Blogs


Never Mind the Markets

Artikel-Schlagworte: „Deutschland“

Weshalb Sparen nichts mit Tugendhaftigkeit zu tun hat

Mark Dittli am Freitag den 8. März 2013
Deutsche Autos warten darauf, verschifft zu werden. (Keystone)

Deutsche sparen viel, konsumieren weniger, ihre Exporte sind grösser als ihre Importe: BMWs warten in Bremerhaven darauf, verschifft zu werden. (EPA/Ingo Wagner)

Spanien und Irland, die USA und Grossbritannien haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Sie haben zu viel konsumiert und zu wenig gespart. Sie haben zu viel importiert und zu wenig exportiert.

Deutschland und China, Japan und auch die Schweiz sind dagegen ein Beispiel an Tugendhaftigkeit. Sie sparen viel, konsumieren weniger, ihre Exporte sind grösser als ihre Importe.

So lauten oft gehörte Aussagen. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Eurokrise wird besonders in Deutschland oft das Argument geäussert, die «Spanier müssten halt mehr so sein wie die Deutschen.» Intuitiv nehmen die meisten Leute an, es sei für ein Land erstrebenswert, einen Überschuss der eigenen Leistungsbilanz, also im Handel mit Waren und Dienstleistungen, anzustreben. Ebenfalls gelten hohe Sparquoten gemeinhin als tugendhaft.

Leider ist das viel zu simpel, teilweise auch schlichtweg sinnlos. Auch das Argument, die Eurokrise wäre gelöst, wenn die Mittelmeer-Anrainer bloss so wären wie die Deutschen, führt in die Irre.

Weshalb, zeigt der an der Guanghua School of Management der Universität Peking lehrende amerikanische Ökonom Michael Pettis in seinem faszinierenden neuen Buch «The Great Rebalancing – Trade, Conflict, and the Perilous Road Ahead for the World Economy». Pettis schreibt den einflussreichen Blog China Financial Markets und ist regelmässiger Leitartikel-Autor in der FuW (hier sein letzter Kommentar).

Meine Redaktionskollegin Elisabeth Tester hat ihn kürzlich in Peking zu einem Gespräch besucht; hier ihr Interview mit ihm.

Das Bestechende an Pettis’ Argumentation in seinem Buch ist, dass er die Volkswirtschaft eines Landes respektive der ganzen Welt konsequent aus buchhalterischer Sicht betrachtet, als Bilanz, die immer ausgeglichen sein muss. Daraus lassen sich drei unumstössliche mathematische Identitäten ableiten, die wiederum helfen, die scheinbar hoffnungslos komplexen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft zu identifizieren und bestenfalls zu beheben. Diese drei Identitäten sind:

  1. Die Leistungs- und die Kapitalbilanz jedes Landes müssen sich ausgleichen, oder anders gesagt: Die Summe aus dem Saldo der Leistungsbilanz (die vereinfacht gesagt den grenzüberschreitenden Handel mit Waren und Dienstleistungen misst) und aus dem Saldo der Kapitalbilanz (die vereinfacht gesagt die grenzüberschreitenden Kapitalflüsse misst) muss null ergeben. Ist der Leistungsbilanzsaldo positiv, muss die Kapitalbilanz einen negativen Saldo aufweisen (was bedeutet, dass mehr Kapital das Land verlässt, als in das Land hineinströmt). Kleine Anmerkung: Leistungs- und Kapitalbilanz ergeben zusammen die Zahlungsbilanz, die nach Pettis’ Definition immer ausgeglichen sein muss. Ist die Zahlungsbilanz nicht ausgeglichen, steigen einfach die Devisenreserven der Zentralbank, was im Effekt aber einfach ein Teil der Kapitalbilanz ist.
  2. Für jedes Land gilt: Die Differenz zwischen den gesamten inländischen Ersparnissen und den gesamten inländischen Investitionen entspricht dem Betrag an Kapital, der importiert oder exportiert wird. Und weil die Kapitalbilanz das Gegenstück zur Leistungsbilanz ist, entspricht der Betrag auch dem Leistungsbilanzsaldo. Angenommen also, die inländischen Ersparnisse sind 100, die inländischen Investitionen betragen aber nur 80. Die Differenz, 20, werden als Nettokapital exportiert. Das heisst, die Kapitalbilanz weist einen negativen Saldo von 20 aus, und die Leistungsbilanz zeigt einen Überschuss von 20.
  3. Alles, was ein Land produziert, muss entweder konsumiert oder gespart werden. Die gesamten Ersparnisse eines Landes können errechnet werden, indem vom Bruttoinlandprodukt (also der Gesamtheit der im Inland produzierten Waren und Dienstleistungen) der gesamte inländische Verbrauch abgezogen wird.

An dieser Stelle noch eine wichtige Zusatzdefinition: Die nationale Sparquote eines Landes enthält nicht bloss die Sparquote der privaten Haushalte, sondern der Haushalte, der Unternehmen und des Staates zusammen.

Wenn also eine Volkswirtschaft, nennen wir sie «Land A», im Inland mehr produziert als sie konsumiert, und wenn die daraus resultierende Sparquote höher ist als die Investitionsquote, dann muss die Volkswirtschaft per Definition einen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaften und Kapital ins Ausland exportieren (das heisst, die Kapitalbilanz ist negativ). Ebenfalls per Definition braucht dieses Land A ein Gegenstück in Form einer Volkswirtschaft, nennen wir sie «Land B», die genau die gegenteiligen Attribute aufweist: In Land B ist die inländische Investitionsquote höher als die Sparquote, das heisst, es muss Kapital importieren und die Leistungsbilanz ist im Defizit.

Deutschland, China und Japan waren in den vergangenen Jahren respektive Jahrzehnten «Land A», während die USA, Spanien oder Grossbritannien «Land B» waren. Zu glauben, ein Leistungsbilanzüberschuss und eine hohe Sparquote sei für jedes Land erstrebenswert, ist unsinnig. Ohne einen ebenso gewichtigen Block an Ländern, die bereit sind, höhere Investitions- als Sparquoten respektive höhere Verbrauchs- als Produktionsquoten hinzunehmen, wäre das gar nicht möglich.

So weit, so gut. Ich hoffe, Sie sind noch bei mir. Pettis bringt nun noch ein wichtiges Argument auf: Leistungsbilanz-Überschüsse sind nicht zwingend die Folge einer bewusst gewählten Aussenhandelspolitik, geschweige denn unbedingt Ausdruck einer besonders starken und gesunden Volkswirtschaft.

Deutschland soll im Folgenden dazu als Beispiel dienen:

In den späten Neunzigerjahren und nach der Jahrtausendwende kam es, unter anderem mit der «Agenda 2010» unter Kanzler Gerhard Schröder, in Deutschland zu einer Art grossem Pakt zwischen Staat, Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Dieser Pakt war, vereinfacht gesagt: Die Löhne der Arbeitnehmer werden weitgehend eingefroren, beziehungsweise es wird sichergestellt, dass sie deutlich langsamer steigen als das Produktivitätswachstum der Wirtschaft. Das war in erster Linie eine innenpolitische Massnahme, die zum Ziel hatte, die hohen Arbeitslosenraten zu senken, unter denen Deutschland in den Neunzigerjahren nach der Wiedervereinigung gelitten hatte.

