
Noch ist das Ende der Bilanzrezession in den USA nicht gekommen: Linda Watson singt in Bayreuth die Brünnhilde, 13. Juli 2006. (Keystone/Eckehard Schulz)
It ain’t over until the fat lady sings.
Das amerikanische Sprichwort – in Anlehnung an die Arie der Brünnhilde in Wagners Götterdämmerung – gilt auch für den grossen, alles beeinflussenden Trend des Deleveraging (Schuldenabbau), der Volkswirtschaften wie die USA seit Jahren dominiert.
Um was geht es:
Länder wie die USA, Grossbritannien, Irland und Spanien haben in ihren Boomjahren der vergangenen Dekade – die in allen Fällen mit einer Immobilienblase einher ging – einen massiven Schuldenaufbau in ihrem Privatsektor (Haushalte und Unternehmen) erlebt. Als die Blase um 2007 platzte, begann das Pendel in die andere Richtung zu schwingen, und das sogenannte Deleveraging setzte ein, eine lange, zähe Phase des Schuldenabbaus im Privatsektor.
Seither beschäftigt eigentlich nur eine Frage: Ist das Deleveraging bald vorbei?
Die kurze Antwort: leider nein.
Beginnen wir mit einem Exkurs zum Thema Bilanzrezession. Wir haben das Thema in diesem Blog schon mehrmals behandelt, viele Leserinnen und Leser dürften mit dem Begriff Bilanzrezession vertraut sein. Daher an dieser Stelle nur das Wichtigste:
In einer Bilanzrezession (der Begriff wurde von Richard Koo geprägt, dem Leiter des Nomura Research Institute in Tokio) sind die privaten Wirtschaftssubjekte damit beschäftigt, ihre eigene, überschuldete Bilanz zu sanieren. Haushalte und Unternehmen bezahlen Schulden zurück. Um dies tun zu können, müssen sie aber ihre Konsum- oder Investitionsausgaben kürzen, um Mittel für die Schuldenrückzahlung freizusetzen. Was für jeden Einzelnen durchaus sinnvoll erscheinen mag, wird für die Volkswirtschaft zu einem Problem: Wenn ein grosser Teil der Haushalte und Unternehmen gleichzeitig spart, sackt die aggregierte Nachfrage in der Wirtschaft zusammen, und das Land fällt in eine Bilanzrezession. Eine expansive Geldpolitik der Zentralbank nützt in diesem Zustand wenig, weil von Seiten des Privatsektors gar kein Bedarf an neuen Krediten besteht. Rekordniedrige Zinsen können die Haushalte und Unternehmen nicht zur Aufnahme neuer Schulden bewegen, wenn diese damit beschäftigt sind, ihre Bilanz zu entschulden.
Das ist die berüchtigte Liquiditätsfalle für die Notenbank. Ihre expansive Geldpolitik kommt in der realen Wirtschaft gar nicht an. Das Problem liegt dabei oft nicht bei den Banken, die keine Kredite vergeben, sondern bei den Unternehmen und Haushalten, die gar keine neuen Schulden aufnehmen wollen. Wenn in dieser Situation auch noch der Staat den Versuch unternimmt, seine Bilanz zu sanieren, indem er Ausgaben kürzt und Steuern erhöht, sackt das Land in eine Depression ab. Japan als das erschütterndste Beispiel steckt seit gut zwanzig Jahren in dieser Falle.
Nun, wie steht es heute um die privaten Bilanzen in den USA, Spanien und Japan? Richard Koo hat die drei Länder unter die Lupe genommen und kommt zum Schluss, dass die Bilanzrezession in allen drei Ländern noch nicht vorbei ist.
Die folgende Grafik gibt einen Einblick in die Bilanzen der US-Privathaushalte (Quelle: Nomura):

