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Artikel-Schlagworte: „Wirtschaftsgeschichte“

Das japanische Urrätsel

Tobias Straumann am Montag den 22. April 2013
The New fighting the Old in early Meiji Japan circa 1870

Wie ist die wirtschaftliche Entwicklung Japans zu interpretieren? Im Bild: Darstellung des Kampfes zwischen Tradition und Moderne in Japan, ca. 1870. (Quelle: Printing Museum)

Japan ist von allen OECD-Mitgliedern das rätselhafteste Land. Seit mehr als 20 Jahren verharrt die Wirtschaft in Stagnation, die Preise bleiben stabil trotz expansiver Geldpolitik, und die Staatsverschuldung ist mittlerweile höher als 200 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Gleichzeitig beträgt die Arbeitslosigkeit aber nur etwa fünf Prozent. Wie ist das möglich?

Natürlich gibt es eine Reihe von guten Erklärungen, was die Stagnation und die hohe Staatsverschuldung anbelangt. Japan leidet immer noch unter den Folgen der verheerenden Bankenkrise, die anfangs der 1990er-Jahre ausgebrochen ist. Aber sobald man nach einer Erklärung für die geringe Arbeitslosenquote sucht, wird es schwieriger. Die Überalterung der Gesellschaft ist ein wichtiger Faktor, auch die rückläufige Erwerbsquote der Frauen spielt eine Rolle. Nur sind das keine wirklich unabhängigen Variablen. Sie verweisen auf viel grundlegendere Faktoren, die mit dem speziellen kulturellen und institutionellen Rahmen des Landes zu tun haben. Japan ist anders.

Die geringe Arbeitslosenrate trotz wirtschaftlicher Stagnation ist aber nur das letzte Beispiel einer langen Serie von japanischen Rätseln. Ungelöst geblieben ist insbesondere die Frage, warum es Japan als einzigem nicht westlichen Land gelungen ist, bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine erfolgreiche Industrialisierung einzuleiten. Die Grafik zeigt, wie Japan von 1870 bis 1930 die grossen asiatischen Nachbarn abhängte.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war das Land noch hoffnungslos rückständig im Vergleich zu den europäischen Grossmächten und den USA gewesen. Der Amerikaner Perry hatte 1854 keine Mühe, die japanische Regierung zur Öffnung einiger Häfen zu zwingen, als er mit vier Kriegsschiffen in der Bucht von Tokyo aufkreuzte. Japan drohte dasselbe Schicksal wie China, das nach dem ersten Opiumkrieg (1839-1842) den Binnenmarkt für den ausländischen Handel zugänglich machen und Hongkong abtreten musste.

Wenig später kam mit der Meiji-Restauration von 1868 die grosse Wende. Das jahrhundertealte Schogunat wurde ersetzt durch eine Art konstitutionelle Monarchie, und es setzte eine umfassende institutionelle Reform ein, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. 1899 wurde die ganze Transformation in eine moderne Verfassung gegossen. Gleichzeitig setzte der industrielle Aufschwung ein, zunächst in der Seidenindustrie, etwas verzögert dann auch in den Zulieferindustrien.

Das erstarkte Japan beginnt nun auch sehr schnell, die Armee aufzurüsten und militärisch zu expandieren. 1876 besetzt es die Bonin und Riu-Kiu-Inseln, 1895 besiegt es China und gliedert Formosa (Taiwan) ein, 1904/05 gewinnt es gegen Russland, 1910 annektiert es die koreanische Halbinsel. Fünfzig Jahre zuvor hatte noch die Kolonialisierung gedroht, jetzt war Japan selber ein Kolonialreich. In den 1930er-Jahren überfiel es schliesslich China und löste den Zweiten Weltkrieg in Ostasien aus.

