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Artikel-Schlagworte: „UBS“

Die UBS und ihre Eigenkapitalrendite

Mark Dittli am Freitag den 5. Oktober 2012
Gastredner Sergio Ermotti, CEO UBS, vor der Generalversammlung der Associazione Bancaria Ticinese (ABT) in Vezia TI am Donnerstag, 24. Mai 2012. (KEYSTONE/Ti-Press/Gabriele Putzu)

Hat bezüglich Eigenkapitalrendite ein anspruchvolles Ziel: UBS-CEO Sergio Ermotti, 24. Mai 2012. (Foto: Keystone/Gabriele Putzu)

Sergio Ermotti, CEO der UBS, hat sich und der Grossbank ein klares Ziel gesetzt: «Die Aufgabe besteht darin, das Geschäftsmodell so auszurichten, dass die angestrebten 12 bis 17 Prozent Eigenkapitalrendite zustande kommen. Als kotierte Bank wären wir unglaubwürdig, wenn wir nicht das Ziel hätten, mindestens unsere Kapitalkosten zu decken», sagte Ermotti Mitte September im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» (hier das Interview in voller Länge).

Das ist zunächst einmal ein sehr anspruchsvolles Ziel, wie diese Grafik aus einer Studie von Barclays Capital zum europäischen Bankensektor zeigt:

Von 1980 bis 1999 und wiederum seit 2010 ist für europäische Banken in corpore eher eine Eigenkapitalrendite (Return on Tangible Equity, d. h. das Eigenkapital wurde um immaterielle Positionen wie Goodwill bereinigt) um 10 Prozent die Normalität (in diesem Beitrag im Momentum-Blog der FuW mehr dazu).

Nun kann der UBS gewiss zugestanden werden, dass sie besser wirtschaftet als der Durchschnitt der europäischen Banken. Aber davon mal abgesehen: Ist eine definierte Eigenkapitalrendite überhaupt ein sinnvolles Ziel?

Professor Urs Birchler von der Universität Zürich findet Nein. Zusammen mit Alexander Wagner kritisiert er in seinem Blog (Batz.ch) die Aussagen Ermottis. Birchler und Wagner argumentieren, dass die Eigenkapitalrendite (Return on Equity, RoE) eines Unternehmens die eingegangenen finanziellen und operativen Risiken spiegelt. Je höher diese Risiken, desto höheren RoE verlangen die Investoren (hier ist konkret vom Required RoE oder RRoE die Rede). Ermotti hat darauf auf Birchlers Blog eine Replik publiziert (hier die Details dazu).

Es gibt jedoch noch einen weiteren Grund, weshalb ein RoE-Ziel für ein Unternehmen nur bedingt sinnvoll ist (in diesem Kommentar mit dem Titel «Falsches Ziel, Herr Dougan» bereits beschrieben): Der RoE ist nämlich nichts anderes als die Gesamtkapitalrendite (Return on Assets, RoA), multipliziert mit dem Leverage.

Hier die genaue Formel dazu:

RoE = (Gewinn/Gesamtkapital) * (Gesamtkapital/Eigenkapital)

Der erste Faktor (Gewinn/Gesamtkapital) definiert den RoA, der zweite Faktor (Gesamtkapital/Eigenkapital) ist die Definition für den Leverage in der Bilanz. Je weniger Eigenkapital, desto grösser ist der Leverage.

Mit dieser Zerteilung des RoE wird rasch klar, weshalb sich Ermotti ein zweifelhaftes Ziel setzt: Die Gesamtkapitalrendite (RoA) spiegelt tatsächlich das Können eines Unternehmens, aus den bestehenden Anlagen eine ansprechende Rendite zu erreichen. Der zweite Faktor, der Leverage, hat nichts mit Können, sondern mit Glück zu tun: Er pumpt – in guten Zeiten – einfach die Eigenkapitalrendite auf. Dass der Leverage in schlechten Zeiten in die andere Richtung wirkt, hat die UBS im Jahr 2008 schmerzlich erfahren.

