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Never Mind the Markets

Artikel-Schlagworte: „China“

«Einige Tiere sind gleicher»

Markus Diem Meier am Mittwoch den 13. März 2013
Investitionen ohne Ende: Ein chinesischer Wanderarbeiter auf einer Baustelle in Qingdao. (Keystone)

Investitionen ohne Ende: Ein chinesischer Wanderarbeiter auf einer Baustelle in Qingdao. (Keystone)

Chinas Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist atemberaubend. Und dennoch finden sich nicht nur in der Regierungsform Parallelen zur alten Sowjetunion.

Mit diesem Beitrag spinne ich den Faden weiter, den Mark Dittli in seinem Beitrag zu den Überlegungen von Michael Pettis und Tobias Straumann zum Wachstum in China aufgenommen hat.

Die Parallele von China zur Sowjetunion zeigt sich in der Wahrnehmung der Wachstumsraten und Wachstumsaussichten der beiden Länder. Da wir den Ausgang der Geschichte kennen, können wir uns heute kaum mehr vorstellen, dass das ökonomische Potenzial der Sowjetunion einst massiv überschätzt wurde. Heute wissen wir viel über die wirtschaftliche Ineffizienz des Sowjetsystems. Aber in den 50-er und 60-er Jahren war die Auffassung weit verbreitet, das kommunistische Reich sei drauf und dran, die USA an Reichtum zu überholen – selbst Präsident Kennedy soll das geglaubt haben.

Zwischen den konkreten wirtschaftlichen Strategien der beiden kommunistischen Reiche gibt es natürlich viele Unterschiede. Doch die Gemeinsamkeit ist entscheidend für das Verständnis der weiteren Entwicklung Chinas und der Risiken dieser Entwicklung. Im von Mark Dittli zu Recht hoch gelobten Buch «The Great Rebalancing» geht Autor Michael Pettis auf die Fallstricke der chinesischen Entwicklung ein. Einen Überblick zum Thema liefert ausserdem ein Interview, das meine Kollegin Elisabeth Tester mit Pettis geführt hat. Eine von ihm im Buch zitierte Rede von Premierminister Wen Jiabao vom März 2007 bringt das Problem auf den Punkt:

Unsteady development means overheated investment as well as excessive credit supply and liquidity and surplus in foreign trade and international payments. Unbalanced development means uneven development between urban and rural areas, between different regions and between economic and social development. Uncoordinated development means that there is lack of proper balance between the primary, secondary and tertiary sectors and between investment and consumption. Economic growth is mainly driven by investment and export. Unsustainable development means that we have not done well in saving energy and resources and protecting the environment. All there are pressing problems facing us, which require long-term efforts to resolve.

Die chinesische Wirtschaft ist auf hohe Investitionen und einen ausserordentlich geringen Anteil des Konsums am Gesamtprodukt der Wirtschaft ausgerichtet. Daran hat sich seit der oben zitierten Rede von Wen Jiabao nichts geändert. Im Gegenteil: Wie Pettis schreibt, lag der Anteil des Konsums noch in den 80-er Jahren bei rund 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Bis 2010 ist er auf 34 Prozent geschrumpft. Ich habe die Entwicklung unten mit Hilfe der Fred-Datenbank des Federal Reserve von St. Louis dargestellt (rote Linie) und zum Vergleich auch die Konsumquote der USA und deren Entwicklung eingefügt (blaue Linie) :

Einem geringen Konsumanteil stehen bei gleichem BIP zwingend hohe Investitionen und/oder Nettoexporte gegenüber. Die Erklärung hat Mark Dittli bereits geliefert. Der geringe Konsumanteil in China war alles andere als eine zufällige Entwicklung. Die kommunistische Partei tat alles, um Investitionen zu fördern. Michael Pettis betont vor allem drei Mechanismen, mit denen Investitionen durch die Haushalte massiv subventioniert wurden:

  • Lohndruck: Die Löhne in China hielten nicht mit der Entwicklung der Produktivität mit. Durch sinkt der Anteil der Einkommen am Gesamtprodukt. Ein wichtiger Faktor für diesen Lohndruck war der stetige Zustrom neuer Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft und die Nichtgewährung elementarer Rechte für Beschäftigten.
  • Eine gezielte Unterbewertung der Währung Yuan: Die Haushalte wurden durch teurere Importe bzw. Importanteile belastet, während die Margen (in der Heimwährung) und die Verkaufsmengen der Exporteure dadurch zulegten.
  • Die finanzielle Repression: Die Zinsen für Depositen wurden durch staatliche Regulierung äusserst tief gehalten, während kaum alternative Sparmöglichkeiten bestehen. Damit konnten auch die Zinsen für Ausleihungen auf Kosten der Depositen tief gehalten werden.

Wie Pettis deutlich macht, hat überdies auch die Vernachlässigung der Umwelt und der Abbau bestehender sozialer Netze diesen Umverteilungseffekt zu Lasten der Haushalte.

Mit der Subventionierung der Investitionen durch die Haushalte zeigt sich die Parallele zur einstigen Sowjetunion. Aber nicht nur zu ihr: Diese Konsum-«Besteuerung» kennzeichnet generell eine Aufholstrategie aufstrebender Volkswirtschaften. Schon die (neo-)klassische Wachstumstheorie von Robert Solow beschreibt den Mechanismus, aber auch die Grenzen dieses Vorgehens: Mit den Investitionen steigt das eingesetzte Kapital pro Beschäftigtem, was anfänglich – bei wenig Kapital – hohe Wachstumsraten zur Folge hat. Etwas plastischer drückt das Michael Pettis so aus:

After all, when capital stock per person ist almost nonexistent, almost any increase in capital stock is likely to drive worker productivity higher. When you have no roads, even a simple dirt road will sharply increase the value of local labour.

Doch die Produktivitäts- bzw. Wachstumszunahme wird allein mit einer wachsenden Kapitalmenge pro Beschäftigten immer geringer: Langfristig kann Wachstum schiesslich mit einer steigenden Kapitalmenge nicht generiert werden, nur mit technischem Fortschritt, das heisst mit Innovationen. Und dafür sind andere Voraussetzungen notwendig als die Subventionierung von Investitionen, das heisst Kapitalbildung.

Dass diese Investitionsstrategie letztlich das Wachstum einbrechen lässt, ist aber noch nicht einmal das einzige Problem:

  • Je länger der Investitionsboom anhält, desto stärker steigt die Wahrscheinlichkeit, dass unproduktive bzw. Fehlinvestitionen getätigt werden und dadurch die Verschuldung steigt.
  • Weil die Obrigkeiten in den Investitionsprozess eingreifen (dessen Subventionierung sie erst ermöglichen), drohen Projekte verwirklicht zu werden, hinter denen einflussreiche Interessen stehen und nicht unbedingt eine gesellschaftliche oder ökonomische Logik.
  • Fehlinvestitionen und die Zuteilung von Krediten durch politische Instanzen haben zur Folge, dass die Banken auf immer mehr faulen Krediten sitzen.

Der erzwungenermassen sehr tief gehaltene Konsumanteil von Chinas Haushalten am Gesamtprodukt hat schliesslich nicht nur einen starken Investitionsboom am Leben erhalten. Die Ersparnisse (definiert als BIP abzüglich den Konsum) waren so gross, dass die Investitionen nicht ausreichten, um sie zu absorbieren.

Ohne hohe und steigende Exportüberschüsse wäre daher das Wachstum trotz der gewaltigen Investitionen dennoch eingebrochen, mit allen negativen Konsequenzen für die Beschäftigung. Kein Wunder hat China durch massive Käufe von US-Staatsanleihen einem Anstieg der eigenen Währung gegenüber dem Dollar entgegen gewirkt – wie meine Kollegin Tina Haldner zeigt, sind als Folge davon die Chinesen heute die grössten Gläubiger der US-Regierung.

