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Never Mind the Markets

Artikel-Schlagworte: „Eurokrise“

Jetzt hat’s auch Nordeuropa erwischt

Tobias Straumann am Montag den 13. Mai 2013
Finanzminister und Zentralbankpräsidenten posieren für ein Gruppenfoto am jährlichen Treffen des Internationalen Währungsfonds in Washington.

Finanzminister und Zentralbankpräsidenten posieren für ein Gruppenfoto am jährlichen Treffen des Internationalen Währungsfonds in Washington. (Foto: Reuters)

Es ist nicht allzu lange her, da erklärte der französische Präsident François Hollande, dass die Eurokrise «hinter uns» liege. Auch die österreichische Finanzministerin Maria Fekter war der festen Meinung, die Euro-Schuldenkrise sei «weitgehend vorbei»: «Im Hinblick auf die Schuldensituation der einzelnen Staaten ist Europa über dem Berg.»

Wenn man solche Statements liest, fragt man sich einmal mehr, in welcher Welt die europäischen Staatschefs und Finanzministerinnen eigentlich leben. Mit der Wirklichkeit haben solche Aussagen jedenfalls nichts zu tun. Sie sind allenfalls Futter für Satiriker. In Frankreich kursieren bereits mehrere Videos, die sich über die Behauptung des Staatspräsidenten lustig machen, zum Beispiel dieses hier.

Denn: Welchen Indikator man auch nimmt, die Botschaft ist stets dieselbe: Es geht immer weiter abwärts. Das Wachstum stottert, die Arbeitslosigkeit wächst, die Staatsschulden steigen, und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Europäische Union erreicht immer neue Tiefstwerte. Sogar die EU-Kommission, die für ihre allzu optimistischen Wachstumsprognosen bekannt ist, hat ihre Erwartungen kürzlich nach unten korrigiert.

Besonders beunruhigend ist, dass die Krise nun auch Nordeuropa voll erwischt hat. Die Niederlande befinden sich seit längerer Zeit in einer Rezession, Frankreich ist eben in eine Rezession geschlittert, Finnlands Wirtschaftswachstum hat sich bei Null eingependelt, und in Deutschland und Österreich ist die Wachstumsrate unter die Marke von einem Prozent gefallen. Gleichzeitig bleibt der Euro eine starke Währung gegenüber Dollar, Pfund und Yen, was die Nachfrage nach den Exporten der Eurozone dämpft. Wohin man auch schaut, es ist kein Wachstumsimpuls sichtbar.

Man kann die Lage auch anders zusammenfassen: Zur Zeit befinden sich von den fünf grössten Volkswirtschaften vier in einer Rezession, nämlich Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande. Von den Problemen der “lateinischen” Länder hört man viel, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie das Vorurteil von den bequemen katholischen Ländern bestätigen. Das Beispiel der Niederlande zeigt aber, dass weder die Konfession noch die geographische Lage viel über die konjunkturelle Lage eines Landes aussagt. Denn bei den Niederlanden kann man beim besten Willen nicht behaupten, das Land habe seine strukturpolitischen Hausaufgaben vernachlässigt. Auch die Geschichte mit den hohen Löhnen passt nicht. Die niederländischen Lohnstückkonsten sind nur unwesentlich gegenüber den deutschen gestiegen, und die Leistungsbilanz befindet sich seit langer Zeit im positiven Bereich.

Das Problem ist einmal mehr der Zuwachs der privaten Verschuldung vor der Finanzkrise – wie in Irland und Spanien. Während der Boomjahre 2003-07 waren die Zinsen für die niederländische Wirtschaft eindeutig zu niedrig, was einen Konsum- und Immobilienboom in Gang setzte. Heute gehören die privaten Haushalte der Niederlande zu den am meisten verschuldeten in Europa, wie die Grafik von Morgan Stanley Research zeigt. Der Aufschwung der Niederlande wird deshalb lange auf sich warten lassen, und damit dürfte auch die politische Unterstützung für eine solidarische Währungsunion weiter schwinden.

Die Euro-Krise ist keineswegs vorbei, sondern nur in ein neues Stadium getreten. Während in der ersten Phase volatile Finanzmärkte für Turbulenzen gesorgt haben, sind es jetzt negative Rückkoppelungseffekte, die auf das Wachstum drücken und die Währungsunion strapazieren. Weil es sich in der zweiten Phase nicht um spektakuläre Ereignisse handelt, ist die Medienberichterstattung zurückhaltender geworden. Diese Zurückhaltung als Zeichen eines nahen Krisenendes zu deuten entspringt reinem Wunschdenken.

Die Impotenz der EZB

Markus Diem Meier am Mittwoch den 8. Mai 2013
Mario Draghi

Nach jeder Zinsentscheidung wirkt EZB-Präsident Draghi verzweifelter: Mario Draghi an einer Pressekonferenz in Frankfurt, 6. Dezember 2012. (Keystone/Boris Rössler)

Die Europäische Zentralbank hat ihre Zinsen gesenkt und will noch weiter gehen. Das ändert nichts daran, dass sie bei ihrem grössten Problem ziemlich hilflos ist.

