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Never Mind the Markets

Artikel-Schlagworte: „EU“

Warum ist Europa so zersplittert und China nicht?

Tobias Straumann am Montag den 3. September 2012
Touristen auf der chinesischen Mauer. (Foto: Keystone)

Die Bedrohung von aussen vermochte die Chinesen zu einen: Touristen auf der chinesischen Mauer. (Foto: Keystone)

Je länger die Eurokrise dauert, desto mehr drängt sich die Frage auf, warum Europa so zersplittert ist. China und Indien sind ebenfalls alte Zivilisationen, aber haben die politische Einheit seit langem konsolidiert.

Vor allem die Homogenität Chinas – mit Ausnahme der westlichen und südwestlichen Zonen – ist eindrücklich und aus europäischer Sicht kaum zu verstehen. Bei Indien könnte man vielleicht noch argumentieren, dass es sich um einen föderalen Staat handle, bei dem die zentrale Macht relativ schwach ist. Trotzdem: Auch Indien hat funktionierende Institutionen auf Bundesebene und eine einheitliche Währung, die unbestritten ist.

Glücklicherweise sind in den letzten Jahren interessante vergleichende Studien erschienen. Die Globalisierung der Wirtschaft hat auch die historische Forschung globalisiert. Es ist wieder erlaubt und erwünscht, die grossen Fragen zu stellen. Eine gewisse Zeit durfte man nur Mikrostudien verfassen. Es galt als überheblich, wenn man grosse Vergleiche anstellte. Diese Zeit ist zum Glück vorbei.

Besonders lohnend ist das Buch Rome and China (Oxford University Press). Es ist vor allem deshalb anregend, weil es alle denkbaren Faktoren systematisch durchdiskutiert, ohne den Anspruch zu erheben, den Stein der Weisen gefunden zu haben.

Die populäre Erklärung, wonach Europa geographisch viel zersplitterter ist als China, wird zum Beispiel gut widerlegt. Wenn man die physische Karte Chinas genauer anschaut, entdeckt man schnell, dass es ein Nord- und ein Südchina hätte geben müssen. Zwischen Peking und Schanghai ist es relativ flach und klimatisch ziemlich homogen. Südlich von Schanghai ist es feuchter, heisser und gebirgiger. Hier wurde seit langem Reis angebaut, während im nördlichen Teil Getreideanbau vorherrschte.

Und wenn man in die Geschichte Chinas zurückblickt, hat es tatsächlich immer wieder Phasen gegeben, in dem südliche gegen nördliche Territorialeinheiten kämpften. Eine auf den natürlichen Bedingungen beruhende Erklärung genügt demnach nicht.

Entscheidend scheint vielmehr folgender Vorgang im 5. und 6. Jahrhundert gewesen zu sein: Die aus der westlichen Prärie einfallenden Völker, die China eroberten, vermochten die bürokratische Tradition des chinesischen Kaiserreichs wieder zu beleben und zu stabilisieren, während die aus dem Norden und Nordosten einfallenden Germanenvölker die Restauration des Römischen Reichs nicht schafften. (siehe dazu den ausgezeichneten Aufsatz von Walter Scheidel)

Wie man diesen Unterschied erklären kann, ist unklar. Möglicherweise spielte das Militärische ein Rolle: Germanen kämpften zu Fuss, die asiatischen Invasoren auf dem Pferd. Zudem entschädigten die Germanen ihre Heerführer mit Land, die asiatischen Reitervölker mit Gütern. Der erste Mechanismus förderte die Feudalisierung und die Entstehnung des Nationalstaats, der zweite Mechanismus stärkte die Loyalität gegenüber dem obersten Feldherrn.

Wie auch immer: Der europäische Weg hin zum zersplitterten Kontinent ist vor langer Zeit eingeschlagen worden bzw. China ist schon seit langem ein relativ homogener Staat. Vielleicht wäre es besser, man würde sich mit dieser Tradition versöhnen, als mit allen Mitteln versuchen, die Vereinigten Staaten von Europa zu bauen. Umgekehrt darf man auch nie vergessen, dass Chinas Grösse eine ungeheure Hypothek darstellt. Das Land hat zwar enorme geopolitische und wirtschaftliche Macht, aber ob es in der Lage sein wird, den schnellen Wandel zu verdauen, steht nach wie vor in den Sternen.

