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Artikel-Schlagworte: „Export“

Wovon die Schweiz wirklich lebt

Tobias Straumann am Mittwoch den 29. Februar 2012
    Die chemische Industrie schlägt alle anderen Industriezweige bezüglich Exporte: Eine Mitarbeiterin des Biochemieunternehmens Bachem in Bubendorf (BL). (Bild: Keystone)

Die chemische Industrie schlägt alle anderen Industriezweige bezüglich Exporte: Produktionsanlage im Biochemieunternehmen Bachem in Bubendorf (BL). (Bild: Keystone)

Die schweizerische Exportindustrie kämpft mit bewundernswertem Einsatz gegen die Frankenstärke. Zur Erinnerung: Die reale Aufwertung von Mai 2010 bis August 2011 betrug nicht weniger als 25 Prozent. Man muss in der Geschichte des Schweizer Frankens mehr als 30 Jahre zurückgehen, um einen vergleichbaren Wechselkursschock zu finden.

Die neuen Exportdaten machen aber auch klar, dass die Branchen sehr unterschiedlich abschneiden. Wie die Grafiken aus der neusten Ausgabe der «Volkswirtschaft» (Monatsbulletin des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements) zeigen, lassen sich die grossen Exportbranchen in zwei Gruppen einteilen:

  1. Die erfolgreiche Gruppe besteht aus den Branchen Chemikalien und verwandte Erzeugnisse und Präzisionsinstrumente, Uhren und Bijouterie. Ihre Exportwerte sind heute höher als unmittelbar vor dem Beginn der Krise (4. Quartal 2008).
  2. Die zweite Gruppe hat das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht. Sie besteht aus den Branchen Maschinen, Apparate, Elektronik und Metalle (MEM). (Die Branche Leder, Kautschuk, Kunststoffe, die nur rund 2 Prozent aller Schweizer Exporte ausmacht, lassen wir einstweilen weg.)

Weil die beiden erfolgreichen Branchen Chemie/Pharma und Uhren 55 Prozent aller Exporte ausmachen, ist auch das Gesamtbild recht positiv. Die Branche Maschinen, Apparate und Elektronik ist gleich stark wie die Uhrenindustrie (18 Prozent). Alle anderen Branchen tragen weniger als 10 Prozent zum Gesamtexport bei.

Damit verstärkt die aktuelle Frankenstärke einen Trend, der seit den 1980er Jahren im Gang ist. Die Chemie- und die Uhrenindustrie werden immer wichtiger für den Gesamtexport, während die einst dominierende Maschinen- und Metallindustrie an Bedeutung verliert. Besonders frappant ist die Zunahme der Chemieexporte.

Das bedeutet auch, dass sich die grossen Exportzentren regional immer stärker auf Basel und den Jurasüdfuss konzentrieren. Noch vor dreissig Jahren war dies anders: Es gab sehr viele Regionen, die vom Export lebten. Die MEM-Branchen waren regelmässiger über das Land verteilt als die Pharma- und die Uhrenindustrie.

Ist diese Konzentration unvermeidlich? Vergleicht man die Exportindustrie mit dem Finanzplatz, so scheint es tatsächlich eine Art Gesetz zu geben. Die Finanzplätze Basel und Genf haben gegenüber Zürich stark an Bedeutung verloren. Nicht nur die Grossbanken, sondern auch die Versicherungen konzentrieren sich in der Limmatstadt. Die Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung führt im Inneren der Staaten zu einer starken regionalen Konzentration.

Und vor allem: Der alte Spruch, wonach die Schweiz vom Export von Uhren, Käse und Schokolade lebt, ist nicht mehr ganz aktuell. Die Schweizer Uhren findet man immer noch überall auf der Welt, aber die schweizerische Exportindustrie lebt heute hauptsächlich von «Chemikalien und verwandten Erzeugnissen». Wie man daraus einen knackigen Werbespot für die Schweiz entwickeln kann, ist vielleicht etwas schwieriger, aber die grenzenlose Phantasie unserer Werbewirtschaft wird mit Sicherheit auch hier einen Weg finden.