Geldpolitik, wie sie einführende Lehrbücher beschreiben, ist nicht schwer zu verstehen. Ist eine Wirtschaft in der Krise, senkt die Notenbank die Leitzinsen. Das bedeutet, dass die Banken das Geld billiger erhalten und entsprechend ihrerseits die Kredite günstiger vergeben können. Billigere Krediten führen zu mehr Investitionen der Unternehmen und Private bauen mehr oder kaufen gegen günstigere Hypotheken mehr Immobilien. Ausserdem sinkt mit dem Zinsniveau der Wert der Währung, was den Exporten Schub verleiht. Weiter sorgt ein tieferes Zinsniveau für steigende Kurse von Aktien und anderen Anlagen, denn deren Rendite wird nach einer Zinssenkung vergleichsweise attraktiver. Kurz: Wenn eine Notenbank den Leitzins senkt, gibt das der ganzen Wirtschaft Schub. Das nennt man den «Transmissionsmechanismus» der Geldpolitik.

Leider funktioniert dieser einfache Mechanismus seit der Krise nicht mehr lehrbuchmässig. Über einige Gründe dafür wie die Liquiditätsfalle (weil die Leitzinsen schon bei Null Prozent liegen) oder die «Balance Sheet Recession» (weil das «Deleveraging», das heisst der Schuldenabbau und der Aufbau eines Liquiditätspolster alles dominiert) haben wir hier schon viel geschrieben (zum Beispiel hier, hier, hier oder hier). Die Europäische Zentralbank hat noch ein weiteres Problem: Sie hat nur einen Leitzins, der angesichts der sehr unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Mitgliedsländer nie für alle Länder und zuweilen sogar für kein einziges Land passt.

Letzteres ist allerdings nicht ein Problem, das die EZB nur in der Krise hat. Dass die Zinsen zu Beginn des neuen Jahrtausend für Deutschland zu hoch und für die Peripherieländer zu tief waren, ist sogar eine wichtige Ursache für die aktuellen Probleme der Eurozone – hier mehr dazu.

Jetzt aber hat sich das Problem noch deutlich verschärft: Immerhin hat vor der Krise eine Veränderung des Leitzinses zu einer gleichgerichteten Veränderung des Zinsniveaus in den Ländern geführt: Hat die EZB den Leitzins gesenkt, ist das Zinsniveau immerhin überall zurückgegangen und umgekehrt. Jetzt funktioniert das auch nicht mehr: Seit 2005 hat die EZB ihren Leitzins auf weniger als einen Drittel des damaligen Niveaus gesenkt. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Spanien oder Italien bezahlen heute aber höhere Zinssätze für Kredite als damals – laut «Economist» mehr als 6 Prozent. In Deutschland bezahlen ähnliche Unternehmen dagegen nur rund 3,5 Prozent und sie bewegen sich dort im Einklang mit den Leitzinsen.

Wie stark sich die Kreditzinsen in der Eurozone für KMU auseinander entwickelt haben, zeigt die folgende Grafik aus dem jüngsten «Global Financial Stability Report» (GFSR) des Internationalen Währungsfonds (IWF). Programm-Länder sind jene, die bei Veröffentlichung des Berichts bereits am Tropf eines EU-Rettungspakets hingen: Griechenland, Portugal und Irland:

Diese Entwicklung ist aus drei Gründen äusserst dramatisch:

  • Der Anteil der KMU an der Beschäftigung in den Peripherieländern ist noch grösser als anderswo. Laut «Economist» liegt er in Spanien bei 67 Prozent und in Italien sogar bei 80 Prozent. In den USA liegt er nur bei rund der Hälfte, in Frankreich bei 60 Prozent.
  • KMU sind besonders auf Bankenkredite angewiesen. Der Kapitalmarkt und damit auch eine internationale Finanzierung steht ihnen nicht offen.
  • Die hohen Sätze verteuern nicht nur neue Kredite für Investitionen in den krisengeplagten Ländern. Die Unternehmen sind zudem ohnehin schon hoch verschuldet. Der «Economist» hat berechnet, dass die italienischen Unternehmen auf Schulden im Umfang von rund 855 Milliarden Euro sitzen. Zinsen von mehr als 6 Prozent führen zu einer jährlichen Zinslast von mehr als 50 Milliarden Euro. Hätten die Unternehmen nur schon das Zinsniveau Frankreichs, würden sich diese jährlichen Kosten mehr als halbieren.

Die Kreditvergabe in den Peripherieländern schrumpft daher seit Jahren, wie die folgende Grafik ebenfalls aus dem GFSR des IWF zeigt:

Nun könnte man argumentieren, der Einbruch der Kredite sei nicht bloss die Folge von teureren Krediten. Angesichts der depressiven Wirtschaftslage mit rekordhohen Arbeitslosenraten in den Peripherieländern ist der Bedarf nach Investitionen auch unabhängig vom Zinsniveau gering. Die folgende Grafik – ebenfalls aus dem GFSR des IWF – zeigt, dass eine solche Trennung zwischen Nachfrage- und Angebotsursachen der geringen Kreditversorgung wenig Sinn macht:

In aller Kürze: Das Angebot der Banken an Krediten nimmt ab, weil die schlechte Wirtschaftslage die Bilanzen der Banken verschlechtert (Kredite werden nicht zurückbezahlt und weitere Anlagen verlieren an Wert). Das Risiko für die Vergabe von neuen Krediten steigt, weshalb solche weniger und zu deutlich höheren Zinssätzen vergeben werden. Die Nachfrage der Unternehmen nach Krediten nimmt ab, weil die Unternehmen Schulden abbauen müssen, weil die Kredite zu teuer sind und weil die Wirtschaftslage und damit die Absatzchancen so schlecht sind. Die Folge sind weniger Kredite und Investitionen. Das ist aber wiederum die Ursache einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftslage, was von der Angebots- wie von der Nachfrageseite zu noch geringeren Krediten und Investitionen führt.