Weil die inländische Produktion aber kräftig stieg, während die Löhne stagnierten, war es unumgänglich, dass das Verhältnis von inländischem Verbrauch zu inländischer Produktion sinken musste (schliesslich sind die privaten Haushalte die grössten Verbraucher). Daraus musste wiederum – per Definition – folgen, dass die nationale Sparquote steigt (das ist die dritte oben besprochene Identität). Das wiederum hatte zur Folge, dass die nationale Sparquote Deutschlands deutlich über die Investitionsquote stieg. Deutschland musste also Kapital und Produktion ins Ausland exportieren, die Leistungsbilanz drehte fast zeitgleich mit der Einführung des Euro kräftig und nachhaltig ins Plus. (Weshalb damals das «Dirty Little Secret» der Eurozone begründet wurde, lesen Sie in diesem Blogbeitrag.)

Genau während dieser Zeit waren Länder wie Spanien das perfekte Gegenstück zu Deutschland. Sie investierten mehr, als sie sparten, und sie saugten das überschüssige Sparkapital Deutschlands bereitwillig auf (Nebenbei bemerkt: Die deutschen Banken dienen als Durchlauferhitzer dieses Kapitalexports, und sie haben in der Vergangenheit immer wieder eine erstaunliche Fähigkeit bewiesen, schlechte Investitionen einzugehen).

Diese Strategie mag für Deutschland in der Zeit um die Jahrtausendwende sinnvoll gewesen sein, aber ohne Konsequenzen war sie nicht. Eine Konsequenz ist der hohe Stand an ausstehenden Guthaben deutscher Kapitalgeber in Defizitländern. Eine andere Konsequenz ist die schlichte Tatsache, dass die deutschen Arbeitnehmer weniger vom deutschen Exportboom hatten als die deutschen Arbeitgeber. Ihre Saläre und damit ihre Konsumfähigkeit hielt nicht mit dem Wirtschaftswachstum mit. Mit scheinbar deutschen Tugenden wie einem erhöhten Sparwillen hatte das überhaupt nichts zu tun. Das deutsche Exportwunder war nur möglich, weil a) die deutschen Arbeitnehmer ihre Arbeitgeber subventionierten, und b) andere Länder bereit waren, die deutschen Spar- und Produktionsüberschüsse zu absorbieren.

Wenn wir die Welt auf die 17 Länder der Eurozone reduzieren, dann sind die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands auch innerhalb des Euro-Raumes nur möglich, wenn andere Länder ein Leistungsdefizit haben, diese also mehr investieren, als sie sparen.

Nun wird gern gefordert, ein Land wie Spanien müsse die «deutschen Tugenden» übernehmen: mehr sparen, weniger konsumieren, mehr exportieren, weniger importieren, damit in der Leistungsbilanz ein Überschuss steht. Wenn das wirklich geschehen soll (und nicht nur, wie aktuell, weil die spanischen Importe rezessionsbedingt einfach kollabieren), dann braucht Spanien per Definition innerhalb der Eurozone andere Volkswirtschaften, die bereit sind, den Gegenpart zu spielen und ihre Leistungsbilanz in ein Defizit sinken zu lassen. Das kann nur ein Land sein: Deutschland. Selbstverständlich steht noch ein weiterer Weg offen, nämlich der, dass die 17 Länder der Eurozone in ihrer Gesamtheit, inklusive Spanien, einen riesigen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaften und ihre Überersparnisse und Überproduktion jemand anderem aufbürden. Bloss: Wem? Den asiatischen Ländern, die allesamt (mit Ausnahme Indiens) seit den späten Neunzigerjahren die Strategie verfolgen, Leistungsbilanzüberschüsse zu erzielen?

Wie aber könnte Deutschland seine Spar- und Produktionsüberschüsse abbauen? Oft ist das Argument zu hören, Deutschland müsse wettbewerbs-unfähiger werden. Das ist Unsinn. Es gibt andere Wege. Erinnern wir uns an die drei unumstösslichen buchhalterischen Identitäten: Deutschland spart zu viel und investiert zu wenig. Dieser Spar-Überschuss wird exportiert, daher zeigt die Leistungsbilanz einen massiv positiven Saldo.

Wie ist das zu lösen? Zwei Wege: Deutschland kann die inländische Investitionsquote erhöhen und damit den Spar-Überschuss absorbieren. Das könnten beispielsweise Infrastruktur-Investitionen des Staates sein. Der gleiche Effekt könnte aber auch erreicht werden, indem der Staat gezielt steuerliche Erleichterungen für Unternehmen erlässt, die im Inland investieren. Der zweite Weg: Die Sparquote muss gesenkt werden, damit sie wieder in einem gesünderen Verhältnis zu den inländischen Investitionen steht. Die Sparquote wiederum sinkt, wenn die Konsumausgaben erhöht werden. Dieser Effekt liesse sich erzielen, indem der Staat gezielt Steuern auf dem inländischen Konsum senkt – beispielsweise die Mehrwertsteuer – und gleichzeitig die Gehälter der Arbeitnehmer wieder im Gleichschritt mit dem Produktivitätswachstum steigen.

Mit der Aufgabe deutscher «Tugenden» oder der deutschen Wettbewerbsfähigkeit hat das überhaupt nichts zu tun.

Sorry, dieser Blogeintrag ist etwas lang geworden. Auf jeden Fall: Pettis’ Buch regt zum Denken an.

Und weil Freitag ist, hier noch ein Linkfest zum Wochenende:

  • Hier eine Analyse von meinem Redaktionskollegen Gregor Mast und mir, die zum Schluss kommt, dass der Aktienmarkt heute deutlich überbewertet ist.
  • Der in Genf lehrende Ökonomieprofessor Charles Wyplosz macht sich hier Gedanken und Sorgen über den Ausstieg aus der unkonventionellen Geldpolitik.
  • Brad DeLong mit einem langen, sehr anregenden Stück zur europäischen Austeritätspolitik und dem Ferngefecht, das sich Paul Krugman und Olli Rehn liefern.
  • Acemaxx geht der Frage nach, weshalb trotz beträchtlicher Produktionslücke in den USA keine Deflation entstanden ist.
  • Charles Hugh Smith untersucht, wo noch ungeplatzte Immobilienblasen zu finden sind (leider hat er sich die Schweiz nicht angeschaut).
  • Mein Redaktionskollege Peter Rohner zeigt, wie Bond-Investoren in Venezuela unter Hugo Chavez Renditen von 700% einfahren konnten.

