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Das Rätsel der Inflation

Markus Diem Meier am Mittwoch den 10. April 2013
Produktion von Euronoten. (Keystone)

Produktion von Euronoten. (Keystone)

Die Notenbanken der entwickelten Volkswirtschaften drücken in der Geldversorgung aufs Gaspedal. Das Rätsel ist aber nicht, wieso keine Inflation ausbricht, sondern umgekehrt: warum das Preisniveau nicht stärker sinkt.

Am Dienstag hat der Internationale Währungsfonds (IWF) die analytischen Kapitel 3 und 4 zum neuen «World Economic Outlook» (WEO) veröffentlicht. Der Rest dieser wichtigsten halbjährlichen Studie des Fonds wird später publiziert. Kapitel 3 enthält die Lösung für das oben angesprochene Rätsel. Gehen wir’s durch:

Warum es auch angesichts der massiven Geldspritzen der Notenbanken nicht zu Inflation kommt, ist regelmässigen Lesenden dieses Blogs bestens bekannt: Das Geld kommt gar nicht in der realen Wirtschaft an, die Banken vergeben weniger Kredite, die Unternehmen und die Privaten horten Cash. Angesichts einer anhaltenden hohen privaten Verschuldung wird weniger als sonst konsumiert und weniger investiert. Das Phänomen läuft unter Begriffen wie Liquiditätsfalle oder «Balance Sheet Recession» (PDF). Wie mein Kollege Alexander Trentin klarmacht, liegt der Leitzins etwa der Europäischen Zentralbank zwar seit langem auf Tiefstwerten, gemessen am Notwendigen (wie die Taylor-Regel zeigt) ist er aber noch immer viel zu hoch. Die Folge ist eine anhaltend sehr hohe Arbeitslosigkeit etwa in Europa oder den USA.

Eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit müsste aber nach gängiger ökonomischer Lehre gerade die umgekehrte Konsequenz haben: Die Inflation müsste deutlich sinken oder sogar negativ werden, was dann als Deflation (mit einem sinkenden statt steigenden Preisniveau) bezeichnet wird. Um diese und die folgenden Überlegungen zu verdeutlichen, habe ich zwei simple, schematische Grafiken mit einem Konjunkturzyklus erstellt:

Das Trendwachstum in der ersten Grafik zeigt an, wie die Wirtschaft wachsen müsste, um voll ausgelastet zu sein, sodass (konjunkturelle) Vollbeschäftigung vorherrscht. Auch hier ist eine Arbeitslosigkeit nicht ausgeschlossen, doch dann ist sie strukturell bedingt und geht nicht auf zu wenig Nachfrage zurück. Die Ökonomen sprechen dann von einer «natürlichen Arbeitslosigkeit» oder von der NAIRU.

Entspricht die aktuelle Krise in vielen Ländern der obigen Grafik, dann geht die hohe Arbeitslosigkeit klar auf eine zu geringe Nachfrage zurück. Die angemessene wirtschaftspolitische Antwort darauf sind Massnahmen, die dieser Nachfrage wieder auf die Sprünge helfen. Am besten geeignet dazu ist gewöhnlich die Geldpolitik, doch die funktioniert wie eingangs erwähnt momentan eher schlecht. Bleibt noch die Fiskalpolitik: Steuersenkungen oder staatliche Investitionen. Diese Politik wird mit der grün gestrichelten Linie angezeigt, die Richtung Vollbeschäftigung führt.

Anhand der obigen Grafik wird aber auch unser Rätsel deutlich. Steigt die konjunkturelle Arbeitslosigkeit durch eine zu geringe Nachfrage, müsste die Inflation rückläufig sein oder sogar Deflation (ein sinkendes Preisniveau) eintreten. Der Grund: Die zu geringe Nachfrage auf den Produkt- und den Arbeitsmärkten zwingt die Anbieter von Produkten und die Beschäftigten angesichts des Überangebots zur Preis- und Lohnzurückhaltung. Die genau umgekehrte Lage ergibt sich, wenn das Wirtschaftswachstum höher ausfällt als das Trendwachstum bei Vollbeschäftigung. Dann müsste die Inflation steigen.