Mit dem so genannten OMT-Programm (der blossen Ankündigung, im Notfall entschieden gegen überhöhte Zinsen bzw. Renditen von Staatsanleihen gefährdeter Ländern vorzugehen) hat die EZB den Teufelskreis bei den Zinskosten für gefährdete Länder gebrochen. Den Teufelskreis mit den Kreditkosten für KMU in den Peripherländern aber bekommt die Notenbank bisher nicht in den Griff und er ist potenziell für die Eurozone ebenso gefährlich wie derjenige bei den Staatsanleihen. Das ist man sich bei der EZB sehr wohl bewusst. Nach jeder Zinsentscheidung weist Präsident Mario Draghi in seiner Pressekonferenz darauf hin und jedesmal wirkt er etwas hilfloser ob der Impotenz seiner Institution. Tatsächlich war denn auch der Zinsentscheid von letzter Woche nicht die einzige und wichtigste Neuerung in der Politik der EZB. Mit folgenden drei weiteren Massnahmen will sie gegen die Kreditklemme vorgehen:

  • Erstens will die EZB die Banken im Rahmen ihrer dominierenden Refinanzierungs-Operationen («Main Refinance Operations») mindestens bis zum Sommer 2014 unbeschränkt mit Geld zum fix vorgegebenen auf 0,5 Prozent gesenkten Leitzins (dem Hauptrefinanzierungssatz) versorgen. Normalerweise gibt die Notenbank sonst auch eine Mengenbeschränkung («Mengentender») vor oder lässt die Banken mit Zinsaufschlägen («Zinstender») für das ausgeliehene Notenbankgeld bieten. Laut EZB-Chef Mario Draghi stehen die zwei Massnahmen Zinssenkung und unbeschränkte Zuteilung in einem engen Zusammenhang:

«The combination of the two measures is important by itself. It ensures the smooth transmission of our monetary policy to money markets. The fixed rate full allotment policy will represent liquidity insurance for the banking system… In other words, this is a measure that benefits all kinds of banks…»

Alle Arten von Banken sollen von der weiter ausgebauten, verbilligten und vereinfachten Kreditvergabe profitieren können. So sollte die Angst verfliegen, dass einzelne Banken (in der Peripherie) allein wegen fehlender Liquidität gefährdet werden könnten. Allerdings scheint Draghi selbst nicht wirklich an die Wirksamkeit einer ausgebauten Liquiditätsversorgen zu glauben. Denn er machte auch klar, dass die Banken eigentlich jetzt schon problemlos zu Notenbankgeld kommen könnten:

«So, frankly, fears over a lack of funding cannot be used as an excuse for not lending.»

  • Zweitens will die EZB prüfen, ob Kredite an KMU in so genannte «Asset Backed Securities» (ABS) verbrieft werden und so direkt an den Kapitalmärkten gehandelt werden können. Hier ist aber noch nichts beschlossen. Gut möglich, dass der Plan wieder fallengelassen wird. Immerhin haben verbriefte Kredite seit der Finanzkrise einen sehr schlechten Ruf. Das bestätigt auch Mario Draghi, der zu diesen Plänen entsprechend unverbindlich blieb:

«ABS have a very bad name, but one should say that there were very different kinds of ABSs…we are far from reaching any conclusion. We are looking at all possible options, we are aware of the importance of this and we are also aware of what we can do and what we cannot do.»

  • Drittens könnte die EZB die Zinssätze für Notenbankeinlagen von Banken («Deposit Facility») im Minusbereich ansetzen. Momentan liegt dieser Satz bei 0 Prozent. Das käme einer Besteuerung der Einlagen gleich und hätte zum Zweck, dass die Banken ihr Geld eher an Unternehmen als Kredite weitergeben, statt es bei der Notenbank zu lagern. Draghi lässt sich auch hier alle Optionen offen:

«On the deposit facility rate, we said it in the past: we are technically ready. There are several unintended consequences that may stem from this measure. We will address and cope with these consequences if we decide to act. We will look at this with an open mind and we stand ready to act if needed.»

Kurz: Der EZB fehlen bisher schlicht die Instrumente, um der Kreditklemme in den Peripherieländern wirksam genug entgegenzutreten. Fast schon verzweifelt gibt Mario Draghi denn auch einmal mehr den Ball an die Politik weiter, mit der Bankenunion endlich vorwärts zu machen. So lange das Bankenrisiko, die Bankenaufsicht und die Bankenabwicklung in den Mitgliedsländern mit ihren stark unterschiedlichen Möglichkeiten im Umgang mit Problemen in diesen Bereichen bleiben, kann die Geldpolitik der EZB im Krisenfall die Kreditversorgung nicht überall gleich beeinflussen.

Auch hier bestätigt es sich wieder: Die EZB ist zwar die mächtigste wirtschaftliche Institution der Eurozone. Aber angesichts der Erfordernisse der Währungsunion kann sie allein viel zu wenig ausrichten.

Weshalb Austerität nicht funktioniert

Mark Dittli am Freitag den 26. April 2013
«Die beste Definition für Irrsinn ist, das Gleiche wieder und wieder zu tun und sich daraus unterschiedliche Resultate zu erhoffen»: Albert Einstein. (Keystone/Archivbild)

«Die beste Definition für Irrsinn ist, das Gleiche wieder und wieder zu tun und sich daraus unterschiedliche Resultate zu erhoffen»: Albert Einstein. (Keystone/Archivbild)

Einstein soll einst gesagt haben, die beste Definition für Irrsinn sei, das Gleiche wieder und wieder zu tun und sich daraus unterschiedliche Resultate zu erhoffen.

