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Never Mind the Markets

Artikel-Schlagworte: „Staatsanleihen“

Die Kurve, die alles erklärt

Tobias Straumann am Freitag den 4. November 2011
Entwicklung der italienischen Staatsanleihen seit Mai 2011.

Die Beschlüsse des EU-Gipfels vom 26. Oktober haben wenig gebracht: Entwicklung der Rendite italienischer Staatsanleihen (10 Jahre) seit Mai 2011.

Die Eurokrise wird immer verwirrlicher. Der griechische Finanzminister verlässt vorzeitig das Spital, fliegt nach Cannes und veröffentlicht um 4.45 Uhr morgens ein Statement, um das Referendum abzuwenden. In Italien wird bereits offen über die Ablösung der Regierung Berlusconi diskutiert. In Frankfurt senkt die Europäische Zentralbank (EZB) unter ihrem neuen Präsidenten Mario Draghi den Leitzins um 0.25 Prozent und spricht sich gegen ein grosses Aufkaufprogramm von südeuropäischen Staatsanleihen aus.

Wie bringt man all diese Ereignisse zusammen? Ist jetzt alles besser? Die Antwort ist einfach, man muss nur auf die Rendite der italienischen Staatsanleihen (10 Jahre) schauen. Dort sieht man auf einen Blick, dass sowohl die Beschlüsse des EU-Gipfels vom 26. Oktober, das griechische Theater rund um das Referendum und die EZB-Zinssenkung nur vorübergehenden Einfluss auf den Gang der Ereignisse haben. Seit Mitte August ist die Rendite kontinuierlich von fünf Prozent auf über sechs Prozent angestiegen. Falls sich dieser Trend in den nächsten Wochen und Monaten fortsetzen sollte, ist die Krise endgültig aus dem Ruder gelaufen.

Es ist deshalb falsch, wenn gesagt wird, dass der Gipfel vom 26./27. Oktober eine Wende zum Besseren gebracht hätte, wenn nicht Papandreou die Nerven verloren hätte. Wenn das wahr wäre, hätte die Rendite der italienischen Staatsanleihen am Tag nach dem Gipfel deutlich nachgeben müssen. Tat sie aber nicht. Es war deshalb nicht schwierig, die Gipfelbeschlüsse als unzureichend zu kritisieren.

Warum haben die Gipfelbeschlüsse kaum Wirkung gezeigt? Auch diese Frage kann man leicht beantworten, solange man sich durch die vielen Entscheidungen und Schauplätze nicht verwirren lässt. Das Grundproblem der südeuropäischen Länder ist die fehlende Wachstumsperspektive. Ihre Exporte sind durch den Beitritt zur Währungsunion zu teuer geworden. Um sich vom Schuldenproblem zu befreien, müssten sie ihre Preise und Löhne über mehrere Jahre relativ zu den deutschen Preisen und Löhnen senken. Das ist politisch kaum machbar und wird zudem das Wachstum weiter verlangsamen, was die politischen Spannungen weiter verschärft. Griechenland ist diesbezüglich nur ein Extrembeispiel. Auch Italien leidet darunter, dass die Wirtschaft seit zehn Jahren kaum mehr gewachsen ist. Die prekäre Lage der italienischen Jugendlichen hat weniger mit neoliberaler Politik zu tun als mit dem Wachstumsproblem, das mit der Einheitswährung geschaffen worden ist.

Ein Schuldenschnitt würde etwas Linderung bringen, aber löst das strukturelle Problem der südeuropäischen Länder nicht. Auch die Rekapitalisierung der Banken hilft nicht weiter. Und selbst wenn das griechische Referendum zustande gekommen wäre und die Bevölkerung mit überwältigender Zustimmung das Sparprogramm unterstützt hätte, wäre die griechische Wirtschaft weiter geschrumpft. In der Schweiz werden wir schon nervös, wenn die Wachstumsrate unter einem Prozent fällt. Zum Vergleich: Gemäss IWF-Schätzungen schrumpfte die griechische Wirtschaft 2009 um 2 Prozent, 2010 um 4.5 Prozent und dürfte im laufenden Jahr mehr als 5 Prozent einbüssen – und es ist kein Ende absehbar. Wenn ich Grieche wäre, hätte ich mein Geld schon längst ausser Landes geschafft und wäre ausgewandert.