Die Bedeutung der Exporte für die chinesische Wirtschaft hat aber auch zur Konsequenz, dass das chinesische Wachstumsmodell von der Bereitschaft der übrigen Welt abhängt, Aussenhandelsdefizite mit China zu akzeptieren. Das geht auf Kosten des Wachstums in diesen Ländern. Die anhaltenden Spannungen mit den USA machen klar, dass die bisherige Strategie auch in Bezug auf den Aussenhandel nicht nachhaltig ist und sogar Konflikte provoziert.

Wie das Zitat von Premier Wen Jiabao zu Beginn dieses Beitrags zeigt, liegt die Schwierigkeit für eine Neuorientierung der chinesischen Wirtschaft nicht darin, dass die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen den Chinesen und ihrer Führung unbekannt wären. Das grösste Problem ist, dass die vorherrschenden Strukturen der Wirtschaft einen Umbau aus folgenden Gründen erschweren:

  • Ein Ende der Investitions-Subventionierung würde die Banken zwingen, ihre faulen Kredite (vergeben für Fehlinvestitionen) abzuschreiben, was ihre Existenz und damit auch die der Einlagen gefährden würde. Mit der anhaltenden Subventionierung über zu tiefe Depositenzinsen und eine hohe Zinsmarge können sie hoffen, sich über Gewinne  genügend zu rekapitalisieren, um solche Verluste tragen zu können.
  • Eine auf Investitionen und Exporte ausgerichtete Wirtschaft kann nicht im Handumdrehen in eine verwandelt werden, die sich vor allem auf den inländischen Konsum ausrichtet. Entwicklungen dahin finden zwar tatsächlich statt, wie etwa der von Tobias Straumann bereits erwähnte Lohnanstieg. Aber ein solcher Strukturwandel braucht Zeit und verläuft nicht reibungslos, vor allem aus dem folgenden Grund.
  • Die bisherige Wirtschaftsentwicklung hat nicht zufällig Gewinner in den obersten Führungsgremien. Allein im chinesischen Volkskongress sitzen laut der ebenfalls chinesischen «Hurun Global Rich List» 31 Delegierte mit einem Vermögen von mehr als einer Milliarde Dollar. In der so genannten «Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes» sitzen danach noch einmal 52 Dollar-Milliardäre. Diese Delegierten werden von der kommunistischen Partei bestimmt. In den kapitalistischen USA sitzt nicht ein Milliardär im Parlament des Landes. Die Gewinner der bisherigen Entwicklung werden nicht ohne weiteres bereit sein, auf ihre Pründen zu verzichten. Das gemahnt an die berühmte Fabel «Animal Farm» von George Orwell: Nach der Revolution der Tiere wurde dort der Leitsatz «alle Tiere sind gleich» von den neu herrschenden Schweinen abgeändert in «einige Tiere sind gleicher». Und sie haben ihre Macht weidlich zum eigenen Vorteil genutzt.

Die Strategie, auf Kosten der gewöhnlichen Haushalte die Investitionen zu befördern, hat China für längere Zeit historisch einmalige Wachstumsraten beschert. So stiegen absolut gesehen selbst die Konsumausgaben trotz dem Rückgang des Konsumanteils am noch stärker wachsenden Gesamtprodukt. Doch dieses Wachstum kann nicht nachhaltig sein, so wenig, wie das in der Sowjetunion einst möglich war. Wie der Wandel vonstatten geht und welche wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen er hat, ist noch völlig offen. Dass er stattfinden muss und wird, ist unausweichlich.