Gemäss dieser Definition sind Politiker und Ökonomen irrsinnig, wenn sie heute fordern, die von anämischem Wachstum und hohen Schulden geplagten Staaten müssten mit der Umsetzung harter Austeritätsmassnahmen wieder auf die Beine kommen. Wieso das? Weil es kein Beispiel in der Geschichte gibt, in der mehrere gewichtige Länder gleichzeitig dank Austeritätspolitik – also Kürzungen von Staatsausgaben, um das Haushaltsbudget zu konsolidieren und Staatsschulden abzutragen – gesundet sind. Versucht wurde es mehrmals, aber funktioniert hat es nie.

Die vergangenen zwei Wochen waren denkbar frustrierend für die Austeritätsfantasten. Die von den Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff aufgestellte These, wonach Staaten massiv an Wachstumsdynamik verlieren, wenn die Schuldenquote 90% der Wirtschaftsleistung übersteigt, ist spektakulär in Rauch aufgegangen (in diesem Blogbeitrag mehr dazu). Um den wohl strammsten Verfechter der Austeritätspolitik unter den namhaften Ökonomen, Alberto Alesina, ist es derweil schon seit längerer Zeit ruhig geworden – ihm wurde bereits vor gut zwei Jahren in diesem Papier von Mike Konczal eine reichlich naive Interpretation seiner Forschungsdaten nachgewiesen.

Die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds haben längst erkannt, dass Austerität in der heutigen Situation das falsche Rezept ist, doch Europa steckt immer noch im Würgegriff der Hardliner. Die Agenda für die Eurozone müsse sich auf Fiskalkonsolidierung und Strukturreformen konzentrieren, twitterte Jeroen Dijsselbloem, der niederländische Finanzminister und Vorsitzende der Eurogruppe, am vergangenen Wochenende.

Dieser Tage ist ein Buch erschienen, das er vielleicht lesen sollte: Austerity – The History of a Dangerous Idea. Geschrieben hat es Mark Blyth, Professor für Politökonomie an der Brown University in Providence, Rhode Island. Er beschreibt darin die gut dreihundertjährige Geschichte der philosophischen Auseinandersetzung zwischen Markt und Staat, angefangen mit John Locke, weitergeführt von David Hume und Adam Smith und danach von David Ricardo und John Stuart Mill bis hin zu den «Österreichern» und Keynes.

Blyth zeigt in seinem Buch auf, dass Austerität immer kläglich versagt hat, wenn zu viele Länder gleichzeitig diese Politik verfolgten und damit nicht von einem Nachfrageboom im Aussenhandel profitieren konnten. Die einzigen Beispiele, die funktionierten, liefern kleine, exportorientierte Volkswirtschaften, die von einer brummenden Weltkonjunktur profitieren und in den allermeisten Fällen ihre eigene Währung markant abwerten konnten (etwa Kanada in den Achtziger- und Schweden in den Neunzigerjahren).

Die wichtigsten Begründungen, weshalb Austerität nicht funktionieren kann, liefert Blyth in diesem Video (amüsante Spezialeffekte und schottischer Akzent inklusive):

Das grundsätzliche Problem ist der Zustand der sogenannten Bilanzrezession, in der sich auch heute noch Volkswirtschaften wie Spanien, Grossbritannien, Japan, Portugal, Irland und teilweise auch die USA befinden. Das Phänomen der Bilanzrezession haben wir in diesem Kommentar schon eingehend thematisiert, daher nur das Wichtigste in Kürze. Am deutlichsten sichtbar wird das Dilemma, wenn man sich vor Augen führt, dass eine Volkswirtschaft nur aus vier Nachfragegruppen besteht:

  1. Private Haushalte
  2. Private Unternehmen
  3. Der Staat
  4. Export (d.h. Nachfrage von Privaten und Staaten im Ausland)

Der Zustand einer Bilanzrezession tritt in der Regel auf, wenn eine Volkswirtschaft einen von einem markanten privaten Schuldenaufbau getriebenen Boom (oftmals im Immobiliensektor) hinter sich hat und in einen heftigen Abschwung gekippt ist. Die privaten Individuen unter den Haushalten und Unternehmen sehen sich plötzlich mit einer überschuldeten Bilanz konfrontiert. Jeder Einzelne tut in dieser Situation für sich das Vernünftigste und versucht, zu sparen, seine Bilanz zu sanieren und Schulden abzubauen. Wenn das jedoch alle gleichzeitig tun, stellt sich das Sparparadoxon ein: Wenn alle gleichzeitig sparen, brechen Konsum und Unternehmensinvestitionen ein und die aggregierte Nachfrage in der Wirtschaft sackt zusammen. Dieser Zustand hält so lange an, bis die privaten Bilanzen saniert sind – und das dauert meist Jahre.

Von den oben beschriebenen Nachfragekomponenten verbleiben somit die Nummern drei und vier, die die Wirtschaft noch einigermassen in der Luft halten. Doch nun kommen die Austeritätspropheten und fordern, auch der Staat müsse jetzt sparen und seine Ausgaben zurückfahren, womit die Nachfragegruppe drei ebenfalls wegfällt.