Investoren dürfen daher nie einen Return on Equity als Entscheidungsgrundlage nehmen, ohne gleichzeitig die Verschuldung in der Bilanz zu betrachten. Wenn eine Apple beispielsweise mit einer komplett schuldenfreien Bilanz 35 Prozent RoE erzielt, sagt das etwas völlig anders aus, als wenn eine Deutsche Bank oder eine UBS im Jahr 2007 mit mehr als 98 Prozent Fremdkapital in der Bilanz einen RoE von 25 Prozent erreicht.

Die oben erwähnte Formel lässt sich also auch anders schreiben:

RoE = Können * Glück

Sergio Ermotti und auch Brady Dougan von der Credit Suisse setzen sich ein Ziel, das aus Können mal Glück besteht. Das schafft in einer Grossbank den Anreiz, den Leverage in der Bilanz stets bis zum maximal Zulässigen auszureizen. Wenn sie Glück haben und die Märkte mitspielen, pumpt das die Eigenkapitalrendite auf. Und wenn sie Pech haben, blutet der Aktionär – oder der Steuerzahler.

Ohne den Rahmen sprengen zu wollen: Hier kommt übrigens eine wichtige Unterscheidung zwischen einer Grossbank und einem normalen Unternehmen ins Spiel. Ein normales Unternehmen würde nämlich von keiner Bank mehr Kredit erhalten, wenn es nur 3 Prozent Eigenkapital besitzt. Die Fremdkapitalkosten wären so prohibitiv hoch, dass das Unternehmen mit dem Leverage-Aufbau gar nicht an die Grenze gehen kann. Im Fall der Grossbanken spielt dieses Marktkorrektiv nicht, was sich unter anderem mit der impliziten oder expliziten Staatsgarantie erklärt, die die Grossbanken geniessen. Wer etwas Zeit zum Lesen hat: Hier eine längere Abhandlung zu diesem Thema.

Was aber wäre aus Aktionärssicht ein sinnvolles Ziel? Im Grund will der Aktionär eines Unternehmens auf die lange Frist, das heisst über die Zyklen hinweg, drei Dinge sehen:

1) einen stetig steigenden Gewinn je Aktie; und als Funktion davon

2) eine stetig steigende Dividende je Aktie; sowie

3) einen stetig steigenden Buchwert je Aktie.

In dieser Hinsicht hat die UBS – zugegebenermassen vor der Zeit Ermottis – kein gutes Zeugnis abgelegt.

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung des Dividende je Aktie seit 1997, inklusive Schätzungen der Analysten für 2012 und 2013 (die beiden blass-orangen Balken ganz rechts; Quelle: Bloomberg):

Eindrücklich zu sehen: Im Jahr 2000 war die Dividende niedriger als in den drei Vorjahren. Im Jahr 2001 wurde sie gestrichen. Dann ging es von 2002 bis und mit 2006 wieder aufwärts, bevor der Absturz kam und vier Jahre ohne Dividende folgten. Jetzt soll sie wieder leicht steigen.

Die nächste Grafik zeigt die Entwicklung des Buchwerts je Aktie seit 1997  (Quelle: Bloomberg):

Die orangen Balken zeigen den Buchwert je Aktie, die grünen Balken stehen für den materiellen Buchwert (vereinfacht gesagt um Goodwill-Positionen bereinigt). Auch hier eindrücklich zu sehen: Der Buchwert steigt zunächst, dann sinkt er von 2000 bis 2003 leicht. Der materielle Buchwert (grüner Balken) sackt im Jahr 2000 abrupt ab, was mit der teuren Akquisition von Paine Webber in den USA zu erklären sein dürfte. 2005 und 2006 steigt der Buchwert je Aktie wieder heftig, um danach erneut abzustürzen.