Als Erklärung für das Ausbleiben einer Reaktion der Inflation wird immer wieder eingebracht, die hohe Arbeitslosigkeit sei mittlerweile nicht mehr durch eine zu geringe Nachfrage bedingt. Es habe sich aber das Trendwachstum in der Folge der Krise deutlich reduziert. Die zweite Grafik verdeutlicht das Argument und macht auch die grosse politische Bedeutung klar, sollte das Trendwachstum tatsächlich geschrumpft sein:

Wäre das Trendwachstum (bzw. das Wirtschaftspotenzial) tatsächlich so stark geschrumpft, wie in der Grafik gezeigt, wäre die Arbeitslosigkeit nur noch strukturell bedingt (gleich mehr dazu). In der Sprache der Ökonomen wäre dann die natürliche Arbeitslosigkeit bzw. NAIRU deutlich höher. Die wichtigste Konsequenz: Jede Art von Konjunkturpolitik (Geld- und Fiskalpolitik), die die Nachfrage stärker anheizen will (die grün gestrichelte Linie), würde rasch zu einer stark steigenden Inflation führen. Bei der Geldpolitik wäre das dann der Fall, sobald das Wirtschaftswachstum wieder stärker anzieht.

Ein Grund für einen solchen Einbruch des Wirtschaftspotenzials und mit ihm des Trendwachstums könnte sein, dass die Arbeitslosen (vor allem die Langzeitarbeitslosen) kaum mehr für die Bedürfnisse auf den Arbeitsmärkten vermittelbar sind (man spricht hier vom «Hystereseeffekt»). Ein anderer Grund wäre, wenn die Wirtschaftsstrukturen vor der Krise Fertigkeiten verlangt haben, die jetzt nicht mehr oder deutlich weniger gebraucht werden. Genannt werden etwa Jobs im Bausektor, die nach dem Platzen der Immobilienblase deutlich weniger gebraucht werden. Wenn die Arbeitslosen keinen Job finden, weil sie die falschen Qualifikationen haben und weil der Strukturwandel zu neuen Beschäftigungen nicht gut funktioniert, dann spricht man von struktureller Arbeitslosigkeit. Wie die Grafik zeigt, ist in dieser Situation eine Wirtschaftspolitik, die auf mehr Gesamtnachfrage setzt, schädlich.

Doch ist diese Erklärung mit einem eingebrochenen Trendwachstum bzw. einem derart geschwächten Wirtschaftspotenzials schlüssig?Nein. Das Wirtschaftspotenzial ist fraglos tiefer als vor der Krise und damit auch das Trendwachstum. Dennoch: Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hauptsächlich konjunkturell bedingt. Das war schon hier und hier Thema.

Doch dann verbleibt das Rätsel, warum die Inflation nicht stärker zurückgegangen ist. Damit zu den Erkenntnissen des IWF im neuen WEO:

  • Auch der IWF macht (erneut) deutlich, dass die hohe Arbeitslosigkeit in den reichen Ländern in erster Linie auf eine zu geringe Nachfrage zurückgeht.
  • Anhand einer umfangreichen Datenauswertung kommen die Ökonomen des Fonds zum Schluss, dass die Inflation in jüngster Zeit sehr viel weniger stark auf konjunkturelle («cyclical»), das heisst nachfrageverursachte Schwankungen des Wachstums bzw. der Arbeitslosigkeit reagiert. Das zeigt die folgende Grafik anhand sogenannter kurzfristiger Phillipskurven über die letzten Jahrzehnte. Jeder Punkt zeigt auf der waagrechten Achse die Abweichung der konjunkturellen Arbeitslosigkeit in einer betrachteten Volkswirtschaft von derjenigen bei Vollbeschäftigung (bzw. einer rein strukturellen Arbeitslosigkeit). Auf der senkrechten Achse ist die Inflation (gemessen an der für diesen Zweck aussagekräftigeren Kerninflation) abgetragen. Wie die Korrelation der nach Zeitabschnitten gefärbten Punkte klarmacht, verursachen über die Zeit konjunkturelle Schwankungen immer geringere Ausschläge der Inflation:

  • Zur Erklärung der relativen Trägheit der Inflation angesichts konjunktureller Ausschläge verweist der Fonds einerseits auf die ältere umfangreiche Literatur zum Thema. So verändern Unternehmen selbst bei deutlichen Schwankungen der Nachfrage nach ihren Produkten deshalb ihre Preise zuweilen nicht, weil die Preisänderungen selbst kostspielig sind. Ökonomen sprechen hier von «Menu Costs». Ausserdem sind Lohnsenkungen selbst bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten bei Arbeitgebern wenig beliebt, weil das die besten Leute vertreibt, hier spricht man von einer sogenannten «adversen Selektion».
  • Doch diese Einsichten erklären zwei Dinge nicht oder zu wenig: Erstens, weshalb die Reaktion der Inflation auf wirtschaftliche Schwankungen (wie oben gezeigt) über die Zeit abgenommen hat. Zweitens, warum nicht nur bei Wirtschaftskrisen und steigender Arbeitslosigkeit die Preise und Löhne kaum zurückgehen, sondern warum sie auch kaum mehr ansteigen, wenn die Wirtschaft heiss läuft und das Personal knapp wird.
  • Als wichtigsten Grund für die Trägheit der Inflation nach oben wie nach unten macht der IWF schliesslich stabile Inflationserwartungen in der breiten Bevölkerung aus. Von diesen Erwartungen hängen konkrete Lohn- und Preisanpassungen ab. Ökonomen und Zentralbanker sprechen hier von einer starken «Verankerung» der Inflationserwartungen. Wie die Untersuchungen des Fonds zeigen, bleiben diese Erwartungen anders als etwa in den 1970er-Jahren sowohl von der aktuellen Wirtschaftsentwicklung wie auch von vergangenen Inflationsentwicklungen weitgehend unbeeinflusst.
  • Diese starke Verankerung der Inflationserwartungen wiederum ist laut dem IWF ein Erfolg der Zentralbanken der entwickelten Länder. Sie haben dank ihrer auf Stabilität der Inflation ausgerichteten Politik so viel Glaubwürdigkeit gewonnen, dass man ihnen zutraut, Abweichungen der Inflation nach oben und nach unten bei entsprechenden wirtschaftlichen Entwicklungen zu verhindern.
  • Wichtigstes Kriterium, damit die Notenbanken diese Glaubwürdigkeit überhaupt erwerben konnten, war laut dem IWF ihre Unabhängigkeit von politischen bzw. demokratisch gewählten Entscheidungsträgern. Dadurch waren sie weniger politischem Druck ausgesetzt, den eine gerade vorherrschende, Partei oder Lobby oder allgemeine Stimmung ausüben kann. Mehr zu den Hintergründen der Notenbank-Unabhängigkeit in diesem Beitrag.
  • Die Unabhängigkeit der Notenbank ist laut IWF sogar wichtiger für stabile Inflationserwartungen als ihre konkrete Politik. Obwohl die Notenbanken sich einzig oder vor allem der Preisstabilität verpflichten, haben alle – selbst die deutsche Bundesbank vor der Währungsunion – mit ihrer Geldpolitik immer auch Arbeitslosigkeit bekämpft. Selbst wenn sie dabei die konjunkturelle Arbeitslosigkeit überschätzt haben und zu lange die Schleusen zu offen hielten, hat das ihrer Glaubwürdigkeit keinen Abbruch getan, wenn sie unabhängig waren und sich dem Inflationsziel verpflichtet haben.

Die beruhigende Botschaft dieser Überlegungen könnte auf den ersten Blick sein, dass wir uns auch künftig keine Sorgen über Inflation machen müssen, weil das die Notenbanken schon verhindern werden und daher keine entsprechenden Erwartungen aufkommen. Das Problem aber ist, dass die Grundlagen für den bisherigen Erfolg in Zukunft nicht gesichert sind. Ganz einfach weil die Voraussetzungen für die einstige Politik heute immer weniger existitieren. Warum?

