weil wir Frieden wollen und keine Geld und Machtgeilen Gebieter. Und falls sie sich als Journalist nun immer noch in der Opferrolle sehen, so haben sie Wohl oder Übel den falschen Beruf erlernt. Kritik gibt es in jeder Branche. Die Frage ist, wie man darauf reagiert.

    • Toni Sonderegger sagt:

      Wieso wollen Sie dieses angebliche Video sehen? Würde es Ihnen zu einem Erkenntnisgewinn verhelfen? Würden Sie mehr über die Ursache der Katastrophe erfahren? Nein! Aber es würde Ihre perverse Sensationsgier befriedigen. Und genau diesen abscheulichen Trieb machen sich einige Medien für ihren wirtschaftlichen Gewinn zu Nutze… Das war übrigens schon vor dem Internetjournalismus der Fall.

  9. Ralf Etzold sagt:

    Niemand stellt den Wert einer freien und unabhängigen Presse in Frage. Pressefreiheit ist ein Pfeiler unserer freien Gesellschaft. Aber “die Medien” selbst haben sich in meiner Wahrnehmung verändert, möglichweiseweise unter dem wirtschaftlichen Druck von Quoten und Auflagen, und sind in ihrer Berichterstattung oft tendenziös geworden.

    Ich erwarte von “den Medien” klare, sachliche Information, die es mir ermöglichte, mir eine Meinung zu bilden. Erhobene Zeigefinger, Moralisieren und prinzipielles Kritisieren, weil sich ein Verriss einfach so schön schreibt oder vorträgt, brauche ich nicht.

    Beispiele? Immer wieder der Tagi, 10 vor 10, und manchmal selbst die Tagesschau. Erinnern Sie sich an den Beitrag über den Staatsschutz? An die Animation mit der bösen schwarzen Schlapphut-Gestalt mit den diabolischen roten Augen? Wie wollen Sie da noch Ernst genommen sein?

  10. Renato Stiefenhofer sagt:

    Nicht hinter jedem Journalisten verbirgt sich eine Diva.
    Ihr Bericht spricht einige Sachen an, welche es so in den letzten Jahrzehnten des Journalismus nicht gegeben hat. Mit einer Medienschelte unterstreicht der aktive Leser sein neues Qualitätsbewusstsein für sein Lieblingsblatt. Da die Zeitungen heute hinnehmen müssen, dass sich die Leserschaft plötzlich getraut, anderer Meinung zu sein, haben sie sich auch dem neuen Tempo der Thumbs-up and down zu unterwerfen.

    Die Berichterstattung, wie auch Ihr Kommentar hier im Blog, stellt immer wierder den Copiloten als Mörder dar. Obwohl die Untersuchungen noch ganz am Anfang stehen.

    Da die Medien von Anfang an einer vorgefassten Meinung zustimmten, wurde auch nie die Frage gestellt, ob es nicht vielleicht ganz anders geschehen ist. Vielleicht war es ja wirklich “nur” ein Unfall.

    Hier meine Meinung als Flugkapitän, welcher schon hunderte Unfallberichte studiert hat. Falls es jemanden interessiert, denn bisher wurden ja durchwegs Privatpiloten kleiner Sportflugzeuge (Sepp Moser & Co.) von den Medien als “Sachverständige” hinzugezogen.

    Es ist schon bemerkenswert, dass ausnahmslos alle Deutschen und Schweizer Journalisten mit grösster Überzeugung glauben, der Copilot hätte das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht.

    Auch wenn die Sache auf den ersten Blick so brutal einfach ausschaut; untersucht wurde bisher noch überhaupt gar nichts. Reine Spekulation.

    Selbst der FDR (Flight Data Recorder), welcher genau aufzeigen könnte, was sich abgespielt hatte, wurde erst eine Woche nach dem Crash gefunden! Aus seiner gepanzerten Ummantelung war er einfach ausgebüxt. Noch nie dagewesen in der zivilen Luftfahrt; eine leere Blackbox! Und dann plötzlich ist der FDR wieder da.
    Hätte Airbus ein Interesse daran, die Sache zu vertuschen? Man weiss es (wieder) nicht.

