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Artikel-Schlagworte: „Jean-Claude Trichet“

Der Euro und das «Exorbitant Privilege»

Markus Diem Meier am Mittwoch den 21. November 2012
Der ehemalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet, St. Gallen am 3. Mai 2012. (Keystone)

Die Euro-Elite war bessesen von der Idee, den Dollar vom Podest zu verdrängen: Jean-Claude Trichet, Ex-EZB-Chef (Keystone)

Jean-Claude Trichet hat klargemacht, woran die Euro-Idee von Anfang an gekrankt hat: An Grossmachtsphantasien.

Gleich zu Beginn einer äusserst spannenden Tagung des «UBS International Center of Economics in Society – einer Zusammenarbeit zwischen Universität Zürich und UBS – hat Jean Claude Trichet, vormals Chef der Europäischen Zentralbank EZB sich sozusagen offenbart. In seinem Eingangsreferat (noch nicht verfügbar) hat er bekannt, weshalb er und ein grosser Teil der Euro-Elite über die letzten zwanzig Jahre die inneren Widersprüche im Eurosystem und die Krise seit 2010 nie verstanden haben.

Ok. Das Eingeständnis war nicht wirklich seine Absicht. Ganz im Gegenteil hat sich Trichet darum bemüht, den grossen Erfolg der Gemeinschaftswährung aufzuzeigen. Erfolg? Nein, Trichet verlor kein Wort über die Eurokrise, sein einziger Massstab war der Vergleich zum US-Dollar. Im Vergleich zu dem hätte der Euro zugelegt, im Vergleich zu den USA kämen Europäer und ihre Währung gut weg. Die US-Währung hätte ihre ausserordentlichen Privilegien («Exorbitant Privilege») eingebüsst und werde sie auch zugunsten des Euro in kürzester Zeit weiter einbüssen. Auf eine Publikumsfrage zu den Problemen der EZB mit maroden Staatsanleihen verwies Trichet wiederum schnurstracks wieder auf die USA, deren Notenbank hier noch übler dran sei.

Dass der US-Dollar tatsächlich kein «Exorbitant Privilege» mehr geniesst und die Macht dieser Währung bald gebrochen wird, halte ich für eine komplette Fehlanalyse und einen europäischen Wunschtraum. Der Ökonom und Währungshistoriker Barry Eichengreen bringt das in seinem Buch  mit dem passenden Titel «Exorbitant Privilege» perfekt auf den Punkt. Der Einfluss des Dollars werde zwar weiter abnehmen, doch das sei ein langsamer Prozess. Gerade der Umstand, dass keine echte Alternative zur Verfügung steht, verzögert diese Entwicklung erst recht: Der chinesische Yuan Renminbi kann nicht frei gehandelt werden und die Zukunft des Euro bleibt offen, so lange die Eurokrise anhält – und eine Lösung zeichnet sich dort nicht ab.

Die Fehlanalyse zur Rolle von Euro und Dollar ist aber nicht das grösste Problem. Viel schlimmer ist, dass die europäischen Eliten durch den Minderwertigkeitskomplex gegenüber den USA und wegen dem Ziel, mit der neuen Währung die Weltmacht des Dollars zu brechen, Warnungen zum brüchigen institutionellen Unterbau der neuen Währung in den Wind geschlagen haben. Diese Brüchigkeit war ausgiebig Thema dieses Blogs.

Dass eine Reihe von US-Ökonomen schon seit den 1990er-Jahren – nach dem Maastricht-Entscheid zur Währungsunion –  bereits auf die zahlreichen institutionellen Mängel hingewiesen haben, glaubte die Euro-Elite als Missgunst der Amerikaner gegenüber der neuen Konkurrenzwährung abtun zu können. Ein prägnantes Beispiel dafür war eine Studie der Europäischen Kommission von Dezember 2009 – unmittelbar vor Ausbruch der Eurokrise. Der Titel lautete «The euro: It can’t happen. It’s a bad idea. It won’t last. US economists on the EMU, 1989 – 2002». Das war nicht im Sinne eines Eingeständnis gemeint – wie es aus heutiger Sicht nach bald drei Jahren Krise ohne Aussicht auf eine Lösung scheinen könnte. Da klang Überheblichkeit durch: Seht her, wie falsch doch die Amerikaner gelegen haben. Hier aus dem «Abstract»:

We find it surprising that economists living in and benefiting from a large monetary union like that of the US dollar were so sceptical of monetary unification in Europe. We explain the critical attitude of US economists towards the single currency by several factors: first, the strong influence of the original optimum currency area theory on US analysis, leading to the conclusion that Europe was far from an optimal monetary union; second, the use of a static ahistorical approach to study monetary unification by comparing the full-fledged US monetary union with Europe prior to monetary unification, in this way failing to see monetary unification as an evolutionary process; third, the failure to identify pegged exchange rate regimes in Europe as the alternative to a single European currency; and fourth, the belief that the single currency for Europe was primarily a political project that ignored economic fundamentals, thus dooming the single currency to collapse.

Wie recht doch «die Amerikaner» gehabt haben: Die Eurozone ist alles andere als ein optimaler Währungsraum – weiter weg davon als die Schweiz - und es hat bisher auch keinen evolutionären Prozess dahin gegeben und ja, die europäische Einheitswährung war von Beginn weg ein politisches Projekt, das die ökonomischen Grundlagen ignoriert hat und nach wie vor ignoriert – weshalb ihm immer mehr auch die wichtigste politischen Grundlage – die Akzeptanz der betroffenen Bevölkerungen – entgleitet.

Zweifel am aktuellen institutionellen Konstrukt der Eurozone beschränken sich übrigens nicht auf die amerikanischen Ökonomen, das hat die eingangs erwähnte Ökonomentagung wieder deutlich gezeigt. Sie entspringen der ökonomischen Logik.

Der talentierte Mr. Trichet

Mark Dittli am Freitag den 4. Mai 2012

Die Stabs- bzw. Glockenübergabe kam keine Minute zu früh: Jean-Claude Trichet gratuliert seinem Nachfolger Mario Draghi. (Bild: Keystone)

Der Wechsel war auf den ersten Blick unspektakulär. Die Übergabe des Präsidiums der Europäischen Zentralbank von Jean-Claude Trichet an Mario Draghi am 1. November 2011 war personell keine Überraschung, nachdem Axel Weber im Frühjahr im Protest aus der EZB-Führung ausgeschieden war.

Dass mit Draghi ein deutlich pragmatischerer Mann an der Spitze der EZB stand, wurde allerdings rasch evident, als der Italiener Anfang Dezember die dreijährige Longer Term Refinancing Operation (LTRO) bekannt gab, in dessen Folge die EZB mehr als eine Billion Euro in das europäische Bankensystem pumpte und dieses möglicherweise in letzter Minute vor dem Kollaps bewahrte. Das hat am Donnerstag Mario Draghi selbst klargemacht, hier und hier war das auch schon Thema bei uns.

Was aber wäre geschehen, wenn Trichet das Amt nicht abgegeben und in den letzten sechs Monaten weiterhin die EZB geleitet hätte? Die Frage mag müssig klingen, denn alternative Geschichtsverläufe bleiben hypothetisch. Dennoch: Die Aussagen von Jean-Claude Trichet gestern Donnerstag am St. Gallen Symposium liessen meine (zugegebenermassen wenigen) Haare zu Berge stehen.

Als seinen grössten Leistungsausweis bezeichnete er, dass die durchschnittliche Inflationsrate in der Eurozone von 1999 bis heute 2.03 Prozent betrug und das Ziel der Preisstabilität damit makellos erfüllt wurde. Fair enough.

Tiefe Einblicke gaben aber seine Aussagen über die letzten vier Krisenjahre in Europa:

Die Entscheidungen, die Leitzinsen im Juli 2008, im April 2011 und im Juli 2011 zu erhöhen, bezeichnete Trichet rückblickend als richtig, denn in Europa habe zu dieser Zeit schliesslich keine Rezession geherrscht. Bravo. Dass die Zinserhöhungen in allen Fällen zu einer Zeit geschahen, als im Finanzsystem unter der Oberfläche längst gewaltige Spannungen herrschten – die man sehen konnte, wenn man nur hinschaute -, scheint er bis heute nicht zu erkennen. Noch vor einem Jahr sprach Trichet vom geldpolitischen «Exit», während der Südrand des Währungsraumes, für den er zuständig war, in Richtung Exitus rauschte.