  • Dass Notenbanken weit mehr wirtschaftspolitischen Einfluss haben als gewählte Regierungen, wird in der aktuellen Krisenlage immer mehr zum Problem – das gilt besonders für die Eurozone, wo die Politik sich praktisch als handlungsunfähig erwiesen hat.
  • Das strikte Inflationsziel allein erweist sich als problematisch, wenn selbst starke Schwankungen der Konjunkturlage die Inflation nur noch wenig beeinflussen.
  • Ein eng gefasstes Inflationsziel erfasst zu wenig weitere problematische Preisentwicklungen – etwa wenn sich auf Immobilien- oder anderen Anlagemärkten Blasen bilden.
  • Ein breiteres Mandat – wie es zur Bekämpfung aller Arten von Wirtschaftskrisen, Blasen und Mängeln im Finanzsystem auf dem Programm steht – gibt den Notenbankern aber zu viel eigenen Ermessenspielraum, um das demokratisch zu legitimieren. Zielkonflikte sind ausserdem unausweichlich und machen die Verpflichtung nur auf ein Ziel – wie eine Inflationsvorgabe – weniger glaubwürdig.

Der fleissigste Gelddrucker der Welt

Mark Dittli am Freitag den 21. September 2012
Produktion von Ein-Dollar-Noten. (Foto: Keystone)

Wer hat seine Geldmenge am meisten ausgeweitet? Im Bild: Produktion von Dollar-Noten. (Foto: Keystone)

Beginnen wir mit einer kleinen Preisfrage: Welche Zentralbank hat im Verlauf der vergangenen fünf Jahre die grösste Ausweitung der Geldmenge, in absoluten Zahlen, in ihrem Währungsraum zu verantworten?

Zur Auswahl stehen:

  • U. S. Federal Reserve
  • Bank of England
  • Europäische Zentralbank
  • Bank of Japan
  • People’s Bank of China
  • Schweizerische Nationalbank
  • Reserve Bank of India
  • Banco Central do Brasil

Die Antwort kommt gleich. Aber zunächst ein Blick zurück, denn die vergangenen zwei Wochen hatten es aus geldpolitischer Sicht in sich.

Am 6. September kündigte die EZB ihr neues «Outright Monetary Transaction»-Programm an (hier die Details dazu), eine Woche später folgte das Fed in Washington mit «Quantitative Easing 3» (hier die Details), und am 19. September folgte die Bank of Japan mit der Ankündigung, ihr unkonventionelles Anleihenkaufprogramm von 70 auf 80 Billionen Yen aufzustocken (hier die Details).

Kommt jetzt schon bald die grosse Inflation? Kaum. Wie Markus Diem Meier bereits in diesem Blogbeitrag argumentiert hat, ist die Furcht vor einem baldigen grossen Inflationsschub übertrieben. Weit bedenklicher sollten zwei andere Faktoren stimmen, nämlich dass erstens Fed-Chef Ben Bernanke bereits wieder drauf und dran ist, irgendwo an den Finanzmärkten eine neue Blase aufzupumpen (mehr dazu in diesem Kommentar) und dass sich zweitens die grossen Notenbanken der Welt auf ein «Race to the bottom» eingelassen haben, indem sie versuchen, ihre Währung gegenüber den anderen zu schwächen. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis auf hoher politischen Ebene das Wort «Währungskrieg» fällt.

(Nachtrag vom 21. September: Es ist bereits geschehen. Guido Mantega, Brasiliens Finanzminister, hat öffentlich von einem Währungskrieg gesprochen – hier die Details dazu.)

An den Finanzmärkten wurde die neue Geldschwemme jedenfalls mit Freude aufgenommen; seit der Ankündigung des Fed hat der S&P-500-Index in den USA knapp 2 Prozent gewonnen, in Europa steht der Euro Stoxx 50 Index seit dem Auftritt Mario Draghis am 6. September um etwas mehr als 5 Prozent im Plus. Der pawlowsche Reflex der Börse auf monetäre Stimuli (mehr dazu in diesem Blogbeitrag) hat sich einmal mehr bewiesen.

Kommen wir also zurück zur Frage, wer der grösste Gelddrucker der Welt ist.

Russell Napier, Investmentstratege des Hongkonger Brokerhauses CLSA Asia-Pacific Markets und Autor des sehr lesenserten Buches «Anatomy of the Bear», hat die folgende Tabelle zusammengestellt. Sie zeigt die breiteste Definition der Geldmenge in 16 ausgewählten Ländern respektive Währungsräumen (Quelle: CLSA):

Die erste Spalte zeigt die Geldmenge im Jahr 2007, in Lokalwährung, in Milliarden. In der zweiten Spalte hat Napier diesen Betrag in US-Dollar umgerechnet, und in der dritten Spalte gibt er den prozentualen Anteil der jeweiligen Währung an der (vereinfacht berechneten) Welt-Geldmenge an. Die US-Dollar-Geldmenge stellte im Jahr 2007 beispielsweise 21,7 Prozent der Welt-Geldmenge, an erster Stelle stand der Yen mit 29,5 Prozent.

