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Artikel-Schlagworte: „Geldpolitik“

Der fleissigste Gelddrucker der Welt

Mark Dittli am Freitag den 21. September 2012
Produktion von Ein-Dollar-Noten. (Foto: Keystone)

Wer hat seine Geldmenge am meisten ausgeweitet? Im Bild: Produktion von Dollar-Noten. (Foto: Keystone)

Beginnen wir mit einer kleinen Preisfrage: Welche Zentralbank hat im Verlauf der vergangenen fünf Jahre die grösste Ausweitung der Geldmenge, in absoluten Zahlen, in ihrem Währungsraum zu verantworten?

Zur Auswahl stehen:

  • U. S. Federal Reserve
  • Bank of England
  • Europäische Zentralbank
  • Bank of Japan
  • People’s Bank of China
  • Schweizerische Nationalbank
  • Reserve Bank of India
  • Banco Central do Brasil

Die Antwort kommt gleich. Aber zunächst ein Blick zurück, denn die vergangenen zwei Wochen hatten es aus geldpolitischer Sicht in sich.

Am 6. September kündigte die EZB ihr neues «Outright Monetary Transaction»-Programm an (hier die Details dazu), eine Woche später folgte das Fed in Washington mit «Quantitative Easing 3» (hier die Details), und am 19. September folgte die Bank of Japan mit der Ankündigung, ihr unkonventionelles Anleihenkaufprogramm von 70 auf 80 Billionen Yen aufzustocken (hier die Details).

Kommt jetzt schon bald die grosse Inflation? Kaum. Wie Markus Diem Meier bereits in diesem Blogbeitrag argumentiert hat, ist die Furcht vor einem baldigen grossen Inflationsschub übertrieben. Weit bedenklicher sollten zwei andere Faktoren stimmen, nämlich dass erstens Fed-Chef Ben Bernanke bereits wieder drauf und dran ist, irgendwo an den Finanzmärkten eine neue Blase aufzupumpen (mehr dazu in diesem Kommentar) und dass sich zweitens die grossen Notenbanken der Welt auf ein «Race to the bottom» eingelassen haben, indem sie versuchen, ihre Währung gegenüber den anderen zu schwächen. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis auf hoher politischen Ebene das Wort «Währungskrieg» fällt.

(Nachtrag vom 21. September: Es ist bereits geschehen. Guido Mantega, Brasiliens Finanzminister, hat öffentlich von einem Währungskrieg gesprochen – hier die Details dazu.)

An den Finanzmärkten wurde die neue Geldschwemme jedenfalls mit Freude aufgenommen; seit der Ankündigung des Fed hat der S&P-500-Index in den USA knapp 2 Prozent gewonnen, in Europa steht der Euro Stoxx 50 Index seit dem Auftritt Mario Draghis am 6. September um etwas mehr als 5 Prozent im Plus. Der pawlowsche Reflex der Börse auf monetäre Stimuli (mehr dazu in diesem Blogbeitrag) hat sich einmal mehr bewiesen.

Kommen wir also zurück zur Frage, wer der grösste Gelddrucker der Welt ist.

Russell Napier, Investmentstratege des Hongkonger Brokerhauses CLSA Asia-Pacific Markets und Autor des sehr lesenserten Buches «Anatomy of the Bear», hat die folgende Tabelle zusammengestellt. Sie zeigt die breiteste Definition der Geldmenge in 16 ausgewählten Ländern respektive Währungsräumen (Quelle: CLSA):

Die erste Spalte zeigt die Geldmenge im Jahr 2007, in Lokalwährung, in Milliarden. In der zweiten Spalte hat Napier diesen Betrag in US-Dollar umgerechnet, und in der dritten Spalte gibt er den prozentualen Anteil der jeweiligen Währung an der (vereinfacht berechneten) Welt-Geldmenge an. Die US-Dollar-Geldmenge stellte im Jahr 2007 beispielsweise 21,7 Prozent der Welt-Geldmenge, an erster Stelle stand der Yen mit 29,5 Prozent.

Die folgenden fünf Spalten zeigen sodann die aktuellsten verfügbaren Werte: Wiederum zuerst die breit definierte Geldmenge in Lokalwährung, dann umgerechnet in Milliarden Dollar, dann der Anteil an der Welt-Geldmenge. Die beiden letzten Spalten zeigen das Wachstum der jeweiligen Geldmenge in Lokalwährung und in Dollar ausgedrückt. Demnach ist beispielsweise die M3-Geldmenge im Schweizer Franken um 31,4 Prozent von 624 auf 820 Milliarden Franken gestiegen. In Dollar ausgedrückt (weil der Dollar zum Franken kräftig an Wert verlor) stieg die Schweizer Geldmenge um 53,3 Prozent.

