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Artikel-Schlagworte: „Schweizer Wirtschaft“

Warum gibt es so wenige Schweizer Führungskräfte?

Tobias Straumann am Dienstag den 30. April 2013
Wo bleibt die Verstärkung: Zurich-CEO Martin Senn ist einer der wenigen Schweizer in der Führungsebene der globalen Schweizer Unternehmen. (Keystone/Laurent Gillieron)

Wo bleibt die Verstärkung: Zurich-CEO Martin Senn ist einer der wenigen Schweizer in der Führungsebene der globalen Schweizer Unternehmen. (Keystone/Laurent Gillieron)

Es ist schon lange bekannt, aber bisher kaum systematisch erforscht: der kleine Anteil an Schweizer Führungskräften auf der obersten Etage. Vor 25 Jahren dominierten die Schweizer alle grossen Unternehmen, heute sind sie eine Minderheit. Wie lässt sich dieser schnelle Wandel erklären?

Im Prinzip gibt es nur drei Antworten:

  1. Der Schweizer Pool ist zu klein. Es ist unrealistisch zu glauben, dass die kleine Schweiz die Führungspositionen in den grossen Globalunternehmen zu besetzen vermag. Je stärker die Globalisierung voranschreitet, desto grösser wird der Anteil von ausländischen Managerinnen und Managern werden.
  2. Die Schweizerinnen und Schweizer sind zu bequem und überlassen die anstrengenden Topjobs freiwillig den Ausländern, die ehrgeiziger und besser ausgebildet sind. Umgekehrt machen die talentierten Schweizerinnen und Schweizer häufig Karriere bei ausländischen Grossunternehmen.
  3. Ausländische Seilschaften verhindern den Aufstieg der Einheimischen. Seit die Schweizer sich selber in die Minderheit versetzt haben, haben sie keine Möglichkeit mehr, die Rekrutierung von Führungskräften zu beeinflussen.

Vermutlich sind alle drei Faktoren wichtig, aber man wüsste doch gerne einmal etwas genauer, warum die Schweizer Führungskräfte in den letzten 20 Jahren so stark und so schnell an Einfluss eingebüsst haben. Ich bin um jeden Hinweis auf international vergleichende Studien dankbar. (Ich habe bisher nur die Studie von Eric Davoine aus dem Jahr 2005 gefunden.)

Aus historischer Sicht könnte man einwenden, dass die Frage falsch gestellt ist. Denn in der rund 150-jährigen Geschichte der Schweizer Grossunternehmen spielten Ausländer in wichtigen Phasen immer wieder eine entscheidende Rolle. Die komplette Verschweizerung der obersten Führungsetagen setzte erst wegen der beiden Weltkriege ein. Dass der Nationalisierungseffekt in der langen Friedensphase seit 1945 irgendeinmal wieder abflauen würde, war zu erwarten. Die Dominanz der Schweizer in den Führungsetagen war die Ausnahme, nicht die Regel.

Dazu ein Beispiel. Die Swiss Re, die vor 150 Jahren gegründet wurde, hatte in den ersten 50 Jahren keinen einzigen Schweizer CEO. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand der Verwaltungsrat nach mehreren gescheiterten Anläufen einen geeigneten Schweizer Kandidaten, der unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg die oberste Stufe erklomm. Von da an war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Direktion hauptsächlich von Schweizern geführt wurde. In den 90er Jahren verschwand dieses ungeschriebene Gesetz wieder.

Allerdings erklärt dieser historische Rückblick nicht, warum die Niederlande und Schweden, die ebenfalls einen hohen Anteil an Grosskonzernen haben, einen deutlich höheren Inländeranteil aufweisen. Vielleicht haben es die Schweizer Firmen schlicht und einfach versäumt, den eigenen Nachwuchs gezielt zu fördern, weil sie immer auf geeignete ausländische Führungskräfte zurückgreifen konnten.