Die folgenden fünf Spalten zeigen sodann die aktuellsten verfügbaren Werte: Wiederum zuerst die breit definierte Geldmenge in Lokalwährung, dann umgerechnet in Milliarden Dollar, dann der Anteil an der Welt-Geldmenge. Die beiden letzten Spalten zeigen das Wachstum der jeweiligen Geldmenge in Lokalwährung und in Dollar ausgedrückt. Demnach ist beispielsweise die M3-Geldmenge im Schweizer Franken um 31,4 Prozent von 624 auf 820 Milliarden Franken gestiegen. In Dollar ausgedrückt (weil der Dollar zum Franken kräftig an Wert verlor) stieg die Schweizer Geldmenge um 53,3 Prozent.

So weit, so gut. Bei einem genauen Blick auf Napiers Tabelle wird klar, dass sich die weitaus massivste Bewegung in China abgespielt hat. Dort ist die Geldmenge M2+ von umgerechnet 5,474 Billionen US-Dollar im Jahr 2007 auf aktuell 14,496 Billionen Dollar hochgeschnellt; ein Wachstum von 127,8 Prozent in Lokalwährungen oder 164,8 Prozent in Dollar.

Dagegen ist die M3-Geldmenge im US-Dollar im beobachteten Zeitraum nur um 25 Prozent auf 11,774 Billionen gestiegen, während sich M3 in der Eurozone (in Lokalwährung) sogar nur um 15 Prozent ausgeweitet hat. Fed und EZB mögen in den vergangenen Jahren ihre Bilanz zwar massiv ausgeweitet haben, aber die Zahlen zur breiten M3-Geldmenge zeigen eindrücklich, dass der Grossteil dieser monetären Stimuli gar nicht in der realen Wirtschaft ankommt.

Wird die seit 2007 weltweit neu geschöpfte Geldmenge kumuliert und wird dann eruiert, wer für welchen Teil verantwortlich ist, ergibt sich folgende Übersicht:

Die People’s Bank of China ist gemäss Berechnungen Napiers für nicht weniger 40 bis 45 Prozent der weltweiten Geldmengenausweitung verantwortlich, das Fed kommt bloss auf 10 bis 15 Prozent und die EZB auf 6 bis 10 Prozent (jeweils in Lokalwährungen oder in Dollar gerechnet).

Der weitaus grösste und fleissigste Gelddrucker der Welt sitzt also weder in Washington noch in Frankfurt oder Tokio, sondern: in Beijing.

Wie es dazu kam und was das für die Zukunft der Weltwirtschaft bedeutet, lesen Sie in einer Woche in diesem Blog.

Du sollst nicht stehlen

Mark Dittli am Freitag den 7. September 2012
Andrew Haldane. (Foto: Bank of England)

Einer der luzidesten Denker unter den Notenbankern der heutigen Zeit: Andrew Haldane, Exekutivdirektor der Bank of England. (Foto: Bank of England)

Alles spricht über Notenbanker.

Gestern Donnerstag hingen die Weltfinanzmärkte an jedem Wort, das aus dem Mund von EZB-Präsident Mario Draghi kam (wir stürzen uns hier im Blog ja in der Regel nicht in die Tagesaktualität – aber wen es interessiert, findet hier die Analyse meiner Redaktionskollegen Andreas Neinhaus und Tommaso Manzin zum EZB-Entscheid).

Und eine knappe Woche ist es her, da richteten sich alle Blicke nach Jackson Hole, Wyoming, wo die Federal Reserve Bank of Kansas City zum jährlichen Notenbankersymposium gerufen hatte. Fed-Chef Ben Bernanke lobte in seiner Rede (hier die Originalversion) seine eigene Krisenpolitik der vergangenen vier Jahre. Kollege Diem Meier hat sich in diesem sehr lesenswerten Blogbeitrag mit Michael Woodford und dessen Kritik an Bernanke befasst.