Wiederum gibt es auch bei diesem japanischen Urrätsel eine Reihe von Erklärungen. So war Japan um 1850 weniger rückständig, als es auf den ersten Blick scheint. Der Binnenmarkt war gut erschlossen, die Landwirtschaft für vormoderne Verhältnisse höchst produktiv, der Bildungsstand beeindruckend, und seit 1700 hatte das Textilgewerbe dank dezentraler Produktion grosse Fortschritte gemacht (Protoindustrialisierung). In vielerlei Hinsicht hatte Japan ähnliche Strukturen wie Europa am Vorabend der industriellen Revolution.

Dennoch bleibt ein unerklärter Rest übrig. Japan ist anders.

China stösst an die Decke

Tobias Straumann am Montag den 11. März 2013
Entwicklung im Rahmen: Mechanische Installation an einem Museum in Peking. (Bild: AFP)

Entwicklung im Rahmen: Mechanische Installation an einem Museum in Peking. (Bild: AFP)

Mit dem Abschluss des Machtwechsels in Peking ist auch die Debatte über die Zukunft Chinas wieder aufgeflammt. Wird die Wirtschaft weiterhin in diesem hohen Tempo wachsen, oder beginnt bald die Phase der Verlangsamung?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten diese Frage zu beantworten. Eine elegante Methode besteht darin, Chinas relative Wettbewerbsfähigkeit auf dem US-Markt zu beobachten. Der Vorteil dieser Herangehensweise ist, dass man sich nicht auf unscharfe Schätzungen des Bruttoinlandprodukts verlassen muss und die Manipulationen der chinesischen Behörden umgehen kann. Die US-Daten zur Entwicklung der Importe sind zuverlässig.

Das Ergebnis ist eindeutig. Die chinesischen Exporte haben nach einem stürmischen Wachstum die Decke erreicht. Besonders interessant ist der Vergleich zwischen China und Mexiko, weil die beiden Länder dieselben Produkte für den US-Markt herstellen, nämlich arbeitsintensive Industriegüter. Drei Phasen lassen sich unterscheiden, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: IMF, Finance and Development, March 2013).

Die erste Phase setzt 1994 mit dem Beginn des nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) zwischen Mexiko und den USA ein. Dank verbessertem Marktzutritt nehmen die mexikanischen Exporte schnell zu – von 2 auf 13 Prozent aller Importe der USA. Die chinesischen Exporte wachsen im Gleichschritt mit den mexikanischen.

Die zweite Phase beginnt 2001 mit dem Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation (WTO). Chinas Exporte in die USA nehmen sprunghaft zu, während Mexikos Exporte in die USA stagnieren.

Die dritte Phase umfasst die Zeit seit 2005. Seit jenem Jahr steigen Mexikos Exporte in die USA wieder zügig an, während der Anteil der chinesischen Güter an den amerikanischen Importen mit einer gewissen Verzögerung wieder gesunken ist.

Nach einem langjährigen Taucher haben die mexikanischen Exporteure offensichtlich wieder Boden gegenüber den chinesischen Konkurrenten gewonnen. Vergleicht man die realen Lohnkosten Chinas und Mexikos, sieht man einen enormen Druck zur Konvergenz. Zwischen 2003 und 2011 haben sich die chinesischen Löhne verfünffacht im Gegensatz zu den mexikanischen Löhnen, die seit zehn Jahren stagnieren.

Was lange Zeit bestritten wurde, ist nun also eingetreten: China ist genau gleich wie jedes andere Schwellenland – Grösse hin oder her. Wenn eine arme Volkswirtschaft in hohem Tempo wächst, steigen mit einer gewissen Verzögerung auch die Löhne an. Das bedeutet, dass das exportgetriebene Wachstumsmodell bereits vor einigen Jahren an seine Grenzen gestossen ist und das jährliche Wachstum dauerhaft unter zehn Prozent sinken wird.

Und nimmt man Japan als Vergleich, ist mit einem weiteren Schrumpfen des Exportanteils zu rechnen. Wie die erste Grafik oben zeigt, hatte Japan 1994 einen Anteil von mehr als 20 Prozent an allen US-Importen, seit 2009 sind es knapp zehn Prozent.