So weit, so gut. Bei einem genauen Blick auf Napiers Tabelle wird klar, dass sich die weitaus massivste Bewegung in China abgespielt hat. Dort ist die Geldmenge M2+ von umgerechnet 5,474 Billionen US-Dollar im Jahr 2007 auf aktuell 14,496 Billionen Dollar hochgeschnellt; ein Wachstum von 127,8 Prozent in Lokalwährungen oder 164,8 Prozent in Dollar.

Dagegen ist die M3-Geldmenge im US-Dollar im beobachteten Zeitraum nur um 25 Prozent auf 11,774 Billionen gestiegen, während sich M3 in der Eurozone (in Lokalwährung) sogar nur um 15 Prozent ausgeweitet hat. Fed und EZB mögen in den vergangenen Jahren ihre Bilanz zwar massiv ausgeweitet haben, aber die Zahlen zur breiten M3-Geldmenge zeigen eindrücklich, dass der Grossteil dieser monetären Stimuli gar nicht in der realen Wirtschaft ankommt.

Wird die seit 2007 weltweit neu geschöpfte Geldmenge kumuliert und wird dann eruiert, wer für welchen Teil verantwortlich ist, ergibt sich folgende Übersicht:

Die People’s Bank of China ist gemäss Berechnungen Napiers für nicht weniger 40 bis 45 Prozent der weltweiten Geldmengenausweitung verantwortlich, das Fed kommt bloss auf 10 bis 15 Prozent und die EZB auf 6 bis 10 Prozent (jeweils in Lokalwährungen oder in Dollar gerechnet).

Der weitaus grösste und fleissigste Gelddrucker der Welt sitzt also weder in Washington noch in Frankfurt oder Tokio, sondern: in Beijing.

Wie es dazu kam und was das für die Zukunft der Weltwirtschaft bedeutet, lesen Sie in einer Woche in diesem Blog.

Wenn die Inflation nicht will

Mark Dittli am Freitag den 17. Februar 2012

Inflationsziel von 1%: Masaki Shirakawa, Gouverneur der Bank of Japan.

Inflationsziel von 1%: Masaki Shirakawa, Gouverneur der Bank of Japan.

Die Zentralbanken drucken Geld wie nie zuvor. Allen voran die amerikanische Notenbank (Fed), aber auch die Bank of England und die Europäische Zentralbank haben die geldpolitischen Schleusen weit geöffnet und sind längst zu «unkonventionellen» Lockerungsmassnahmen – dazu zählt der Kauf von Staatsanleihen im grossen Stil – übergegangen.

Zwingende Konsequenz dieser Geldschwemme, so lautet ein oft gehörtes Argument, werden hohe Inflationsraten sein. Wenn die Welt doch nur so simpel wäre.

Die Situation ist paradoxer: Die Notenbanker wollen Inflation – zumindest wollen sie, dass die Marktteilnehmer eine höhere Teuerungsrate erwarten (ein Thema, das dieser Blogbeitrag beleuchtet). Aber die Inflation will nicht.

Den besten Anschauungsunterricht für dieses Dilemma bietet Japan, wo am Dienstag die Bank of Japan (BoJ) eine Ausdehnung ihres unkonventionellen Lockerungsprogramms bekannt gegeben und – erstmals – ein konkretes Inflationsziel von 1% kommuniziert hat. Die japanische Volkswirtschaft steckt seit deutlich mehr als zehn Jahren nahezu konstant in einer Deflation, und allen Bemühungen der BoJ zum Trotz schafft sie es nicht, sich aus dieser Lage zu befreien (Anmerkung: die Frage, weshalb Deflation in einer hoch verschuldeten Volkswirtschaft überhaupt gefährlich ist, wird in einem der nächsten Blog-Beiträge behandelt).

