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Artikel-Schlagworte: „Wirtschaftspolitik“

Weshalb Austerität nicht funktioniert

Mark Dittli am Freitag den 26. April 2013
«Die beste Definition für Irrsinn ist, das Gleiche wieder und wieder zu tun und sich daraus unterschiedliche Resultate zu erhoffen»: Albert Einstein. (Keystone/Archivbild)

«Die beste Definition für Irrsinn ist, das Gleiche wieder und wieder zu tun und sich daraus unterschiedliche Resultate zu erhoffen»: Albert Einstein. (Keystone/Archivbild)

Einstein soll einst gesagt haben, die beste Definition für Irrsinn sei, das Gleiche wieder und wieder zu tun und sich daraus unterschiedliche Resultate zu erhoffen.

Gemäss dieser Definition sind Politiker und Ökonomen irrsinnig, wenn sie heute fordern, die von anämischem Wachstum und hohen Schulden geplagten Staaten müssten mit der Umsetzung harter Austeritätsmassnahmen wieder auf die Beine kommen. Wieso das? Weil es kein Beispiel in der Geschichte gibt, in der mehrere gewichtige Länder gleichzeitig dank Austeritätspolitik – also Kürzungen von Staatsausgaben, um das Haushaltsbudget zu konsolidieren und Staatsschulden abzutragen – gesundet sind. Versucht wurde es mehrmals, aber funktioniert hat es nie.

Die vergangenen zwei Wochen waren denkbar frustrierend für die Austeritätsfantasten. Die von den Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff aufgestellte These, wonach Staaten massiv an Wachstumsdynamik verlieren, wenn die Schuldenquote 90% der Wirtschaftsleistung übersteigt, ist spektakulär in Rauch aufgegangen (in diesem Blogbeitrag mehr dazu). Um den wohl strammsten Verfechter der Austeritätspolitik unter den namhaften Ökonomen, Alberto Alesina, ist es derweil schon seit längerer Zeit ruhig geworden – ihm wurde bereits vor gut zwei Jahren in diesem Papier von Mike Konczal eine reichlich naive Interpretation seiner Forschungsdaten nachgewiesen.

Die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds haben längst erkannt, dass Austerität in der heutigen Situation das falsche Rezept ist, doch Europa steckt immer noch im Würgegriff der Hardliner. Die Agenda für die Eurozone müsse sich auf Fiskalkonsolidierung und Strukturreformen konzentrieren, twitterte Jeroen Dijsselbloem, der niederländische Finanzminister und Vorsitzende der Eurogruppe, am vergangenen Wochenende.

Dieser Tage ist ein Buch erschienen, das er vielleicht lesen sollte: Austerity – The History of a Dangerous Idea. Geschrieben hat es Mark Blyth, Professor für Politökonomie an der Brown University in Providence, Rhode Island. Er beschreibt darin die gut dreihundertjährige Geschichte der philosophischen Auseinandersetzung zwischen Markt und Staat, angefangen mit John Locke, weitergeführt von David Hume und Adam Smith und danach von David Ricardo und John Stuart Mill bis hin zu den «Österreichern» und Keynes.

Blyth zeigt in seinem Buch auf, dass Austerität immer kläglich versagt hat, wenn zu viele Länder gleichzeitig diese Politik verfolgten und damit nicht von einem Nachfrageboom im Aussenhandel profitieren konnten. Die einzigen Beispiele, die funktionierten, liefern kleine, exportorientierte Volkswirtschaften, die von einer brummenden Weltkonjunktur profitieren und in den allermeisten Fällen ihre eigene Währung markant abwerten konnten (etwa Kanada in den Achtziger- und Schweden in den Neunzigerjahren).