Die brillanteste Rede in Jackson Hole kam aber von einem Briten: Andrew Haldane, Exekutivdirektor und verantwortlich für die Abteilung Finanzmarktstabilität der Bank of England.

Ich halte Haldane für einen der luzidesten Denker unter den Notenbankern der heutigen Zeit. Vor drei Jahren beispielsweise hat er mit dem Biologen Robert May eine faszinierende Studie über die Gemeinsamkeiten – etwa die enorme Fragilität – zwischen dem Weltfinanzsystem und hochkomplexen Ökosystemen wie dem Regenwald verfasst (hier eine Rede Haldanes aus dem Jahr 2009 dazu).

In seiner Jackson-Hole-Rede mit dem Titel «The dog and the frisbee» – hier in der Originalversion – geht es ebenfalls um Komplexität.

Haldane beginnt mit einer extrem wichtigen – in der modernen Finanztheorie und in der modernen Ökonomie leider nahezu in Vergessenheit geratenen – Feststellung: Menschen sind in ihrem Alltag und in ihrem wirtschaftlichen Handeln stets mit echter Ungewissheit konfrontiert.

Das ist gar nicht so banal, wie es klingt. Die Volkswirtschaftslehre der Nachkriegszeit basiert zu einem beträchtlichen Teil auf dem Gleichgewichtsprinzip (General Equilibrium Framework) der Ökonomen Kenneth Arrow und Gerard Debreu. Darin wird angenommen, dass jedes handelnde Individuum alle möglichen Zukunftsszenarien erkennen, ihnen eine Wahrscheinlichkeit zuordnen und sie so berechenbar machen kann.

Die moderne Finanztheorie, zu deren wichtigsten ideologischen Väter Harry Markowitz und Robert Merton zählten, nahm diesen Gedanken auf und stellte die Grundannahme auf, dass alle möglichen Zukunftsszenarien an den Finanzmärkten erkannt, mit einer Wahrscheinlichkeit quantifiziert und berechenbar gemacht werden können. In der Modern Finance hat sich dafür der Begriff «Risiko» etabliert.

Wie so oft in der praktischen Anwendung der Ökonomie und der modernen Finanztheorie wurde eine Annahme im Verlauf der Zeit zu einer allgemeingültigen Wahrheit.

Haldane ruft den amerikanischen Ökonomen Frank Knight in Erinnerung, der 1921 in seinem Buch «Risk, Uncertainty and Profit» die wichtige Unterscheidung zwischen quantifizierbaren Risiken und echter – eben unberechenbarer – Ungewissheit aufstellte. (In den Arbeiten von John Maynard Keynes spielt der Einfluss echter Ungewissheit auf das Verhalten der Wirtschaftsindividuen übrigens ebenfalls eine zentrale Rolle – bloss haben das die «Neokeynesianer» der Nachkriegszeit vergessen.)

Haldane stellt fest, dass der Begriff echter Ungewissheit in der modernen Finanztheorie weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Mit fatalen Folgen im Finanzsystem.

Der Irrglaube, alle Risiken an den Finanzmärkten seien jederzeit quantifizier- und damit absicherbar, hat in den Banken und Aufsichtsbehörden in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Scheinpräzision und zu einem falschen Gefühl von Sicherheit geführt. Die bank-internen Risikomanagementsysteme, ja das gesamte «Basel»-Regelwerk, das in den Neunzigerjahren aufgezogen wurde, basierte auf der Grundannahme, dass Marktrisiken jederzeit identifiziert, quantifiziert und abgesichert werden können.

Andrew Haldane zeigt in seiner Rede auf, wie für die Gewichtung der Risiken in der Bilanz einer Grossbank Millionen von Parametern geschätzt werden müssen, für die die historischen Datenreihen viel zu kurz sind, um überhaupt brauchbare Resultate zu erhalten.

Eigentlich absurd, dass in einem derart komplexen System wie der Finanzwelt angenommen wird, alle möglichen Zukunftsszenarien seien berechenbar: Sogar in einem vergleichsweise simplen System wie dem Schachspiel sind Grossmeister nicht in der Lage, mehr als fünf künftige Züge zu evaluieren, sagt Haldane. Sogar die besten Schachcomputer schaffen es nicht, mehr als zehn künftige Zug-Abfolgen zu evaluieren.

