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Artikel-Schlagworte: „Arbeitslosigkeit“

Die Tragik der Eurokrise in einem Chart

Mark Dittli am Freitag den 5. April 2013
Schlange vor einer Arbeitsvermittlung in Spanien. (Foto: AP/Andres Kudacki)

In der Eurozone sind die Unterschiede bezüglich Arbeitslosigkeit teilweise extrem: Schlange vor einem Arbeitsamt in Spanien. (Foto: AP/Andres Kudacki)

Sowohl in Deutschland wie auch in der gesamten Eurozone liegt die Arbeitslosenrate derzeit auf einem Rekordniveau. Bloss sind es zwei komplett divergierende Rekorde.

Die folgende Grafik zeigt das eindrücklich (Quelle: Eurostat via Société Générale):

In Deutschland (rote Kurve) beträgt die Arbeitslosenrate gemäss Eurostat aktuell 5,4 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit dem Start der Europäischen Währungsunion im Jahr 1999.

In der gesamten, 17 Länder umfassenden Eurozone (schwarze, perforierte Kurve) liegt sie derweil auf 12 Prozent. Das ist der höchste verzeichnete Wert seit dem Beginn der Währungsunion. Der guten Ordnung halber haben wir in der Grafik noch Frankreich, das zweite «Kernland» der Union, eingefügt (blaue Kurve): Mit 10,8 Prozent wird auch dort ein rekordhoher Wert verzeichnet.

In Spanien liegt die offiziell ausgewiesene Arbeitslosenrate übrigens auf 26,3 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit auf 55,7 Prozent. In Griechenland sind die Werte nahezu gleich, Portugal und Italien kämpfen derweil mit Jugendarbeitslosenraten von je 38 Prozent. Diese Länder sind nicht in einer Rezession, das ist eine Depression. Mein Kollege Markus Diem Meier hat in diesem Beitrag bereits über die «Ökonomie der Arbeitslosigkeit» geschrieben.

Es ist verständlich, dass aus deutscher respektive nordeuropäischer Sicht nicht wirklich von einer Eurokrise die Rede sein kann und das Problem in erster Linie in der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit der Südländer liegt. Die Tragik der Eurokrise liegt aber eben genau darin, dass sich zwei komplett unterschiedliche Wirtschaftsregionen in eine Ehe mit dem Korsett der gemeinsamen Währung begeben haben.

It takes two to tango; Deutschland hat in den ersten Jahren der Währungsunion enorm von der lockeren Geldp0litik der EZB profitiert (in diesem Blogbeitrag mehr zu diesem Dirty Little Secret der Eurozone). Auf sich allein gestellt müsste das Land heute mit einer deutlich härteren Währung leben. Und innerhalb der Eurozone erwirtschaftet Deutschland immer noch Leistungsbilanzüberschüsse in Höhe von rund 20 Milliarden Euro pro Quartal: das ist per Definition nur möglich, weil nach wie vor eine Reihe anderer Partnerländer in der Union bereit respektive gezwungen sind, mit Leistungsbilanzdefiziten zu arbeiten (weshalb hohe Sparquoten und Exportüberschüsse keine Tugend sind, lesen Sie in diesem Blogbeitrag).

Die rekordniedrigen Arbeitslosenraten in Deutschland bedingen also zu einem Teil die rekordhohen Arbeitslosenraten in anderen Euroländern. Und vice versa.

Das Ventil, um diese Ungleichgewichte auszugleichen, wäre natürlich der freie Personenverkehr innerhalb der Union. Arbeitslose Spanier, Italiener oder Griechen könnten – sollten – in Deutschland, Finnland oder Österreich Arbeit suchen. Bloss: Gegenwärtig sind in den 17 Mitgliedsländern gemäss Eurostat 19,1 Millionen arbeitsfähige und -willige Menschen ohne Arbeit. Davon 3,6 Millionen Jugendliche unter 25 Jahren. Ist Nordeuropa für diesen Ansturm bereit?

Zum Wochenende noch einige Linkverweise:

  • Italien ist politisch bald im doppelten Sinn führungslos: Die Amtszeit von Staatspräsident Giorgio Napolitano endet am 15. Mai. Mein Redaktionskollege Tommaso Manzin stellt in diesem Beitrag die aussichtsreichsten Anwärterinnen und Anwärter auf dieses für Italien wichtige Amt vor.
  • Weshalb Zypern einmal mehr die Notwendigkeit einer Bankenunion für die Eurozone beweist: hier mein Kommentar zu diesem kleinen grossen Problem Europas.
  • Vielleicht haben Sie schon von der Web-Währung Bitcoin gehört, deren Wert gegenwärtig parabolisch steigt: Hier eine faszinierende Abhandlung zum Thema, geschrieben vom Reuters-Blogger Felix Salmon.
  • Und hier noch der Chart des Tages im Momentum-Blog der FuW: Der wahre Treibstoff hinter der Aktienrally.