Wovon die Schweiz wirklich lebt

Tobias Straumann am Mittwoch den 29. Februar 2012
    Die chemische Industrie schlägt alle anderen Industriezweige bezüglich Exporte: Eine Mitarbeiterin des Biochemieunternehmens Bachem in Bubendorf (BL). (Bild: Keystone)

Die chemische Industrie schlägt alle anderen Industriezweige bezüglich Exporte: Produktionsanlage im Biochemieunternehmen Bachem in Bubendorf (BL). (Bild: Keystone)

Die schweizerische Exportindustrie kämpft mit bewundernswertem Einsatz gegen die Frankenstärke. Zur Erinnerung: Die reale Aufwertung von Mai 2010 bis August 2011 betrug nicht weniger als 25 Prozent. Man muss in der Geschichte des Schweizer Frankens mehr als 30 Jahre zurückgehen, um einen vergleichbaren Wechselkursschock zu finden.

Die neuen Exportdaten machen aber auch klar, dass die Branchen sehr unterschiedlich abschneiden. Wie die Grafiken aus der neusten Ausgabe der «Volkswirtschaft» (Monatsbulletin des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements) zeigen, lassen sich die grossen Exportbranchen in zwei Gruppen einteilen:

  1. Die erfolgreiche Gruppe besteht aus den Branchen Chemikalien und verwandte Erzeugnisse und Präzisionsinstrumente, Uhren und Bijouterie. Ihre Exportwerte sind heute höher als unmittelbar vor dem Beginn der Krise (4. Quartal 2008).
  2. Die zweite Gruppe hat das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht. Sie besteht aus den Branchen Maschinen, Apparate, Elektronik und Metalle (MEM). (Die Branche Leder, Kautschuk, Kunststoffe, die nur rund 2 Prozent aller Schweizer Exporte ausmacht, lassen wir einstweilen weg.)

Weil die beiden erfolgreichen Branchen Chemie/Pharma und Uhren 55 Prozent aller Exporte ausmachen, ist auch das Gesamtbild recht positiv. Die Branche Maschinen, Apparate und Elektronik ist gleich stark wie die Uhrenindustrie (18 Prozent). Alle anderen Branchen tragen weniger als 10 Prozent zum Gesamtexport bei.

Damit verstärkt die aktuelle Frankenstärke einen Trend, der seit den 1980er Jahren im Gang ist. Die Chemie- und die Uhrenindustrie werden immer wichtiger für den Gesamtexport, während die einst dominierende Maschinen- und Metallindustrie an Bedeutung verliert. Besonders frappant ist die Zunahme der Chemieexporte.

Das bedeutet auch, dass sich die grossen Exportzentren regional immer stärker auf Basel und den Jurasüdfuss konzentrieren. Noch vor dreissig Jahren war dies anders: Es gab sehr viele Regionen, die vom Export lebten. Die MEM-Branchen waren regelmässiger über das Land verteilt als die Pharma- und die Uhrenindustrie.

Ist diese Konzentration unvermeidlich? Vergleicht man die Exportindustrie mit dem Finanzplatz, so scheint es tatsächlich eine Art Gesetz zu geben. Die Finanzplätze Basel und Genf haben gegenüber Zürich stark an Bedeutung verloren. Nicht nur die Grossbanken, sondern auch die Versicherungen konzentrieren sich in der Limmatstadt. Die Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung führt im Inneren der Staaten zu einer starken regionalen Konzentration.

Und vor allem: Der alte Spruch, wonach die Schweiz vom Export von Uhren, Käse und Schokolade lebt, ist nicht mehr ganz aktuell. Die Schweizer Uhren findet man immer noch überall auf der Welt, aber die schweizerische Exportindustrie lebt heute hauptsächlich von «Chemikalien und verwandten Erzeugnissen». Wie man daraus einen knackigen Werbespot für die Schweiz entwickeln kann, ist vielleicht etwas schwieriger, aber die grenzenlose Phantasie unserer Werbewirtschaft wird mit Sicherheit auch hier einen Weg finden.

Die Schweiz, ein kleiner Riese oder ein grosser Zwerg?

Tobias Straumann am Dienstag den 21. Februar 2012
Die Schweizer Fahne wird während des Luminis-Festivals in Vevey auf das mit der Schweizer wird während des Luminis-Festival, December 19, 2006.

Der Aufstieg des Finanzplatzes Schweiz im 20. Jahrhundert war vermutlich eine Folge der Instabilität Europas: Die Schweizer Fahne wird während des Luminis-Festivals in Vevey auf das Hauptgebäude von Nestlé projiziert, 2006.

