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Artikel-Schlagworte: „Währungsreform“

Die Deutschen, Frankreich und die Inflationsangst

Tobias Straumann am Dienstag den 13. Dezember 2011
Nicht nur die Deutschen haben schlechte Erfahrungen mit Inflation gemacht: Während der Hyperinflation 1922/23 basteln Knaben einen Drachen aus Geldnoten.

Nicht nur die Deutschen haben schlechte Erfahrungen mit Inflation gemacht: Während der Hyperinflation 1923 basteln Knaben einen Drachen aus Geldnoten.

Einmal mehr hat der EU-Gipfel nicht das gebracht, was man sich von ihm versprochen hatte. Entsprechend begann am Montag die Rendite der italienischen Staatsanleihen wieder zu klettern. Die negative Wende kommt keineswegs überraschend, denn der Optimismus der letzten Woche war nicht nachvollziehbar. Viele Anleger glaubten, die Europäische Zentralbank (EZB) werde nach dem EU-Gipfel als Garant aller Staatsanleihen der Eurozone auftreten, obwohl die EZB mehrmals deutlich gemacht hatte, dass sie das nicht tun will. So nimmt die Krise weiter ihren Lauf.

Warum weigert sich die EZB, stärker einzuschreiten? Erstens darf sie aus juristischen Gründen nicht Staatsanleihen direkt aufkaufen. Zweitens sind die Deutschen gegen ein Anwerfen der Notenpresse, weil sie im 20. Jahrhundert besonders schlechte Erfahrungen mit Inflation gemacht haben. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg haben die meisten von ihnen ihr Erspartes verloren, weil der deutsche Staat seine Schulden mit einer massiven Geldentwertung zum Verschwinden brachte.

Manche Kommentatoren gehen davon aus, dass die Inflationsangst nicht nur historisch bedingt sei, sondern auch dem deutschen «Nationalcharakter» entspreche. Möglicherweise stimmt das, aber wenn man noch etwas weiter in die Geschichte zurückblickt, entdeckt man bald, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch andere Nationen von Inflationsangst gepeinigt wurden – insbesondere und ausgerechnet die Franzosen, die heute unbedingt eine aktive EZB sehen möchten.

Im 18. Jahrhundert machten sie gleich zweimal derart schlechte Erfahrungen mit Inflation, dass die französische Zentralbank bis ins 20. Jahrhundert alles unternahm, um einen möglichst grossen Goldschatz anzuhäufen. Ein anderes Relikt aus jener Zeit ist die Tatsache, dass die meisten französischen Banken nicht als «banques», sondern als «crédits» firmieren (Crédit Lyonnais, Crédit Agricole etc.). Denn zu Beginn des 18. Jahrhunderts war es eine Bank («Banque Royale») gewesen, die für die grosse Inflation verantwortlich war. Die Gründer der modernen Geschäftsbanken im 19. Jahrhundert taten alles, um nicht mit jener Katastrophe in Verbindung gebracht zu werden.

Es war der berühmte John Law, ein professioneller Spieler aus Schottland, gewesen, der die Inflation verursacht hatte. Er war in die Niederlande geflohen, weil er wegen der Tötung eines Duellanten zum Tod verurteilt worden war. In Amsterdam bewunderte er die neuen Finanztechniken, sah aber weitere Entwicklungsmöglichkeiten und suchte sich Frankreich aus, um seine Pläne zu verwirklichen. Es gelang ihm, das Vertrauen des Regenten Philippe von Orléans zu gewinnen und innerhalb weniger Jahre die staatliche Kolonialgesellschaft («Compagnie des Indes»), die Notenbank und das gesamte Steuersystem zu kontrollieren. Der Regent ernannte schliesslich John Law zum Finanzminister.

Zur Notenpresse griff Law, als er versuchte, die Aktien der Compagnie des Indes zu stabilisieren. Es hatte sich herumgesprochen, dass die neu gegründeten Kolonien entlang des Mississippi – darunter «La Nouvelle-Orléans» (später New Orleans) zu Ehren des Regenten Philippe von Orléans – nur Verluste brachten. Vom Dezember 1718 bis April 1720 stieg die Notenbankgeldmenge von 18 Millionen auf 2,6 Milliarden Livres. Am Schluss brachen die Kurse dennoch ein, und John Law musste Hals über Kopf Frankreich verlassen. Er starb 1728 als armer Mann in Venedig.

Bleibt noch die Frage, warum Philippe von Orléans dem zweifelhaften Finanzgenie aus Schottland so grosses Vertrauen entgegenbrachte? Frankreich war zu jenem Zeitpunkt wieder einmal über alle Ohren verschuldet, weil es sich im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-14) verkalkuliert hatte. Die Verzweiflung war so gross, dass man um jede Idee froh war, um den Staatsbankrott zu verhindern.

Während der Französischen Revolution wurde eine Ersatzwährung (Assignaten) gedruckt:

Während der Französischen Revolution wurde eine Ersatzwährung gedruckt, was im Fiasko endete: Assignat im Wert von 1000 Livres.