Der Westen braucht sich also vor dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas nicht zu fürchten. Es wiederholt sich, was wir schon mehrmals in der Wirtschaftsgeschichte beobachten konnten: Die neuen Wirtschaftsmächte unterliegen genau denselben Gravitationsgesetzen wie die alten.

Die vergessene Geschichte der Ökonomie

Tobias Straumann am Montag den 18. Februar 2013
Der historische Kontext ist für das Verständnis wichtig: John Maynard Keynes.

Ein guter Verkäufer seiner selbst: John Maynard Keynes. Originaltexte lesen und ihren Gehalt

Lange Zeit war es üblich, dass jede wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in der Schweiz eine Vorlesung zur Geschichte des ökonomischen Denkens – die sogenannte Dogmengeschichte – anbot. Den Studierenden sollte vor Augen geführt werden, wie sich die wissenschaftlichen Vorstellungen in den letzten dreihundert Jahren immer wieder radikal verändert haben und wie alles ökonomische Wissen historisch bedingt ist.

Heute ist dieses Angebot bedauerlicherweise kaum mehr vorhanden. Entsprechend wird in der Ökonomie immer wieder das Rad neu erfunden, weil man alles, was älter als zwanzig Jahre ist, vergessen hat.

Wenn man die Dogmengeschichte wieder beleben will, genügt es allerdings nicht, die alten Positionen chronologisch nachzuerzählen. Man muss sie systematisch auf die aktuellen Debatten beziehen. Das ist aufwändig und verlangt ein grosses historisches und ökonomisches Wissen. Aber es gibt Vorbilder, an die man anküpfen kann, etwa die Geschichte des ökonomischen Denkens (1994) des Schweizer Ökonomen Jürg Niehans.

Besonders anregend an diesem Buch ist, wie Niehans die Selbstdarstellungen der Ökonomen demontiert und den Blick auf das Wesentliche lenkt. So weist er überzeugend nach, wie immer wieder eine intellektuelle Revolution ausgerufen wurde, die in Wirklichkeit gar keine war.

So polemisierte zum Beispiel Karl Marx unablässig gegen die englischen “Klassiker” (Adam Smith, David Ricardo), aber der Kern seiner Theorie, die Arbeitswertlehre, ist voll und ganz der klassischen Nationalökonomie entnommen. Auch seine Konjunkturtheorie war alles andere als originell. Marx war in vielerlei Hinsicht ein konventioneller Ökonom, trotz aller revolutionären Rhetorik.

Dasselbe gilt für John Maynard Keynes. So versuchte er sich krampfhaft vom “Neoklassiker” Arthur Cecil Pigou abzugrenzen, obwohl dieser ähnliche Positionen vertrat. Bei Keynes muss man ohnehin immer in Rechnung stellen, dass er nicht nur ein gescheiter Kopf, sondern auch ein guter Verkäufer seiner selbst war. Er konnte glänzend formulieren und nutzte seine Berühmtheit als Publizist, um seine Stellung im Ökonomenstreit zu stärken. Dass heute alle von Keynes sprechen, hat sehr viel mit seiner erfolgreichen Selbstvermarktung zu tun. Es gab auch andere innovative Köpfe in den 1930er Jahren, aber von ihnen spricht niemand mehr.

Wenn Keynes klassischer war, als er selbst behauptete, muss man auch die grosse “antikeynesianische” Welle seit den 1970er Jahren mit Skepsis betrachten. Vor allem die vehemente Kritik der sogenannten Neuklassiker (Robert Lucas, Thomas Sargent) scheint vor diesem Hintergrund völlig überzogen zu sein. Für Niehans ist jedenfalls klar:

In Wirklichkeit bewegte sich Keynes sehr stark in der klassischen Tradition, die viel reicher, umfassender und vielfältiger war, als Keynes oder die neuklassische Ökonomie uns weismachen wollen.