Verbleibt noch die vierte Gruppe, das Ausland. Doch nicht nur unter Haushalten und Unternehmen, auch unter den Staaten kann sich das Sparparadoxon einstellen: Wenn zu viele Länder gleichzeitig in einer Bilanzrezession stecken und ihre Staatsausgaben drosseln, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, dass alle diese Länder von einem boomenden Aussenhandel leben können.

Genau das spielt sich in Europa seit mehr als drei Jahren ab. Freiwillig (im Fall Grossbritanniens) und unfreiwillig (Spanien, Italien, Portugal, Griechenland, Irland) steckt ein beträchtlicher Teil der Eurozone in der Austeritätsfalle. Die Resultate sind ernüchternd: In all diesen Ländern steigen die Staatsschulden und die Arbeitslosenraten, die öffentlichen Finanzen verharren hartnäckig im Defizit und sie finden keinen Weg aus der Lethargie.

Mit diesem Krankheitsverlauf hätte jeder Arzt längst seine Therapiemethode geändert.

Die Links zum Wochenende:

  • Hier ein spannendes Interview, dass mein Redaktionskollege Dietegen Müller in Frankfurt mit Mohamed El-Erian, dem Chef des weltgrössten Bond-Investors Pimco, geführt hat.
  • Und in eigener Sache, die aktuelle FuW-Umfrage: Finden Sie, die Schweiz solle das Bankkundengeheimnis aufgeben und den automatischen Informationsaustausch von Kundendaten annehmen, sofern dieser dereinst auf Ebene der OECD zum Standard wird? Sagen Sie uns hier Ihre Meinung.

Die Tragik der Eurokrise in einem Chart

Mark Dittli am Freitag den 5. April 2013
Schlange vor einer Arbeitsvermittlung in Spanien. (Foto: AP/Andres Kudacki)

In der Eurozone sind die Unterschiede bezüglich Arbeitslosigkeit teilweise extrem: Schlange vor einem Arbeitsamt in Spanien. (Foto: AP/Andres Kudacki)

Sowohl in Deutschland wie auch in der gesamten Eurozone liegt die Arbeitslosenrate derzeit auf einem Rekordniveau. Bloss sind es zwei komplett divergierende Rekorde.

Die folgende Grafik zeigt das eindrücklich (Quelle: Eurostat via Société Générale):

In Deutschland (rote Kurve) beträgt die Arbeitslosenrate gemäss Eurostat aktuell 5,4 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit dem Start der Europäischen Währungsunion im Jahr 1999.

In der gesamten, 17 Länder umfassenden Eurozone (schwarze, perforierte Kurve) liegt sie derweil auf 12 Prozent. Das ist der höchste verzeichnete Wert seit dem Beginn der Währungsunion. Der guten Ordnung halber haben wir in der Grafik noch Frankreich, das zweite «Kernland» der Union, eingefügt (blaue Kurve): Mit 10,8 Prozent wird auch dort ein rekordhoher Wert verzeichnet.

In Spanien liegt die offiziell ausgewiesene Arbeitslosenrate übrigens auf 26,3 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit auf 55,7 Prozent. In Griechenland sind die Werte nahezu gleich, Portugal und Italien kämpfen derweil mit Jugendarbeitslosenraten von je 38 Prozent. Diese Länder sind nicht in einer Rezession, das ist eine Depression. Mein Kollege Markus Diem Meier hat in diesem Beitrag bereits über die «Ökonomie der Arbeitslosigkeit» geschrieben.

Es ist verständlich, dass aus deutscher respektive nordeuropäischer Sicht nicht wirklich von einer Eurokrise die Rede sein kann und das Problem in erster Linie in der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit der Südländer liegt. Die Tragik der Eurokrise liegt aber eben genau darin, dass sich zwei komplett unterschiedliche Wirtschaftsregionen in eine Ehe mit dem Korsett der gemeinsamen Währung begeben haben.

It takes two to tango; Deutschland hat in den ersten Jahren der Währungsunion enorm von der lockeren Geldp0litik der EZB profitiert (in diesem Blogbeitrag mehr zu diesem Dirty Little Secret der Eurozone). Auf sich allein gestellt müsste das Land heute mit einer deutlich härteren Währung leben. Und innerhalb der Eurozone erwirtschaftet Deutschland immer noch Leistungsbilanzüberschüsse in Höhe von rund 20 Milliarden Euro pro Quartal: das ist per Definition nur möglich, weil nach wie vor eine Reihe anderer Partnerländer in der Union bereit respektive gezwungen sind, mit Leistungsbilanzdefiziten zu arbeiten (weshalb hohe Sparquoten und Exportüberschüsse keine Tugend sind, lesen Sie in diesem Blogbeitrag).

Die rekordniedrigen Arbeitslosenraten in Deutschland bedingen also zu einem Teil die rekordhohen Arbeitslosenraten in anderen Euroländern. Und vice versa.

Das Ventil, um diese Ungleichgewichte auszugleichen, wäre natürlich der freie Personenverkehr innerhalb der Union. Arbeitslose Spanier, Italiener oder Griechen könnten – sollten – in Deutschland, Finnland oder Österreich Arbeit suchen. Bloss: Gegenwärtig sind in den 17 Mitgliedsländern gemäss Eurostat 19,1 Millionen arbeitsfähige und -willige Menschen ohne Arbeit. Davon 3,6 Millionen Jugendliche unter 25 Jahren. Ist Nordeuropa für diesen Ansturm bereit?