Die Ökonomie der Arbeitslosigkeit

Markus Diem Meier am Mittwoch den 3. April 2013
Italienische Studenten demonstrieren in Rom gegen Arbeitslosigkeit. (Foto: AP/Volker Hartmann)

Welche Bedeutung für die Arbeitslosigkeit hat die eingebrochene Gesamtnachfrage? Im Bild: Italienische Studenten demonstrieren in Rom gegen Arbeitslosigkeit. (Foto: AP/Volker Hartmann)

Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit bleibt das grösste wirtschaftliche Drama der Industriestaaten. Die Rezepte der Ökonomen sind klar, doch sie entsprechen nicht unbedingt dem gängigen Wirtschaftswissen.

Die jüngsten Zahlen von Eurostat zur Lage in Europa zeigen eine weitere Verschlechterung der Lage. In der Eurozone ist die Arbeitslosigkeit im Januar auf 12 Prozent nach oben revidiert worden, immerhin ist sie danach im Februar nicht weiter angestiegen. In der Gesamt-EU ist sie auf 10,9 Prozent angestiegen, im Januar lag sie noch bei 10,8 Prozent. In absoluten Zahlen sind das aktuell 26,3 Millionen Arbeitslose. Hier die Entwicklung der letzten Jahre, Quelle ist Eurostat:

Und das Drama beschränkt sich nicht auf die Eurozone. Folgendes konstatiert der Internationale Währungsfonds (IWF) zur Arbeitslosigkeit in den entwickelten Ländern insgesamt:

«Between 2007 and 2010, the unemployment rate in advanced economies increased from 5.4 percent to 8.3 percent, and by the end of 2012 it had declined to only 8.0 percent. Assessing how much of this increase is cyclical and how much is structural is central to the design of policies, both on the demand side and on the supply side.»

Damit bringt der Fonds nicht nur die Dramatik auf den Punkt, sondern auch gleich noch die entscheidende Frage für die Analyse: Welche Bedeutung für die Arbeitslosigkeit haben die eingebrochene Gesamtnachfrage und damit zyklische Faktoren und welche Bedeutung haben strukturelle Faktoren, wie Behinderungen auf den Produkt- und Arbeitsmärkten, die die Schaffung neuer Stellen und den Zugang von Jugendlichen und Arbeitslosen erschweren?

Dazu gibt es gleich zwei sehr spannende Texte, die hier heute Thema sein sollen: Einerseits ein Interview, das meine Kollegin Tina Haldner und ich mit dem in Zürich lehrenden Ökonomen Fabrizio Zilibotti geführt haben. Hauptthema dieses Interviews ist allerdings die Gefahr, die aktuell von Italien für die Eurozone ausgeht – allein schon ein sehr spannendes Thema. Hier interessieren aber Zilibottis Aussagen zum Thema Arbeitslosigkeit, die durch die italienische Erfahrung geprägt sind. Der zweite Text ist eine neue Studie des IWF, aus der auch das obige Zitat stammt. Die IWF-Autoren, darunter Chefökonom Olivier Blanchard, stellen einerseits die wichtigsten Erkenntnisse aus der umfassenden Fachliteratur zur Arbeitslosigkeit zusammen, anderseits fassen sie die Politik des Fonds zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zusammen und begründen diese.

Im folgenden die wichtigsten Erkenntnisse aus den beiden Texten:

  • Die Ursache für den dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit ist klar die eingebrochene Nachfrage. So heisst es in der IWF-Studie:

«The IMF has taken the view that high unemployment was and remains largely cyclical, that in most countries there is still a substantial unemployment gap, and that policies that sustain aggregate demand are still of the essence.»

  • Daraus folgt auch, dass das grösste Gewicht auf einer Politik bleiben muss, die wieder für Nachfrage sorgt. Dazu die IWF-Autoren:

«Given the assessment that much of the increase in unemployment is cyclical, IMF advice has been to maintain aggregate demand to the extent possible and to share the pain of lower demand through extension of unemployment insurance benefits. In countries that need to improve competitiveness, but also want to belong to a currency union or maintain a currency peg, the choices have been more difficult.»