Die wichtigsten Begründungen, weshalb Austerität nicht funktionieren kann, liefert Blyth in diesem Video (amüsante Spezialeffekte und schottischer Akzent inklusive):

Das grundsätzliche Problem ist der Zustand der sogenannten Bilanzrezession, in der sich auch heute noch Volkswirtschaften wie Spanien, Grossbritannien, Japan, Portugal, Irland und teilweise auch die USA befinden. Das Phänomen der Bilanzrezession haben wir in diesem Kommentar schon eingehend thematisiert, daher nur das Wichtigste in Kürze. Am deutlichsten sichtbar wird das Dilemma, wenn man sich vor Augen führt, dass eine Volkswirtschaft nur aus vier Nachfragegruppen besteht:

  1. Private Haushalte
  2. Private Unternehmen
  3. Der Staat
  4. Export (d.h. Nachfrage von Privaten und Staaten im Ausland)

Der Zustand einer Bilanzrezession tritt in der Regel auf, wenn eine Volkswirtschaft einen von einem markanten privaten Schuldenaufbau getriebenen Boom (oftmals im Immobiliensektor) hinter sich hat und in einen heftigen Abschwung gekippt ist. Die privaten Individuen unter den Haushalten und Unternehmen sehen sich plötzlich mit einer überschuldeten Bilanz konfrontiert. Jeder Einzelne tut in dieser Situation für sich das Vernünftigste und versucht, zu sparen, seine Bilanz zu sanieren und Schulden abzubauen. Wenn das jedoch alle gleichzeitig tun, stellt sich das Sparparadoxon ein: Wenn alle gleichzeitig sparen, brechen Konsum und Unternehmensinvestitionen ein und die aggregierte Nachfrage in der Wirtschaft sackt zusammen. Dieser Zustand hält so lange an, bis die privaten Bilanzen saniert sind – und das dauert meist Jahre.

Von den oben beschriebenen Nachfragekomponenten verbleiben somit die Nummern drei und vier, die die Wirtschaft noch einigermassen in der Luft halten. Doch nun kommen die Austeritätspropheten und fordern, auch der Staat müsse jetzt sparen und seine Ausgaben zurückfahren, womit die Nachfragegruppe drei ebenfalls wegfällt.

Verbleibt noch die vierte Gruppe, das Ausland. Doch nicht nur unter Haushalten und Unternehmen, auch unter den Staaten kann sich das Sparparadoxon einstellen: Wenn zu viele Länder gleichzeitig in einer Bilanzrezession stecken und ihre Staatsausgaben drosseln, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, dass alle diese Länder von einem boomenden Aussenhandel leben können.

Genau das spielt sich in Europa seit mehr als drei Jahren ab. Freiwillig (im Fall Grossbritanniens) und unfreiwillig (Spanien, Italien, Portugal, Griechenland, Irland) steckt ein beträchtlicher Teil der Eurozone in der Austeritätsfalle. Die Resultate sind ernüchternd: In all diesen Ländern steigen die Staatsschulden und die Arbeitslosenraten, die öffentlichen Finanzen verharren hartnäckig im Defizit und sie finden keinen Weg aus der Lethargie.

Mit diesem Krankheitsverlauf hätte jeder Arzt längst seine Therapiemethode geändert.

Die Links zum Wochenende:

  • Hier ein spannendes Interview, dass mein Redaktionskollege Dietegen Müller in Frankfurt mit Mohamed El-Erian, dem Chef des weltgrössten Bond-Investors Pimco, geführt hat.
  • Und in eigener Sache, die aktuelle FuW-Umfrage: Finden Sie, die Schweiz solle das Bankkundengeheimnis aufgeben und den automatischen Informationsaustausch von Kundendaten annehmen, sofern dieser dereinst auf Ebene der OECD zum Standard wird? Sagen Sie uns hier Ihre Meinung.