China stösst an die Decke

Tobias Straumann am Montag den 11. März 2013
Entwicklung im Rahmen: Mechanische Installation an einem Museum in Peking. (Bild: AFP)

Entwicklung im Rahmen: Mechanische Installation an einem Museum in Peking. (Bild: AFP)

Mit dem Abschluss des Machtwechsels in Peking ist auch die Debatte über die Zukunft Chinas wieder aufgeflammt. Wird die Wirtschaft weiterhin in diesem hohen Tempo wachsen, oder beginnt bald die Phase der Verlangsamung?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten diese Frage zu beantworten. Eine elegante Methode besteht darin, Chinas relative Wettbewerbsfähigkeit auf dem US-Markt zu beobachten. Der Vorteil dieser Herangehensweise ist, dass man sich nicht auf unscharfe Schätzungen des Bruttoinlandprodukts verlassen muss und die Manipulationen der chinesischen Behörden umgehen kann. Die US-Daten zur Entwicklung der Importe sind zuverlässig.

Das Ergebnis ist eindeutig. Die chinesischen Exporte haben nach einem stürmischen Wachstum die Decke erreicht. Besonders interessant ist der Vergleich zwischen China und Mexiko, weil die beiden Länder dieselben Produkte für den US-Markt herstellen, nämlich arbeitsintensive Industriegüter. Drei Phasen lassen sich unterscheiden, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: IMF, Finance and Development, March 2013).

Die erste Phase setzt 1994 mit dem Beginn des nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) zwischen Mexiko und den USA ein. Dank verbessertem Marktzutritt nehmen die mexikanischen Exporte schnell zu – von 2 auf 13 Prozent aller Importe der USA. Die chinesischen Exporte wachsen im Gleichschritt mit den mexikanischen.

Die zweite Phase beginnt 2001 mit dem Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation (WTO). Chinas Exporte in die USA nehmen sprunghaft zu, während Mexikos Exporte in die USA stagnieren.

Die dritte Phase umfasst die Zeit seit 2005. Seit jenem Jahr steigen Mexikos Exporte in die USA wieder zügig an, während der Anteil der chinesischen Güter an den amerikanischen Importen mit einer gewissen Verzögerung wieder gesunken ist.

Nach einem langjährigen Taucher haben die mexikanischen Exporteure offensichtlich wieder Boden gegenüber den chinesischen Konkurrenten gewonnen. Vergleicht man die realen Lohnkosten Chinas und Mexikos, sieht man einen enormen Druck zur Konvergenz. Zwischen 2003 und 2011 haben sich die chinesischen Löhne verfünffacht im Gegensatz zu den mexikanischen Löhnen, die seit zehn Jahren stagnieren.

Was lange Zeit bestritten wurde, ist nun also eingetreten: China ist genau gleich wie jedes andere Schwellenland – Grösse hin oder her. Wenn eine arme Volkswirtschaft in hohem Tempo wächst, steigen mit einer gewissen Verzögerung auch die Löhne an. Das bedeutet, dass das exportgetriebene Wachstumsmodell bereits vor einigen Jahren an seine Grenzen gestossen ist und das jährliche Wachstum dauerhaft unter zehn Prozent sinken wird.

Und nimmt man Japan als Vergleich, ist mit einem weiteren Schrumpfen des Exportanteils zu rechnen. Wie die erste Grafik oben zeigt, hatte Japan 1994 einen Anteil von mehr als 20 Prozent an allen US-Importen, seit 2009 sind es knapp zehn Prozent.

Der Westen braucht sich also vor dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas nicht zu fürchten. Es wiederholt sich, was wir schon mehrmals in der Wirtschaftsgeschichte beobachten konnten: Die neuen Wirtschaftsmächte unterliegen genau denselben Gravitationsgesetzen wie die alten.

Chinas Problem in einem Chart

Mark Dittli am Freitag den 15. Februar 2013
Chinas Bevölkerung wird älter: Ein Paar beim Tanz in Peking. (Bild: Keystone)

Chinas Bevölkerung wird älter: Ein Paar beim Tanz in Peking. (Bild: Keystone)

2012 war ein besonderes Jahr für China. Die Zahl der Einwohner im arbeitsfähigen Alter schrumpfte gemäss Daten des Nationalen Statistischen Amtes um 3,45 Millionen auf 937,27 Millionen. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass das Land einen Rückgang in der absoluten Grösse seiner Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter verzeichnet. Gemäss Annahmen des Statistischen Amtes wird die arbeitsfähige Bevölkerung von nun an auf absehbare Zeit langsam und stetig schrumpfen.