  • Wie der IWF hier antönt, sind hier die Möglichkeiten einer die Nachfrage stimulierenden Politik für die Krisenländer der Eurozone besonders eingeschränkt: Von der Fiskalpolitik (Nachfrage über das staatliche Budget) ist angesichts der hohen Verschuldung nicht mehr viel möglich.

«Further fiscal expansion would have made the debt unsustainable, leading eventually to sovereign default. The IMF emphasized that, while needed, consolidation would have adverse effects on demand, especially in a context of simultaneous deleveraging in many sectors (household, financial, government) and many countries. Hence, the fiscal consolidation should proceed gradually where financing conditions permitted, relying on credible and detailed medium-term consolidation plans to anchor expectations. The effects of consolidation should be offset as much as possible by other measures to sustain growth, from unconventional monetary policy to improvements of financial intermediation to, in some cases, an improvement in the trade balance. This still appears to be the only path to recovery.»

  • Ein weiterer Anstieg der Staatsausgaben würde die Gefahr eines Staatsbankrotts erhöhen, weitere Sparmassnahmen verschlimmern umgekehrt aber die Lage, weil auch die anderen Treiber einer möglichen Nachfrage auf die Sparbremse treten: der Finanzsektor, die Unternehmen und die privaten Haushalte. Nötig ist daher ein glaubwürdiger mittelfristiger Sparplan ohne zu starke Bremsmassnahmen im Augenblick. Eine echte Linderung kann nur von einer Auslandsnachfrage kommen bzw. durch die Geldpolitik – womit die Europäische Zentralbank angesprochen ist. Die IWF-Ökonomen fordern insbesondere eine höhere Inflation in den nördlichen Ländern:

«By definition, reversing the competitiveness gap in the euro area implies accepting higher inflation in the North of the currency union than in the South. For example, to meet the 2 percent inflation target at the euro area level, inflation must be lower than the target in the South and higher than the target in the North. Thus, if it wants the South to adjust, the North must accept more inflation, a point that has been emphasized by the IMF but has not been always fully understood.»

Der übliche Ausweg von Ländern in der Krise ist eine Abwertung der Währung, das verschafft Nachfrage über die Exporte. Doch eine solche Abwertung ist in einer Währungsunion unmöglich. Bleibt nur noch, das Preisniveau und damit die Löhne relativ zu den Ländern mit tieferen Kosten zu senken (zu absoluten Lohnsenkungen weiter unten mehr). Das ist weit einfacher zu erreichen, wenn die Preise in den Krisenländern weniger stark steigen als in den nördlichen Ländern. Momentan profitieren die nördlichen Länder von der Eurokrise, weil für sie der Euro unterbewertet ist, im Gegegensatz zu den Ländern des Südens, für die der Euro überbewertet ist. Eine leicht höhere Teuerung im Norden würde hier einen gewissen Ausgleich schaffen. Keine Frage, dieser Ratschlag des Fonds stösst im Norden nicht auf Begeisterung. Mehr dazu, wie die Lage der Südländer durch die wirtschaftliche Orientierung insbesondere Deutschlands erschwert wird in diesem Beitrag von Mark Dittli.

  • Je länger allerdings die Krise und mit ihr die Arbeitslosigkeit anhält, desto mehr besteht die Gefahr, dass die ursprünglich konjunkturelle zu einer strukturellen Arbeitslosigkeit wird: Weil die Beschäftigten wichtige Qualifikationen verlieren. Selbst wenn die Nachfrage wieder kommt, fehlt diesen Leuten dann die nötige Befähigung für die nachgefragten Jobs. Man spricht hier vom «Hysterese-Effekt». Wie die IWF-Ökonomen schreiben und in der Studie schlüssig begründen, ist davon bisher allerdings noch wenig zu sehen. Die Arbeitslosigkeit geht in ihrem Umfang nach wie vor auf eine fehlende Nachfrage zurück.
  • Dennoch spielen strukturelle Faktoren eine grosse Rolle – vor allem für die dramatisch hohe Jugendarbeitslosigkeit, die im Euroraum mit 23,9 Prozent rund doppelt so hoch ist wie die Arbeitslosigkeit insgesamt. Besonders hoch sind die Quoten nach wie vor in Spanien (55,7 Prozent) und in Griechenland (58,4 Prozent). In Italien Quote der Jugendarbeitslosen mit 37,8% sogar mehr als dreimal so hoch, wie bei der allgemeinen Arbeitslosenquote (11,6 Prozent). Professor Zilibotti ortet als wichtigen Grund dafür die Struktur des Ausbildungssystems:

«Die hohe Jugendarbeitslosigkeit geht nicht zuletzt auf eine mangelhafte Ausbildungsstruktur zurück. Für die Regierung zum Beispiel in Italien stand die Förderung einer Berufsausbildung nie im Fokus. Viele gehen an die Universität, aber dadurch ist auch die Ausfallquote sehr hoch, was wiederum zu hoher Arbeitslosigkeit führt. Zudem ist ein Universitätsabschluss weniger wert. Das Modell, das Deutschland oder die Schweiz kennen, sollte ein Vorbild sein. Dabei denke ich an die Lehre oder andere nichtakademische Ausbildungen.»

Wie steht es mit anderen oft genannten strukturellen Hemmfaktoren auf den Arbeitsmärkten wie Mindestlöhne, zu hohe Löhne, Regeln des Kündigungsschutzes oder mächtige Gewerkschaften? Während gemäss gängigem Wirtschaftswissen alle vier Faktoren immer wieder als Grund für eine höhere Arbeitslosigkeit genannt werden – etwa weil sie die Flexibiliät auf den Arbeitsmärkten behindern – fällt das Urteil der Forschung nicht eindeutig aus, wie der Überblick über die ökonomische Forschung durch den IWF klar macht (in der Studie werden auch weitere Argumente untersucht):

  • Zum Mindestlohn:

«The empirical evidence suggests that, within a range, the effect on employment is small. One potential interpretation is that, without a minimum wage, firms may be in a strong bargaining position and pay workers less than their marginal product; in this case, a wage floor may remove some of the firm‘s rents but still make it profitable for the firm to employ the workers.»

Mindestlöhne (wenn sie nicht zu hoch angesetzt sind) haben nur einen geringen Effekt auf die Arbeitslosigkeit. Der vom IWF genannte Grund: In einigen Fällen ist die Marktmacht der Unternehmen gegenüber den Beschäftigten so hoch, dass sie zu tiefe Löhne im Verhältnis zu deren Leistungsfähigkeit zahlen. Höhere erzwungene Löhne machen dann die Beschäftigung auch für Unternehmen weiterhin profitabel.

  • Könnten tiefere Löhne die Arbeitslosigkeit senken? Die Hervorhebung im folgenden Zitat ist von mir.

«…not all macroeconomic shocks require an adjustment of wages… In some cases, decreases in wages may even have perverse effects. To take an example that is very relevant today, wage deflation can make things worse when the economy is in a liquidity trap: Higher deflation, combined with a zero nominal interest rate, implies a higher real interest rate and thus lower demand, lower output, and higher unemployment.»

Hier das wichtige Argument etwas detaillierter: Wie sollen tiefere Löhne überhaupt positiv wirken? Indem sie zu tieferen Preisen führen. Das hat den gleichen Effekt wie eine Ausdehnung der (nominalen) Geldmenge durch die Notenbank bei stabilen Preisen. In beiden Fällen steigt die reale Geldmenge – bei tieferen Preisen erhält das vorhandene Geld einfach mehr Kaufkraft. Eine höhere reale Geldmenge sorgt gewöhnlich für tiefere Zinsen, was der Nachfrage (zum Beispiel nach Investitionen) Schub verleiht. Soweit die Standardtheorie. Doch in der Liquiditätsfalle können die Zinsen nicht weiter sinken und der Privatsektor bleibt auf dem Geld sitzen. Der positive Nachfrage-Effekt bleibt aus. Noch schlimmer: Wenn die Privaten – wie jetzt – stark verschuldet sind, sinkt die Tragbarkeit der Schulden und die Realzinsen (die kaufkraftbereinigten Zinsen) steigen bei tieferen Preisen an. Unter den aktuellen Umständen verschlechtert sich also durch sinkende Löhne die wirtschaftliche Lage.

  • Und wie steht es mit dem Kündigungsschutz?