Vor diesem Hintergrund ist die oft gehörte Gretchenfrage “Glaubst du an Keynes oder nicht?” geradezu absurd. Sie zeigt nur, dass es höchste Zeit ist, die vergessene Geschichte der Ökonomie neu zu entdecken.

Ein unerwartetes Comeback

Tobias Straumann am Montag den 14. Januar 2013
Griechische und schweizerische Münze aus der der Zeit der Lateinischen Münzunion. (Foto: Wikipedia)

Griechische und schweizerische Münze (r.) aus der der Zeit der Lateinischen Münzunion. (Foto: Wikipedia)

Noch vor fünf Jahren hat sich kein Mensch für sie interessiert, aber mittlerweile ist sie so etwas wie eine Kronzeugin in der aktuellen Diskussion: die Lateinische Münzunion (LMU). Sie wird von ganz unterschiedlicher Seite ins Spiel gebracht – von den einen als Beispiel für eine gelungene Währungsunion ohne Fiskalunion, von den anderen als Beweis, dass auch die Schweiz mal Teil einer Währungsunion gewesen sei und es deshalb keinen Grund gebe, das Euro-Projekt allzu harsch zu kritisieren.

Die Wiederentdeckung der Lateinischen Münzunion besteht aber auf einem grossen Missverständnis. Eine Münzunion ist nicht dasselbe wie eine Währungsunion, auch wenn der semantische Unterschied auf den ersten Blick vernachlässigbar scheint. In der Eurozone haben alle Mitgliedsländer dieselbe Währung und dieselbe Zentralbank, in einer Münzunion bestehen die nationalen Währungen weiter und das Notenmonopol liegt bei der nationalen Zentralbank oder bei den privaten Notenbanken (in der Schweiz bis 1907). Dieser Unterschied ist nicht nebensächlich, sondern berührt den Kern des Euro-Projekts.

Der emeritierte Berner Ökonomieprofessor Ernst Baltensperger hat den Unterschied in seinem neuen Buch über den Schweizer Franken treffend auf den Punkt gebracht (S. 85):

Im Vergleich zur Europäischen Währungsunion unserer Tage stellte die Lateinische Währungsunion allerdings eine viel weniger weitgehende Integration der Geld- und Währungspolitik dar. Die Währungen der Mitgliedsländer blieben in ihrer Definition und gesetzlichen Grundlage national verankert. Eine Abgabe monetärer Souveränität an die Gemeinschaftsebene fand nicht statt und eine gemeinschaftliche Entscheidungsbehörde gab es nicht.

Wie Baltensperger weiter schreibt, sollte man die LMU eher mit dem Bretton-Woods-System vergleichen, d. h. mit einem Währungsregime, bei dem die einzelnen Wechselkurse gegeneinander fixiert waren. Das bedeutete vor allem, dass die Mitgliedschaft jederzeit kündbar war:

Austritt und Rückkehr zu einem abweichenden währungspolitischen Kurs blieben grundsätzlich möglich.

So verliess zum Beispiel Griechenland 1908 die LMU, weil das Land über eine längere Zeit eine Wirtschaftspolitik verfolgt hatte, die nicht mit einem fixen Wechselkurs vereinbar war. Und 1914 traten alle Mitgliedsländer wegen dem Ersten Weltkrieg temporär aus. Man versuchte nach dem Krieg, die LMU wieder zu beleben, aber es war aussichtslos. Im Laufe der 1920er Jahre wurde sie dann offiziell begraben.

Natürlich kann auch ein Euro-Land austreten, aber die Operation ist ungleich schwieriger als vor hundert Jahren. Griechenland hätte man längst gehen lassen müssen, aber die technischen Schwierigkeiten und die Angst vor einem Domino-Effekt bremsen alle Initiativen. Als Griechenland 1908 die LMU verliess, musste man sich nicht um solche Fragen kümmern.

