
Da die meisten Halbfabrikate, die für den Mac benötigt werden, weiterhin aus Asien stammen, ist das Label «Made in USA» sinnlos geworden: Apple-Firmensitz in Cupertino. (Bild: Reuters/ Norbert von der Groeben)
Die täglichen Wirtschaftsnachrichten sind nach wie vor von der Wirtschaftspolitik dominiert. Werden die Demokraten und die Republikaner einen Kompromiss zur Überwindung des «Fiscal Cliff» finden? Wird die neue Führung in Beijing das chinesische Wachstumsmodell ändern? Kommt die Bankenunion in der Eurozone oder kommt sie nicht, und wenn ja, in welcher Form?
Nur ab und zu hört man etwas über die globale Verteilung von Produktion und Konsum, d.h. über die materiellen Grundlagen unseres Lebens. So hat etwa die Nachricht, dass Apple einen Teil seiner Computer wieder in den USA herstellen lassen will, für grosses Aufsehen gesorgt. Leider aber ist diese Entscheidung von vielen Medien falsch interpretiert worden. Man hat sich zu sehr auf den Standortwettbewerb zwischen den Ländern gestürzt, ohne die neue Realität der globalen Industrie zu berücksichtigen.
Vor fünfzig Jahren war es noch üblich gewesen, dass ein Produktionsbetrieb in einem bestimmten Land alles vor Ort produzierte oder produzieren liess. «Made in USA» war eine zutreffende Beschreibung. In den letzten Jahrzehnten aber begannen die grossen multinationalen Firmen, ihre Produktion weltweit aufzuspalten. Der Handel von Gütern (Trade in Goods) hat sich seither immer mehr zu einem Handel von Aufgaben (Trade in Tasks) entwickelt, sodass ein Produkt bis zu seinem Verkauf an den Konsumenten mehrmals die nationalen Grenzen überschreitet. Heute bestehen mehr als 50 Prozent des Welthandels aus dem Verschieben von Halbfabrikaten innerhalb von grossen Firmen oder zwischen grossen Firmen und ihren Zulieferern. Wenn Apple den Mac künftig in den USA herstellen lässt, so betrifft das nur die Endfertigung. Die meisten Halbfabrikate, die für den Mac benötigt werden, werden weiterhin aus Asien stammen. Das Label «Made in USA» ist sinnlos geworden. Ricardos Modell muss erweitert werden.
Die Welthandelsorganisation (WTO) hat in einem lesenswerten Bericht die neuen Handelsrealitäten beschrieben (hier). Folgende Grafik zeigt zum Beispiel, wo überall eine japanische Autofirma ihre Einzelteile herstellen lässt. Das Hin- und Herschieben der Einzelteile ist begünstigt durch Freihandelsabkommen (AFTA, AFTA-CEPT).
Die neue internationale Arbeitsteilung hat nicht nur die herkömmlichen Labels überflüssig gemacht. Sie war auch mit ein Grund, dass der Welthandel während der heissen Phase der Finanzkrise (viertes Quartal 2008) um 20 Prozent geschrumpft ist. Aufgrund der grossen Unsicherheit verlangsamten die grossen multinationalen Firmen ihren Produktionsprozess, was sich sofort in einem geringeren Handelsvolumen der Halbfabrikate zeigte (hier eine schöne Übersicht über die Debatte).
In der Regel muss man vorsichtig sein, wenn jemand die «Globalisierung» für eine Entwicklung verantwortlich macht. Beim Strukturwandel des Welthandels ist der Begriff hingegen voll angebracht. Heute existiert eine internationale Verflechtung der Produktionsstandorte, die historisch beispiellos ist.



Markus Diem Meier (Jg. 1963) ist stellvertretender Chefredaktor der «Finanz und Wirtschaft» und leitet das Onlineportal
Tobias Straumann (Jg. 1966) ist Wirtschaftshistoriker mit Spezialgebiet Finanz- und Währungsgeschichte. Er lehrt an den Universitäten Basel und Zürich.
Mark Dittli (Jg. 1974) ist Chefredaktor der 