Stabile Arbeitsverhältnisse sind von Bedeutung, weil zu grosse Umwälzungen in der Beschäftigung unternehmensspezifisches Wissen zerstört und weil Unternehmen nur in Arbeitskräfte investieren, die sich als treu erweisen. Doch ein starrer Kündigungsschutz verhindert den Strukturwandel von wenig produktiven zu produktiveren Beschäftigungen. Ausserdem führt er zu einer Zweiteilung des Arbeitsmarkts. Jugendliche und Arbeitslose finden kaum mehr Zugang zu stabilen Arbeitsverhältnissen mit Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn Unternehmen Beschäftigte kaum mehr loswerden können, sind sie sehr viel zurückhaltender, überhaupt welche fest einzustellen. Die folgende Grafik aus dem IWF-Bericht zeigt daher einen positiven Zusammenhang zwischen dem Schutz von Beschäftigungsverhältnissen und der Dauer der Arbeitslosigkeit.

Laut IWF (erstes Zitat unten) wie auch Professor Zilibotti (zweites Zitat) sollten nicht die Jobs geschützt werden, sondern die Beschäftigten. Vor allem die skandinavischen Länder werden hier immer wieder als Vorbilder genannt:

«To have micro flexibility, workers should be protected more through unemployment insurance rather than high employment protection».

«Es bräuchte eine effizientere Arbeitslosenversicherung, so dass nicht jede Entlassung zu einer Tragödie wird. So könnte man – statt eine bestimmte Arbeitsstelle – die Beschäftigten schützen.»

  • Kommen wir zu starken Gewerkschaften. Hier macht der IWF klar, dass alles davon abhängig sei, ob zwischen den Sozialpartnern ein Vertrauensverhältnis herrscht. Ist ein solches gegeben, kann die Macht der Interessenvertreter beider Seiten auf dem Arbeitsmarkt sich sehr günstig auf die Arbeitslosigkeit auswirken. Beide Seiten suchen dann eher gemeinsam Lösungen im Sinne der Gesamtwirtschaft und der Beschäftigten:

«One of the striking results of the cross-country evidence is the explanatory power of variables capturing the degree of trust between firms and workers… This suggests that the common denominator between successful countries is trust and that trusting partners can make widely differing combinations of institutions work well… More generally, there is evidence that civic attitudes matter for both the design and the functioning of labor market institutions. For example, they appear to determine how much some of the unemployed abuse the unemployment benefit system. And the greater the abuse, the more likely is protection to be provided through employment protection, which imposes a larger efficiency cost.»

Das Vertrauen zwischen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite ist hier Ergebnis einer gewachsenen Kultur. Woher sie kommt und wie sie geschaffen werden kann, schreibt auch der IWF nicht. Deshalb ist er hier besonders vorsichtig, einfache Gesetzmässigkeiten zu formulieren:

«One has to be especially careful when discussing reforms of collective bargaining structure. These institutions are deeply rooted in countries‘ history and underlying social norms.»

Die folgende Darstellung aus der IWF-Studie macht den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Vertrauen auch noch grafisch deutlich: Je höher die Vertrauensvariable, desto tiefer die Arbeitslosigkeit.

Am Beispiel von Italien, das in der Grafik beim Vertrauen nur noch von Frankreich unterboten wird, macht Professor Zilibotti klar, welche Folgen ein diesbezügliches Manko hat:

«Die Gewerkschaften sind historisch sehr stark und verteidigen die Position der Insider – derjenigen, die einen festen Job haben. Reformen, die auch Neueintretenden eine bessere Chance geben, stehen sie oft feindlich gegenüber.»

Die etwas gar lange gewordenen Ausführungen führen zu keinem allgemeingültigen Rezept gegen Arbeitlosigkeit, das zeitlos und unabhängig von den konkreten Umständen gültig ist. Und genau das ist die wichtigste Lehre der Ökonomie der Arbeitslosigkeit.

Am 2. April hat NMTM übrigens die Grenze von 20’000 veröffentlichten Kommentaren überschritten. Besten Dank für die Treue, liebe Kommentatorinnen und Kommentatoren!

Die wahre Katastrophe

Markus Diem Meier am Montag den 16. Juli 2012

Nach wie vor keine Besserung in Sicht. Bild: Keystone

Ob die Krise vorbei ist oder nicht, ob vielerorts bereits wieder eine Rezession herrscht – die Fragen sind müssig. Die grössten Volkswirtschaften der Welt haben sich seit dem Einbruch von 2008 gar nie erholt und jetzt droht alles noch schlimmer zu werden.

Nein, das Drama der anhaltenden Krise zeigt sich nicht an Börsenkursen, die vor allem Erwartungen und Enttäuschungen spiegeln. Es zeigt sich auch nicht daran, ob wir uns technisch gesehen in einer Rezession befinden.