http://www.bloomberg.com/quote/GBTPGR10:IND

Ratingagenturen als Sündenböcke

Tobias Straumann am Freitag den 8. Juli 2011

Wehren sich gegen die Ratings von Nicht-Europäern: EZB-Chef Jean-Claude Trichet und der luxemburgische Finanzminister Jean-Claude Juncker am EU-Finanzministertreffen in Brüssel, Juni 2011. (Bild: Keystone)

Nach der Herabstufung von Portugals Schulden auf Ramschstatus ist der Streit um die Ratingagenturen voll entbrannt. Am Donnerstag holten die beiden Jean-Claudes zu einer Attacke aus: Jean-Claude Juncker regte am Donnerstag die Schaffung von europäischen Ratings an, Jean-Claude Trichet meinte, es sei nicht ideal, dass ein Oligopol von drei Firmen (Fitch, Moody’s, Standard & Poor’s) alle Ratings vornähmen.

Auf einer abstrakten Ebene haben die beiden recht. Es ist grotesk, dass drei US-Firmen alle relevanten Wertpapiere der Welt bewerten. Mehr Wettbewerb würde der Branche gut tun. Ich verstehe auch nicht, warum man deren Geschäftsmodell nicht schon längst geändert hat. Es ist absurd, dass sie von ihren Auftraggebern bezahlt werden. Wo das hinführt, haben wir jetzt zweimal erlebt. Dotcom-Bubble und der Subprime-Bubble wären kaum möglich gewesen, wenn die Ratingagenturen nicht unprofitable Internetfirmen und undurchsichtigen strukturierte Produkte mit Höchstnoten geadelt hätten.

Auch historisch gesehen sind die Ratingagenturen skeptisch zu beurteilen. Bis vor hundert Jahren waren Geschäftsbanken dafür zuständig, zwischen guten und schlechten Risiken zu urteilen. Sie hatten die volkswirtschaftliche Aufgabe, die Spargelder einzusammeln und über Kredite und Anleihen Investitionen zu finanzieren. Sie waren auch dafür verantwortlich, die Verluste zu übernehmen, wenn sie sich in ihrem Urteil getäuscht haben. Seit wir Rating-Agenturen haben lagern die Geschäftsbanken ihre Verantwortung für die Risikobeurteilung der Wertpapiere aus. Wenn es schief geht, heisst es: Wertpapier XY hatte ein Triple-A, ist nicht unsere Schuld. Wofür haben wir denn überhaupt noch Banken? (Der Genfer Wirtschaftshistoriker Marc Flandreau und seine Mitarbeiter haben dazu einen interessanten wissenschaftlichen Artikel geschrieben.)

Im konkreten europäischen Fall aber teile ich die Kritik von Juncker und Trichet nicht. Was die drei Ratingagenturen in letzter Zeit entschieden haben, entspricht dem, womit die Märkte schon längst rechnen. Der letzte Entscheid – die Herabstufung von Portugals Schulden durch Moody’s – drückt sich seit einem Jahr in der steigenden Zinsdifferenz zwischen deutschen und portugiesischen Anleihen aus. Mittlerweile ist diese Zinsdifferenz bei zehn Prozent anbelangt. Man kann Moody’s nur vorwerfen, dass die Herabstufung nicht schon früher erfolgt ist.

Auch die Begründung von Moody’s ist gut nachvollziehbar. Sinngemäss hiess es, man habe wachsende Zweifel, ob die Euro-Länder in der Lage sein werden, die Schuldenkrise zu lösen. Wenn Jean-Claude Juncker nun die Rating-Agenturen dafür bestrafen will, dass sie schlechte Nachrichten überbringen, lenkt er nur vom eigentlichen Problem ab. Wachsende Zweifel am politischen Prozess haben mittlerweile alle Beobachter – egal, ob sie den Euro für wünschenswert oder eine Fehlkonstruktion halten.