Man kann es deshalb nicht genug wiederholen: Die Idee, dass souveräne Staaten eine gemeinsame Währung einführen und ihre geldpolitische Autonomie an eine gemeinsame Zentralbank abgeben, ist historisch einzigartig. Und dies ist genau der Grund, warum es von Beginn weg viele skeptische Stimmen gegeben hat (hier ein oft zitiertes Beispiel aus dem Jahr 1992). Der Verweis auf die LMU lenkt nur von den aktuellen Problemen ab.

Ökonomie der Piraterie

Tobias Straumann am Montag den 10. Dezember 2012
Dustin Hoffman als Captain Hook.

Piraten sind der Beweis, dass Anarchie organisiert werden konnte: Dustin Hoffman als Captain Hook. (Foto: Tristar)

In Funk, Film und Fernsehen hat die Piraterie seit jeher grosse Aufmerksamkeit bekommen. In der Ökonomie führt sie hingegen eine Randexistenz. Es gab zwar in der Wirtschaftsgeschichte früher einmal eine Diskussion über die Bedeutung der Piraterie für die Entstehung des British Empire und der Industriellen Revolution. Aber da die überwiegende Mehrheit zum Schluss kam, dass sie keinen entscheidenden Beitrag geleistet habe, wandte sich die Zunft wieder anderen Fragen zu.

In jüngster Zeit ist allerdings die Piraterie wieder auf dem Radarschirm der Forschung aufgetaucht, aber diesmal ist der Blickwinkel ein ganz anderer. Während es früher um makroökonomische oder geopolitische Fragen ging, stehen nun die mikroökonomischen Mechanismen im Zentrum. Wie waren die Piraten organisiert? Wie entschieden sie? Wie freiwillig war die Mitgliedschaft?

Auf den ersten Blick scheinen die Antworten auf der Hand zu liegen. Piraten müssen wie reguläre Armeen hierarchisch organisiert gewesen sein. An der Spitze standen charismatische Anführer, die den Rest mit Zuckerbrot und Peitsche bei Laune hielten. Captain Hook lässt grüssen.

Alles falsch, sagen neuere Untersuchungen. In seinem Buch «The Invisible Hook» – der Titel ist angelehnt an Adam Smiths Formulierung von der «unsichtbaren Hand» – zeigt der Ökonom Peter Leeson, dass die Piraten für ihre Zeit aussergewöhnlich demokratisch organisiert und gegenüber Menschen dunkler Hautfarbe relativ tolerant waren.

Leeson nennt zwei Gründe für das hohe Mass an Kooperation und das Fehlen von Sklaverei. Erstens hatten unterdrückte oder versklavte Piraten weniger Interesse am Erfolg des Unternehmens als vollwertige Mitglieder. Zweitens drohten unfreie Piraten alle Geheimnisse ausplaudern, um ihre Freiheit wieder zu gewinnen, wenn ein Piratenschiff geschnappt wurde. Es war schwieriger für die Justiz, vollwertige Mitglieder gegeneinander auszuspielen.

Gemäss Leeson waren die Piraten Pioniere beim Aufbau von modernen Institutionen:

Pirates understood the advantages of constitutional democracy –a model they adopted more than fifty years before the United States did so. Pirates also initiated an early system of workers’ compensation, regulated drinking and smoking, and in some cases practiced racial tolerance and equality. Pirates exemplified the virtues of vice – their self-seeking interests generated socially desirable effects and their greedy criminality secured social order. Pirates proved that anarchy could be organized.

Leesons Buch wurde erwartungsgemäss von der Zunft nicht ganz ernst genommen. Die historischen Details stimmen offenbar nicht immer (hier eine kritische Rezension). Ein anderer Vorwurf lautet, dass das Thema zu wenig ernst ist. Die Piraten als Pioniere darzustellen, mag ja lustig sein, aber wo ist die Relevanz? Wir stecken in einer grossen Wirtschaftskrise, und die Ökonomen befassen sich mit solch abwegigen Themen!