Zum Wochenende noch einige Linkverweise:

  • Italien ist politisch bald im doppelten Sinn führungslos: Die Amtszeit von Staatspräsident Giorgio Napolitano endet am 15. Mai. Mein Redaktionskollege Tommaso Manzin stellt in diesem Beitrag die aussichtsreichsten Anwärterinnen und Anwärter auf dieses für Italien wichtige Amt vor.
  • Weshalb Zypern einmal mehr die Notwendigkeit einer Bankenunion für die Eurozone beweist: hier mein Kommentar zu diesem kleinen grossen Problem Europas.
  • Vielleicht haben Sie schon von der Web-Währung Bitcoin gehört, deren Wert gegenwärtig parabolisch steigt: Hier eine faszinierende Abhandlung zum Thema, geschrieben vom Reuters-Blogger Felix Salmon.
  • Und hier noch der Chart des Tages im Momentum-Blog der FuW: Der wahre Treibstoff hinter der Aktienrally.

Die ungelenkte Rakete der Eurozone

Markus Diem Meier am Mittwoch den 27. März 2013
Jeroen Dijsselbloem während einer Sitzung des Europa-Parlaments in Brüssel, 21. März 2013. (AP/Virginia Mayo)

Agiert ungeschickt: Der niederländische Finanzminister und Vorsitzender der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem, während einer Sitzung des Europa-Parlaments in Brüssel, 21. März 2013. (AP/Virginia Mayo)

Erst seit kurzem im Amt, tritt Jeroen Dijsselbloem – der Nachfolger Jean-Claude Junckers an der Spitze der Eurogruppe – in ein Fettnäpfchen nach dem anderen. Das ist leider alles andere als spassig.

Am Montagmorgen schien in der Eurozone wieder einmal die Sonne zu scheinen. Die nächste Krise der Eurokrise schien fürs Erste gelöst zu sein. Für Zypern wird zwar nun alles vorerst viel schlimmer, doch das lässt sich angesichts eines Bankensektors nicht verhindern, der alles andere als nachhaltig aufgebaut war und jetzt weitgehend bankrott ist (hier ein ernst zu nehmender Tipp für das Land von Paul Krugman). Kollege Tobias Straumann hat im letzten NMTM-Beitrag berichtet, in welch bedenklichem Zustand das Land bereits in die Eurozone Eingang gefunden hat.

Die Freude über die Lösung hat aber auch in der übrigen Welt nicht lange angehalten. Am Montagnachmittag hat wieder die Angst dominiert. Ein gutes Barometer für die Stimmungsschwankungen waren die Aktienkurse der europäischen Banken. Unten der Chart des Stoxx-Bankenindexes. Am Morgen des Montags (25.3.) gehen die Kurse noch hoch, später fallen sie aber drastisch.

Der Grund für die neuen Ängste hat einen Namen: Jeroen Dijsselbloem. Die Kursreaktion war eine unmittelbare Folge eines Interviews, das der neue Chef der Eurogruppe der Nachrichtenagentur Reuters und der «Financial Times» (hier mehr dazu via «FT Alphaville») gegeben hat. Die Eurogruppe ist das politische Organ der EU für die Eurozone. Hier einige der Sätze, die für Unruhe gesorgt haben:

«If there is a risk in a bank, our first question should be: ‹Ok, what are you the bank going to do about that? What can you do to recapitalise yourself?› If the bank can’t do it, then we’ll talk to the shareholders and the bondholders. We’ll ask them to contribute in recapitalising the bank. And if necessary the uninsured deposit holders: ‹What can you do in order to save your own banks?›… It will force all financial institutions as well as investors to think about the risk they are taking on. They will have to realise it may also hurt them, the risks might come towards them instead of pushing them away.»

Tönt doch gut: Wenn Banken zu grosse Risiken eingehen, dann sollen im Notfall diejenigen dafür bluten, die ihnen das Geld geben: die Aktionäre, die Anleiheninvestoren, die reichen Depositäre und wieso eigentlich nicht auch noch die Kleinsparer – deren Einlagen man bisher versichert hat. Ja, ich weiss, diese letzte Idee stamme von den Zyprern selbst, heisst es. Die Euroländer hätten sich davon distanziert. Das ist aber nicht die ganze Geschichte. Denn sie hatte einen prominenten Anhänger, der sie gleich auch für die ganze Eurozone für tauglich befand. Erraten: Das war ebenfalls unser Jeroen Dijsselbloem. Warum die Idee mit dem Beizug der Kleinsparer gefährlich ist, war Thema dieses Beitrags. Dijsselbloem hat die Aussagen beide im Nachhinein relativiert.

Was aber ist das Problem mit den Aussagen des Eurogruppenchefs und niederländischen Finanzministers? Zuerst einmal das Timing und die Art der Kommunikation.

Dijsselbloem verkündet eine neue Strategie der Euroländer im Umgang mit den Banken der gesamten Eurozone, bevor klar ist, wie die die beschlossenen Massnahmen im Fall von Zypern sich überhaupt auswirken: Noch weiss niemand, welche Konsequenzen sie für das kleine Land selbst, aber auch für andere und weit grössere Euroländer haben, vor allem dann, wenn diese dereinst wieder in den Panik-Modus verfallen. Felix Salmon von Reuters bringt es auf den Punkt:

Dijsselbloem’s interview today was undoubtedly a prime piece of political incompetence: there’s no reason at all for anybody in the Eurogroup to be drawing broader lessons from Cyprus at this point. The market can speculate about the Cypriot precedent all it likes; it behooves no politician to be clear about what they think it means, least of all the Eurogroup president. …if you’re making policy on the fly in Cyprus, the last thing you want to do is turn that cobbled-together precedent into something semi-binding on the rest of the continent — whatever the policy might be.