In Deutschland wird das Wesen der Eurokrise nicht verstanden

Mark Dittli am Freitag den 14. September 2012
Angela Merkel während ihres Spanien-Besuchs, 6. September 2012. (Foto: Keystone)

So einfach, wie es sich die Deutschen machen, ist es nicht: Angela Merkel während ihres Spanien-Besuchs, 6. September 2012. (Foto: Keystone)

Beginnen wir mit einem hübschen Chart.

Das hier könnte der Aktienkurs von Apple sein:

Ist es aber nicht.

Die Grafik zeigt die Anzahl deklarierter Konkurse in der spanischen Unternehmenswelt (Quelle: J. P. Morgan, mit Dank an die Kollegen von Zero Hedge). Gemäss Daten des Instituto Nacional de Estadistica wurden in Spanien im zweiten Quartal exakt 2026 Konkurse vollzogen. Mehr als 600 davon verzeichnete der Immobiliensektor, und rund 380 Konkurse vermeldet der Industrie- und Energiesektor (wer erinnert sich daran, dass Spanien das Mekka der erneuerbaren Energien hätte werden sollen?)

Falls die hohe Zahl der Konkurse im Immobiliensektor jemanden überraschen sollte: Es werden noch viele Hundert weitere kommen, denn so sieht die momentane Lage am spanischen Häusermarkt aus (Quelle: TINSA):

Sie zeigt die jährliche Veränderungsrate der Immobilienpreise im Land. Zwischen August 2011 und August 2012 sind die Häuserpreise im Mittel um 11,6 Prozent gesunken – von einer Verlangsamung der Absturzgeschwindigkeit ist keine Spur zu sehen.

Drei weitere Zahlen:

  • Spaniens offiziell ausgewiesene Arbeitslosenquote: 25,1 Prozent
  • Spaniens offiziell ausgewiesene Jugendarbeitslosenquote: 52,9 Prozent
  • Gemäss Daten der EZB wurden aus dem spanischen Bankensystem im Juli 74,2 Milliarden Euro abgezogen. Das ist der grösste Betrag seit September 1997.

Spanien steckt nicht in einer normalen Rezession. Das ist eine Depression, wie sie kein anderes europäisches Land in der jüngeren Geschichte erlebt hat.

So viel zum Einstieg.

Im Nachgang der Ereignisse der vergangenen Woche – dem Entscheid der Europäischen Zentralbank vom 6. September (hier die Details dazu) sowie dem Verdikt des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe zum European Stability Mechanism (hier die Details) – fragt sich die halbe Welt, ob die Eurokrise nun endlich vorbei sei.

Leider nein.

Die EZB hat zwar das Richtige getan, und ein Nein aus Karlsruhe hätte wohl ein Chaos an den Finanzmärkten ausgelöst, aber wie mein Kollege Markus Diem Meier in diesem Blogbeitrag bereits dargelegt hat, kann die EZB allein das Kernproblem der Eurokrise nicht lösen. Sie kann bloss einen Marktkollaps abwenden – was sie letzte Woche wie bereits schon mit der LTRO-Aktion im Dezember 2011 zweifellos getan hat – und etwas Zeit schinden.

Es ist jedoch äusserst fraglich, ob die Regierungen der Euroländer diese Zeit auch wirklich nutzen, um die richtigen Weichen zu stellen. Die Erfahrung der vergangenen drei Jahre spricht dagegen.

Ein Grunddilemma liegt in der Tatsache, dass die nördlichen und die südlichen Euroländer gegenwärtig in zwei komplett verschiedenen Welten leben. Nichts veranschaulicht das besser als der Vergleich zwischen Deutschland (offizielle Arbeitslosenquote: 5,5 Prozent, Jugendarbeitslosenrate: 8 Prozent) und Spanien.

(An dieser Stelle eine Bitte, nein, ein Aufruf an die nördlichen Nachbarn: Liebe Deutsche, vergesst Griechenland. Ja, die Regierung in Athen spielt nicht richtig mit; ja, das Land ist komplett wettbewerbsunfähig; und ja, die Griechen entsprechen fast jedem Klischee des Südeuropäers, was die «Bild»-Zeitung genüsslich ausschlachten kann. Aber Griechenland ist in der Frage der Eurokrise weitgehend irrelevant. Ökonomisch betrachtet hat das Land in der Währungsunion nichts zu suchen und wird über Jahrzehnte ein Hilfe-Empfänger bleiben. Falls Griechenland in der Währungsunion bleiben soll, ist das ein rein politischer Entscheid, den Regierungen der anderen Euro-Länder fällen und ihrem Volk erklären müssen.)

Spanien ist der viel wichtigere, relevantere Fall. Die weit verbreitete Meinung in Deutschland lässt sich ungefähr so zusammenfassen: «Wenn die EZB spanische Staatsanleihen kauft und deren Zinsen sinken, verliert die Regierung in Madrid jeden Ansporn, den Austeritätskurs zu halten und Reformen voranzutreiben.» Klingt durchaus nachvollziehbar. Wo also liegt das Problem?

So sieht in deutschen Augen der Pfad aus, den Spanien (und Italien, und Portugal…) folgen muss (im Uhrzeigersinn zu betrachten; Quelle: Société Générale):

Austerität (will heissen: der Staat kappt seine Ausgaben, konsolidiert das Budget und treibt Strukturreformen in der Wirtschaft voran) führt zu gestärktem Vertrauen an den Finanzmärkten («Confidence»), was wiederum zu sinkenden Zinsen führt («Lower Risk Premia»), was neue private Investitionen in der Wirtschaft anregt («Crowding In»), die Bilanzen der Banken werden solider, die Arbeitslosenrate sinkt («Employment Growth»), die Staatsfinanzen werden gesünder.

Schön wär’s.

In der Praxis wird aus diesem Austeritätspfad am aktuellen Beispiel eine Falle, wie diese Grafik, ebenfalls erstellt von den Ökonomen von Société Générale, darstellt:

Austerität führt in erster Linie – und ganz besonders in einem Land wie Spanien, das in einem zähen privaten Schuldenabbau gefangen ist (hier mehr dazu) und seine Währung nicht abwerten kann – zu einer Verschärfung der Rezession. Das hat zur Folge, dass die Regierung die gesteckten Defizitziele wiederholt verfehlt («Missed Targets»), weil die Steuereinnahmen einbrechen und die Kosten für automatische Stabilisatoren wie die Arbeitslosenuntersützung massiv steigen. Irgendwann kippt das Land dann in einen Teufelskreis, wenn die Bondholder des Staates einen Schuldenschnitt befürchten («Private Sector Involvement Fears»), worauf die Zinsen weiter steigen («Higher Risk Premia»), was die Bankbilanzen weiter schwächt, die Rezession weiter verschärft und die amtierende Regierung immer weiter in Bedrängnis bringt.

Der Verlauf der Eurokrise in den vergangenen drei Jahren zeigt eindeutig, dass Länder wie Spanien in der Austeritätsfalle gefangen sind.