China durchlebt in diesen Jahren einen enorm wichtigen Wendepunkt in seiner demographischen Entwicklung, wie diese Grafik, erstellt von den Ökonomen der japanischen Bank Nomura, zeigt:

Die Grafik zeigt hundert Jahre demographische Entwicklung in China, davon haben rund sechzig Jahre bereits stattgefunden, und vierzig Jahre basieren auf Hochrechnungen aus der aktuellsten Bevölkerungsstudie der Vereinten Nationen. Die dicke, schwarze Kurve zeigt die Anzahl (in Millionen) der Chinesinnen und Chinesen im arbeitsfähigen Alter, definiert als zwischen 15 und 59 Jahren. Die dünne, schwarze Kurve zeigt die Anzahl der Kinder im Alter von bis zu 14 Jahren. Die perforierte Kurve schliesslich steht für die Anzahl der Einwohner im Alter von 60 und mehr.

Die Grafik zeigt, wie die Zahl der Chinesen im arbeitsfähigen Alter gegenwärtig den oberen Wendepunkt durchschreitet. Innerhalb der nächsten rund sechs Jahre kreuzen sich zudem die dünne und die perforierte Kurve, das heisst, in China werden erstmals mehr alte Menschen als Kinder leben.

Eindrücklich ist zu sehen, wie China nach der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 einen Babyboom erlebte, als die Zahl der Kinder binnen 25 Jahren von unter 200 auf gut 350 Millionen stieg. 1978 wurde die Ein-Kind-Politik beschlossen, und seither schrumpft die Zahl der Kinder im Land stetig.

Was bedeutet nun das alles?

Der in Peking lehrende amerikanische Ökonom Michael Pettis (Anmerkung: er hat dieser Tage ein sehr lesenswertes Buch mit dem Titel Great Rebalancing: Trade, Conflict and the Perilous Road ahead for the World Economy publiziert, das das Thema der Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft angeht; Pettis ist regelmässiger Leitartikel-Autor in der FuW - hier der Link zu seinem letzten Kommentar) geht davon aus, dass die arbeitsfähige Bevölkerung von nun an mit einer Rate von gegen ein Prozent pro Jahr schrumpfen wird. Das Verhältnis von arbeitender zu nicht arbeitender Bevölkerung wird sich dabei – in der Grafik ebenfalls schön zu sehen – massiv verändern. Stehen heute von 100 Einwohnern Chinas rund 70 im arbeitsfähigen Alter, werden es im Jahr 2050 nur noch etwa 55 sein.

Die im Babyboom zwischen 1950 und 1975 geborenen Kinder stiessen in den Achtziger- und Neunzigerjahren zur arbeitenden Bevölkerung und liessen deren Zahl rasant steigen – in der Grafik ist diese Phase mit dem Begriff «Demographic Bonus» überschrieben. Pettis mutmasst, dass bis zu dreissig Prozent des während dieser Periode verzeichneten Wachstums in der chinesischen Volkswirtschaft auf diesen Bonus zurückzuführen ist.

Dieser Effekt ist jetzt vorbei, und von nun an ist von einem «Demographic Onus» (in diesem Kontext am besten mit «Verpflichtung» oder «Last» zu übersetzen) die Rede, der unter gleichen Umständen das künftige Wirtschaftswachstum hemmen wird – es sei denn, freilich, China kann die demographisch bedingte Einbusse in seinem Wirtschaftswachstum künftig mit einer deutlichen Ausweitung der Arbeitsproduktivität kompensieren.