Wie zur Bestätigung der von Salmon konstatierten politischen Inkompetenz widerruft Dijsselbloem noch am selben Montag den Kern des Interviews in einem kurzen «Statement». Von einer Verallgemeinerung des Fall Zyperns will er jetzt nichts mehr wissen:

«Cyprus is a specific case with exceptional challenges which required the bail-in measures we have agreed upon yesterday. Macro-economic adjustment programmes are tailor-made to the situation of the country concerned and no models or templates are used.»

Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte. Es ist unbestritten, dass Banken und ihre Besitzer bzw. Anleihengläubiger für die eingegangenen Risiken zuallererst selbst geradestehen sollten und nicht die Steuerzahler. Aber das ist einfacher gesagt als realisiert. Der neue Eurogruppenchef scheint sich wenig mit Bankenkrisen befasst zu haben.

  • Tatsächlich «bluten» im Falle eines Zusammenbruchs einer unterkapitalisierten systemrelevanten Bank (wobei die Abgrenzung im Voraus schwer ist) Unbeteiligte weit mehr als nur die Kapitalgeber dieser Bank. Einerseits werden dadurch neben den Depositären auch Einlagen anderer Banken und Unternehmen betroffen, was diese ebenfalls in Schwierigkeit bringt. Banken müssen dann womöglich Notverkäufe von Anlagen vornehmen, was den Wert aller Vermögen senkt und die Bilanzen aller weiter schwächt. Der Sturm auf die Banken wird dadurch erst recht angeheizt. Weil Liquidität knapp wird, werden Kredite nicht mehr oder nur noch zu sehr teuren Sätzen vergeben. So zeigt die Geschichte: Der Zusammenbruch von wichtigen Banken hat über alle diese und weitere Transmissionsmechanismen zum Zusammenbruch weiterer – auch gesunder Institute – und zu schweren ökonomischen Krisen geführt.
  • Die Risiko-Anreize für Banken sind daher sehr asymmetrisch. Bei hohen eingegangenen Risiken sind ihre Verluste auf das eingesetzte Kapital (anders als für die Allgemeinheit) beschränkt, während die Gewinne im Erfolgsfall ihnen allein zukommen und potenziell unbeschränkt sind. Sie sind für Aktionäre in Prozent des eingesetzten Kapitals umso höher, je grösser der Anteil des Fremdkapitals ist. Das ist der sogenannte Hebeleffekt oder Leverage.
  • Ein Staat kann sich gar nicht leisten, wichtige Banken im Krisenfall untergehen zu lassen. Der Schaden für die Gesamtwirtschaft wäre zu gross. Implizit garantiert der Staat daher den Erhalt einer für systemrelevant gehaltenen Bank. Und das wissen die Banken und ihre Kapitalgeber. Wegen dieses geringeren Risikos für sie zahlen die Banken auch geringere Kapitalmarktzinsen, als sie es ohne diese implizite Garantie tun müssten.
  • Damit die Risiken für die Steuerzahler tatsächlich geringer werden, sind Transparenz, eine gute Regulierung und dicke Eigenkapitalpuffer für Banken notwendig, die solche Systemkrisen weniger wahrscheinlich machen. Angesichts der gleichen Währung und des offenen Kapitalverkehrs innerhalb der Eurozone braucht diese auch eine gemeinsame Bankenaufsicht mit Zähnen, das heisst mit der Möglichkeit, Banken geordnet abzuwickeln. Doch bei diesen Voraussetzungen dafür, dass der Schaden eines Bankenzusammenbruchs möglichst beschränkt werden kann, machen die Europolitiker kaum Fortschritte.
  • Ausserdem sind Absicherungsmechanismen vonnöten, die eine Krise nicht gleich explodieren lassen, wenn eine wichtige Bank – zu Recht oder zu Unrecht – als gefährdet gilt. Zu diesen Absicherungsmechanismen gehört eine Einlagenversicherung. Wenn eine Krise ausbricht, muss verhindert werden, dass alle um ihr Geld auf den Banken fürchten und es sogleich abziehen wollen. Denn sonst erfüllt sich die negative Prophezeiung: Die Banken sind dann tatsächlich existenziell bedroht und damit ganze Volkswirtschaften.

Nach all diesen Ausführungen sollte klar sein, was das Problem mit Dijsselbloems Aussagen ist. «FT Alphaville» bringt das folgendermassen auf den Punkt:

«It’s a direct call to depositors across the eurozone – retail and corporate alike – to move cash now and spread it across a portfolio of the largest available banks. It’s direct advice to dump bank debt. And it’s a direct invitation to speculate that the EFSF, the ESM, and the rest of the alphabetic bailout soup is going to be discarded in favour of calling on depositors’ money across the Continent.»

Sollten die Krisenängste wieder zunehmen, werden alle Bankeinleger wissen, dass ihr Geld dann besonders gefährdet ist, und es abzuziehen versuchen. Das kann eine kleine Krise wie beschrieben zu einem Flächenbrand werden lassen.