Eine kuriose Rangliste

Tobias Straumann am Montag den 21. Januar 2013
So viel zur ökonomischen Freiheit: Bewohner eines Wohnkäfigs in Hongkong. (Bild: Reuters)

So viel zur ökonomischen Freiheit: Bewohner eines Wohnkäfigs in Hongkong. (Bild: Reuters)

Vor kurzem hat die amerikanische Denkfabrik Heritage Foundation ihren neusten «Index of Economic Freedom» publiziert. Wie immer hat Hongkong gewonnen, gefolgt von Singapur. Für nächstes Jahr ist mit demselben Ergebnis zu rechnen.

Wer geglaubt hat, man würde sich in Hongkong über die erneute Auszeichnung freuen, sah sich allerdings getäuscht. Der Index löste vielmehr Schulterzucken aus. Denn wer nur ein paar Monate in Hongkong gelebt hat, merkt schnell, dass die ökonomische Freiheit nur im internationalen Sektor gilt. Der Binnenmarkt ist hingegen alles andere als offen und frei.

Am auffälligsten ist das Fehlen von ökonomischer Freiheit im Immobiliensektor. Der grösste Teil des Baulandes befindet sich in den Händen des Staates, der durch Verknappung des Wohnangebots die Preise hochhält, um die Steuersätze niedrig zu halten. Das Ergebnis ist, dass die Wohnverhältnisse kaum enger sein könnten. In der Presse erscheinen immer wieder Artikel von Familien, die in Wohnkäfigen wohnen.

Auch die Bauwirtschaft ist nicht dem freien Wettbewrb unterworfen. Es sind ein paar wenige Firmen, die den Kuchen untereinander aufteilen und dafür sorgen, dass die Preise hoch bleiben. Damit sichern sie sich eine kontinuierliche Monopolrente. Fast alle Hongkonger Tycoons haben ihr Vermögen dank ihres privilegierten Zugangs zu den Staatsaufträgen im Immobiliensektor gemacht.

Es geht noch weiter. Einige wenige Unternehmen haben die Kontrolle über die grossen Lebensmittelläden, das Bussystem, den Schiffstransport, die Hafenrechte und die Kioskketten. Auch hier spielen staatliche Lizenzen eine entscheidende Rolle. Nur der Telekombereich ist dereguliert. Prompt haben einige Tycoons in diesem Geschäft grosse Verluste gemacht. Sie sind es sich nicht gewohnt, im freien Markt erfolgreiche Strategien zu entwickeln. Der Journalist Joe Studwell hat den Aufstieg der politischen Unternehmer in Hongkong und Südostasien in seinem faszinierenden Buch «Asian Godfathers» treffend beschrieben.

Als die Heritage Foundation letzte Woche den neusten Index in Hongkong präsentierte, hat ein liberal gesinnter Journalist der South China Morning Post auf die Ungereimtheiten aufmerksam gemacht. Die Antwort lautete, man könne diesen Aspekt «aus Mangel an komparativen Daten» nicht berücksichtigen. Immerhin eine ehrliche Antwort, aber auch eine, die einem dazu veranlasst, den Index aus Mangel an Objektivität nicht zu berücksichtigen.

Liebe Leserinnen und Leser, Wir haben zurzeit technische Probleme. Wir werden diese so schnell wie möglich lösen. Die Redaktion.

«Made in USA» gibt es nicht mehr

Tobias Straumann am Montag den 17. Dezember 2012
Das Label «Made in USA» ist sinnlos geworden, da die meisten Halbfabrikate, die für den Mac benötigt werden, weiterhin aus Asien stammen: Apple-Firmensitz in Cupertino. (Bild: Reuters/ Norbert von der Groeben)

Da die meisten Halbfabrikate, die für den Mac benötigt werden, weiterhin aus Asien stammen, ist das Label «Made in USA» sinnlos geworden: Apple-Firmensitz in Cupertino. (Bild: Reuters/ Norbert von der Groeben)

Die täglichen Wirtschaftsnachrichten sind nach wie vor von der Wirtschaftspolitik dominiert. Werden die Demokraten und die Republikaner einen Kompromiss zur Überwindung des «Fiscal Cliff» finden? Wird die neue Führung in Beijing das chinesische Wachstumsmodell ändern? Kommt die Bankenunion in der Eurozone oder kommt sie nicht, und wenn ja, in welcher Form?