    Harte Fakten interessieren die heutigen Schnellschreiberlinge der Instant-News-Gilde kaum. Ein Mörder muss her. Lynchen kann man ihn leider nicht mehr. Seine Leiche wurde bereits an der Felswand pulverisiert. Siehe nachfolgendes Video eines F-4 Jets, welcher mit 800 km/h gegen eine AKW-Mauer fliegt.

    https://www.youtube.com/watch?v=RZjhxuhTmGk

    Dass durch die Verbreitung der (Selbst-)Mörderthese den Hinterbliebenen der 150 Opfer die schwierige Trauerarbeit noch schwerer gemacht wird, interessiert keinen Journi. Who cares? Hauptsache Quote.

    Die Faktenlage zeigte von Anfang an, dass der drittklassige, französische Staatsanwalt in seinem Enthusiasmus und seiner plötzlichen Spotlight-Rolle gigantische Falschaussagen gemacht hat. Abgesehen davon, dass er aviatische Ausdrücke falsch übersetzte, sprach er auch davon, dass die Stimme vom CVR (Cockpit Voice Recorder) mit Sicherheit die des Copiloten war. Das ist bis heute noch nicht geklärt.

    Zudem trug der Pilot (es kann übrigens auch der Kapitän gewesen sein) die Sauerstoffmaske. Diese trug er, weil das Cockpit möglicherweise von giftigen Dämpfen aus der Klimaanlage erfüllt war. Diese Dämpfe hatten in der Vergangenheit schon einige Flugzeuge (auch Airbusse A320) zur Notlandung gezwungen. Die Piloten mussten danach mit Atemwegserkrankungen ins Spital verbracht werden.

    Der mutmassliche Massenmörder und erwiesenermassen äusserst unerfahrene Copilot (630 Stunden total…) hatte den elektrischen Verriegelungsmechanismus der Cockpittür möglicherweise auf die falsche Seite gekippt. In seiner kurzen Karriere hatte er diesen Hebel vieleicht ein Dutzend Mal betätigt; nur diesmal unter toxischer Einwirkung oder durch einen Druckabfall (vielleicht deswegen die Sauerstoffmaske) verursacht. Wenn man den Schalter falsch bedient, ist die Cockpittür eine Zeitlang verriegelt. Lange genug, um abzustürzen.

    Lufthansa hatte in den letzten zwölf Monaten einige Male Computerprobleme mit ihren A320. Im Herbst 2014 ging ein Airbus völlig selbständig in einen Sturzflug über. Einfach so… Die Piloten mussten, als letzte Rettung, alle (!) Computer ausschalten und manuell notlanden. Auch andere Airbusse (u.a. A330 von Qantas) hatten genau dieses Problem. In Australien verletzten sich viele Passagiere durch den abrupten Sturzflug.

    Dass Airbus nicht gerne darüber redet ist verständlich. Das Business ist riesig. Und Lufthansa, als Grosskunde, ist hier in einem riesigen Dilemma.
    Das erklärt vielleicht auch die seltsamen Statements der CEOs von LH und Germanwings. Diese Herren waren unter einem unvorstellbaren Druck, als sie ihre ersten Aussagen vor den Mikros der Weltpresse machten.

    Wir Piloten diskutieren diesen Fall seit einer Woche vom technischen Standpunkt her. Und da ergeben sich viel naheliegendere Unfallursachen, als ein Selbstmord eines Copiloten (der angeblich schon vor seiner Zeit bei LH psychiatrisch behandelt wurde). Übrigens: Um die harten Eignungsprüfungen bei Lufthansa zu bestehen, ist es unmöglich, zuvor in psychiatrischer Behandlung gewesen zu sein. Impossible!