Selbstverständlich müssen sie ihre verkrusteten Wirtschaftsstrukturen aufbrechen und den Staatsapparat effizienter organisieren, aber zu viel Austerität in zu kurzer Zeit in einer zu schwachen Volkswirtschaft, die in ein starres Währungsgefüge eingebunden ist, ist das Rezept für ein Desaster.

Trotzdem ist die vorherrschende Meinung in Deutschland, dass sich die Eurokrise von selbst lösen würde, wenn die Südländer endlich mal ihre Faulheit ablegen und die Staaten ernsthaft sparen würden.

Solange sich das nicht ändert, wird die Eurokrise nicht enden. Mario Draghi hat nicht mehr getan als etwas Zeit gekauft.

Nachtrag: Am Donnerstag hat die US-Notenbank ein weiteres unkonventionelles Lockerungsprogramm beschlossen. Das pawlowsche Spiel an den Börsen (mehr dazu in diesem Blogbeitrag) kann weitergehen.

Die «FAZ» und ein gängiges Fehlurteil

Markus Diem Meier am Dienstag den 21. August 2012

Die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist nur die halbe Geschichte: Lagerturm von VW in Wolfsburg. (Bild: Keystone)

Überschüsse im Aussenhandel seien ein Zeichen der Stärke, Defizite eines der Schwäche. Deshalb seien nur letztere ein Problem. Die renommierte deutsche «FAZ» liefert die Argumente – und haut daneben.

Im laufenden Jahr dürfte der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands sechs Prozent gemessen am BIP überschreiten. Während Deutschland im Aussenhandel kräftig Überschüsse verzeichnet, sieht das Bild in den krisengeplagten Ländern wie Spanien und Italien genau umgekehrt aus: Hier zeigen sich drastische Defizite. Für viele Ökonomen zeigt sich hier ein gefährliches Ungleichgewicht zum Schaden aller.

Anders sieht das die «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), wie dort ein Kommentar von Philip Plickert vom letzten Dienstag zeigt. Ich gebe ihn hier in voller Länge wieder. Er enthält weitverbreitete Missverständnisse und eignet sich genau deshalb ausgezeichnet, um das Thema genauer zu beleuchten:

Deutschlands Exportüberschuss ist nochmals gestiegen. Jetzt wird wieder über angebliche «Ungleichgewichte» debattiert. Verfehlt ist eine solche Diskussion vor allem dann, wenn sie Überschüsse und Defizite als gleichermaßen problematisch anprangert.

Wenn Länder permanent sehr hohe Leistungsbilanzdefizite haben und mithin immer höhere Auslandsschulden aufhäufen, kann das nicht gut gehen. So ist die Euro-Peripherie in die Krise gerutscht. Ihre Handelsdefizite waren und sind Ausdruck mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Deutschlands hohe Überschüsse liegen dagegen an der besonderen Stärke und Struktur der hiesigen Wirtschaft. Sie produziert die hochqualitativen (Investitions-)Güter, die in den aufstrebenden Ländern gebraucht werden. Das ist kein Grund zur Sorge.

Schon der Begriff des «makroökonomischen Ungleichgewichts» ist hoch fragwürdig. Wäre es denn anzustreben, dass ein Land eine «ausgeglichene Leistungsbilanz» hat – also genau so viel Waren und Dienstleistungen ausführt wie es einführt und netto weder Kapital exportiert noch importiert? Wer sollte das steuern und wie?

Chinas Überschuss hat mit der unterbewerteten Währung und der künstlichen Exportaufblähung durch die Planwirtschaft zu tun. In Deutschland haben Marktkräfte zu dem hohen Überschuss geführt. Verfehlt ist eine «Ungleichgewichte»-Diskussion vor allem dann, wenn sie Überschüsse und Defizite als gleichermaßen problematisch anprangert.

Was ist hier falsch?

Beginnen wir mit einem Satz, der nicht falsch ist – dem letzten im Text mit der generellen Aussage über die deutsche Wirtschaft:

Sie produziert die hochqualitativen (Investitions-)Güter, die in den aufstrebenden Ländern gebraucht werden. Das ist kein Grund zur Sorge.

Nein, dass Deutschland hoch produktiv ist, ist kein Grund zur Sorge und es wäre tatsächlich vollkommen widersinnig und würde niemandem helfen, wenn Deutschlands Produktivität abnehmen würde oder – um beliebte Metaphern in dieser Debatte zu verwenden – wenn Deutschland schwächer würde: Die deutsche Stärke ist nicht das Problem.

Doch darum geht es gar nicht. Wo liegt das Problem bei obigem Text und der durch ihn auf den Punkt gebrachten weit verbreiteten Ansicht:

  • Permanente  und hohe Überschüsse eines Landes sind ein Problem – ganz besonders unter fixen Wechselkursen und damit auch in einer Währungsunion. Den Ländern mit Überschüssen müssen zwingend andere Länder gegenüberstehen, die Defizite verzeichnen. Sind die Strukturen eines Landes – wie im Fall von Deutschland – strukturell auf Aussenhandelsüberschüsse ausgerichtet, bedeutet das umgekehrt nichts anderes, dass auf der anderen Seite Länder mit Defiziten in der gleichen Höhe stehen müssen. Man kann also schlecht behaupten, Überschüsse seien anders als Defizite kein Hinweis auf Ungleichgewichte, wenn die Überschüsse darauf bauen, dass andere Defizite verzeichnen und für diese anderen die Defizite ein Problem darstellen.
  • Bei fixen Wechselkursen, bzw. in einer Währungsunion akzentuiert sich das Problem, weil hier genau jener Mechanismus fehlt, der gewöhnlich zu einem gewissen Ausgleich führt: Flexible Wechselkurse. Schauen wir uns das zuerst für ein Defizitland an:
  • Die Währung eines Landes mit permanenten und steigenden Handelsdefiziten schwächt sich ab. Diese Währung wird relativ weniger nachgefragt, als jene seiner Handelspartner. Diese Abwertung ist für das Defizitland ein Segen, denn es vergünstigt seine Produkte auf den Weltmärkten. Gleichzeitig werden die ausländischen Güter teurer, was auf die Importe drückt und die inländischen Produzenten relativ wettbewerbsfähiger macht. Dieser Ausgleichsmechanismus entfällt in der Währungsunion. Damit zu einem  Land mit Überschüssen:
  • Die Währung des Überschusslandes wertet sich bei flexiblen Wechselkursen auf (im Verhältnis zu den Währungen seiner Handelspartner). Diese Aufwertung sorgt über die Verteuerung seiner Güter zu einer Abnahme der Exporte und einer Zunahme der Importe.
  • Wir können folgern: Ohne Euro (oder bei seinem Auseinanderbrechen) würde die deutsche Währung durch die deutsche Exportstärke deutlich aufwerten, die Exporte dämpfen und die Importe befeuern. Die aktuellen Euro-Defizitländer hätten bessere Absatzchancen für ihre Produkte. Deutschlands permanente und gewachsene Exportüberschüsse sind also nicht bloss Ausdruck der eigenen Stärke, sondern auch eine logische Folge der Währungsunion. Während der Euro (im Vergleich zu unabhängigen Währungen) die deutschen Exporte preisgünstiger macht, ist er für die Defizitländer in der Währungsunion zu teuer.
  • Die folgende Grafik zeigt die Leistungsbilanzsalden von Deutschland (blaue Linie) und von Italien und Spanien zusammengenommen (rote Linie) seit 1995. Wie sich deutlich zeigt, driften die beiden Linien fast genau mit dem Start der gemeinsamen Währung deutlich und fast spiegelbildlich auseinander (Quelle: Fred-Datenbank):