Nur ab und zu hört man etwas über die globale Verteilung von Produktion und Konsum, d.h. über die materiellen Grundlagen unseres Lebens. So hat etwa die Nachricht, dass Apple einen Teil seiner Computer wieder in den USA herstellen lassen will, für grosses Aufsehen gesorgt. Leider aber ist diese Entscheidung von vielen Medien falsch interpretiert worden. Man hat sich zu sehr auf den Standortwettbewerb zwischen den Ländern gestürzt, ohne die neue Realität der globalen Industrie zu berücksichtigen.

Vor fünfzig Jahren war es noch üblich gewesen, dass ein Produktionsbetrieb in einem bestimmten Land alles vor Ort produzierte oder produzieren liess. «Made in USA» war eine zutreffende Beschreibung. In den letzten Jahrzehnten aber begannen die grossen multinationalen Firmen, ihre Produktion weltweit aufzuspalten. Der Handel von Gütern (Trade in Goods) hat sich seither immer mehr zu einem Handel von Aufgaben (Trade in Tasks) entwickelt, sodass ein Produkt bis zu seinem Verkauf an den Konsumenten mehrmals die nationalen Grenzen überschreitet. Heute bestehen mehr als 50 Prozent des Welthandels aus dem Verschieben von Halbfabrikaten innerhalb von grossen Firmen oder zwischen grossen Firmen und ihren Zulieferern. Wenn Apple den Mac künftig in den USA herstellen lässt, so betrifft das nur die Endfertigung. Die meisten Halbfabrikate, die für den Mac benötigt werden, werden weiterhin aus Asien stammen. Das Label «Made in USA» ist sinnlos geworden. Ricardos Modell muss erweitert werden.

Die Welthandelsorganisation (WTO) hat in einem lesenswerten Bericht die neuen Handelsrealitäten beschrieben (hier). Folgende Grafik zeigt zum Beispiel, wo überall eine japanische Autofirma ihre Einzelteile herstellen lässt. Das Hin- und Herschieben der Einzelteile ist begünstigt durch Freihandelsabkommen (AFTA, AFTA-CEPT).

Die neue internationale Arbeitsteilung hat nicht nur die herkömmlichen Labels überflüssig gemacht. Sie war auch mit ein Grund, dass der Welthandel während der heissen Phase der Finanzkrise (viertes Quartal 2008) um 20 Prozent geschrumpft ist. Aufgrund der grossen Unsicherheit verlangsamten die grossen multinationalen Firmen ihren Produktionsprozess, was sich sofort in einem geringeren Handelsvolumen der Halbfabrikate zeigte (hier eine schöne Übersicht über die Debatte).

In der Regel muss man vorsichtig sein, wenn jemand die «Globalisierung» für eine Entwicklung verantwortlich macht. Beim Strukturwandel des Welthandels ist der Begriff hingegen voll angebracht. Heute existiert eine internationale Verflechtung der Produktionsstandorte, die historisch beispiellos ist.

Die einflussreichste Kaderschmiede

Tobias Straumann am Mittwoch den 2. Mai 2012
Massachusetts Intitute of Technology. (Bild: MIT)

Hat wichtige Entscheidungsträger im Bereich der Wirtschaftspolitik hervorgebracht: Massachusetts Institute of Technology. (Bild: MIT)

Die Universität Zürich ist zu Recht stolz auf ihr Institut für Volkswirtschaftslehre. Es gehört zu den besten im deutschsprachigen Raum und wird auch im übrigen Europa und den Vereinigten Staaten stark beachtet. Auch an den übrigen Schweizer Universitäten haben die VWL-Institute in den letzten Jahren stark zugelegt, wie die Rangliste von RePec belegt. Die Ökonominnen und Ökonomen suchen den direkten Wettbewerb mit dem Ausland und können offensichtlich mithalten.