Was diesen letzteren Punkt betrifft, hat der Internationale Währungsfonds kürzlich eine spannende Studie publiziert, die der Frage nachgeht, ob China den sogenannten Lewis Turning Point bereits überschritten hat. Wer mehr dazu erfahren will: Hier eine umfassendere Analyse meines Redaktionskollegen Alexander Trentin.

Noch nie in der jüngeren Weltgeschichte hat eine derart grosse Volkswirtschaft in einem derart frühen Entwicklungsstadium einen derart tiefgreifenden demographischen Wandel durchlebt. China wird alt, bevor es reich ist.

Anmerkung in eigener Sache: Der Bundesrat hat am Mittwoch auf Antrag der Schweizerischen Nationalbank den antizyklischen Puffer aktiviert, um der Überhitzung am Immobilienmarkt zu begegnen. Wir hatten das Thema in diesem Blogbeitrag bereits im Januar behandelt. Ich halte den Schritt der SNB für richtig. Wer sich vertiefter dafür interessiert, hier mein Kommentar dazu.

Zweite Anmerkung in eigener Sache: Regelmässige Besucher dieses Blogs erinnern sich, dass uns das Thema «Too Big to Fail» der Grossbanken am Herzen liegt. Die beiden Ökonomen Martin Hellwig und Anat Admati haben ein äusserst lesenswertes Buch dazu mit dem Titel «The Bankers’ New Clothes» publiziert. Mein Redaktionskollege in New York, Christoph Gisiger, hat die beiden zu einem Gespräch getroffen. Hier finden Sie das Interview in voller Länge. Sehr lesenswert. Admati und Hellwig rechnen schonungslos mit den Grossbanken und dem aktuellen Aufsichtsregime ab.

Eine kuriose Rangliste

Tobias Straumann am Montag den 21. Januar 2013
So viel zur ökonomischen Freiheit: Bewohner eines Wohnkäfigs in Hongkong. (Bild: Reuters)

So viel zur ökonomischen Freiheit: Bewohner eines Wohnkäfigs in Hongkong. (Bild: Reuters)

Vor kurzem hat die amerikanische Denkfabrik Heritage Foundation ihren neusten «Index of Economic Freedom» publiziert. Wie immer hat Hongkong gewonnen, gefolgt von Singapur. Für nächstes Jahr ist mit demselben Ergebnis zu rechnen.

Wer geglaubt hat, man würde sich in Hongkong über die erneute Auszeichnung freuen, sah sich allerdings getäuscht. Der Index löste vielmehr Schulterzucken aus. Denn wer nur ein paar Monate in Hongkong gelebt hat, merkt schnell, dass die ökonomische Freiheit nur im internationalen Sektor gilt. Der Binnenmarkt ist hingegen alles andere als offen und frei.

Am auffälligsten ist das Fehlen von ökonomischer Freiheit im Immobiliensektor. Der grösste Teil des Baulandes befindet sich in den Händen des Staates, der durch Verknappung des Wohnangebots die Preise hochhält, um die Steuersätze niedrig zu halten. Das Ergebnis ist, dass die Wohnverhältnisse kaum enger sein könnten. In der Presse erscheinen immer wieder Artikel von Familien, die in Wohnkäfigen wohnen.

Auch die Bauwirtschaft ist nicht dem freien Wettbewrb unterworfen. Es sind ein paar wenige Firmen, die den Kuchen untereinander aufteilen und dafür sorgen, dass die Preise hoch bleiben. Damit sichern sie sich eine kontinuierliche Monopolrente. Fast alle Hongkonger Tycoons haben ihr Vermögen dank ihres privilegierten Zugangs zu den Staatsaufträgen im Immobiliensektor gemacht.

Es geht noch weiter. Einige wenige Unternehmen haben die Kontrolle über die grossen Lebensmittelläden, das Bussystem, den Schiffstransport, die Hafenrechte und die Kioskketten. Auch hier spielen staatliche Lizenzen eine entscheidende Rolle. Nur der Telekombereich ist dereguliert. Prompt haben einige Tycoons in diesem Geschäft grosse Verluste gemacht. Sie sind es sich nicht gewohnt, im freien Markt erfolgreiche Strategien zu entwickeln. Der Journalist Joe Studwell hat den Aufstieg der politischen Unternehmer in Hongkong und Südostasien in seinem faszinierenden Buch «Asian Godfathers» treffend beschrieben.