Es zeigt sich an der Arbeitslosigkeit. Hier das, was die OECD in ihrem jüngsten «Employment Outlook» dazu schreibt:

The OECD-wide unemployment rate was 7.9% in May 2012, equivalent to around 48million people out of work – almost 15 million more than when the financial crisis began at the end of 2007. OECD economic projections from May 2012 indicate that job creation will continue to be weak in many OECD countries and that unemployment may remain around 8% in the OECD area at the end of 2013. The outlook is even more discouraging in the euro area, where unemployment is rising again and is projected to rise further before stabilising in 2013.

Wie die OECD schon schreibt: «The outlook is even more discouraging in the euro area» – für die Eurozone ist die Lage noch schlimmer. Das verdeutlicht ein gesonderter Bericht der UNO-Arbeitsorganisation ILO (PDF) besonders eindrücklich – hier eine ausgezeichnete Zusammenfassung meiner Kollegin Tina Haldner. Und hier aus den Schlussfolgerungen des Berichts:

Labour markets in the Eurozone have not yet recovered from the global crisis that hit the world economy in late 2008. Total employment remains 3.5 million lower than before the crisis. Most alarming, following a modest recovery in 2010 and 2011, employment has fallen since the start of 2012 in half of the Eurozone countries for which recent data are available. By April 2012, the Eurozone unemployment rate reached 11 per cent, representing 17.4 million jobseekers. Some countries have been hit more severely than others. Job losses were especially acute in southern Europe. (…) The quality of jobs has deteriorated as well, even in many of the relatively successful economies.

(…) If the current policy course does not change quickly, however, it is possible that a further 4.5 million jobs will be lost over the next four years. This would risk further feeding social unrest and eroding citizen’s confidence in national governments, the financial system and European institutions.

(…) At the beginning of 2012, around 31.5 per cent of the working-age population in the Eurozone were either unemployed or inactive – an increase of 1.5 percentage points from 2007. And 44 per cent of unemployed people had been without work for more than one year. Young people are increasingly at risk of a scarring first experience in the world of work, which could affect them for the rest of their life. In April 2012, the youth unemployment rate in the Eurozone was over 22 per cent. It exceeded 30 per cent in Italy, Portugal and Slovakia and was over 50 per cent in Greece and Spain.

Am Schlimmsten aber ist, dass die Politik die Lage noch verschlimmert. Sie lässt die Instrumente brach liegen, die helfen könnten: Geldpolitik über die Notenbanken und erst recht Fiskalpolitik über Staatsausgaben und Steuern haben trotz der Schwere der Lage einen schweren Stand. Das liegt erstens am dominierenden Dogma der Wirtschaftswissenschaften über die letzten 30 Jahre, in der Eurozone zweitens an einem komischen Verständnis der eigenen Geschichte und in den USA drittens an einer politischen Blockade. Hier nur kurz, was damit gemeint ist:

1. Konjunkturpolitik ist von gestern

Schwere Rezessionen beim Ökonomenmainstream der letzten rund 30 Jahre ohnehin als Relikt aus der Vergangenheit. Die Geldpolitik hatte bis vor der Krise nur einfachen Regeln mit eng beschränkten Zielsetzungen und Instrumenten (Inflation unter 2 Prozent und die Steuerung des Leitzinses) zu folgen. Das hätte reichen sollen. Jetzt reicht es nicht. Die Krise hat die dominierenden Überzeugungen der Zeit zuvor weitgehend zur Makulatur werden lassen (mehr zu diesem Thema hier).

2. Die Eurokrise als gerechte Strafe für die Sündigen

Europas Politiker können die Verschuldung der Peripherieländer und deren aktuelle Probleme fälschlicherweise vorwiegend als deren Sünde und als notwendige Sühne sehen (siehe hier oder hier), weshalb sie auf strikten Sparübungen in einer Krise beharren, die in einzelnen Ländern wie Spanien Depressions-Ausmasse erreicht. Der oben erwähnte ILO-Bericht ortet ebenfalls in den Austeritätsmassnahmen die Ursache für die Verschärfung der Jobkrise.