Warum die Monetaristen recht haben

Tobias Straumann am Mittwoch den 4. Juli 2012

«Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen»: Monetarist Milton Friedman bei einer Rede im Weissen Haus (Mai 2002).

In den 1960er- und 1970er-Jahren lautete der Kampfspruch der Monetaristen, angeführt von Milton Friedman, dass Inflation «immer und überall ein monetäres Phänomen» sei. Und in Bezug auf die Konjunkturpolitik betonten sie, dass die Geldpolitik viel wirksamer sei als die Fiskal- und Finanzpolitik. Bis Ende der 1970er-Jahre wurde diese These heftig bestritten. Als aber Paul Volcker, Chairman des Federal Reserve Board, ab 1979 die Inflation mit hohen Zinsen schnell reduzierte, war der intellektuelle Kampf entschieden. Heute gibt es niemanden mehr, der den Satz der Monetaristen nicht unterschreiben würde.

In Europa erleben wir zurzeit eine ähnliche Diskussion wie in den 1970er-Jahren. Viele verwechseln Funktion und Wirkung der Geld- und Finanzpolitik. Und viele bestreiten, dass es sich um eine Euro-Krise handle – es sei nur eine Schulden- oder Bankenkrise. Das Argument: Die Eurozone habe ja eine niedrige Inflationsrate und der Wechselkurs sei stabil, ja gegenüber dem Dollar sogar überbewertet.

Das mag stimmen. Gleichwohl ist es sinnvoll, von einer Euro-Krise zu sprechen, weil das Problem geldpolitischer Natur ist. Deswegen hilft es nicht, wenn die südeuropäischen Länder primär mit fiskal- und finanzpolitischen Massnahmen die Krise zu lösen versuchen. In der jetzigen Situation kann nur noch die Europäische Zentralbank (EZB) verhindern, dass die Krise vollends aus dem Ruder läuft – so wie nur das Fed Ende der 70er-Jahre in der Lage war, die Inflation schnell und wirksam auf ein vernünftiges Niveau zurückzubringen.

Die entscheidende Bedeutung der Geldpolitik haben Marc Flandreau, Jacques Le Cacheux und Frédéric Zumer in einem wirtschaftshistorischen Artikel gezeigt («Stability Without a Pact? Lessons from the European Gold Standard 1880–1914», in: Economic Policy 1998, S. 115-162). Sie zeigen, dass der Goldstandard von 1880 bis 1914 nur dann gut funktionierte, wenn die Inflationsrate nicht zu niedrig oder negativ war. Von 1880 bis 1895, als die Preise wegen der Knappheit des Goldes sanken, erhöhten sich die privaten und öffentlichen Schulden, was das Währungssystem instabil machte. Erst ab 1895, als aufgrund von Goldfunden in Australien und Südafrika das Preisniveau wieder stieg, gelangen die Anpassungsprozesse im Goldstandard. Ihre Folgerung lautete deshalb: «This study’s clear implication for the EMU zone, is that stability will hinge on the European Central Bank’s (ECB) policy not being too restrictive.»

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Preise im 19. und und frühen 20. Jahrhundert. Man sieht sehr deutlich, wie die Preise von der Mitte der 1870er- bis Mitte der 1890er-Jahre aufgrund der Goldknappheit sanken, dann aufgrund von neuen Goldfunden wieder stiegen.

Will man aus dem Artikel von Flandreau, Le Cacheux und Zumer eine Lehre ziehen, so kann sie nur folgendermassen lauten: Die EZB sollte bald die Zinsen senken und ein höheres Inflationsziel als zwei Prozent anstreben. Denn das Anpassungsproblem in der Eurozone ist immer und überall ein monetäres Phänomen.

Was führt Frankreich im Schilde?