Vom Moderator angesprochen auf die Frage, was geschehen müsse, damit die Europäische Währungsunion in ihrer heutigen Form überleben könne, reagierte Trichet entsetzt. Der im März unterschriebene neue Fiskalpakt, der die Verschuldungs- und Defizitkriterien mit der Androhung von Sanktionen und Bussen durchsetzen soll, sei doch genau der Garant dafür, dass die Eurozone bestehen bleibe.

Vielleicht habe ich da ja etwas falsch verstanden: Aber wie genau soll ein Stabilitätspakt, der in den letzten zwölf Jahren von nahezu allen Mitgliedsländern komplett missachtet wurde, und der im Fall einer Rezession prozyklisch wirkt und den Abschwung noch verstärkt – wie soll der genau Garant für eine sonnige Zukunft der Währungsunion sein?

Drei Meter vor Trichet im Hörsaal der Uni St. Gallen sass der frühere griechische Premier Giorgios Papandreou. Was heute in Griechenland geschehe, sei bloss die Korrektur eines Booms, den das Land in den ersten Jahren der Euro-Mitgliedschaft erlebt habe, sagte Trichet. Das schmerze halt ein wenig.

Ja, so kann man es auch sehen. So ungefähr klang übrigens auch US-Finanzminister Andrew Mellon, als sein Land Anfang der Dreissigerjahre in die Grosse Depression absackte.

Von einem Zuschauer konkret gefragt, ob ein Land wie Spanien mit einer aktuellen Arbeitslosenrate von 24 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent mit der erzwungenen Austeritätspolitik nicht in eine Depression gedrückt werde, antwortete Trichet: «Wir alle müssen unser Haus in Ordnung bringen.»

Das war ein Satz, den er mindestens zehn Mal wiederholte, meist mit einem Seitenhieb an die USA und Grossbritannien verbunden, deren Verschuldungssituation nicht besser sei als die der europäischen Länder. Das stimmt – mit dem kleinen Unterschied, dass die USA und Grossbritannien eine eigene Geldpolitik betreiben können, während Spanien, Italien & Co. zumindest bis im Herbst 2011 mit einem Klon der Bundesbank lebten, der nur drei Mandate kannte: Preisstabilität, Preisstabilität, Preisstabilität.

Die Frage, ob es nicht überlegenswert sei, temporär das Potenzial etwas höherer Inflationsraten – um 4 Prozent – zuzulassen, um die nominalen Wachstumsraten hoch verschuldeter Länder etwas anzuheben, wischte Trichet mit dem Argument «akademische Idee» vom Tisch. Ein wichtiger Verfechter dieser These ist übrigens Trichets Kompatriot Olivier Blanchard, Chefökonom des IMF.

Als seine «grösste Überraschung» bezeichnete Trichet die Erkenntnis, dass das Finanzsystem viel instabiler sei, als er angenommen hatte – worauf er die Zuhörer aufforderte, sich diesem Forschungsgebiet mal etwas vertiefter zu widmen. Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl: Versuchen Sie’s mal auf Google mit dem Suchbegriff «Financial Instability Hypothesis». Mit Aussagen wie diesen ist es nachträglich betrachtet kein Wunder, hat sich Trichet in den Jahren nach 2008 – im Gegensatz zu einigen seiner Notenbankkollegen in der Schweiz, Grossbritannien und den USA – nicht mit Ideen profiliert, wie die Robustheit des globalen Grossbankensystems erhöht werden könnte.

Dies sei keine Zeit für langweilige Notenbanker, schrieb der ehemalige SNB-Präsident Philipp Hildebrand am Montag in der «Financial Times». In der Tat. Nicht, dass Mario Draghi perfekt wäre: Aber der Wechsel an der Spitze der EZB im November 2011 war dringend nötig.