    Dass wir uns hier richtig verstehen; ich nehme den Copiloten nicht in Schutz. Dieser ist mir eigentlich ziemlich egal. Mir geht es darum, dass der Unfall aufgeklärt wird. Wir fliegen täglich mit diesen Dingern herum und Sie, als zahlender Passagier haben das Anrecht auf Aufklärung.

    Der Selbstmord als Unfallursache wäre für Airbus die klinisch sauberste Sache. Fragt sich nur, wann der nächste Airbus abstürzt.
    Deswegen ist die grosse Mehrheit der Linienpiloten sehr skeptisch, was die saubere Aufklärung der französischen BEA über den Absturz eines französischen Airbus in Frankreich angeht. Es ist ein déjà-vu vom Air France AF447 Absturz im Atlantik. Ein Airbus A330.

    Nun, Verschwörungstheorien sind generell für Dumpfbacken. Aber einfach der Bild-Zeitung und dem Blick zu vertrauen zeugt m. E. auch nicht grad von intellektueller Grösse.

    Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung. Ich weiss nur, dass seit einer Woche in der Presse über die Fliegerei diskutiert wird, ohne auch nur einen Hauch einer vagen Ahnung dieser Materie zu haben. Manche Sachverständige haben nicht mal einen Pilotenschein; ihre Kenntnisse holen sie von youtube und ihrem Heim-Flugsimulator-Computerprogramm, welches Sie in den Zustand versetzt, zu wissen wie man ein Flugzeug fliegt.

    Ich kann nur hoffen, dass die Berichterstattung der Medien über andere Berufsfelder etwas fundierter ist. Allerdings muss man daran zunehmend zweifeln.

    Gruss aus dem Jumbo-Cockpit. Boeing ist übrigens nicht zwingend besser als Airbus; einfach anders.

    • Toni Sonderegger sagt:

      Sehr geehrter Herr Stiefenhofer
      Ganz ehrlich: mit Ihnen möchte ich nicht fliegen! Sie drehen und wenden Tatsachen, nur weil sie nicht eingestehen können, dass es auch kranke Piloten gibt. Aber die gibt es! Das grösste Risiko im Strassen-, Eisenbahn- und Flugverkehr ist und bleibt der Mensch. Nützen Sie diese Ostertage und gehen Sie in sich. Freundliche Grüsse Toni Sonderegger.

      • Andreas Z. sagt:

        Sehr geehrter Herr Stiefenhofer,
        In einem Punkt gebe ich Ihnen Recht: Man täte grundsätzlich gut daran, erst einmal die Auswertung des CVR UND der Blackbox abzuwarten, anstatt jede Neuigkeit (Fact oder Gerücht) über den Unfall medial zu verbreiten. Aber das ist natürlich Wunschdenken. Mit Ihrer Quasi-Antithese tun Sie aber genau dasselbe, und zwar in einer spekulativen, polemischen und unqualifizierten Art und Weise, welche die teilweise zweifelhafte Berichterstattung der Medienschaffenden weit in den Schatten stellt. Wenn Sie wirklich schon Hunderte von Unfallberichten gelesen haben, dann müssten Sie eigentlich besser wissen, was zu tun ist: Mit Spekulationen zurückhalten und warten, was die offiziellen Untersuchungen ergeben. Es dient der Verbesserung der Sicherheit in der Aviatik in keiner Art und Weise, wenn man sich grundsätzlich einfach mal für auf die eine und gegen die andere Seite stellt – in Ihrem Fall: Den Copi schützen und schon mal heftig gegen Airbus schiessen. Falls Sie wirklich als Captain arbeiten, müsste eine seriöse Aufklärung – nicht nur im Fall von Germanwings – doch in Ihrem ureigenen Interesse sein.