Der Weg zu obersten Spitze scheint aber noch weit zu sein. Gemäss RePec sind 16 der 20 leistungsstärksten VWL-Institute der Welt amerikanisch. Nur Oxford, Toulouse, Barcelona und Paris sind in der Spitzengruppe vertreten. Zürich liegt auf Rang 59. Natürlich fällt jedes Ranking etwas anders aus. Aber die Tendenz ist überall dieselbe: Die US-Universitäten dominieren die VWL nach wie vor.

Ihr grosser Einfluss beruht nicht nur auf den Publikationen und Zitationen, sondern auch auf der Ausbildung von zukünftigen Entscheidungsträgern. Dabei sticht ein VWL-Institut besonders heraus: das Department of Economics am MIT. Praktisch alle wichtigen Entscheidungsträger in der internationalen Währungspolitik haben ihr Studium dort abgeschlossen: Ben Bernanke, Mario Draghi und Olivier Blanchard, der seit 2008 als Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) arbeitet und die Grundpositionen der Institution fundamental verändert hat. Blanchard, ein gebürtiger Franzose, hat nach allem, was man hört und liest, enormen Einfluss auf Christine Lagarde, die ehemalige Finanzministerin unter Sarkozy und seit Juni Managing Director des IWF. Auch in der Arena der öffentlichen Meinung dominieren MIT-Absolventen: George Akerlof, Paul Krugman, Gregory Mankiw, Kenneth Rogoff, Joseph Stiglitz und Robert Shiller. Im Bereich der internationalen Wirtschaftspolitik ist der Einfluss des MIT überwältigend. Es ist in diesem Bereich die einflussreichste Kaderschmiede der Welt.

Dabei waren es bei Bernanke, Draghi und Blanchard eigentlich nur zwei eingewanderte Professoren, die einen entscheidenden Einfluss ausübten: Rudi Dornbusch und Stanley Fischer. Dornbusch (*1942) stammte aus Nordrhein-Westfalen, studierte an der Universität Genf und brach Ende der 1960er Jahre nach Chicago auf, um dort zu doktorieren. 1975 kam er als Professor ans MIT. Leider verstarb er bereits 2002  im Alter von 60 Jahren. Stanley Fischer wuchs in Rhodesien (Zimbabwe) auf, studierte in London und übernahm 1977 eine Professur am MIT. Seit 2005 ist er Chef der israelischen Zentralbank. Dornbusch und Fischer begeisterten die Studierenden dadurch, dass sie die Ökonomie nicht nur als akademische Tätigkeit betrieben, sondern immer die Anwendung der Theorie auf konkrete wirtschaftspolitische Probleme («economics about the real world») einforderten.

Wenn sich also die führenden Notenbanker und Wirtschaftspolitiker jeweils im Frühling und Herbst am IWF-Treffen in Washington einfinden, so ist das im Wesentlichen eine Klassenzusammenkunft von MIT-Absolventen, die bei Dornbusch und Fischer studiert haben. Die Globalisierung ist eine Tatsache, aber die Welt der wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger ist immer noch sehr überschaubar und amerikanisch geprägt.

Lehren aus dem EU-Währungskollaps von 1992

Tobias Straumann am Montag den 28. November 2011
Norman Lamont kurz vor der entscheidenden Sitzung in Bath, 16 August 1992.

Das Europäische Währungssystem (EWS) mit seinem System der fixen Wechselkurse brach 1992 zusammen: Der britische Finanzminister Norman Lamont kurz vor der entscheidenden Sitzung in Bath am 16. August 1992. Drei Wochen später trat Grossbritannien aus dem EWS aus.