James Bullard, Präsident der Federal Reserve Bank des Distrikts St. Louis, hat in einem Arbeitspapier die Lage Japans mit derjenigen der USA verglichen. Das Papier stammt aus dem Jahr 2010, aber es hat nichts von seiner Aussagekraft eingebüsst. Zentrales Element der Studie ist diese – zwar etwas technische, aber einleuchtende – Grafik:

Einige Erklärungen dazu: Die vertikale Achse der Grafik steht für den nominalen Leitzins, die horizontale Achse zeigt die Konsumentenpreisteuerung in %. In diesem Koordinatennetz sind alle monatlichen Zins- und Inflationswerte zwischen Januar 2002 und Mai 2010 eingezeichnet; die grünen Kreise stehen für Japan, die blauen Quadrate für die USA. Die beiden Welten berühren sich nie. Alle Kreise liegen im linken, unteren Teil: die Inflationsrate in Japan bewegte sich im untersuchten Zeitraum zwischen -1,5% und 0,5%, der von der BoJ festgesetzte Leitzins schwankte zwischen null und 0,5%. In den USA (blaue Quadrate), verharrte die Inflationsrate zwischen 1 und 3% und der Leitzins zwischen 0,25% und 5,25%.

In der Grafik sind zwei weitere Linien eingezeichnet. Die rote, gestrichelte Linie steht für die Fisher-Gleichung, die festhält, dass der nominale Zinssatz vereinfacht gesagt aus dem realen Zinssatz plus der erwarteten Inflationsrate besteht. Bullard hat für seine Studie einen realen Zinssatz von 0,5% angenommen (wo die Fisher-Linie in der Grafik den Nullpunkt der Inflation kreuzt). Die schwarze, gekrümmte Linie schliesslich zeigt das Instrumentarium der Notenbank in der Festsetzung des Leitzinses. Im linken Teil der Grafik ist sie waagrecht, da der nominale Leitzins nicht unter null sinken kann. Im rechten Teil wird sie zunehmend steil und bildet damit ab, dass die Notenbank den Leitzins überproportional erhöhen wird, um eine zu hohe Inflation einzudämmen.

Und jetzt das Entscheidende: Im rechten Teil der Grafik kreuzen sich die beiden Linien und markieren ein Gleichgewicht. Mit einer Inflationsrate von 2,3% und einem Leitzins von 2,8% in der Bullard-Grafik ist das System stabil und die Marktteilnehmer erwarten keine Veränderung in der Inflationsrate. Das ist der Punkt, den die Notenbank mit ihrer Zinspolitik ansteuert.

Doch wie Bullards Grafik zeigt, existiert ein zweiter, weitaus gefährlicherer Gleichgewichtspunkt: Weil der nominale Leitzins nicht unter null sinken kann, kreuzt sich die schwarze Linie abermals mit der Fisher-Linie, und zwar bei einer Deflationsrate von 0,5% und einem Leitzins von wenig über null. An diesem Gleichgewichtspunkt erwarten die Marktteilnehmer ebenfalls keine weitere Veränderung in der Teuerungsrate – ein Zustand der nahezu permanenten Deflation. Das ist genau der Ort, an dem die Bank of Japan seit mehr als einem Jahrzehnt gegen ihren Willen gefangen ist. Würde die Grafik auf den heutigen Stand gebracht, ballten sich einfach noch mehr grüne Kreise am selben Ort. Im Dezember lag die Teuerungsrate Japans auf -0,2%.

Ben Bernanke, der Vorsitzende des Fed, kennt das japanische Dilemma bestens. In einer Rede – der wichtisten seiner Karriere – im November 2002 mit dem Titel „Deflation: Making Sure It Doesn’t Happen Here“ hatte Bernanke klar aufgezeigt, was eine Notenbank alles unternehmen müsse, um nicht in die japanische Falle zu geraten. Damals war er noch Mitglied des Fed-Führungsgremiums, heute ist er dessen Chef. Alle geldpolitischen Entscheide, die er in den vergangenen Jahren gefällt hat, folgten haargenau seinem Drehbuch von 2002. Keiner seiner Entscheide in den vergangenen Jahren war angesichts des Inhalts seiner damaligen Rede überraschend.