    • Rolf Bombach sagt:

      Sehr geehrter Herr Stiefenhofer
      Mit über 13000 Stunden am Ruder gehören Sie zweifelsfrei zu den erfahrensten Flugkünstlern (Aviatikern) auf diesem Planeten. Bei den Absturzermittlungen kommen jedoch die Wissenschaftler und Mediziner zum Einsatz; Triebwerksingenieure, Avioniker, Aerodynamiker, Statiker, Computational fluid dynamics-Informatiker, Probabilisten usw. Welches Spezialfach davon hatten Sie studiert? Ihr Buch gibt da leider nur ungenaue Hinweise “ein Mann aus den Bergen, der sich mit dem kleinstmöglichen Aufwand die Karriereleiter bis zum Boeing-747-Kapitän emporgehangelt hat”.

  11. Raess Rolf sagt:

    Im Tagi wurde im Ton der Entrüstung berichtet russische Jagdflugzeuge hätten ein Kanadische Kriegsschiff mehrmals überflogen… im Schwarzen Meer (!). Es würde mich wundern, wenn ein russisches Kriegsschiff in der Mündung des St. Lorenzstromes seine Kreise ziehen würde und dabei nicht von kanadischen Jägern überflogen würde.
    Ich denke, das sind echte Fehlleistungen einer Zeitung, denn die verantwortlichen Redaktoren müssen geschlafen haben.
    In Berichterstattungen über den Nahen Osten ist klar die Angst vor Israel und deren Diaspora auszumachen.

  12. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung, bin Nachrichtenchef beim Tagi, konkret im Online-Kanal.

    Die Debatten über das Wie, Wer, Wann, Wo find ich immer extrem spannend. Und ich kann hier versichern, dass wir diese Debatten im Newsroom ständig führen. Nennen wir den Namen? Zeigen wir das Bild? Was zeigen wir im Bewegtbild? Usw.

    Sogar im grössten Stress, in Breaking-News-Situationen sprechen wir im Team darüber, frage ich den CR, den Nachrichtenchef-Kollegen.

    Rezepte sind ja in solchen Situationen nur schwer anzuwenden. Jede Geschichte verlangt neu nach einer Beurteilung – und sie verlangt jeweils auch in deren Verlauf nach Neubeurteilungen. Soviel zur Ausgangslage.

    Nun ist es ja so, dass in den Newsrooms an den Newsdesken oft jüngere Mitarbeiter mit noch weniger Erfahrung tätig sind. Wir bilden sie aus – on the job. Oft kommen sie auch in solchen Stresssituationen zum Einsatz. Und ich kann nur sagen: Sie führen diese Debatten mit uns und reflektieren ihre Arbeit ganz genau. Manchmal passieren auch Fehler, dazu müssen wir stehen und daraus lernen.

    Wenn nun die Besserwisser unserer Branche aus dem Off auf den Plan treten, frag ich mich manchmal schon. Erfahrene Journalisten geben ihre Ratschläge zum Besten. 10 Fehler, die Journalisten jetzt auf keinen Fall machen sollten, hielt jemand, 50 Minuten nach Bekanntwerden des A320-Absturzes auf Twitter feil. Andere verschrien auf den Social-Media-Kanälen, wie tief das Niveau jetzt wieder sinken werde. Die abgehoben wirkenden Ratschläge und das vorauseilende Bashing kamen vermutlich aus Büros mit abschiessbarer Tür und Reflexionsecke, aus dem Trockenen quasi.

    Warum sitzen die Leute, die es angeblich so viel besser machen würden, nicht selber an den Newsdesk? Warum begeben sie sich nicht in diese Stressituation, um mit ihren jüngeren Kollegen ihre Erfahrungen auszutauschen?

    Sie müssten dann Entscheide rasch fällen, schnell reagieren, das Nachrichten-Momentum spüren und entsprechend handeln. Und wer hier einwendet, Tempo sei nicht wichtig, soll ehrlich auf diese Frage antworten: Wenn irgendwo auf der Welt “etwas Grosses” passiert – geht ihr dann auf die Website vom Time-Magazine oder auf die Website von BBC? Eben.