Am 4. September 1992 trafen sich die EU-Finanzminister im englischen Kurort Bath, um über die Zukunft des Europäischen Währungssystems (EWS) zu diskutieren. Das EWS, ein System mit fixen Wechselkursen, stand kurz vor dem Kollaps. Die Deutsche Bundesbank hatte die Zinsen erhöht, um die Inflation, die sich durch die Wiedervereinigung ergeben hatte, zu reduzieren. Gleichzeitig befand sich die europäische Wirtschaft ausserhalb Deutschlands in einer Rezession, was eine Zinssenkung dringend notwendig machte. Es ist das klassische Dilemma, das sich in Systemen mit fixen Wechselkursen immer wieder ergibt: Das stärkste Land hat die Macht, die Zinsen zu setzen, die anderen müssen folgen, auch wenn sie aufgrund der Konjunkturlage eine ganz andere Zinspolitik benötigten.

Wegen der Interessenkollision kam es zu dramatischen Szenen in Bath. Norman Lamont, der konservative britische Finanzminister, bat den Präsidenten der Deutschen Bundesbank, Helmut Schlesinger, mehrmals um eine Zinssenkung. Schlesinger sagte viermal Nein und drohte damit, den Saal zu verlassen. Die deutschen Zinsen blieben unverändert. Kurz nach dem Treffen der Finanzminister kollabierte das EWS, und Grossbritannien trat aus.

Der Zusammenstoss zwischen Lamont und Schlesinger erinnert an die heutige Konstellation zwischen Frankreich und Deutschland. Sarkozy möchte eine noch aktivere Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) bei der Bekämpfung der Schuldenkrise, Merkel bremst. Die dramatische Szene von Bath ist auch aus einem anderen Grund illustrativ. Sie zeigt nämlich, dass es falsch ist, davon auszugehen, dass die europäischen Politiker am Schluss immer alles unternehmen werden, um das Währungssystem zu retten. Wenn man aus der Währungsgeschichte der EU etwas lernen kann, so ist es genau das Gegenteil: Man muss immer mit dem Schlimmsten rechnen.

Es ist rätselhaft, wie eine solche Theorie überhaupt entstehen konnte. Denn es gibt zahlreiche historische Beispiele, bei denen die Politiker nichts unternahmen, obwohl sie wussten, dass es eine Katastrophe geben würde, wenn sie nicht handelten. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg hätten nicht stattgefunden, wenn man rechtzeitig mutige Entscheidungen gefällt hätte. Auch die argentinische Krise vor zehn Jahren widerlegt die These, dass die Politiker unter dem Druck der Ereignisse richtig handeln.

Wie dramatisch müsste denn die Euro-Krise noch werden, bis die Politikerinnen und Politiker aufwachen? Viel schlimmer kann es eigentlich gar nicht werden. Der Euro-Obligationenmarkt funktioniert seit letzter Woche nicht mehr, das Bankensystem ist massiv unterkapitalisiert, die südeuropäischen Länder stecken in einer Schuldenkrise, aus der sie sich nicht mehr allein befreien können, der Rettungsfonds (EFSF) kann nicht wie gewünscht erhöht werden, die Sparer ziehen ihr Geld ab und bringen es ins Ausland oder stecken es unter das Kopfkissen. Anders formuliert: Die Eurozone steht am Abgrund. Handlungsbedarf besteht also schon lange.

Wolfgang Münchau schreibt in der «Financial Times», die Eurozone-Politiker hätten nur noch einige Tage, um den Kollaps zu verhindern. Es gibt sie also noch, die letzte Chance, aber ich würde nicht darauf wetten, dass die Politiker sie auch tatsächlich nutzen. 1992 taten sie es nicht, und die jüngsten Verlautbarungen weisen darauf hin, dass sie auch diesmal nicht tun. Mark Twain hat recht, wenn er sagt, die Geschichte wiederhole sich nicht, aber sie reime sich.