
Wie ist die wirtschaftliche Entwicklung Japans zu interpretieren? Im Bild: Darstellung des Kampfes zwischen Tradition und Moderne in Japan, ca. 1870. (Quelle: Printing Museum)
Japan ist von allen OECD-Mitgliedern das rätselhafteste Land. Seit mehr als 20 Jahren verharrt die Wirtschaft in Stagnation, die Preise bleiben stabil trotz expansiver Geldpolitik, und die Staatsverschuldung ist mittlerweile höher als 200 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Gleichzeitig beträgt die Arbeitslosigkeit aber nur etwa fünf Prozent. Wie ist das möglich?
Natürlich gibt es eine Reihe von guten Erklärungen, was die Stagnation und die hohe Staatsverschuldung anbelangt. Japan leidet immer noch unter den Folgen der verheerenden Bankenkrise, die anfangs der 1990er-Jahre ausgebrochen ist. Aber sobald man nach einer Erklärung für die geringe Arbeitslosenquote sucht, wird es schwieriger. Die Überalterung der Gesellschaft ist ein wichtiger Faktor, auch die rückläufige Erwerbsquote der Frauen spielt eine Rolle. Nur sind das keine wirklich unabhängigen Variablen. Sie verweisen auf viel grundlegendere Faktoren, die mit dem speziellen kulturellen und institutionellen Rahmen des Landes zu tun haben. Japan ist anders.
Die geringe Arbeitslosenrate trotz wirtschaftlicher Stagnation ist aber nur das letzte Beispiel einer langen Serie von japanischen Rätseln. Ungelöst geblieben ist insbesondere die Frage, warum es Japan als einzigem nicht westlichen Land gelungen ist, bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine erfolgreiche Industrialisierung einzuleiten. Die Grafik zeigt, wie Japan von 1870 bis 1930 die grossen asiatischen Nachbarn abhängte.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war das Land noch hoffnungslos rückständig im Vergleich zu den europäischen Grossmächten und den USA gewesen. Der Amerikaner Perry hatte 1854 keine Mühe, die japanische Regierung zur Öffnung einiger Häfen zu zwingen, als er mit vier Kriegsschiffen in der Bucht von Tokyo aufkreuzte. Japan drohte dasselbe Schicksal wie China, das nach dem ersten Opiumkrieg (1839-1842) den Binnenmarkt für den ausländischen Handel zugänglich machen und Hongkong abtreten musste.
Wenig später kam mit der Meiji-Restauration von 1868 die grosse Wende. Das jahrhundertealte Schogunat wurde ersetzt durch eine Art konstitutionelle Monarchie, und es setzte eine umfassende institutionelle Reform ein, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. 1899 wurde die ganze Transformation in eine moderne Verfassung gegossen. Gleichzeitig setzte der industrielle Aufschwung ein, zunächst in der Seidenindustrie, etwas verzögert dann auch in den Zulieferindustrien.
Das erstarkte Japan beginnt nun auch sehr schnell, die Armee aufzurüsten und militärisch zu expandieren. 1876 besetzt es die Bonin und Riu-Kiu-Inseln, 1895 besiegt es China und gliedert Formosa (Taiwan) ein, 1904/05 gewinnt es gegen Russland, 1910 annektiert es die koreanische Halbinsel. Fünfzig Jahre zuvor hatte noch die Kolonialisierung gedroht, jetzt war Japan selber ein Kolonialreich. In den 1930er-Jahren überfiel es schliesslich China und löste den Zweiten Weltkrieg in Ostasien aus.
Wiederum gibt es auch bei diesem japanischen Urrätsel eine Reihe von Erklärungen. So war Japan um 1850 weniger rückständig, als es auf den ersten Blick scheint. Der Binnenmarkt war gut erschlossen, die Landwirtschaft für vormoderne Verhältnisse höchst produktiv, der Bildungsstand beeindruckend, und seit 1700 hatte das Textilgewerbe dank dezentraler Produktion grosse Fortschritte gemacht (Protoindustrialisierung). In vielerlei Hinsicht hatte Japan ähnliche Strukturen wie Europa am Vorabend der industriellen Revolution.
Dennoch bleibt ein unerklärter Rest übrig. Japan ist anders.












Markus Diem Meier (Jg. 1963) ist stellvertretender Chefredaktor der «Finanz und Wirtschaft» und leitet das Onlineportal
Tobias Straumann (Jg. 1966) ist Wirtschaftshistoriker mit Spezialgebiet Finanz- und Währungsgeschichte. Er lehrt an den Universitäten Basel und Zürich.
Mark Dittli (Jg. 1974) ist Chefredaktor der 