Ratingagenturen als Sündenböcke

Tobias Straumann am Freitag den 8. Juli 2011

Wehren sich gegen die Ratings von Nicht-Europäern: EZB-Chef Jean-Claude Trichet und der luxemburgische Finanzminister Jean-Claude Juncker am EU-Finanzministertreffen in Brüssel, Juni 2011. (Bild: Keystone)

Nach der Herabstufung von Portugals Schulden auf Ramschstatus ist der Streit um die Ratingagenturen voll entbrannt. Am Donnerstag holten die beiden Jean-Claudes zu einer Attacke aus: Jean-Claude Juncker regte am Donnerstag die Schaffung von europäischen Ratings an, Jean-Claude Trichet meinte, es sei nicht ideal, dass ein Oligopol von drei Firmen (Fitch, Moody’s, Standard & Poor’s) alle Ratings vornähmen.

Auf einer abstrakten Ebene haben die beiden recht. Es ist grotesk, dass drei US-Firmen alle relevanten Wertpapiere der Welt bewerten. Mehr Wettbewerb würde der Branche gut tun. Ich verstehe auch nicht, warum man deren Geschäftsmodell nicht schon längst geändert hat. Es ist absurd, dass sie von ihren Auftraggebern bezahlt werden. Wo das hinführt, haben wir jetzt zweimal erlebt. Dotcom-Bubble und der Subprime-Bubble wären kaum möglich gewesen, wenn die Ratingagenturen nicht unprofitable Internetfirmen und undurchsichtigen strukturierte Produkte mit Höchstnoten geadelt hätten.

Auch historisch gesehen sind die Ratingagenturen skeptisch zu beurteilen. Bis vor hundert Jahren waren Geschäftsbanken dafür zuständig, zwischen guten und schlechten Risiken zu urteilen. Sie hatten die volkswirtschaftliche Aufgabe, die Spargelder einzusammeln und über Kredite und Anleihen Investitionen zu finanzieren. Sie waren auch dafür verantwortlich, die Verluste zu übernehmen, wenn sie sich in ihrem Urteil getäuscht haben. Seit wir Rating-Agenturen haben lagern die Geschäftsbanken ihre Verantwortung für die Risikobeurteilung der Wertpapiere aus. Wenn es schief geht, heisst es: Wertpapier XY hatte ein Triple-A, ist nicht unsere Schuld. Wofür haben wir denn überhaupt noch Banken? (Der Genfer Wirtschaftshistoriker Marc Flandreau und seine Mitarbeiter haben dazu einen interessanten wissenschaftlichen Artikel geschrieben.)

Im konkreten europäischen Fall aber teile ich die Kritik von Juncker und Trichet nicht. Was die drei Ratingagenturen in letzter Zeit entschieden haben, entspricht dem, womit die Märkte schon längst rechnen. Der letzte Entscheid – die Herabstufung von Portugals Schulden durch Moody’s – drückt sich seit einem Jahr in der steigenden Zinsdifferenz zwischen deutschen und portugiesischen Anleihen aus. Mittlerweile ist diese Zinsdifferenz bei zehn Prozent anbelangt. Man kann Moody’s nur vorwerfen, dass die Herabstufung nicht schon früher erfolgt ist.

Auch die Begründung von Moody’s ist gut nachvollziehbar. Sinngemäss hiess es, man habe wachsende Zweifel, ob die Euro-Länder in der Lage sein werden, die Schuldenkrise zu lösen. Wenn Jean-Claude Juncker nun die Rating-Agenturen dafür bestrafen will, dass sie schlechte Nachrichten überbringen, lenkt er nur vom eigentlichen Problem ab. Wachsende Zweifel am politischen Prozess haben mittlerweile alle Beobachter – egal, ob sie den Euro für wünschenswert oder eine Fehlkonstruktion halten.

Ich bin überzeugt, dass die Zinsdifferenzen schnell zurückgehen würden, wenn die Euro-Länder einen guten Plan zur Reduktion der Schulden in Griechenland, Irland und Portugal auf den Tisch legen würden. Diese Staaten sind faktisch zahlungsunfähig, also sollte man dieser Tatsache möglichst schnell gerecht werden, den Schnitt machen und Massnahmen zum Schutz der betroffenen Banken vorbereiten. Je länger man wartet, desto schlimmer wird es. Die Ansteckung greift immer mehr auf Italien und Spanien über.

Finanzkrisen finden oft im Herbst statt. Im September ist die nächste Tranche für Griechenland fällig. Wenn sich wieder dasselbe Drama abspielen sollte und die Euro-Länder immer noch keine Lösung präsentieren können, könnte es eng werden.