  • Aussenhandelsdefizite- und überschüsse können daher nicht – wie es der «FAZ»-Autor gemacht hat – unabhängig von der Währungsunion beurteilt werden. So lange Deutschland hier Mitglied ist und die Einheitswährung aufrechterhalten will, kann es sich nicht um die Zahlungsbilanzungleichgewichte scheren.
  • Ja, die Defizitländer könnten hochtheoretisch auch die Löhne entsprechend senken, bis sie wieder die preisliche Wettbewerbsfähigkeit erlangen. Doch das ist  sehr viel schwieriger zu erreichen, als durch Währungsabwertungen (die Erklärung hat Milton Friedman geliefert), weshalb das als Weg zur Stabilisierung der Wirtschaftslage kaum je gelungen ist. In Ländern wie Spanien mit einer hohen privaten Verschuldung ist das auch deshalb keine gangbare Strategie, weil stark sinkende Löhne und Preise die reale Schuldenlast weiter ansteigen lassen, ein solches Land noch weiter nach unten reissen und dadurch auch die politische und soziale Stabilität gefährden würden.
  • Im Text des FAZ-Kommentators schwingt schliesslich auch das berühmte Missverständnis der Merkantilisten mit: Aussenhandelsüberschüsse werden als Ausdruck besonderer Wirtschaftskraft gefeiert und als Möglichkeit zu grösserem Reichtum. Damit verbunden ist auch die falsche Vorstellung, dass ein Land wie ein Unternehmen funktioniert, dessen Gedeihen von seinen Verkäufen an andere Länder abhängt. Das ist komplett falsch. Der wichtigste ökonomische Zweck des Aussenhandels liegt für ein Land darin, den Nutzen für seine Bewohner zu steigern: Ein Land muss dank Aussenhandel nicht alles, was seine Bewohner schätzen, selbst herzustellen. Es kann sich auf die Bereitstellung jener Produkte und Dienste konzentrieren, die es relativ am produktivsten herstellen kann («Gesetz der komparativen Kostenvorteile»). Diese kann es dann im Aussenhandel gegen Produkte und Dienste anderer Länder eintauschen (vermittelt durch Geld und auf Märkten). Leistungsbilanzüberschüsse zu verzeichnen heisst schliesslich, dass die entsprechende Volkswirtschaft die eigenen Produkte ohne entsprechende Gegenleistung an Gütern und Diensten ans Ausland vergibt  – das Land verzichtet auf inländischen Konsum und Investitionen im Ausmass des Überschusses. Unter dem Titel «Deutschlands riskante Abhängigkeit vom Export» bringt der Kommentator einer anderen deutschen Zeitung – Mathias Ohanian von der «Financial Times Deutschland» – das Problem perfekt auf den Punkt:

Jahrelang produzierte die Wirtschaft wertvolle Waren, die woanders gebraucht wurden. Die Exporte stiegen und stiegen, ebenso die Importe der europäischen Nachbarn. Einiges war finanziert auf Pump. Als die Blase platzte, war klar: Deutschland bleibt auf dem Gros seiner Geldforderungen sitzen.

Ein schlechter Deal, viele Deutschen hatten jahrelang verzichtet. In Zahlen drückt sich die Geschichte so aus: Von 2000 bis 2007 legten die privaten Konsumausgaben in Deutschland inflationsbereinigt um knapp vier Prozent zu, im Währungsraum insgesamt gab es ein Plus von 13 Prozent. Ähnlich krass ist die Divergenz bei den Investitionen.

Eigentlich wäre Deutschland jetzt an der Reihe. Doch das Gegenteil ist der Fall: Durchbrachen die Ausfuhren 2011 erstmals die Marke von 1000 Mrd. Euro, wird in Deutschland heute drei Prozent weniger investiert als vor der Finanzkrise. In der ersten Hälfte 2012 sanken die Investitionen sogar: Die offiziellen Zahlen geben die Geschichte vom Binnenboom nicht her.

Worin würden denn nun aber mögliche Lösungen liegen, wenn die Eurozone bestehen bleibt?

  • Wie anfänglich gesagt, selbstverständlich nicht darin, dass das Überschussland – Deutschland – schwächer wird, sondern in einem grösseren Gewicht von dessen Binnenwirtschaft im Mix der Gesamtnachfrage: Auf Kosten der Exportnachfrage sollte jene nach deutschen Gütern und Dienstleistungen aus dem Inland zulegen. Das ist selbstverständlich nichts, was man verordnen kann und was sich über Nacht einstellt. Lohnzurückhaltung der deutschen Beschäftigten hat der deutschen Wirtschaft geholfen, aus dem Jammertal zu Beginn der 2000er-Jahre zu kommen. Jetzt sollte Deutschland hier und bei den Staatsausgaben nicht auch noch drastisch auf die Bremse treten, da damit die letzte Hoffnung auf Nachfrageimpulse für die Krisenländer auch noch flöten ginge. Leider geht die Entwicklung in Deutschland in die andere Richtung, wie dieser Artikel meines Kollegen Peter Rohner zeigt: Auch die Deutsche Binnennachfrage lahmt. Tatsächlich ist das ein zentraler Grund für die hohen Leistungsbilanzüberschüsse – denn diese steigen nicht nur, wenn die Exporte zunehmen, sondern auch wenn die Importe abnehmen.
  • Eine etwas höhere relative Inflation in Deutschland im Vergleich zu den Krisenländern (und damit eine etwas höhere Durchschnittsinflation in der Eurozone generell) wäre ebenfalls hilfreich. So könnten Löhne in den Krisenländern real sinken, ohne es nominal zu tun. Nominallohnsenkungen – sinkende Lohnbeträge – sind sehr viel schwerer zu bewerkstelligen als Reallohnsenkungen, das heisst, wenn die Löhne zwar nicht zurückgehen, aber nicht oder weniger zunehmen als  die Inflation. Zu so einer Lösung wird die Europäische Zentralbank allerdings keine Hand bieten. Schliesslich besteht ihr Mandat gerade darin, die Inflationserwartungen in engen Grenzen zu halten – mittelfristig darf die Inflation nicht über 2% steigen.

Kurz: Lösungen sind keine in Sicht. Schlimmer aber ist, dass vielerorts noch nicht einmal das Problem richtig verstanden wird, wofür der obige Kommentar der FAZ kein untypisches Beispiel ist.