    Kurz: Der Newsdesk-Job ist ziemlich anspruchvoll, der Spielraum und die Tragweite von Entscheidungen kann riesig sein. Und trotzdem lassen sich kaum erfahrene Journalisten finden, die diesen Job machen wollen (im angelsächsischen Raum aber auch in den umliegenden Ländern steht man da an einem anderen Ort). Herablassende und abgehobene Kommentare zum News-Journalismus (die Debatte findet ja vor allem auf den Social-Media-Kanälen statt) sind deshalb fehl am Platz. Wer es besser haben will, soll sein Einzelbüro verlassen und sich freiwillig am Newsdesk melden beim nächsten Mal, wenns so richtig hektisch wird.

    • Patrick Leonardi sagt:

      Nicht genug! Ihr fragt nicht genug tief und lange. Sorry, so kommt es zu Schnellschüssen, und ihr glaubt, ihr hättet einen guten Job gemacht. Ja, gut gemeint. Aber doch nicht gut.

      • Hannes Müller sagt:

        Ich sehe bei der Berichterstattung zum Germanwings-Fall keinen schlechten Journalismus beim Tagi, und ich bin dem Tagi überhaupt nicht gewogen. Ich fands jedoch zum Schreien, wie die Verschwörungstheoretiker an der Realität der bekannten Fakten zu kauen hatten.

        (Dass der Name geschrieben wurde, ist im Zeitalter von Internet problemlos, weil der Name sowieso hochgespült worden wäre.)

        • Matthias Giger sagt:

          Das Argument mit dem Namen zieht aber nicht. Jede Mutter hört den Spruch tausendfach: aber alle anderen… Was ist denn der konkrete Erkenntnisgewinn, wenn man den Namen liest? Zero, Niente, Nada. Ausser natürlich, man hat vor, die Eltern des Täters zu belästigen.

  13. Jürg Oberli sagt:

    Die Schwester eines guten Freundes von mir verschwand. Jahre später werden ihre sterblichen Überreste gefunden – sie wurde ermordet, der Täter ist inzwischen verurteilt.
    Was taten die Medien? Die Eltern lehnten jeden Kontakt mit den Medien ab – also wurden kurzerhand Interviews erfunden und so in die Zeitung gegeben. Ähnlichen Schwachsinn haben die Medien beim Germanwings-Absturz veranstaltet: Vorverurteilungen bevor nicht einmal der Flugdatenschreiber gefunden war, waren noch das Geringste. Manche Postillen stellten sogar die falsche Person als Co-Piloten auf ihre Titelseite.
    Da verwundert es auch nicht mehr, dass niemand mehr bereit ist für solchen Infotainment-Müll zu bezahlen und die Abozahlen in den Keller rasseln. Damit verbunden: Der Journalismus kriegt heute kein gutes Personal mehr – und wenn doch jemand halbwegs fähiges drunter ist, dann wechselt er (oder viel öfter sie) innert Kürze auf einen sicheren Job als Mediensprecher.

    Es gibt auch Gegenbeispiele: Die Heute-Show des ZDF zum Beispiel: Die machte Anfang Februar einen Recherchefehler – die Entschuldigung war über sechs Wochen der erste Link auf der Website. Leider wurde die Sendung nach dem Absturz aus Pietät abgesagt, obwohl Medienkritik nötiger gewesen wäre denn je.
    Es ginge auch in den Printmedien anders: Der Economist bietet reflektierte, gesicherte Information (oder wenigstens klar gekennzeichnete Meinung) – deshalb ist er erfolgreich. Errata werden dort wenigstens in der Woche darauf im Blatt publiziert.

  14. Thomas Binder sagt:

    Ein gutes Stück!