3. Politische Blockade in der US-Wirtschaftspolitik

In den USA wiederum sorgt ein tiefer politischer Graben dafür, dass keine Fiskalpakte geschnürt werden können. Dabei wären die Mittel – etwa für Investitionen in die marode Infrastruktur – trotz der hohen Staatsverschuldung billig zu haben. Das Land zahlt rekordtiefe Zinsen. Kommt hinzu, dass harte Sparmassnahmen die Verschuldung nicht zu senken vermögen, wie auch ökonomische Überlegungen zeigen. Und selbst in der Notenbank herrscht in den Worten ihres einstigen Mitglieds Alan Blinder ein «Bürgerkrieg». Die «Minutes» (PDF) – eine Art Protokoll der letzten Sitzung des leitenden Komittees des Fed (FOMC) unter der Leitung von Ben Bernanke zeugen davon:

Some participants judged that the unemployment rate was being substantially boosted by structural factors such as mismatches between the skills of unemployed workers and those required for available jobs, a view that would imply less slack in labor markets than suggested by a simple comparison of the current unemployment rate to participants’ estimates of its longer-run normal level.

(…) Some other participants acknowledged that structural factors were contributing to unemployment, but said that, in their view, slack remained high and weak aggregate demand was the major reason that the unemployment rate was still elevated.

Nicht nur diese Auseinandersetzung zeigt, dass niemand die hohe Arbeitslosigkeit leugnet. Doch als Argument gegen eine aktive Konjunkturpolitik wird ein ganz anderes Argument ins Feld geführt: Die Arbeitslosigkeit sei gar nicht konjunkturell bedingt, sondern strukturell. Was bedeutet das?

Fehlstrukturen der Arbeitsmärkte sind ein Problem…

Wäre die Arbeitslosigkeit einzig strukturell bedingt, nützen alle konjunkturellen Anschubmassnahmen nichts. Harte Sparmassnahmen in der Krise können dann auch schlecht verantwortlich sein für die starke Zunahme der Arbeitslosigkeit. Strukturelle Arbeitslosigkeit heisst, dass Leute arbeitslos sind, weil ihnen für die verfügbaren Jobs die nötige Ausbildung und Erfahrung fehlt. Eine strukturelle Arbeitslosigkeit ist meist das Ergebnis eines Strukturwandels – verbunden mit Regeln auf  den Arbeitsmärkten, die Anpassungen erschweren oder sogar verunmöglichen. Als Beispiel dafür gelten schwer kündbare Jobs (weshalb Unternehmer nach Möglichkeit keine festen Stellen schaffen), übermässig hohe Mindestlöhne und weitere oft staatliche Regelungen, die einzelne Jobs auf Kosten anderer besonders schützen. So werden neu in die Arbeitsmärkte Eintretende – wie Jugendliche – diskriminiert.

Die «Struktur-Story» seit der Krise lautet meistens etwa so: Einige Bereiche, wie etwa der Bausektor in den USA oder in Spanien, haben vor der Krise im Zuge des Immobilienbooms einen übertriebenen Ausbau erlebt, jetzt werden viel weniger dieser Leute gebraucht und sie sind nicht der Lage, bzw. werden durch die genannten Hürden auf den Arbeitsmärkten daran gehindert, rasch neue Beschäftigungen zu finden. In dieser Situation nützt es tatsächlich nichts, mit Ankurbelungsmassnahmen die Arbeitslosigkeit senken zu wollen. Hier sind Massnahmen zum Abbau der hinderlichen Regeln gefragt. Doch dieser Prozess dauert in der Regel lange, bis er Wirkung zeigt.

…aber ein Problem von (momentan) geringer Bedeutung

Keine Frage: Instititionelle Hindernisse auf den Arbeitsmärkten bestehen – weit mehr in Europa als in den USA. Viel spricht ausserdem auch dafür, dass die strukturelle Arbeitslosigkeit zugenommen hat. Aber das erklärt nur einen geringen Teil des starken Anstiegs der gesamten Arbeitslosigkeit. Er wird klar durch einen Einbruch der Gesamtnachfrage dominiert. Je länger die Arbeitslosigkeit allerdings hoch bleibt, desto mehr verwandelt sich konjunkturelle in strukturelle Arbeitslosigkeit. Denn die Arbeitslosen sind dann je länger, je weniger mental und fachlich in der Lage, wieder in die Berufswelt zurückzufinden. Ökonomen sprechen hier vom so genannten Hysterese-Effekt.