Ich bin überzeugt, dass die Zinsdifferenzen schnell zurückgehen würden, wenn die Euro-Länder einen guten Plan zur Reduktion der Schulden in Griechenland, Irland und Portugal auf den Tisch legen würden. Diese Staaten sind faktisch zahlungsunfähig, also sollte man dieser Tatsache möglichst schnell gerecht werden, den Schnitt machen und Massnahmen zum Schutz der betroffenen Banken vorbereiten. Je länger man wartet, desto schlimmer wird es. Die Ansteckung greift immer mehr auf Italien und Spanien über.

Finanzkrisen finden oft im Herbst statt. Im September ist die nächste Tranche für Griechenland fällig. Wenn sich wieder dasselbe Drama abspielen sollte und die Euro-Länder immer noch keine Lösung präsentieren können, könnte es eng werden.

Axel Weber und die griechische Schuldenkrise

Tobias Straumann am Dienstag den 5. Juli 2011
, Februar 2011.

Hat in Bezug auf griechische Staatsanleihen eine Kehrtwende gemacht: Axel Weber während einer Versammlung der Deutschen Handelskammer in Wien, Februar 2011.

Die Nominierung Axel Webers für das Verwaltungsratspräsidium der UBS ist von den Medien mit Beifall vermeldet worden. Nicht nur in der Schweiz, auch in London lobte die Wirtschaftspresse Webers ökonomischen Sachverstand und seine Tätigkeit als Bundesbankpräsident.

Ob die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt sind, wird sich weisen. Bei der Analyse der UBS-Krise bin ich zum Schluss gekommen, dass es nicht an Intelligenz fehlte, sondern am Führungswillen und Risikogespür. Man verliess sich zu stark auf die eingespielten Abläufe und glaubte, mit einem umfassenden Reporting stets den Überblick zu haben. Die UBS-Spitze versäumte es, genauer nachzufragen und nachzuprüfen, was die Investmentbanker und US-Kundenberater eigentlich taten. Wird der unerfahrene Weber das nötige Gespür für die verborgenen Risiken einer Grossbank entwickeln? Wird er sich gegen die angelsächsichen Investmentbanker durchsetzen können?

Vielleicht kann Axel Weber die mangelnde Erfahrung im Bankengeschäft mit seinem analytischem Talent kompensieren. Es ist jedenfalls ungewöhnlich, dass ein ehemaliger Professor und Notenbankchef eine schweizerische Grossbank führt. Wenn das Modell funktioniert, dürfte es Schule machen – wie bei den Zentralbanken, wo seit einigen Jahren akademische Ökonomen den Ton angeben (z. B. Bernanke).

Gelobt wurde auch Webers Gradlinigkeit bei der Bewältigung der Euro-Krise. Während andere allzu schnell bereit gewesen seien, bewährte Prinzipien der Geldpolitik über Bord zu werfen, habe er stets Kurs gehalten, ohne auf seine Popularität zu achten. Das ist wahr – aber nur bis zum 27. Juni 2011. Wenige Wochen nachdem Weber von seinem Amt als Präsident der Bundesbank und dem EZB-Rat zurückgetreten war, gab er dem «Wall Street Journal» ein Interview, in dem er eine Kehrtwende vollzog. Hatte er vor dem Interview stets die Meinung vertreten, der Euro-Stabilitätsfonds (EFSF) dürfe nicht Anleihen von Problemländern kaufen (hier), empfahl er nun eine staatliche Garantie für alle griechischen Altschulden.

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ), die Webers geldpolitischen Mahnungen stets freundlich kommentiert hatte, war irritiert. Denn Weber ging mit seiner neuen Meinung weit über alle bisherigen Forderungen hinaus. Die «FAZ» schrieb ungläubig:

Mit der Garantie bringt Weber eine Lösung ins Gespräch, die seinem früheren Standpunkt entgegenstehen würde und weitaus grössere Folgen hätte als ein Anleihekauf. Denn eine Garantie würde bewirken, dass die privaten Gläubiger Griechenlands sofort und vollständig ihre Risiken los wären, wobei die Zinsen unverändert hoch blieben.