Das ist keine Entwicklung, die ein Aktionär gerne sieht. Und während des grössten Teils dieser Zeit dürfte sich das UBS-Management ein RoE-Ziel gesetzt haben.

Das sollte zu denken geben.

(Anmerkung: Dieser Beitrag erschien am 3. Oktober bereits im Momentum-Blog)

Meine grössten Irrtümer

Tobias Straumann am Donnerstag den 14. Juli 2011
Ein grosser Irrtum, war der Glaube, dass die Politik rechzeitig Massnahmen zur Rettung des Währungsunion einleitet: Demonstranten tragen den Euro zu Grabe.

Ein grosser Irrtum war der Glaube, dass die Euro-Politiker sich bewusst sind, dass es weitere institutionelle Massnahmen braucht, um die Währungsunion zu konsolidieren: Demonstranten tragen während des EU-Gipfels am 24. Juni den Euro zu Grabe.

Der US-Ökonom Bradford DeLong ist einer der wenigen, der immer wieder zugibt, dass er sich in wichtigen Punkten geirrt hat. In seiner letzten Kolumne beschrieb er zum Beispiel seine Überlegungen, die ihn in den 1990er Jahren dazu bewegt hatten, die Deregulierung des Finanzsystems zu unterstützen. Er war nicht ein prinzipieller Anhänger des Laissez-faire, sondern glaubte, dass mehr Wettbewerb im Finanzsystem für die Gesamtwirtschaft von Vorteil sein würde. Was er nach seinen eigenen Angaben unterschätzte, war die erhöhte Gefahr eines Kollapses. Jetzt weiss er es.

DeLong ist einer der klügsten Köpfe, die ich je kennengelernt habe. Er dürfte sich vermutlich weit weniger geirrt haben als andere. Dennoch hört man von anderen Ökonomen kaum je ein Geständnis. Dabei gibt es nichts Besseres für die Debatte, wenn man immer wieder feststellt, was sich nicht bewährt hat. Also fangen wir an, vor der eigenen Tür zu kehren. Ich beschränke mich auf vier Irrtümer, damit der Eintrag nicht zu lange wird…

Irrtum Nummer 1: Mir war dank des Shiller-Indexes bereits vor Ausbruch der Finanzkrise bekannt, dass der US-Immobilienmarkt überhitzt war und sich irgendwann einmal abkühlen würde. Aber dass der Rückgang der US-Häuserpreise zu einer internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise à la 1930er Jahre führen würde, hätte ich nie erwartet.

Irrtum Nummer 2: Bis 2009 bin ich davon ausgegangen, dass jede Krise mit einer klugen Geldpolitik überwunden werden kann. Seit 2009 ist klar, dass das falsch ist. Wir haben in den USA seit Jahren eine Nullzinspolitik, aber die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck. Wir befinden uns in einer Liquiditätsfalle. Bis 2009 war das für mich in der Lehre nur ein historisches Kuriosum.

Irrtum Nummer 3: Ich hätte nie geglaubt, dass die UBS von der Nationalbank und dem Bund gestützt werden muss. Noch im Frühsommer 2008 hatte ich das Gefühl, die von der Bank unternommenen Rekapitalisierungsaktionen nach Bekanntwerden der grossen Verluste seien ausreichend. Auch hier glaubte ich: Was sich in den 1930er Jahren in der Schweiz abgespielt hatte, kommt nie mehr vor.

Irrtum Nummer 4: Ich war immer skeptisch gegenüber der europäischen Währungsunion. Das Gebiet ist zu heterogen, die Ausgleichsmechanismen fehlen, die Wachstumsperspektiven für die schwächeren Länder sind nicht vorhanden, weil die Option der Abwertung weggefallen ist. Aber bis 2010 bin ich immer davon ausgegangen, dass die Euro-Politiker sich bewusst sind, dass es weitere institutionelle Massnahmen braucht, um die Währungsunion zu konsolidieren, und dass sie bereit sind, dafür einen Preis zu bezahlen. In dieser Hinsicht habe ich mich vollkommen geirrt. Die meisten Euro-Politiker wissen nicht, was sie tun. Nur mit der Pistole an der Schläfe sind sie bereit, ihre geistigen Luftschlösser aufzugeben. Jetzt wird die Zeit immer knapper.