Der Steuerstreit mit den USA dreht sich im Grunde nur um eine einzige Frage: Ist die Schweiz ein kleines Land, das sich den Interessen der grossen Länder unterordnen muss, oder hat sie die Mittel, sich gegen die Demarchen aus Washington zu wehren? Die Meinungen liegen weit auseinander: Die SVP glaubt, dass eine kluge Verteidigungsstrategie Erfolg hätte, die übrigen Parteien setzen eher auf eine Verhandlungslösung, bei der die Schweiz substanzielle Zugeständnisse machen muss.

Dieselbe Frage wird auch in der wirtschaftshistorischen Forschung seit langem diskutiert. Wie in der aktuellen Politik ist auch hier keine Einigung in Sicht. Anders als in der politischen Diskussion ist es allerdings eher die Linke, die das Konzept des Kleinstaats ablehnt. Das Land sei ein ökonomischer Riese und habe in der Weltwirtschaft eine wichtige Position inne, wird argumentiert. Sie beherberge nicht nur grosse multinationale Unternehmen und Holdings von ausländischen Konzernen, sondern fungiere auch als wichtige Drehscheibe für grenzüberschreitende Finanzströme. Wegen ihrer ökonomischen Grösse habe die Schweiz in der internationalen Wirtschaftspolitik ein grosses Gewicht. Sie sei eher ein kleiner Riese als ein grosser Zwerg. Wenn man offizielle davon spricht, dass die Schweiz ein Kleinstaat sei, diene dies nur dem Interesse, die grosse ökonomische Macht zu verbergen.

Die andere Seite, welche die Schweiz als typischen europäischen Kleinstaat betrachtet, argumentiert mit politischen Kategorien. Kleine Länder wie die Schweiz können keine internationalen Regeln durchsetzen, sondern müssen immer auf den Konsens der grossen Länder hoffen. Wenn die grossen Länder andere Interessen als die Kleinstaaten vertreten, sind diese machtlos. Wenn ein kleines Land von der Landkarte verschwindet, merkt das keiner. Wenn ein grosses Land verkleinert oder aufgeteilt wird – wie zum Beispiel Österreich-Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg –, dann ändern sich die geopolitischen Verhältnisse.

Bei diesem akademischen Streit bin ich seit längerem ein Anhänger der zweiten Position, und die bisherigen Ereignisse rund um den US-Steuerstreit haben mich eher darin bestärkt, dass die Schweiz ein grosser Zwerg und nicht ein kleiner Riese ist. Natürlich darf man sich nicht alles bieten lassen, wenn Washington droht. Aber es dürfte kein Zufall sein, dass die US-Steuerbehörde auf kleine Länder wie die Schweiz zielt und die Finanzplätze der grossen Länder verschont. Bereits die G-20 hat im April 2009 mit ihrer grauen Liste gezeigt, dass sie nur die Kleinen ins Visier zu nehmen gedenkt: Belgien, Luxemburg, Österreich und die Schweiz, auch Singapur, aber nicht London, die Kanalinseln oder Hongkong.

In diesem Sinne würde ich auch den Aufstieg des Finanzplatzes Schweiz im 20. Jahrhundert nicht nur als eigenständige schweizerische Entwicklung, sondern ebenso als Folge der Instabilität Europas interpretieren. Es braucht immer zwei für einen Tango. Die schweizerische Vermögensverwaltung hat nur deshalb floriert, weil einflussreiche Gruppen in den grossen europäischen Länder ein Interesse an einem Offshore-Finanzplatz in nächster Nähe gehabt haben. Das Misstrauen gegenüber dem eigenen Staat war nach zwei Weltkriegen zu gross, um sich ihm ganz anzuvertrauen. Anders lässt sich nicht erklären, dass die eigenen Bürgerinnen und Bürger jahrzehntelang nahezu ungestraft ihr Geld über die Grenze bringen konnten. Kaum hat sich die Interessenlage der grossen Länder wegen der knappen Kassen geändert, lässt die Toleranz beim Thema Steuerhinterziehung nach. Die Tango-Musik spielt nicht mehr.

Kleine Länder haben nur ein Chance, ihre Interessen zu wahren, wenn die Grossmächte gespalten sind. Bei der Steuerfrage war dies bis vor zwanzig Jahren der Fall. Seit den 1990er-Jahren arbeiten alle Grossmächte auf dasselbe Ziel hin, nämlich die Steuererträge mit allen Mitteln zu erhöhen. In diesem Umfeld ist es für die kleinen Länder wie die Schweiz nicht aussichtslos, aber äusserst schwierig, den eigenen Rechtsstandpunkt durchzusetzen.