Als die Heritage Foundation letzte Woche den neusten Index in Hongkong präsentierte, hat ein liberal gesinnter Journalist der South China Morning Post auf die Ungereimtheiten aufmerksam gemacht. Die Antwort lautete, man könne diesen Aspekt «aus Mangel an komparativen Daten» nicht berücksichtigen. Immerhin eine ehrliche Antwort, aber auch eine, die einem dazu veranlasst, den Index aus Mangel an Objektivität nicht zu berücksichtigen.

Liebe Leserinnen und Leser, Wir haben zurzeit technische Probleme. Wir werden diese so schnell wie möglich lösen. Die Redaktion.

Prinzlinge, Opportunisten und Hardliner

Tobias Straumann am Montag den 19. November 2012

Stramme Parteisoldaten: Die neuen Mitglieder des Politbüros der Kommunistischen Partei haben die Haare frisch gefärbt und sich in Stellung gebracht. Bild: Keystone.

Endlich ist es vollzogen: Xi Jinping ist offiziell zum Chef der Kommunistischen Partei Chinas gewählt worden. Er steht dem siebenköpfigen Ständigen Ausschuss des Politbüros vor und wird nächsten März zum Staatspräsidenten gewählt. Habemus papam!

Da und dort wird nun die Erwartung geäussert, die neue Führung werde frischen Wind in Staat und Partei bringen. China habe so viele Probleme zu lösen, dass der Moment für Reformen gekommen sei. Xi Jinping sei zudem viel lockerer im Auftritt als sein Vorgänger Hu Jintao. Es sei ihm zuzutrauen, dass er einen pragmatischen Kurs einschlagen werde, sowohl was die wirtschaftlichen als auch die politischen Reformen anbelangt.

Der neue Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas:

Der neue Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas: Xi Jinping unter einem McDonald's-Logo. (Keystone)

Niemand weiss, wie sich China in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln wird. Aus dieser Perspektive hat jede Prognose dieselbe Chance auf Erfolg. Aber die Erwartung, dass die neue Führung Wirtschaft und Politik öffnen und reformieren werde, scheint mir unrealistisch. Da ist einmal mehr der Wunsch Vater des Gedankens.

Man braucht nur die Zusammensetzung des Ständigen Ausschusses des Politbüros etwas genauer zu studieren, um zu sehen, dass die konservative Fraktion nach wie vor alle Schalthebel der Macht kontrolliert.

  1. Vier der sieben Mitglieder haben Väter, die in der maoistischen Zeit eine führende Rolle spielten. Der Trend zur Dynastiebildung ist unübersehbar, d. h. der Machtzirkel wird zunehmend kleiner. Quereinsteiger und Aussenseiter mit neuen Ideen haben keine Chance.
  2. Fast alle Mitglieder sind eng mit Jiang Zemin verbunden. Der 86-Jährige hat zwar keine offizielle Funktion mehr, aber scheint nach wie vor die Strippen zu ziehen, wenn es um die Besetzung von wichtigen Ämtern geht. Jiang ist alles andere als ein politischer Reformer, sondern ganz auf der Linie von Deng Xiaoping: alles für das Volk, aber nichts mit dem Volk.
  3. Alle Mitglieder haben sich entweder durch besonders hartes Durchgreifen oder durch grossen Opportunismus für die höchsten Ämter empfohlen. Der grösste Opportunist ist zweifellos der Chef selbst, Xi Jinping. Deswegen weiss man auch kaum etwas über ihn. Besonders konservativ ist Zahng Dejang, engster Verbündeter von Jiang Zemin, der in Nordkorea studiert hat und enge Beziehungen zur herrschenden Kim-Familie unterhält.