    Natürlich gab es die üblichen medialen Übertreibungen und man darf die Bekanntmachung des Namens thematisieren, sollte hierbei aber nicht vergessen, dass es der Marseiller Staatsanwalt war, welcher diesen zuerst publik gemacht hatte. Mich stört an der raschen weitgehend ehrlichen Berichterstattung in erster Linie, dass man den Massenmörder bis heute als depressiv bezeichnet anstatt ihn endlich als dies zu bezeichnen, was er eben auch gewesen war: Ein “Psychopath”. Deshalb werden bis dato die vielen depressiven Menschen als potenzielle Massenmörder stigmatisiert, was nachweislich falsch ist.

    Mich hatte vielmehr die mediale Berichterstattung über “Paris” gestört. In unglaublicher Einigkeit hatte man sich als “Je suis Charlie” hinter diejenigen gestellt, welche scheinbar die Meinungsfreiheit, in Wahrheit die Entwertungsfreiheit anderer über alles andere gestellt hatten und die vielen Unstimmigkeiten der uns servierten “amtlichen Version” bis heute niemals hinterfragt. Aber damals waren es eben “bestialische Moslems”, womit wir offenbar kein Problem haben.

    Hier war der bestialische Massenmörder der scheinbar “nette Deutsche von nebenan”. Dass wir “abendländischen Narzissten” dies nicht wahrhaben wollen dürfte der Hauptgrund der sich in der gegenwärtigen bisweilen überzogenen Medienkritik manifestierten Wut auf diejenigen, in Wahrheit auf uns selber, zu sein, welche unser Selbstbild des “zivilisierten Westlers” derart beschädigen.

    Unser Problem ist nicht “der Moslem”, “der Copilot” oder wer auch immer. Unser Problem sind die “Psychopathen”, welche schon immer die Welt beherrscht hatten und diese heute auch scheinbar sozialverträglicher als Terroristen in bisher noch nie gekanntem Ausmass ausleben beispielsweise in Plutokratie, Wirtschaft und Militär. Und unser Problem ist unser eigener Narzissmus, der uns immer wieder dazu verleitet, deren “böses” Spiel eigeninteressiert mitzuspielen, anstatt uns immer konsequent vereint gegen sie zu stellen, mit Empathie für Gerechtigkeit.

    Wenn wir diese “Arendtschen Hanswurste”, welche tagtäglich unter uns leben und nicht selten über uns bestimmen endlich (medial) breit thematisieren, wenn wir lernen, sie zu erkennen und sie (wieder) adäquat zu regulieren und zu kontrollieren, können wir selbst aus dieser schrecklichen Geschichte Gutes ziehen.

    Packt dies bitte endlich an, liebe Journalisten!

  15. Heinz Specker sagt:

    Ich glaube, dass die meisten Journalisten, wie andere auch, ihren Job möglichst gut machen wollen. Aber dass sie, sehr oft aus Angst um ihren Job, sich nicht mehr getrauen, unbequeme, ja drängende Fragen zu stellen. Beispiele: MH17, 9/11, Putin und die Ukraine, die Florida-Wahl bei Bushs Wahl, transatlantisches Handelsabkommen usw. In diesen Themen ist die Stille in den hiesigen Medien geradezu ohrenbetäubend. Die Konzentration der Medien in Händen einiger Weniger hat der Vielfalt den Garaus gemacht und gefährdet letztlich unsere Demokratie. Es gibt auch unseriöse, tendenziöse Berichterstattung, ja, aber schlechte Arbeit gibt es auch in anderen Bereichen. Bei den Medien ist es einfach viel wichtiger, v.a. wenn sie sich als 4. Gewalt im Staat verstehen. Dann erwarte ich unbequeme, seriöse und fundierte Berichterstattung, nicht Boulvard und Meinungen. Ich kann mir meine eigene Meinung durchaus selber erarbeiten.

    • Patrick Leonardi sagt:

      Ja. Und einfaches Fragenstellen (zB zu 911) wird unterlassen und diffamiert als Verschwörungstheorie.