Die weissen Balken zeigen die Veränderung im Bestand der Finanzanlagen der Haushalte (saisonal adjustiert, in Prozent des BIP). Darunter fallen beispielsweise Spardepositen oder auch Aktienanlagen. Steht der weisse Balken im positiven Bereich, bedeutet das, dass die Haushalte den Bestand ihres Finanzvermögens im fraglichen Quartal erhöht haben. Die rosa Balken zeigen die Veränderung der Finanzverbindlichkeiten, also beispielsweise Konsum- oder Hypothekarkredite. Hier hat Koo die Skala invers dargestellt; das heisst, wenn der rosa Balken im negativen Bereich steht, haben die Haushalte ihre Schulden erhöht, und wenn der rosa Balken im positiven Bereich steht, haben sie ihre Schulden abgebaut.
Die blaue Kurve schliesslich zeigt die Summe der beiden Balken: Sind im fraglichen Quartal die Schulden rascher gestiegen als die Finanzvermögen, liegt die blaue Kurve im negativen Bereich. Sind dagegen die Finanzvermögen schneller gestiegen als die Schulden, liegt die blaue Kurve im positiven Bereich.
Die Grafik zeigt eindrücklich, wie die US-Haushalte in den Jahren 2000 bis 2007 ihre Schulden laufend erhöht haben. Ab 2007 schwang das Pendel um, und seither haben die Haushalte nahezu in jedem Quartal Schulden abgebaut (die rosa Balken stehen im positiven Bereich der Grafik). Rekordniedrige Zinsen der US-Notenbank konnten daran nichts ausrichten. Noch ist kein Signal zu sehen, dass die US-Haushalte wieder begonnen hätten, vom Schuldenabbau- in den Schuldenaufbau-Modus zu schwenken. Im dritten Quartal 2012 (ganz rechts in der Grafik) haben die Haushalte ihre Finanzanlagen abgebaut, was in den letzten zwölf Jahren nahezu nie vorgekommen ist.
Was die US-Haushalte betrifft, ist das Verdikt von Koo also klar: Die Bilanzrezession dauert an.
Im Folgenden das Bilanzbild der US-Unternehmen (Quelle: Nomura):

Die Grafik zeigt zunächst, dass sich die US-Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt vernünftig verhalten haben: Der Aufbau in der Aktiv- und der Passivseite ihrer Bilanz hielt sich in etwa die Waage. Mit der Finanzkrise und Rezession Ende 2008 schwenkten auch die Unternehmen in den Schuldenabbau-Modus um und verbrachten das ganze Jahr 2009 damit, Schulden abzubauen (rosa Balken im positiven Bereich). Seit 2010 steigen ihre Schulden zwar wieder, aber ihr Finanzvermögen wächst noch stärker (blaue Kurve im positiven Bereich). Dieses Bild unterstreicht eindrücklich, dass die Unternehmen ihre Cash-Reserven aufbauen und zögern, in neue Projekte zu investieren. Auch hier: Rekordniedrige Zinsen der Notenbank haben nicht dazu geführt, dass die Unternehmen im grossen Stil neue Kredite aufnehmen und ihren erwirtschafteten Cash-flow einsetzen, um zu investieren.
Als nächstes das Bild der privaten Haushalte in Spanien (Quelle: Nomura):

Die Grafik zeigt schön, wie die Spanier während des Immobilienbooms zwischen 2000 und 2007 enorme Schulden anhäuften (das war Teil des «Dirty Little Secret» der Eurozone – hier mehr dazu). Seit 2008 bauen sie heftig Schulden ab (rosa Balken).
Und hier die Bilanzen der Unternehmen in Spanien (Quelle: Nomura):

Der Schuldenaufbau in den Boomjahren war noch extremer (vor allem unter den Baukonzernen und Immobilienentwicklern), und seit 2008 ist auch der spanische Unternehmenssektor damit beschäftigt, seine Bilanzen zu sanieren.
In Spanien ist die Bilanzrezession also nach wie vor besonders schlimm, da im Gegensatz zu den USA sowohl die Haushalte wie auch die Unternehmen immer noch Schulden abbauen. Spart jetzt auch noch der Staat, wird Spanien immer wieder in die Rezession zurücksacken. Das ist übrigens momentan genau in Grossbritannien der Fall; die dortige Volkswirtschaft vollführt gegenwärtig einen «Triple Dip», wie mein Redaktionskollege Clifford Padevit in diesem Artikel schreibt.
Hier der Vollständigkeit halber noch die das Bild der Bilanzen der Haushalte in Japan (Quelle: Nomura):

Und hier die japanischen Unternehmen (Quelle: Nomura):

Beide Grafiken zeigen, dass der Privatsektor in Japan immer noch mit sich selbst beschäftigt ist, Schulden ab- und Finanzvermögen aufbaut (zu sehen an der Tatsache, dass die blaue Kurve fast immer im positiven Bereich verharrt). Auch die Nullzinspolitik der Bank of Japan hat daran bislang noch nichts geändert.
Was den Stand der Bilanzrezession in den USA, Spanien und Japan betrifft, ist die Konklusion also klar: Es ist nicht vorbei, die Brünnhilde hat noch nicht gesungen. Und solange das so ist, besteht keine Gefahr eines «Crowding Out», wenn der Staat Schulden aufnimmt, um sein Defizit zu finanzieren. In der Privatwirtschaft besteht viel zu wenig Nachfrage nach neuen Krediten.
And now for something completely different:
An den weltweiten Aktienmärkten findet derzeit möglicherweise die erste Phase einer spannenden Bewegung statt. Die Rede ist von der «Great Rotation» der aufgestauten Anlagegelder aus den Cash- und Bondmärkten zurück in die Aktienmärkte. Wen’s interessiert: Hier mehr dazu im Momentum-Blog der FuW.