Auch die Idee, dass der Rettungsschirm ESM aller Eurostaaten gefährdeten Banken beispringen soll, wird durch Dijsselbloems Aussagen in Frage gestellt. Ihr liegt die Überlegung zugrunde, dass Eurostaaten mit eigenen dramatischen Finanzierungsproblemen zu wenig Vertrauen als Garanten von Banken geniessen. Niemand glaubt, dass sie die Sicherheit von Einlagen wirklich gewährleisten könnten. Je glaubwürdiger eine solche Sicherheit (wie durch einen Rettungsschirm oder eine Zentralbank in ihrer Funktion des Lender of Last Resort) im Krisenfall bereitsteht, desto weniger kostet sie, weil dann kaum Gründe für eine Kapitalflucht bestehen. Die Aussagen von Jeroen Dijsselbloem könnten die Kosten zur Wiederherstellung des Vertrauens im Fall einer nächsten akuten Bankenkrise in einem Euroland massiv erhöht haben.

Der Eurogruppenchef erinnert mit seinem Verhalten an eine «Unguided Missile» – eine ungelenkte Rakete. Man weiss nie, wo sie einschlägt und welchen Schaden sie anrichtet, während eine durchdachte Strategie nicht erkennbar ist.

Hinweis:

Zur Krise in der Eurozone hier als Empfehlung ein Interview meiner Kollegen Philippe Béguelin und Alexander Trentin mit einem Ökonomen aus Deutschland, der mit seinen Aussagen dort bestimmt nicht in der Mehrheit ist: Heiner Flassbeck.

Denn sie wussten, was sie tun – Teil 2

Tobias Straumann am Freitag den 22. März 2013

Der ehemalige zypriotische Präsident Tassos Papadopoulos hält die ersten Euro-Noten des Landes in der Hand, 1. Januar 2008. (Foto: AP/Petros Karadjias)

Über das aktuelle Versagen der Europäischen Kommission, der Eurogruppe und der EZB ist alles gesagt, was gesagt werden muss. Aber was die jüngste Vergangenheit anbelangt, so besteht noch viel Klärungsbedarf.

Zypern beantragte am 13. Februar 2007 den Beitritt zur Eurozone. Der zypriotische Finanzsektor war damals so aufgebläht wie heute, diente als Drehscheibe für russisches Geld und war miserabel reguliert. Die grosse Empörung in den europäischen Hauptstädten ist völlig unglaubwürdig. Die entscheidende Frage ist vielmehr: Warum hat man nicht bei den Beitrittsverhandlungen vor sechs Jahren auf eine Sanierung des Bankensystems gepocht?

Eine Antwort findet sich im Dokument der EU-Kommission vom 16. Mai 2007, das Zypern «Euroreife» attestierte. Dort wird der Finanzsektor nur mit einem Satz erwähnt, es scheint keinerlei Probleme zu geben. Ich zitiere die ganze Passage, damit man sieht, wie nebensächlich dieses Thema für die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage Zyperns war:

Die zypriotische Wirtschaft ist eng mit der EU verflochten. Vor allem bei Handel und ausländischen Direktinvestitionen sind Zuwächse zu verzeichnen, und das zypriotische Finanzsystem ist mit den Finanzsystemen der EU sowie anderer Länder durch Zweigstellen und Niederlassungen ausländischer Banken in Zypern eng verzahnt.

Noch eine zweite Passage lässt aufhorchen. Anschliessend an die oben zitierte Passage stellt die EU-Kommission fest, dass Zypern ein wachsendes Leistungsbilanzdefizit habe. Das Land hatte also ganz offensichtlich ein Wettbewerbsproblem, und es war zu erwarten, dass die Einführung des Euro dieses Problem verstärken würde. Die EU-Kommission ging mit keinem Wort darauf ein, sondern stellte nur lapidar fest:

Die erheblichen Überschüsse im Dienstleistungshandel können die sehr hohen Warenhandelsdefizite und die negativen Einkommensbilanzen seit jeher nicht ganz ausgleichen. Was die Finanzierung angeht, so konnte der Leistungsbilanzsaldo zu einem erheblichen Teil durch den Nettozustrom ausländischer Direktinvestitionen gedeckt werden.

Was sich hinter dem «Nettozustrom ausländischer Direktinvestitionen» verbarg, war schon damals offensichtlich: russisches Geld. Für die EU-Kommission stand dennoch fest:

Die Bewertung der Konvergenzkriterien führt die Kommission zu der Auffassung, dass Zypern einen hohen Grad an dauerhafter Konvergenz erreicht hat.

Da auch die EZB hatte in ihrem Bericht keinerlei Probleme mit dem Leistungsbilanzdefizit Zyperns, stimmten die übrigen Behörden dem Beitritt Zyperns zur Eurozone bald bei. Am 1. Januar 2008 wurde der Euro eingeführt.

Einmal mehr sieht man, wie fahrlässig die Verantwortlichen mit wirtschaftlichen Risiken umgegangen sind. Es war schon 1992 bei der Lancierung der Währungsunion so – «Denn sie wussten, was sie tun» -, es war beim Beitritt Griechenlands zur Eurozone 2001 so – «Griechenland erschwindelte Euro-Beitritt» – und nun wieder bei Zypern.

Und es wird so weiter gehen, wie bisher. Das zypriotische Problem wird bald wieder aus den Schlagzeilen verschwinden, was man als Bestätigung des bisherigen Kurses betrachten wird. Dabei gerät immer mehr aus dem Blick, dass sich die wirtschaftliche Situation der Eurozone immer mehr verschlechtert – was die Staatsschulden- und Bankenkrise weiter verschärfen wird. Vor allem Frankreich geht harten Zeiten entgegen. Hier die neusten Zahlen des PMI-Index, einem wichtigen Frühindikator (Quelle: Economist/Free Exchange):