  16. Peter Friedli sagt:

    Vielleicht ist die Schelte z.T. schon übertrieben, in etwa so wie in der Politik manchmal die “Linken-” oder “Rechtenschelte” übertrieben ist. Aber die Kritik einfach als vorwiegend aus den eigenen Reihen und ungerechtfertigt abzutun, ist viellelcht auch nicht gerade treffend. Im allgemeinen fällt mir als Leser verschiedener Zeitungen auf, dass sehr oft einfach Agenturmeldungen allenfalls leicht ausgeschmückt verbreitet werden. Gerade im Falle des Absturzes in F waren für mich die zT sehr hektisch verbreiteten “Letzten Meldungen” sehr störend. Mir schien, dass oft “letzen” Meldungen irgendwelcher anderer Zeitungen publiziert wurden. Da wurden Leser praktisch im Halbstundentakt mit Meldungen bombardiert, deren Wahrheitsgehalt nicht wirklich einsehbar war (die berühmte Quelle aus “informierten Kreisen”). Auch fehlten mir Berichte aus etwas grösserer Perspektive. Zu Beginn wurde man praktisch dahingehend informiert, dass der Täter mal depressiv war, und somit wohl eh alles klar sei. Dieser Schluss ist natürlich vollkommen falsch, da es keinen echten Zusammenhang zwischen Depression und erweitertem Selbstmord gibt. Journalistische Arbeit besteht meiner Meinung nach eben nicht nur im Verbreiten von Informationen, sondern auch in der Recherche, und dem Hinterfragen und in dem “in eine weitere Perspektive Rücken” eben dieser Informationen. Ich habe Respekt vor der Arbeit der Journalisten, und für mich üben diese eine enorm wichtige Funktion in unserer Gesellschaft aus. Aber (und jetzt spreche ich nicht den TA im Speziellen an) wenn sich die Arbeit auf das blosse Veröffentlichen von Agenturmeldungen beschränkt, bzw auf das Zitieren anderer Zeitungen, ist der Respekt nicht verdient. Ich stimme Ihnen zu:Medienkritik ist ein schwieriges Feld, wie jede Kritk (setzt sie ja auch ein gutes Mass an Sachkenntnis voraus). Hier gilt es zwischen eher unreflektiertem Motzen (was offenbar sehr in Mode ist) und eben echter Kritik zu unterscheiden.

  17. Klaus Peiffer sagt:

    Es ist und bleibt ein schwieriges Thema. Leider drehen sich die Themen der Medienschelte, ob nun von aussen oder aus den eigenen Reihen, zu oft nur um Inhalt und Form der Spekulationen, Informationen und Meldungen. Art und Weise der Informationsbeschaffung bleiben meiner Meinung nach zu sehr unreflektiert. Welcher “Schaden” dort teilweise angerichtet wird ist hier ganz gut aus Sicht von Schülern und Angehörigen aus Halttern dargestellt:

    http://meistergedanke.de/2015/umgang-der-medien-mit-schuelern-und-angehoerigen-in-haltern/43

    Auch oder gerade dort trennen sich Seriösität und Boulevard….

  18. ich finde ihre dünnhäutigkeit nicht gerechtfertigt. wenn sie den vorwurf von quotenbolzerei, sensationsgier und voyeurismus einfach als vorurteile abtun, fehlt mir da ein minimum an selbstreflektion. auch der tagi fröhnt genau diesen boulevardesken machenschaften immer mehr. das ist für mich, der den tagi seit 40 jahren liest, eine herbe enttäuschung.

    wenn sie fordern, medienkritik aus dem volk solle aufhören, ist das auch sehr seltsam. klar, die dumpfbackigen lügenpresseschreier will niemand. aber es gibt doch etliche medienkritiker aus dem volk (aus der leserschaft), die ziemlich gut bei sinnen sind und aus einer echten besorgnis heraus die medien kritisieren.

    dass es herzlich wenige journalisten gibt, die mit kritik etwas anfangen können ist nichts neues und meines erachtens der bedeutendere missstand als das zuweilen laute geschrei in den sozialen medien.