Die zweite grosse Inflation Frankreichs ereignete sich während der Französischen Revolution. Die  Revolutionsregierung hatte zu wenig Einnahmen und begann deshalb Papiergeld (Assignaten) zu drucken. Das Experiment endete ebenfalls im Fiasko. Erst Napoleon machte reinen Tisch, indem er die französische Zentralbank gründete und das Steuersystem reformierte. Mit geordneten monetären und finanziellen Verhältnissen liess sich Europa besser erobern.

Wie kann ein Land aus dem Euro austreten?

Tobias Straumann am Dienstag den 22. November 2011
200 Kronen mit ungarischem Stempel kurz nach Auflösung der Währungsunion.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Kronezone aufgelöst: 200 Kronen mit ungarischem Stempel kurz nach Auflösung der Währungsunion.

Ist es machbar, den Euro zu verlassen und die Drachme wieder einzuführen? Viele argumentieren, dass diese Operation rein technisch unmöglich wäre, so nach dem Motto: Versuchen Sie mal ein Rührei in ein Spiegelei zu verwandeln.

Aufgrund von historischen Beispielen kommt man jedoch schnell zum Schluss, dass die Rührei-Analogie wenig hilfreich ist. Auf die Aufsplitterung der Rubelzone habe ich schon einmal hingewiesen (hier). Gemäss dem US-Ökonomen Ed Dolan lassen sich drei Lehren aus historischen Beispielen ableiten:

  1. Es ist empfehlenswert, eine temporäre Währung einzuführen, die keine komplizierten Sicherheitsstandards erfordert und deshalb schnell gedruckt werden. Weil sie nur kurze Zeit zirkuliert, lohnt es sich nicht, sie zu fälschen. In einem zweiten Schritt kann man dann endgültig zur neuen Währung übergehen. Griechenland könnte also zunächst eine Art Griechen-Euro einführen, bevor es wieder zur Drachme zurückkehrt.
  2. Es ist kein Problem, wenn die alte Währung weiter zirkuliert. Im Falle Griechenlands wäre es nicht nötig, alle Euros sofort zum Verschwinden zu bringen. Die deutsche Währungsreform von 1948, bei der die Reichsmark vollständig durch die D-Mark ersetzt wurde, ist eine Ausnahme. In ärmeren Ländern ist es ohnehin auch in normalen Zeiten üblich, dass mehrere Währungen kursieren (z. B. Dollar im Nahen Osten).
  3. Beim Problem der drohenden Zahlungsunfähigkeit ist es besser, wenn ein Land möglichst früh die Bedienung der Schulden einstellt, dafür nachher schnell wieder ein zuverlässiger Schuldner wird. Viele Länder haben den Fehler gemacht, dass sie die endgültige Zahlungsunfähigkeit hinausgeschoben haben, was die Krise nur unnötig verschärft hat. Falls Griechenland zur Drachme zurückkehren sollte, müsste es sofort seine Zahlungen einstellen.

Wären damit alle Probleme gelöst? Natürlich nicht. Griechenland bräuchte zum Beispiel sofort Kredite, um die Landesversorgung sicher zu stellen. Ich stelle mir aber vor, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Weltbank zu Hilfe eilen würde. Auch die EU könnte kein Interesse daran haben, Griechenland nach dem Austritt aus dem Euro im Stich zu lassen. Der Reputationsschaden für Brüssel wäre enorm.

Die Auflösung der Kronezone nach dem Ersten Weltkrieg ist ebenfalls illustrativ (hier). Österreich-Ungarn wurde  1919 aufgeteilt in eine Reihe von Nationalstaaten, aber die österreichisch-ungarische Krone blieb einstweilen überall das gesetzliche Zahlungsmittel. Erst mit einer gewissen Verzögerung entschieden sich die neuen Staaten, eine neue Währung einzuführen. Am besten gelang dies der Tschechoslowakei – es kam nicht einmal zu einer Inflation. Die wichtigsten Schritte der Umwandlungsaktion, die vom 3. bis 9. März 1919 dauerte, waren die folgenden:

  • Nach Bekanntgabe der Währungsreform wurden die Grenzen militärisch besetzt, um die Kapitalausfuhr zu verhindern.
  • Der Überweisungsverkehr der Banken und Postämter wurde für zwei Wochen eingestellt.
  • Die obligatorische Abstempelung der alten Banknoten dauerte eine Woche. Als die neuen Banknoten gedruckt waren, musste man die abgestempelten Banknoten eintauschen.
  • Die Währungsreform wurde mit einer Sanierung der Staatsfinanzen kombiniert, indem nur die Hälfte der alten Banknoten gestempelt wurden. Der Rest wurde für staatliche Zwangsanleihen verwendet. Später wurden die Bürger für die zwangsweise erfolgte Abgabe mit Steuererleichterungen entschädigt.

Kurz und gut: Wer glaubt, ein Austritt aus dem Euro sei nicht machbar, irrt. Und wer mit der Geschichte von Finanzkrisen vertraut ist, weiss auch, dass ab einer gewissen Eskalationsstufe ohnehin alles weggefegt wird, was noch vor kurzem für sicher gehalten wurde. Die Eier-Frage erledigt sich dann von selbst, weil sich auch die Hühner längst in Deckung begeben haben.