Bernanke wird alles daransetzen, dass sich die blauen Quadrate in der Grafik seines Kollegen James Bullard nicht in die Nähe der grünen Punkte bewegen. Das ist ihm in den letzten Monaten nicht schlecht gelungen; aktuell liegt die US-Inflationsrate je nach Messmethode auf 2,4% oder 3%. Aber weil Bernanke weiss, wie rasch die Teuerung in der immer noch von grossen Überkapazitäten geprägten US-Wirtschaft wieder zusammenbrechen kann, wird er noch lange nicht von seiner überaus expansiven Geldpolitik abrücken. Sicher nicht, solange die Inflationserwartungen so aussehen (Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis):

Und sicher nicht, solange die Geld-Umlaufgeschwindigkeit im Land, wie aktuell, auf einem historischen Tiefststand verharrt (Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis):

Es ist sehr wohl möglich – sogar wahrscheinlich -, dass hohe Inflationsraten in den USA, in Europa, auch in Japan, dereinst zu einer reellen Gefahr werden. Aber dieser Tag liegt noch in beträchtlich weiter Ferne.

Babysitting-Ökonomie reloaded

Markus Diem Meier am Freitag den 14. Oktober 2011
Tagesmutter mit Kindern.

Wenn Babysitting-Gutscheine zu einer Währung werden, unterliegen sie den gleichen Gesetzmässigkeiten wie echtes Geld: Eine Babysitterin erzählt eine Geschichte.

«Free Exchange», ein Blog des «Economist»  macht sich hier neue Gedanken zu einem viel beachteten Text von Paul Krugman aus den 90er-Jahren über den tieferen ökonomischen Sinn der Erfahrungen einer Babysitting-Genossenschaft. Krugmans Vergleich hat wahrscheinlich nicht nur mir als Wirtschaftsdozent (eine Nebenbeschäftigung) wertvolle Dienste geleistet, um eher technisch anmutende  Zusammenhänge eingängiger als mit den üblichen Modellen zu vermitteln.

Worum geht es? Eine real existierende Babysitting-Genossenschaft hauptsächlich unter Anwaltsfamilien in Washington hat mittels Gutscheinen versucht, für einen Ausgleich von Babysitting-Tätigkeit und kinderfreiem Ausgang unter den Mitgliedern der Genossenschaft zu sorgen. Bei diesem Versuch ist der Genossenschaft das Äquivalent einer Rezession wiederfahren. Die Gründe dafür waren laut Krugman dieselben, die auch zur Rezession einer ganzen Volkswirtschaft führen können. Auch die mögliche Lösung zeigt Krugman an diesem Beispiel auf. Hier mehr Details – gleich auch in einen verdaulichen Ökonomenslangübersetzt:

  • Die Genossenschaftsmitglieder, die ausgehen wollen, sind die Nachfrager nach dem einzigen Gut der Genossenschaft: der Babysitting-Dienstleistung. Das nachgefragte Produkt erfordert nur einen Produktionsfaktor: die Arbeit des Babysittens.
  • Für ihre Nachfrage mussten die Ausgehwilligen Gutscheine bezahlen.  Diese hatten also die Funktion des Geldes. Die Arbeitsanbieter – andere Genossenschaftsmitglieder – hatten einen Anreiz, solche Gutscheine zu verdienen, um selber Kaufkraft zu erlangen, um sich das Genossenschaftsgut Babysitting leisten zu können.
  • Wer viel konsumiert (wer viel ausgeht), dem geht mit der Zeit das  Geld (Gutscheine) aus. Um wieder Kaufkraft (die Möglichkeit des Ausgehens) zu erlangen, muss man erst dafür arbeiten (babysitten). Der über die Gutscheine vermittelte Tausch zwischen Arbeit und Gütern entspricht in einer simplen Form dem Kreislauf jeder Wirtschaft, wo alle Anbieter von Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital und Ressourcen) mit den Erlösen daraus letztlich die Nachfrager nach den Produkten sind, die mit diesen Faktoren erzeugt werden.
  • Nun ist es in dieser Babysitting-Genossenschaft geschehen, dass die Zirkulation an solchen Gutscheinen durch die Art der Administration des Systems verknappt wurde. Wichtig für den Zusammenhang und «ökonomisch» gesagt ist hier nur von Bedeutung, dass eine Verknappung der umlaufenden Geldmenge stattgefunden hat.
  • Diese Verknappung hatte dramatische Konsquenzen: Die Paare wollten zwar nach wie vor gerne in den Ausgang gehen, doch durch die Verknappung der Gutscheine waren diese den Genossenschaftern nun mehr wert und sie gaben sie weniger gerne aus, um sich nicht um künftige Ausgeh-Gelegenheiten zu bringen. Die anfängliche Verknappung verschärfte sich weiter. Ins «Ökonomische» übersetzt führte die Geldverknappung zu einem steigenden Geldwert (einer Deflation), weshalb die Genossenschafter das Geld horteten.
  • Für die ganze Genossenschaft entpuppte sich dieses Verhalten als Katastrophe. Kaum jemand hat mehr Arbeit (Babysitting) nachgefragt, obwohl das Bedürfnis ohne Kinder auszugehen nach wie vor gegeben war. Übersetzt war das Resultat eine unfreiwillige Arbeitslosigkeit und eine Produktion unter dem Potenzial (Output-Gap) der Genossenschaft und damit eine Rezession.
  • Die Lehrbuch-Lösung eines solchen Problems liegt darin, dass wieder genügend Gutscheine geschaffen werden. Damit verlieren die gehorteten Gutscheine an Wert, so dass sie wieder ausgegeben werden und das Babysitting wieder nachgefragt wird. Übersetzt: Die Zentralbank erhöht die Geldmenge (gleichbedeutend: senkt die Leitzinsen), was die Deflation behebt oder sogar zu einer leichten Inflation führt. Unter diesen Umständen macht es keinen Sinn mehr, Geld zu horten. Es wird wieder zum Konsum verwendet, was die Nachfrage nach Arbeit erhöht, die Arbeitslosigkeit senkt und ebenso den Output-Gap beseitigt.