Klingen diese Irrtümer vertraut? Was ist Ihrer Meinung nach der grösste Irrtum, der durch die Ereignisse der jüngsten Zeit zum Vorschein gekommen ist?

Axel Weber und die griechische Schuldenkrise

Tobias Straumann am Dienstag den 5. Juli 2011
, Februar 2011.

Hat in Bezug auf griechische Staatsanleihen eine Kehrtwende gemacht: Axel Weber während einer Versammlung der Deutschen Handelskammer in Wien, Februar 2011.

Die Nominierung Axel Webers für das Verwaltungsratspräsidium der UBS ist von den Medien mit Beifall vermeldet worden. Nicht nur in der Schweiz, auch in London lobte die Wirtschaftspresse Webers ökonomischen Sachverstand und seine Tätigkeit als Bundesbankpräsident.

Ob die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt sind, wird sich weisen. Bei der Analyse der UBS-Krise bin ich zum Schluss gekommen, dass es nicht an Intelligenz fehlte, sondern am Führungswillen und Risikogespür. Man verliess sich zu stark auf die eingespielten Abläufe und glaubte, mit einem umfassenden Reporting stets den Überblick zu haben. Die UBS-Spitze versäumte es, genauer nachzufragen und nachzuprüfen, was die Investmentbanker und US-Kundenberater eigentlich taten. Wird der unerfahrene Weber das nötige Gespür für die verborgenen Risiken einer Grossbank entwickeln? Wird er sich gegen die angelsächsichen Investmentbanker durchsetzen können?

Vielleicht kann Axel Weber die mangelnde Erfahrung im Bankengeschäft mit seinem analytischem Talent kompensieren. Es ist jedenfalls ungewöhnlich, dass ein ehemaliger Professor und Notenbankchef eine schweizerische Grossbank führt. Wenn das Modell funktioniert, dürfte es Schule machen – wie bei den Zentralbanken, wo seit einigen Jahren akademische Ökonomen den Ton angeben (z. B. Bernanke).

Gelobt wurde auch Webers Gradlinigkeit bei der Bewältigung der Euro-Krise. Während andere allzu schnell bereit gewesen seien, bewährte Prinzipien der Geldpolitik über Bord zu werfen, habe er stets Kurs gehalten, ohne auf seine Popularität zu achten. Das ist wahr – aber nur bis zum 27. Juni 2011. Wenige Wochen nachdem Weber von seinem Amt als Präsident der Bundesbank und dem EZB-Rat zurückgetreten war, gab er dem «Wall Street Journal» ein Interview, in dem er eine Kehrtwende vollzog. Hatte er vor dem Interview stets die Meinung vertreten, der Euro-Stabilitätsfonds (EFSF) dürfe nicht Anleihen von Problemländern kaufen (hier), empfahl er nun eine staatliche Garantie für alle griechischen Altschulden.

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ), die Webers geldpolitischen Mahnungen stets freundlich kommentiert hatte, war irritiert. Denn Weber ging mit seiner neuen Meinung weit über alle bisherigen Forderungen hinaus. Die «FAZ» schrieb ungläubig:

Mit der Garantie bringt Weber eine Lösung ins Gespräch, die seinem früheren Standpunkt entgegenstehen würde und weitaus grössere Folgen hätte als ein Anleihekauf. Denn eine Garantie würde bewirken, dass die privaten Gläubiger Griechenlands sofort und vollständig ihre Risiken los wären, wobei die Zinsen unverändert hoch blieben.