Schweizer Wirtschaft: Trübe Aussichten

Tobias Straumann am Donnerstag den 17. November 2011
Die sinkenden Exporte sind nur ein Teil des Problems: Basler Rheinhafen.

Die sinkenden Exporte sind nur ein Teil des Problems: Container-Schiff am Basler Rheinhafen.

Die Euro-Krise erreicht täglich eine neue Eskalationsstufe. Am Mittwoch hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit Milliarden-Käufen versucht, die Kurse der europäischen Staatsanleihen zu heben. Es gelang ihr nicht: Am Mittwochabend waren die Kurse wieder auf das selbe Niveau gesunken. Oder umgekehrt formuliert: Die Rendite der italienischen Staatsanleihen blieben bei 7 Prozent, diejenige der französischen Staatsanleihen bei 3,7 Prozent. Diese Zinssätze sind viel zu hoch. So kann es nicht lange weitergehen.

Für Unruhe gesorgt hat ferner die Weigerung der amerikanischen Banken, Informationen über ihre Positionen in der Eurozone zu geben. Daraufhin hat die Ratingagentur Fitch eine Schätzung veröffentlicht, worauf die US-Börsen sofort getaucht sind. Vor allem eine Zahl hat Konsternation augelöst: Die US-Banken haben bei den französischen Banken eine Gläubigerposition von $ 114 Mia. , und die französischen Banken sind ja bekanntlich sehr geschwächt. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass sich eine weitere Eskalation der Euro-Krise direkt auf das amerikanische Bankensystem überträgt.

Doch so wichtig es ist, die Euro-Krise zu verfolgen, sollte nicht vergessen werden, dass auch in der Schweiz die Aussichten zunehmend trüber werden. Die Probleme der Exporteure haben sich massiv verschärft – trotz erfolgreicher Untergrenze von 1.20 pro Euro. Bald werden wir von grösseren Entlassungswellen hören, weil nun auch die Auslandnachfrage einzubrechen beginnt. Es besteht kein Zweifel, dass die Aufwertung des Frankens ruinöse Wirkungen hat. Man braucht nur die Entwicklung des realen Wechselkurses seit den frühen 1990er Jahren zu betrachten, um zu verstehen, warum die Exporteure unter Druck geraten sind. Die Aufwertung seit 2010 ist aussergewöhnlich (Quelle: SNB, Quartalsbericht 3/2011).

Aber es sind nicht nur die einbrechenden Exporte, die das Wachstum hemmen. Auch die Überhitzungstendenzen im Immobiliensektor sind besorgniserregend. Man kann jetzt lange diskutieren, ob es sich um eine Blase oder einen normalen Boom handelt, der durch die Fundamentaldaten (u. a. Einwanderung) gestützt ist. Das Argument, es handle sich nur um ein regionales Phänomen, zieht jedoch ganz sicher nicht, denn Immobilienblasen sind immer regional. Die Tatsache, dass die Bodenpreise in Visp oder Pontarlier weniger schnell steigen als in der Region Zürich und im Genferseegebiet, ist nicht relevant.

Meine Befürchtung für die schweizerische Konjunktur ist, dass folgender Domino-Effekt eintritt:

Die Exporte brechen ein, die Arbeitslosigkeit steigt, der Konsum geht zurück, die Binnenwirtschaft lahmt, die Einwanderung geht zurück, die Immobilienpreise sinken, viele Hypothekarschuldner werden zahlungsunfähig, die Bauwirtschaft gerät in eine Krise, die Arbeitslosigkeit steigt weiter, der Konsum geht weiter zurück – und so weiter und so fort. Anders gesagt: Es könnte eine Stagnation wie in den frühen 1990er Jahren eintreten, wenn die Währung stark bleibt und eine Immobilienkrise ausbricht. Von 1991 bis 1996 hatten wir praktisch kein Wachstum, es herrschte eine depressive Stimmung in der Schweiz.

All das muss nicht passieren. Es gibt auch das Szenario, dass der Franken schwächer wird, sobald sich in der Schweiz rezessive Tendenzen zeigen. Kann sein, aber ich würde mich nicht darauf verlassen.