Deutschlands kommende Immobilienblase

Mark Dittli am Freitag den 27. Juli 2012

Kann es auch in Deutschland zu einer Immobilienblase kommen? Möglich ist alles. Die Skyline von Frankfurt. (Keystone: 26. April 2012)

In Deutschland sind heute keine Zeichen einer Immobilienblase zu sehen.

Das heisst aber nicht, dass sich in den kommenden Jahren keine bilden kann.

In diesem Blogbeitrag haben wir vor wenigen Monaten kurz die Immobilienmärkte Spaniens und Deutschlands verglichen und dabei die Gefahr skizziert, dass Deutschland «eines fernen Tages» das gleiche Schicksal wie Spanien ereilen könnte – was nicht unerwartet heftige Kommentare auslöste.

Wie also sieht die Lage im Detail aus?

Gemäss Daten der OECD verzeichnet Deutschland gegenwärtig unter 22 hochentwickelten Ländern die höchsten Wachstumsraten in den Preisen für Wohnimmobilien. Im ersten Quartal dieses Jahres kletterten die Häuserpreise im Land im Vergleich zum Vorjahr um 9,5%, nachdem sie im Jahr 2011 bereits 5,4% gestiegen waren. Derart hohe Preissteigerungen wurden seit Ende der Siebzigerjahre nicht mehr registriert.

Diese Grafik aus einer aktuellen Studie von Klaus Baader, Europa-Chefökonom von Société Générale, zeigt die jährliche Immobilienpreissteigerung (in Prozent) Deutschlands, der Eurozone, der USA und Grossbritanniens seit 1985 (Quelle: SocGen):

Darin ist schön zu sehen, wie die Preise in Deutschland (rote Kurve) in jüngster Zeit sprunghaft gestiegen sind.

Ebenso deutlich zu sehen ist aber, dass die Immobilienpreise in Deutschland zwischen 1995 und 2009 stetig leicht gesunken sind – nominell insgesamt um 10%, real sogar um 23%, wie Baader errechnet hat. Das war die Zeit, als die Märkte in den USA, Grossbritannien, Irland und Spanien überhitzten.

Baader bringt einige weitere Argumente ins Spiel, die seine These untermauern, dass Immobilien in Deutschland heute noch günstig sind.

Beispielsweise das Verhältnis der durchschnittlichen Häuserpreise zum durchschnittlichen Haushaltseinkommen (Quelle: SocGen):

Oder das Verhältnis der Häuser- zu den Mietpreisen (Quelle: SocGen):

Beide diese Werte sind in der Tat noch meilenweit von den Höchstständen Ende der Siebzigerjahre entfernt.

Und als letztes Argument das jährliche Wachstum der Hypothekarkreditvergabe für Hauskäufe (Quelle: SocGen):

Mit einer Wachstumsrate von 1,2% sind gemäss Klaus Baader keine Anzeichen von Kreditexzessen zu sehen. Zum Vergleich: In den Jahren 2006 und 2007 expandierte die Vergabe von Hypothekarkrediten in der Europäischen Währungsunion mit mehr als 11%. Der grösste Teil davon ernährte das Monster von Immobilienblase in Spanien.

Baaders Argumente wirken bestechend. Von Immobilienblase in Deutschland keine Spur. Im Gegenteil: Auf dem heutigen Preisniveau und mit den gegenwärtigen Zinskonditionen müsste man als Investor wahrscheinlich zuschlagen.

Wie aber würde – heute noch hypothetisch betrachtet – die künftige Immobilienblase in Deutschland ablaufen?

Spekulationsblasen sind in der Geschichte – von der Tulpenmanie 1636 in Amsterdam bis heute – weitgehend dem gleichen Muster gefolgt. Niemand hat dieses Muster besser beschrieben als Hyman Minsky und Charles Kindleberger, zwei US-Ökonomen, die an dieser Stelle hier und hier schon mal vorgestellt wurden.

Das Minsky-Kindleberger Modell folgt fünf Phasen, hier in schematischer Form dargestellt (Quelle: SocGen):

  1. Ablösung/Dislokation («Displacement»)
    Irgend ein Schock tritt ein, der einen gegebenen Markt fundamental zu verändern scheint. Das kann eine Erfindung sein, etwa die Dampflokomotive oder das Internet; ein politisches Ereignis wie der Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation oder auch eine Phase mit abnormal niedrigen Zinssätzen und einem zu grossen Angebot an Geld im Wirtschaftskreislauf.
  2. Positives Feedback/Boom
    In der Phase zwei formt sich eine überzeugende Geschichte rund um das Investitionsthema, ein positiver Feedback-Kreis bildet sich: Kapital strömt in den Sektor, die Preise beginnen zu steigen, was die Anlagestory noch plausibler macht und wiederum mehr Kapital anzieht. Damit sich ein Boom formen kann, sind am Spiel immer auch Banken beteiligt, die freimütig Kredit gewähren; die stetig steigenden Preise rechtfertigen eine zunehmend lasche Kreditpolitik der Banken.
  3. Euphorie
    In dieser Phase tauchen die vier gefährlichsten Worte im Leben jedes Investors auf: This Time is Different. Investoren strömen in grosser Zahl in den boomenden Sektor, das beklemmende Gefühl, den Zug zu verpassen, setzt ein. «Nichts ist verstörender, als mit anzusehen, wie ein Freund reich wird», schrieb Kindleberger 1978 in «Manias Panics and Crashes». Die Banken werden in dieser Phase ebenfalls gierig und unterbieten sich mit ihren Kreditkonditionen, um Marktanteile zu gewinnen. In dieser Phase beginnt die Preiskurve parabolisch zu steigen. Warnende Stimmen tauchen auf, aber sie werden nicht ernst genommen. Denn schliesslich ist dieses Mal alles anders.
  4. Finanzielle Not («Crisis»)
    Irgend ein Ereignis – meist ist es subtil, im Nachhinein kaum identifizierbar – markiert den Wendepunkt. Die Preiskurve beginnt zu kippen. Die meisten Investoren sehen die Signale noch nicht, und nutzen die ersten Preisrückschläge, um noch mehr zu kaufen. Danach geht alles plötzlich sehr schnell: Investoren, die in der Euphorie zu hohe Schulden aufgenommen haben, geraten in finanzielle Not und müssen verkaufen. Aus dem positiven wird ein negativer Feedback-Kreis; die Preise rutschen immer schneller, was immer weitere Notverkäufe auslöst.
  5. Abscheu
    Phase fünf schliesslich umschrieb Minsky mit «Revulsion», am besten als Abscheu übersetzt. Erste Fälle krimineller Machenschaften werden aufgedeckt, Sündenböcke für das Desaster gesucht und gefunden. Erst in dieser Phase zeigt sich, in welchem Ausmass während des Booms Ressourcen verschwendet wurden: Häuser, die niemand will, Glasfaser-Kommunikationsnetze, die nicht benötigt werden.