Manche denken vielleicht an die Sowjetunion, die Mitte der 1980er-Jahren unerwartet einen Reformer aus ihren Reihen rekrutierte: Michail Gorbatschow. Mag sein, doch man sollte nie vergessen, dass nach Leonid Breschnews Tod 1982 zuerst einmal zwei alte Kameraden an die Macht kamen, bevor man endlich die nächste Generation berücksichtigte: Juri Andropow, der nach kurzer Zeit unerklärlicherweise starb, und Konstantin Tschernenko, von dem es kaum Bilder gibt, weil er schon bei der Amtseinsetzung todkrank war. Mit anderen Worten: Auch in der Sowjetunion versuchte die Partei mit allen Mitteln, möglichst lange an der alten Herrschaft festzuhalten, bis es nicht mehr ging. China ist (noch) nicht an diesem Punkt.

Einparteienregime neigen nun mal zu Korruption, Erstarrung und oligarchischem Machtgehaben. Die Vorstellung, dass in Beijing nur aufgeklärte und besonders fähige Herrscher ans Ruder kommen, wie man dies unlängst in der «Financial Times» lesen konnte, widerspricht jeder historischen Erfahrung.

Warum gibt es so viele Chinesen?

Tobias Straumann am Montag den 5. November 2012
Never Mind The Markets

Studenten des Changzhi College während einer Vorlesung in chinesischer Geschichte (14. Oktober 2008). Bild: Reuters

Chinas Einkommen pro Kopf ist immer noch bescheiden im Vergleich zu den westlichen Ländern. Aber weil die Bevölkerungszahl so gross ist, hat die Wahl des neuen Politbüros eine grössere Bedeutung als die US-Wahlen. Obama und Romney mögen zwar sehr unterschiedliche Vorstellungen zur Wirtschaftspolitik haben, aber die Frage, wie die neue Führung in Peking in Zukunft Wachstum und Stabilität erreichen möchte, überragt alles, was sich im Westen abspielt.

Wer sich für China interessiert, kommt deshalb nicht umhin, sich mit der Demografie des Landes zu beschäftigen. Immer wieder fragt man sich, wie es möglich ist, dass auf so engem Raum so viele Menschen leben können. Wie konnte es soweit kommen?

Das überdurchschnittliche Bevölkerungswachstum hat zum einen mit der natürlichen Ausstattung des Landes zu tun. Gebiete, die über Jahrhunderte Reis anbauten, erzielten eine höhere landwirtschaftliche Produktivität als Weizengebiete. Der Ertrag pro Hektar war in China im 17. und 18. Jahrhundert deutlich höher als in Europa, wie neue Forschungen zeigen (z.B. hier).

Ebenso wichtig aber war etwas ganz anderes, das auf den ersten Blick überhaupt nichts mit China zu tun hat: die Eroberung Amerikas durch die Spanier. Die Spanier entdeckten im 16. Jahrhundert in Mittelamerika eine ausgesprochen nahrhafte Nutzpflanze und verbreiteten diese über die Philippinen in ganz Asien: die Süsskartoffel. Sie erlaubte der chinesischen Landwirtschaft, Gebiete zu erschliessen, die bisher zu unwirtlich waren, worauf die Bevölkerung im 18. Jahrhundert förmlich explodierte.

Wie die folgende Grafik zeigt, nahm die Bevölkerungszahl Chinas zwischen 1700 und 1800 von 138 auf 381 Millionen Menschen zu. Das ist ein absoluter Rekord für die vorindustrielle Zeit.

Aufgrund dieses aussergewöhnlichen Wachstums erreichte der Anteil Chinas an der Weltbevölkerung im Jahr 1800 den hohen Wert von 37 Prozent. Seither ist er wieder gesunken, wie die folgende Grafik zeigt.

Die Frage, warum es so viele Chinesinnen und Chinesen gibt, hat also eine denkbar einfache und kurze Antwort: Kolumbus.