Tobias Straumann am Mittwoch den 27. Juni 2012
A picture taken 03 June 2006 shows 4-year-old rooster "P'Tit Claude" (Little Claude) in Chateau-Renault, center France, after it was elected 'France's most beautiful rooster' and 'Mascot of the French national football team' for the 2006 Fifa World Cup.  AFP PHOTO ALAIN JOCARD

Will auch in Zukunft alleine krähen: Ein französicher Hahn. (Foto: AFP)

Man muss nicht Wahrsager sein, um prophezeien zu können, dass auch der nächste EU-Gipfel keine Lösung der Krise bringen wird. Schon das Vierertreffen in Rom war ein Witz. Grossmundig sprachen die vier Regierungschefs von einem «Wachstumspakt». Die 130 Milliarden Euro machen nur gerade ein Prozent des Bruttoinlandprodukts der Eurozone aus, und zudem handelt es sich mehrheitlich um bereits gesprochene Gelder. Es ist genau, was nach dem Wahlsieg von Hollande zu erwarten war: eine Absichtserklärung ohne Inhalt, damit François Hollande das Gesicht wahren kann. Er hat ja im Wahlkampf versprochen, für mehr Wachstum zu sorgen und kann jetzt den «Wachstumspakt» erwähnen.

Die Verantwortung für das Ausbleiben einer Lösung ist bisher immer der deutschen Regierung zugeschoben worden. Dieser Vorwurf ist sicher berechtigt. Kanzlerin Merkel hat nie zu erkennen gegeben, wie sie sich die Zukunft des Euro genau vorstellt. Sie sagt nur, was sie nicht will.

Frankreich mauert aber genau so. Hollande sagte vor kurzem, dass er keine politische Union wünsche. Die Meldung ist von vielen Zeitungen nicht richtig kommentiert worden. (Eine Ausnahme ist das «Wall Street Journal», das daraus eine grosse Geschichte gemacht hat.) Sie ist aber entscheidend. Denn wenn Frankreich gegen einen Transfer der Souveränitätauf eine höhere Ebene ist, dann wird eine Rettung des Euro erst recht unwahrscheinlich.

Hollandes Aussage ist aber nur auf den ersten Blick überraschend. Wenn man sich nämlich daran erinnert, wie sich Frankreich in der Vergangenheit verhalten hat, so ist sie sehr konsequent. Wie Alan Milward in seinem Buch «The European Rescue of the Nation-State» (1992) überzeugend argumentiert, hat Frankreich mit dem europäischen Einigungsprojekt nie die Schwächung, sondern die Stärkung der Souveränität angestrebt. Das mag paradox klingen, ist es aber nicht. Frankreich wäre heute aussenpolitisch bedeutend schwächer, wenn es die EU nicht gäbe.

Auch bei der Einführung des Euro ging es der französischen Politik nicht in erster Linie um die Stärkung Europas, sondern um die Schwächung Deutschlands. Man hatte es satt, dass die Zinsen der Deutschen Bundesbank die Zinsen der Banque de France bestimmten. Durch die Einführung der Einheitswährung und der Europäischen Zentralbank hoffte Paris, diese Hegemonie zu brechen. Kenneth Dyson und Kevin Featherstone haben dies in ihrem Standardwerk «The Road to Maastricht» (1999) sehr klar herausgearbeitet.

Aufgrund dieser Vorgeschichte ist nicht damit zu rechnen, dass Hollande seine Position bald verändert. Frankreich will auf keinen Fall seine Souveränität freiwillig aufgeben. Auch die Bevölkerung will das nicht: Im Mai 2005 lehnte sie die EU-Verfassung mit 55 Prozent ab. Sie würde es auch heute wieder tun.

Die Schweiz und die EU: Ein schiefer Vergleich

Tobias Straumann am Mittwoch den 21. März 2012


Seit die Risikoprämien der italienischen Staatsanleihen gesunken sind, haben die Optimisten in Europa wieder Oberwasser. Die EU werde die Euro-Krise erfolgreich bewältigen, wird argumentiert. Am Ende des Prozesses werde es nicht weniger, sondern mehr Europa geben. Der Rettungsfonds, der Fiskalpakt und die regelmässigen EU-Gipfel seien der Anfang einer umfassenden Union.