Ein seltsamer Vorwurf. Wenn es eine Lehre aus der gegenwärtigen Krise zu ziehen gibt, ist es die, dass die Ökonomie die mikroökonomischen Mechanismen des Finanzsektors viel zu wenig ernst genommen hat, zum Beispiel die Fehlanreize bei der Entlöhnung, die Absenz von Checks and Balances in den leitenden Organen oder die Asymmetrien im Hypothekarmarkt.

Oder anders gesagt: Wenn der Umweg über die historische Piratenforschung dazu beiträgt, dass wir mehr über die optimale Organisation von Märkten und Unternehmen herausfinden können, sollten wir nicht weniger, sondern mehr Zeit mit dem Studium von Captain Hooks Leben verbringen, natürlich mit einer Buddel voll Rum auf dem Schreibtisch.

Der «Währungskrieg» in den Dreissigerjahren

Tobias Straumann am Montag den 29. Oktober 2012
Opfer der Weltwirtschaftskrise: Blick in eine US-Suppenküche während der Grossen Depression 1932. (Bild: Keystone)

Opfer der Weltwirtschaftskrise: Blick in eine US-Suppenküche während der Grossen Depression 1932. (Bild: Keystone)

Wenn immer heute der Vorwurf des Währungskriegs erhoben wird, klingt die Warnung mit, es nicht so weit kommen zu lassen wie in den Dreissigerjahren. Damals habe der zerstörerische Währungskrieg zum militärischen Krieg geführt. Wehret den Anfängen!

Auf vergangene Katastrophen hinzuweisen ist immer wirkungsvoll und manchmal auch richtig, aber in diesem Fall ist der historische Vergleich geradezu irreführend. Der grösste Fehler der Dreissigerjahre war nicht der Abwertungswettlauf, sondern das Festhalten am Goldstandard. Die Länder hätten, wenn schon, früher abwerten sollen, nicht die Abwertung verhindern. Denn nur durch die Aufhebung der Goldstandards gewannen sie die Freiheit zurück, ihr Bankensystem zu stützen, die Deflation zu beenden und die Zukunftserwartungen umzudrehen.

Barry Eichengreen und Jeffrey Sachs haben den Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Abwertung und dem industriellem Wachstum in den Dreissigerjahren anhand einer Grafik klar auf den Punkt gebracht. Die Grafik zeigt, dass das industrielle Wachstum besser war, je früher ein Land abgewertet hat (hier das ganze Paper, das 1985 im «Journal of Economic History» publiziert wurde). Grossbritannien und die nordischen Länder werteten bereits 1931 ab und erholten sich bald darauf, Frankreich wertete erst 1936 ab und blieb deshalb länger in der Krise stecken.

Auch der zweite Teil der historischen Analogie ist irreführend. Die Abwertungen trugen nicht zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bei. Viel wichtiger waren andere Faktoren: der gescheiterte Friedensvertrag, die Schuldenkrise in Deutschland, das schlechte Krisenmanagement der USA, die Unterschätzung Hitlers etc. Der Begriff Währungskrieg suggeriert, es sei schon in den Dreissigerjahren Krieg geführt worden, nur nicht mit militärischen Mitteln. Auch das ist irreführend. Die Tatsache, dass Frankreich erst 1936 in den Abwertungswettlauf einstieg, war vollkommen selbst verschuldet. Es war nicht Ausfluss einer Konfrontation mit Deutschland oder einer anderen Macht.

Im Übrigen ist auch heute nicht der Währungskrieg das Hauptproblem. Viel zentraler für die Weltwirtschaft sind die Tiefzinspolitik des Fed, die Eurokrise und die Probleme des chinesischen Wachstumsmodells. So werden auch künftige Historikerinnen und Historiker kaum den «Währungskrieg» ins Zentrum der Darstellung der aktuellen Krise stellen. Dieser Begriff lenkt nur vom Wesentlichen ab.