Schweizer Wirtschaft: Trübe Aussichten

Tobias Straumann am Donnerstag den 17. November 2011
Die sinkenden Exporte sind nur ein Teil des Problems: Basler Rheinhafen.

Die sinkenden Exporte sind nur ein Teil des Problems: Container-Schiff am Basler Rheinhafen.

Die Euro-Krise erreicht täglich eine neue Eskalationsstufe. Am Mittwoch hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit Milliarden-Käufen versucht, die Kurse der europäischen Staatsanleihen zu heben. Es gelang ihr nicht: Am Mittwochabend waren die Kurse wieder auf das selbe Niveau gesunken. Oder umgekehrt formuliert: Die Rendite der italienischen Staatsanleihen blieben bei 7 Prozent, diejenige der französischen Staatsanleihen bei 3,7 Prozent. Diese Zinssätze sind viel zu hoch. So kann es nicht lange weitergehen.

Für Unruhe gesorgt hat ferner die Weigerung der amerikanischen Banken, Informationen über ihre Positionen in der Eurozone zu geben. Daraufhin hat die Ratingagentur Fitch eine Schätzung veröffentlicht, worauf die US-Börsen sofort getaucht sind. Vor allem eine Zahl hat Konsternation augelöst: Die US-Banken haben bei den französischen Banken eine Gläubigerposition von $ 114 Mia. , und die französischen Banken sind ja bekanntlich sehr geschwächt. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass sich eine weitere Eskalation der Euro-Krise direkt auf das amerikanische Bankensystem überträgt.

Doch so wichtig es ist, die Euro-Krise zu verfolgen, sollte nicht vergessen werden, dass auch in der Schweiz die Aussichten zunehmend trüber werden. Die Probleme der Exporteure haben sich massiv verschärft – trotz erfolgreicher Untergrenze von 1.20 pro Euro. Bald werden wir von grösseren Entlassungswellen hören, weil nun auch die Auslandnachfrage einzubrechen beginnt. Es besteht kein Zweifel, dass die Aufwertung des Frankens ruinöse Wirkungen hat. Man braucht nur die Entwicklung des realen Wechselkurses seit den frühen 1990er Jahren zu betrachten, um zu verstehen, warum die Exporteure unter Druck geraten sind. Die Aufwertung seit 2010 ist aussergewöhnlich (Quelle: SNB, Quartalsbericht 3/2011).

Aber es sind nicht nur die einbrechenden Exporte, die das Wachstum hemmen. Auch die Überhitzungstendenzen im Immobiliensektor sind besorgniserregend. Man kann jetzt lange diskutieren, ob es sich um eine Blase oder einen normalen Boom handelt, der durch die Fundamentaldaten (u. a. Einwanderung) gestützt ist. Das Argument, es handle sich nur um ein regionales Phänomen, zieht jedoch ganz sicher nicht, denn Immobilienblasen sind immer regional. Die Tatsache, dass die Bodenpreise in Visp oder Pontarlier weniger schnell steigen als in der Region Zürich und im Genferseegebiet, ist nicht relevant.

Meine Befürchtung für die schweizerische Konjunktur ist, dass folgender Domino-Effekt eintritt:

Die Exporte brechen ein, die Arbeitslosigkeit steigt, der Konsum geht zurück, die Binnenwirtschaft lahmt, die Einwanderung geht zurück, die Immobilienpreise sinken, viele Hypothekarschuldner werden zahlungsunfähig, die Bauwirtschaft gerät in eine Krise, die Arbeitslosigkeit steigt weiter, der Konsum geht weiter zurück – und so weiter und so fort. Anders gesagt: Es könnte eine Stagnation wie in den frühen 1990er Jahren eintreten, wenn die Währung stark bleibt und eine Immobilienkrise ausbricht. Von 1991 bis 1996 hatten wir praktisch kein Wachstum, es herrschte eine depressive Stimmung in der Schweiz.

All das muss nicht passieren. Es gibt auch das Szenario, dass der Franken schwächer wird, sobald sich in der Schweiz rezessive Tendenzen zeigen. Kann sein, aber ich würde mich nicht darauf verlassen.