In diesem Zusammenhang wird die EU oft mit der Schweiz vor der Bundesstaatsgründung von 1848 verglichen. Damals habe auch niemand vorausgesehen, dass die Kantone sich dereinst dazu aufraffen könnten, wichtige Funktionen an eine übergeordnete Instanz abzugeben. Der französische Philosoph Alexis de Tocqueville schrieb bekanntlich in den 1830er Jahren, es gebe nur Kantone, keine Schweiz: «Il y a des cantons, il n’y a pas de Suisse.» Etwas mehr als zehn Jahre später gab es die Schweiz dann doch.

Was ist vom Vergleich Schweiz/EU zu halten? Mir kommen nur fundamentale Unterschiede in den Sinn:

1. Es gab bereits vor 1848 so etwas wie ein Nationalgefühl in der Eidgenossenschaft. Bereits im 15./16. Jahrhundert sprach man den Schweizern einen eigenständigen politischen Raum im Gegensatz zu Frankreich, Norditalien und Süddeutschland zu. Die Abgrenzung zu Süddeutschland hat zum Beispiel der amerikanische Historiker Thomas Brady mustergültig herausgearbeitet («Turning Swiss»).

In der EU fehlt dieses gemeinsame Bewusstsein.

2. Die moderne Schweiz ist nicht das Resultat einer freiwilligen Vereinigung der Deutschschweiz mit der französischen und italienischen Schweiz. Im Gegenteil: Die Deutschschweizer Gebiete beherrschten bis ins späte 18. Jahrhundert weite Teile der heutigen West- und Südschweiz. Das Waadtland war von Bern besetzt, der französische Teil des Wallis war vom deutschsprachigen Oberwallis regiert, das Tessin war Untertanenland des Kantons Uri und der gesamten Eidgenossenschaft, Neuenburg gehörte Preussen, der Jura war Teil des Fürstbistum Basels. Ausserdem sind die Bewohner der Deuschschweizer Kantone in einer klaren Mehrheit. Das dürfte den Zusammenhalt erleichtern. In Ländern, die keine klare Mehrheiten haben, ist die Spaltung fast nicht zu verhindern. Das Paradebeispiel ist Belgien.

Bei der EU müssen sich völlig unterschiedliche Kulturen freiwillig zusammenschliessen. Es sind keine klaren Mehrheiten sichtbar, die stabilisierend wirken könnten.

3. Die Bundesstaatsgründung gelang nur dank eines Bürgerkriegs. Es brauchte also eine militärische Entscheidung, um die Opposition der katholischen Kantone gegen einen Bundesstaat zu überwinden.

Die EU setzt auf eine kontinuierliche Stärkung des EU-Rechts und der EU-Institutionen. Der Bundesstaat soll schleichend entstehen, damit er gerade nicht Gegenstand einer grösseren Auseinandersetzung werden kann.

Bestimmt gibt es auch Parallelen zwischen der Schweiz vor 1848 und der EU. Aber diese drei fundamentalen Unterschiede zeigen ganz klar, dass sich die Schweizer Geschichte nicht als Folie für die Zukunft der EU eignet. Die EU ist ein historisches Experiment, dessen Ausgang völlig offen ist.

Wenn Bilder mehr sagen als Worte

Tobias Straumann am Dienstag den 11. Oktober 2011

Die Euro-Länder bekunden immer mehr Mühe, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen. Mit welchem Geld sollen die Banken rekapitalisiert werden? Darf man Griechenland bankrott gehen lassen? Oder müsste man den Griechen nicht mit einem weiteren Kredit unter die Arme greifen?

Die Uneinigkeit ist alles andere als erstaunlich. Es sind insgesamt 17 Euro-Länder, ausserdem wollen die anderen zehn EU-Mitglieder und die EU-Kommission auch mitreden, wenn es um institutionelle Veränderungen geht. Und vor allem gibt es grosse kulturelle Unterschiede, die sich in der Weltsicht der Akteure niederschlagen.

Anstatt mühsam nach Worten zu ringen, um die unterschiedlichen Temperamente und Vorurteile zu fassen, hat das Mapping Stereotypes Project zum Malstift gegriffen. Vieles wird sofort klarer. Kontrastiert man zum Beispiel die deutsche mit der italienischen Sicht der Dinge, muss man sich nicht mehr weiter fragen, warum die gemeinsame politische Basis schmal geworden ist:

Et cetera – weitere Worte erübrigen sich. Mehr dazu auf dieser Webseite.