    • Christian Lüscher sagt:

      Ich bin überhaupt nicht dünnhäutig. Sonst würde ich das wohl nicht schreiben, oder? Und zum Rest: Da habe ich auch einen anderen Standpunkt.

      • Patrick Leonardi sagt:

        Ungerechtfertigt wie ich finde. Die Berichterstattung über den Absturz war in meinen Augen auch mangelhaft. Und ich bin kein Journalist sondern ein den Journalisten gewogener Leser

    • Matthias Giger sagt:

      Bravo Herr Röthlisberger
      Das ist genau des Pudels Kern: die Dünnhäutigkeit vieler, nicht aller, Journalistinnen und Journalisten Medienkritikern gegenüber. Darauf reagieren diese dann mit an die Selbstgerechtigkeit von Diktatoren grenzenden Verunglimpfungen und Verdächtigungen der Kritiker. Die bestimmenden Prinzipien lauten dann Demontage oder Angriff als beste Verteidigung.

      Vielleicht schadet es der Presse ja nicht, die Selbstgerechtigkeit für einen Moment nieder zu legen, über den eigenen Schatten zu springen und den Medienkritikern einmal auf Augenhöhe zu begegnen. Daraus ergibt sich bestimmt für beide Seiten ein Erkenntnisgewinn, zumindest, wenn man die Kritik einmal offen entgegen nimmt.

      In vielen anderen Branchen wird die Kritik ernst genommen und dient als Mittel, die eigene Arbeit zu verbessern. Die Amis würden raten: “Emrace the critique”

  19. Rémy sagt:

    Seit es Internet gibt ist Journalismus schon nicht mehr das was es mal war: die Beschleunigung der Berichtserstattung, die heilige Suche nach dem Scoop und die Tatsache dass böse Buben auch Smartphones haben, haben die Karten neu vermischt, und führen dazu dass es in der Hitze des Gefechts in den Redaktionen ein bisschen an Weitsicht fehlt und nicht jede Konsequenz einer Berichtserstattung durchdacht werden kann (aus Zeitdruck und Scoopgeilheit).
    Dies nicht im Zusammenhang mit dem Germanwings absturz, da waren schon alle Tod und es gab niemanden mehr zum retten, mehr im Zusammenhang mit den Attentate in Frankreich im Januar, und der “Geiselnahme” in Damartin (die ja keine war, wie sich später herausstellte, aber die dank den Journalisten hätte eine werden können)
    Es hatte sich ja ein Drucker in der Printfirma in Damartin versteckt, in der die Kouachibrüder sich verschanzt hatten. Die Kouachibrüder wussten nicht von ihm. Hätten sie an dem Moment Smartphones gehabt mit Internetanschluss (oder hätte die Polizei an diesem Ort die Handymasten nicht gestört, noch plausiblere These) , hätten die Kouachibrüder die Berichterstattung verfolgen können und hätten von den Journalisten erfahren können (es wurde fast in allen Medien darüber berichtet), dass unter dem Waschbecken im Raum nebenan sich eine potenzielle Geisel versteckt!
    An diesem Vorfall, der Tödlich hätte enden können durch die einzige Schuld der journalistischen Berichtserstattung, finde ich sollten die Redaktionen ihr künftigen Umgang mit Berufsethos messen!

    • Rémy sagt:

      Die leute die sich am selben Tag im Kühlraum im ug des supermarktes am place de vincennes versteckt hatten hätte ich fast vergessen: die wurden auch von journalisten verpetzt und hätten getötet werden können.
      Die frage die sich jeder journalist stellen sollte vor der frage der quote ist doch: kann ich mit meinem bericht direkt das leben eines menschen aufs spiel setzen und sollte ich nicht lieber den Mund halten. Die frage wird heute zu oft mit: “wenn ichs nicht bringe bringts ein anderer vor mir” beantwortet.

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  • Matthias Chapman, Nachrichtenchef


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