Nach diesem Modell betrachtet steht der amerikanische Immobilienmarkt wohl bereits in der Phase der Abscheu, während Spanien, wo die Häuserpreise weiterhin kräftig nach unten rutschen dürften, noch in der Phase der finanziellen Not steckt.

Und Deutschland? Die Phase der Ablösung ist geschehen. Das von der Europäischen Zentralbank festgesetzte Zinsniveau ist für Deutschland in der aktuellen Situation wohl zu niedrig, zu viel Geld steckt im Wirtschaftskreislauf.

Nun sehen wir wahrscheinlich den Beginn des positiven Feedback-Kreises in der Phase zwei: Die Preise steigen, Investitionen in deutsche Immobilien werden allmählich zum grossen Anlagethema.

Diese Phase kann gut und gerne mehrere Jahre dauern und ist für schlaue Investoren höchst einträglich. Gefährlich wird’s erst, wenn die Euphorie beginnt, wenn allgemeingültige Erklärungen von Experten herumgeboten werden, weshalb Deutschland eben anders ist und weshalb dort nie, nie, nie eine Immobilienblase entstehen könne.

Schaun mer mal.

Ein Lob für Deutschland

Mark Dittli am Freitag den 13. Juli 2012

Zusammenbruch oder Fiskalunion, für die Euro-Länder gibt es nur diese zwei Wege, und beide sind vor allem für deutsche Steuerzahler sehr teuer: Punk-Ökonom David McWilliams fasst den Zustand Europas in seinem neusten Film grafisch zusammen.

Die Politiker und Ökonomen unseres nördlichen Nachbars hatten auf Never Mind the Markets in den vergangenen Monaten bisweilen einen schweren Stand.

Hier beispielsweise warnten wir davor, dass auch der deutsche Immobilienmarkt eines (noch fernen) Tages überhitzen und ausser Kontrolle geraten könnte, wenn die Zinsen im Land zu lange zu niedrig bleiben. Hier verglichen wir Bundeskanzlerin Merkel mit einem Huhn, und Deutschland wurde hier als das «Dirty Little Secret» der Eurozone dargestellt.

Den Protestaufruf von rund 200 deutschsprachigen Ökonomen, die sich gegen eine Bankenunion aussprechen, haben wir in der «Finanz und Wirtschaft» mit deutlichen Worten kritisiert (hier übrigens noch ein spannendes Interview mit Mathias Hoffmann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich und einer der Initianten dieses Gegenaufrufs, der für eine europäische Bankenunion argumentiert).

Das brachte uns in den Kommentaren manchmal den Vorwurf ein, wir seien chronisch Deutschland-kritisch, als Schweizer generell europhob, oder ganz einfach neidisch.

Nichts liegt weiter von der Wahrheit als das. Darum gibt es jetzt mal ein Lob.

Deutschland hat in den vergangenen zwanzig Jahren in der Tat Grosses vollbracht. Die neuen Bundesländer wurden integriert und aufgebaut, wichtige Arbeitsmarktreformen wurden zwischen 2003 und 2005 umgesetzt. Deutschland hat sich seine industrielle Basis bewahrt und kann jetzt auf eine erstklassige (ausserhalb des Finanzsektors) Unternehmensstruktur blicken: Die Firmen, vom kleinen Nischenplayer bis zu den grossen Autokonzernen, sind innovativ, ihre Arbeiter enorm produktiv und auf dem Weltmarkt wahrlich wettbewerbsfähig.

Respekt dafür. Für Deutschlands Arbeiter waren die vergangenen zwei Jahrzehnte keine leichte Zeit. Ihr Verzicht auf stetige Gehaltserhöhungen hat einen nicht zu unterschätzenden Teil dazu beigetragen, dass die deutsche Wirtschaft wieder auf die Beine kam. Entsprechend haben auch die deutschen Steuerzahler unsere Sympathie, wenn sie sich in der laufenden Eurokrise mit immer höheren Rechnungen konfrontiert sehen und sich dagegen auflehnen.

Soviel zum Lob.

Jetzt sind wir am Punkt, an dem das Aber kommen muss.

Die Realität in der Eurozone ist harsch. Die Währungsunion wird zwischen zwei Kräften hin- und hergerissen. Die ökonomischen Kräfte wirken eindeutig zentrifugal: Sie reissen die Länder der Union auseinander. Die sich dagegen stemmende, zentripetale Kraft ist der politische Wille, das Projekt Euro nicht scheitern zu lassen. An Deutschlands Regierung – und letztlich im übertragenen Sinn am Volk – hängt der Entscheid, welche dieser beiden Kräfte gewinnen soll.

Wir haben die ökonomischen Zentrifugalkräfte schon oft beschrieben, daher hier nur ganz kurz und unvollständig zusammengefasst: Die südlichen Peripherieländer – dazu zählt zunehmend auch Frankreich – haben in den Jahren seit der Einführung der Gemeinschaftswährung ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit mehr und mehr verloren. Heute stecken sie in einer hartnäckigen Rezession respektive Depression (Griechenland) und sind zu einem internen Deflationsprozess gezwungen, weil sie ihre Währung nicht mehr abwerten können. Sie leiden unter Kapitalflucht, einem Bank Run im Zeitlupentempo, ihr Bankensystem wankt bedrohlich.

Selbstverständlich müssen diese Länder harte Reformen – etwa am Arbeitsmarkt – umsetzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen. Aber es werden fünf bis zehn Jahre vergehen, bis sich das in ihren Wachstumsraten zeigen wird. Diese Zeit haben sie nicht: Weder die Finanzmärkte noch die deutsche Regierung scheinen gewillt zu sein, ihnen diese einzuräumen.

Vor uns – respektive vor den Steuerzahlern der Euro-Länder – liegen daher nun zwei Pfade. Gewinnen die ökonomischen Kräfte, wird die Währungsunion in ihrer heutigen Form nicht überleben und in einem mehr oder weniger chaotischen Prozess zerfallen. Gewinnen die politischen Kräfte, wird die Währungsunion mit einer Bankenunion und einer Art Fiskal- und Transferunion zementiert werden.

Das sind die beiden Pfade. Beide werden – ganz besonders für die deutschen Steuerzahler – teuer sein. Das aber ist die Realität, auf die die Eurokrise seit nunmehr zweieinhalb Jahren hinsteuert. Denn eines ist so gut wie sicher: Es ist eine Illusion, an einen dritten Pfad zu glauben, nämlich dass sich die Krise plötzlich von selbst lösen und alle Euro-Länder auf wundersame Weise von selbst zum hohen Niveau Deutschlands konvergieren würden.

Also: Zusammenbruch oder Fiskalunion. Pick your poison.