Haldanes Rezept: Komplexe Systeme dürfen nicht mit komplexen Regeln kontrolliert werden. Komplexe Systeme verlangen nach klaren, simplen Regeln.

Demnach hält es der Brite für völlig falsch, wenn die Banken, Regulierungsbehörden respektive Gremien wie der Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in ihrem Versuch, das Problem der «Too big to fail»-Banken in den Griff zu bekommen, immer ausgeklügeltere Methoden ersinnen, wie die Risiken in einer Bankbilanz gewichtet und das Eigenkapital berechnet werden kann.

Haldane plädiert für einfache, klare und für jedermann nachvollziehbare Regeln. Sie sind viel effektiver, wenn es darum geht, ein komplexes System zu zügeln. Im Fall der Grossbanken heisst das: Das harte Eigenkapital der Bank darf einen gewissen Prozentsatz der rohen, ungewichteten Bilanzsumme nicht unterschreiten. Punkt. Diese These vertritt übrigens auch Martin Hellwig vom Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter in Bonn – leider als einer der ganz wenigen im deutschsprachigen Raum (hier ein Blogbeitrag vom März, der sich mit Hellwig befasst hat). Haldane erwähnt, dass eine Eigenkapitalquote (Leverage Ratio) von 7 Prozent den hundert weltgrössten Banken gereicht hätte, um die Finanzkrise ohne Rettung zu überstehen. Basel-III sehe jedoch nur eine Leverage Ratio von 3 Prozent vor. Das heisst, 97 Euro Fremdkapital fussen in der Bankbilanz auf drei Euro Eigenkapital. Keine sehr solide Sache in einer von Ungewissheit geprägten Welt (genau deshalb fordert u. a. Hellwig, man müsse über eine harte Eigenkapitalquote von 20 Prozent sprechen).

Die Untermauerung seiner These liefert Haldane gleich mit. Von den hundert global grössten Banken mussten im Verlauf der Finanzkrise von 2007 bis 2009 deren 37 gerettet oder abgewickelt werden. Wer die Solidität der Banken vor ihrem Untergang anhand der risikogewichteten Kapitalkennzahlen des «Basel II»-Regelwerks abgeschätzt hatte, konnte die Gewinner nicht von den Verlierern unterscheiden. Auch zahlreiche Banken mit vermeintlich soliden Kapitaldecken kollabierten.

Diese Grafik verdeutlicht das (Quelle: Bank of England):

Die vertikale Achse zeigt die Dicke des Kapitalpolsters in Prozent der risikogewichteten Bilanzsumme nach Basel II, die roten Linien stehen für Banken, die gerettet werden mussten. Es ist eindeutig zu sehen, dass sich die roten Fälle – also Banken, die gerettet werden mussten – überall zeigen. Auch in recht grosser Zahl unter den vermeintlich solide kapitalisierten Banken.

Wer die krude Formel für die Bilanzsolidität – hartes Eigenkapital zu ungewichteter Bilanzsumme – anwandte, konnte die 37 Verlierer schon viel besser von den Gewinnern unterscheiden, wie diese Grafik zeigt (Quelle: Bank of England):

Selbstverständlich gab es auch hier Fälle von besser kapitalisierten Banken, die trotzdem kollabierten. Aber die roten Fälle massieren sich klar – statistisch signifikant – im linken Bereich der Grafik, also unter den schwach kapitalisierten Finanzhäusern.

Der Grundsatz «simple Regeln für komplexe Systeme» ist übrigens gar nicht so neu. Die zehn Gebote sollen auf zwei Steintafeln Platz gefunden haben, und sie haben das komplexe Zusammenspiel der menschlichen Gesellschaft gar nicht schlecht geregelt. «Du sollst nicht töten» ist eine simple Regel für ein komplexes System.

Weitere Beispiele?

Die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika fand auf sechs Seiten Platz.

Der Glass Steagall Act, der 1933 das Trennbankensystem in den USA einführte, umfasste 37 Seiten.

Der Dodd-Frank Act, der 2010, im Nachgang der jüngsten Finanzkrise, in Washington verabschiedet wurde, dürfte in seiner Endfassung wohl gegen 30’000 Seiten umfassen.

Welches der vier obengenannten Gesetze ist wohl das ineffektivste?