Tatsächlich war das Drucken von Geld (Gutscheinen) aber nicht die Lösung, die die Genossenschaft anfänglich in ihrer «Rezession» angestrebt hat. Zuerst haben die Mitglieder sich selbst schlicht einen vermehrten Ausgang ohne Kinder vorgeschrieben – eine für Krugman typische Lösung von Anwälten. Erst nachdem das gescheitert ist, haben sie «Geldpolitik» betrieben und allen Genossenschaftern zusätzliche Gutscheine ausgehändigt.

Doch damit haben sie es übertrieben und ein neues Problem trat ein: Nun waren die Gutscheine den Genossenschaftern zwar wie erwünscht weniger wert und sie gaben diese vermehrt für Babysitting aus. Doch nun überstieg die Nachfrage nach Babysitting die Bereitschaft der Genossenschafter zu dieser Dienstleistung. Übersetzt setzte eine Inflation ein, die (Gesamt-)Nachfrage der Genossenschaft stieg über das Produktionspotenzial der Genossenschaft hinaus und die Arbeitsmärkte waren überhitzt.

Bisher zeigt die Geschichte praktisch einen Konjunkturkreislauf – mit der Bewegung von einer Rezession zur Hochkonjunktur – immer vermittelt durch die Verfügbarkeit an Geld.

Der eingangs erwähnte Blogbeitrag von «Free Exchange» legt nun den Finger darauf, dass das Problem der Genossenschaft weniger in technischen Details wie der Geldversorgung, als im Grundvertrauen der Genossenschafter gelegen habe. Zum Beispiel sei es die anfängliche Angst gewesen, keine Gutscheine mehr verdienen zu können, die dafür verantwortlich war, dass am Ende die Nachfrage nach Babysitting tatächlich einbrach und keine Gutscheine mehr zu verdienen waren.

Tatsächlich liegt auch in einer Liquiditätsfalle das Problem darin, dass die simple Lehrbuchlösung mittels einer Erhöhung der Geldmenge schlicht nicht funktioniert. Ein Grund dafür ist, dass zusätzliches Geld angesichts von hohen Schulden und Zukunftssorgen noch eher gehortet, als ausgegeben wird. Die einzige Möglichkeit, die der Geldpolitik theoretisch bliebe, besteht darin, die Erwartung einer Geldentwertung zu schüren. Wenn dies aber allgemein mit einem Akt des Teufels gleichgesetzt wird, kann das nicht gelingen. Wenn aber die Geldpolitik nicht mehr greift, dann muss  die Regierung mit einer vernünftigen Ausgabenpolitik wieder für die nötige Nachfrage sorgen. Vernünftig sind zum Beispiel Ausgaben durch eine Neuverschuldung in der Krise für langfristig benötigte Infrastrukturanlagen, während gleichzeitig Sparpläne für wieder bessere Zeiten vorbereitet werden.

Doch in Europa und in den USA verweigert sich die Politik gleich beidem: sowohl einer Geldpolitik wie auch einer Fiskalpolitik, die aus der wirtschaftlichen Misere führen würde.