Der irische Punk-Ökonom David McWilliams hat Europas Dilemma (und den Zustand der Weltwirtschaft gleich noch dazu) in seinem neusten Film schön grafisch zusammengefasst. Das Video dauert acht Minuten. Es lohnt sich:

Weshalb Frau Merkel ein Huhn sein sollte

Mark Dittli am Freitag den 29. Juni 2012
Angela Merkel und Mario Monti an einer Pressekonferenz in Rom, 22. Juni 2012. (Keystone)

Wer gibt zuerst nach? Angela Merkel und Mario Monti an einer Pressekonferenz in Rom, 22. Juni 2012. (Keystone)

Chicken.

Das ist im Amerikanischen die Bezeichnung für ein Spiel, in dem zwei Autofahrer auf Kollisionskurs aufeinander zu rasen. Der Verlierer – das Chicken – ist, wer zuerst ausweicht.

Spieltheoretisch betrachtet ist das Chicken Game eine knifflige Situation. Beide Spieler wissen, dass es fatal endet, wenn keiner ausweicht. Rational wäre also, wenn in letzter Sekunde beide Fahrer einen Schwenker machen. Weil das aber wiederum beide wissen, ist die Versuchung gross, doch nicht auszuweichen – in der Annahme, der Andere werde es tun. Und dann kommt es trotzdem zum Crash.

Auf höchster politischer Ebene in Europa findet dieser Tage ein Chicken Game statt. Die Protagonisten sind, auf der einen Seite, im Mercedes sozusagen, Angela Merkel. Und auf der anderen Seite, im Fiat, Mario Monti, Italiens Premier.

Die beiden liefern sich einen offenen Schlagabtausch. Hier ist er der Vollständigkeit halber nochmals kurz zusammengefasst:

Gemäss einem Bericht in Spiegel Online sagte Merkel am Dienstag vor FDP-Abgeordneten, sie glaube nicht, dass es in der Währungsunion eine gesamtschuldnerische Haftung geben werde, solange sie lebe.

Mario Monti sagte derweil vor dem italischen Parlament, die EU könne sich nicht noch einen Gipfel – es ist der neunzehnte in zwei Jahren – ohne brauchbare Resultate leisten. Wenn nötig, werde er den Abschluss des Treffens so lange verzögern, bis die Finanzmärkte am Montag wieder eröffnen. Monti fordert unter anderem, dass der ESM-Stabilitätsfonds eingesetzt wird, um die Anleihen angeschlagener Staaten wie Spanien und Italien zu kaufen. Hier eine kurze (italienische) Zusammenfassung von Montis Rede auf Il Sole 24 Ore.

Merkel hat diese Stützkäufe aus dem ESM-Fonds stets abgelehnt.

Man braucht kein Hellseher zu sein, um an den Finanzmärkten am Montag Panik zu erwarten, wenn der Gipfel im Patt endet.

Italien ist ohnehin das Land, das in den kommenden Wochen und Monaten immer mehr ins Zentrum der Eurokrise rücken wird.

Hier eine Darstellung der Entwicklung der Rendite auf zehnjährigen italienischen Staatsanleihen seit Februar (Quelle: Bloomberg):

Die Zinsen sind wieder deutlich über 6 Prozent gestiegen. Am Mittwoch musste Italien für Anleihen mit sechs Monaten Laufzeit einen höheren Zins bezahlen als die USA, Deutschland oder die Niederlande für dreissigjährige Bonds…

Wieso muss man Italien im Auge behalten?

Nun, wie wir an dieser Stelle schon mehrmals (etwa hier und hier) dargelegt haben, ist Spanien aus ökonomischer Sicht das perfekte Beispiel für die Grundübel in der Eurozone. In Italien ist das rein wirtschaftlich betrachtet weniger der Fall. Zwar besitzt der Staat Schulden in Höhe von rund 120 Prozent des BIP, aber immerhin ist der Primärhaushalt (die Staatsrechnung ohne Zinszahlungen) ausgeglichen, und (Nord)Italien besitzt eine recht gesunde, global durchaus wettbewerbsfähige Wirtschaftsstruktur.

Nein, in Italien ist es die politische Dimension, die Sorgen bereitet. Es ist, abgesehen von Griechenland, der politisch instabilste Vertreter unter den angeschlagenen Euro-Peripheriestaaten. Mario Monti wurde im November 2011, nach dem forcierten Abgang von Silvio Berlusconi, von Staatspräsident Giorgio Napolitano als ungewählter Premier eingesetzt, mit dem spezifischen Mandat, Strukturreformen durchzusetzen.

Mittlerweile ist die Popularität Montis jedoch rasch im Sinken begriffen, das halbe Land flucht über ihn. Am Dienstag hat sich – welch Überraschung – Silvio Berlusconi vor Abgeordneten seiner Partei als Wirtschaftsminister angeboten, sollten sie die nächsten Wahlen wieder gewinnen. Hier eine (italienische) Zusammenfassung seiner Rede im Corriere della Sera.

Spinnen wir den Gedankenfaden also mal etwas weiter:

Nehmen wir an, Merkel bleibt am Gipfel hart, und Italien erhält keine finanzielle Schützenhilfe.

Nehmen wir an, dass die Zinsen Italiens als Folge davon in den kommenden Wochen weiter steigen werden, und irgendwann wird eine weitere Bank – wie am Dienstag Monte dei Paschi di Siena (hier die Details dazu) – Staatshilfe beantragen.

Nehmen wir an, dass Italien weiter in die Rezession abrutscht.

Und nehmen wir an, dass die Regierung Monti irgendwann in den nächsten sechs bis acht Monaten kapituliert und weggefegt wird.

Was dann? Staatspräsident Napolitano, einer der wenigen weisen, pragmatischen Männer in der italienischen Politik, wird im Frühjahr 2013 ebenfalls seine Amtszeit beenden. Wer folgt auf ihn?

Es besteht also ein beträchtliches «Tail-Risiko», dass Italien innerhalb der nächsten zwölf Monate eine neue, weitaus radikalere und weniger verantwortungsvolle Regierung haben wird als heute.

Angela Merkel, so wird oft kolportiert, agiert so hart, weil sie den Druck auf die Regierungen der südeuropäischen Ländern hoch halten will. Andernfalls, so die Befürchtung, würden sie nie ihre nötigen Strukturreformen durchführen.

Mag sein. Mit Monti – und auch mit Mariano Rajoy in Madrid – hat sie aber Kollegen, die genau mit diesem Mandat angetreten sind. Von Berlin werden sie trotzdem seit Monaten sträflich im Stich gelassen. Wann begreift Frau Merkel, dass Strukturreformen nicht über Nacht wirken? Dass es Jahre dauern wird, bis konkrete Resultate daraus in den Wirtschaftswachstumszahlen sichtbar sind? Dass die nächste Regierung in Rom deutlich weniger kooperativ sein wird als Monti?

Die heutige Konstellation in Europa – die fragilen politischen Verhältnisse in einem Land wie Italien sowie die latente Instabilität an den Finanzmärkten – kann jederzeit ausser Kontrolle geraten. Das darf nie vergessen werden.

Frau Merkel ist auf Kollisionskurs. Sie sollte ausweichen. Auch wenn sie dann für kurze Zeit das Chicken ist.