Für die Daten dazu ein kleiner Umweg über ein paar technische Begriffe:

Die strukturelle Arbeitslosigkeit bezeichnet man auch als «natürliche» Arbeitslosigkeit oder mit dem weit angemesseneren englischen Begriff «NAIRU» (für «Non Accelerating Inflation Rate of Unemployment»). Das ist jene Arbeitslosigkeit, die nicht zu einer Veränderung der Inflationsrate führt. Jede andere Arbeitslosenquote ist konjunkturell bedingt und führt in der Regel zu einer Änderung des Preisniveaus. Sinkt die Gesamtnachfrage (gleichbedeutend mit einem Konjunktureinbruch), steigt die Arbeitslosigkeit über die NAIRU hinaus und das Preisniveau fällt. Das Umgekehrte gilt bei einem Nachfrage- bzw. Konjunkturschub. Über die Konjunkturzyklen hinaus («langfristig») wird die Arbeitslosigkeit jedoch immer auf die NAIRU-Quote – die strukturelle Arbeitslosigkeit – zurückfallen. Das entspricht der Aussage, dass sich eine strukturelle Arbeitslosigkeit nicht mit Konjunkturspritzen durch den Staat oder Geldspritzen durch die Zentralbank senken lässt.

Im engen Zusammenhang zur NAIRU steht die Schätzung für das Potenzialwachstum einer Volkswirtschaft: Wächst eine Volkswirtschaft im Ausmass ihres Potenzials, verbleibt genau die NAIRU-Arbeitslosenquote. Der Grund ist simpel. Auch das Potenzialwachstum – das wie die NAIRU nur geschätzt werden kann – wird nur durch strukturelle Faktoren bestimmt (vor allem durch das Wachstum der Produktivität und der Produktionsfraktoren Arbeit und Kapital) und nicht durch Schwankungen der Gesamtnachfrage. Ist die tatsächliche Wachstumsrate einer Volkswirtschaft geringer als das Potenzialwachstum, steigt die konjunkturelle Arbeitslosigkeit und das Preisniveau sinkt. Ist die konjunkturelle Arbeitslosigkeit bereits hoch, ist für den Abbau der Arbeitslosigkeit ein Wirtschaftswachstum nötig, dass deutlich höher ist als das Potenzialwachstum.

An den Überlegungen zum Potenzialwachstum wird nebenbei auch klar, weshalb die technische Definition einer Rezession (zwei Quartale negatives Wachstum) nicht sehr aussagekräftig ist. Ein Beispiel: Das Potenzialwachstum der USA wird auf rund 2,5 Prozent geschätzt. Wächst die Wirtschaft genau in diesem Ausmass, bildet sich die Arbeitslosigkeit nicht zurück, wächst die Wirtschaft geringer, ist sogar ein weiterer Anstieg der Arbeitslosigkeit zu erwarten (mehr dazu auch hier). Tatsächlich sehen die Wachstumsschätzungen für die USA kein höheres Wachstum als 2,5 Prozent vor, weshalb sich die Arbeitslosigkeit vorerst kaum deutlich zurückbilden wird – selbst wenn die Wirtschaft technisch gesehen nicht in einer Rezession befindet.

Zurück zur NAIRU: Wer behauptet, die Arbeitslosigkeit sei vor allem strukturell und nicht konjunkturell bedingt, behauptet also, die NAIRU sei drastisch angestiegen (bzw. das Potenzialwachstum dramatisch gefallen). Dafür aber spricht laut den jüngsten Daten der OECD wenig. Wie die folgende Grafik aus dem Employment Outlook 2012 auf Seite 32 zeigt, hat zwar die NAIRU tatsächlich in den besonders von Arbeitslosigkeit betroffenen Ländern zugenommen, aber sie erklärt nur den kleinsten Teil ihrer Gesamtzunahme. Der grösste Teil der gestiegenen Arbeitslosigkeit geht klar auf den Einbruch der Gesamtnachfrage zurück (Lesebeispiel für ESP = Spanien: Die Zunahme der Arbeitslosenquote beträgt zwischen 2007 und 2011 14,4 Prozent, nur 3,4 Prozent davon ist ein Anstieg der strukturellen Arbeitslosigkeit):

Regeln, welche die Flexibilität der Arbeitsmärkte erhöhen, nützen wenig – wenn die Nachfrage fehlt, das heisst, wenn konjunkturstützende Stimuli ausbleiben. Denn wenn die Gesamtnachfrage nicht zurückkehrt, nützt es wenig, wenn Leute passend qualifiziert sind. Selbst ein Abbau des Kündigungsschutzes würde in dieser Situation nicht helfen, weil Entlassene keine andere Stelle finden und die Jobs auch nicht ersetzt würden. Das zeigt auch die oben erwähnte ILO-Studie:

…13 out of 17 Eurozone countries have carried out labour market flexibility reforms, often in the direction of easing dismissals. However, in a depressed macroeconomic context, these reforms are likely to lead to increased numbers of layoffs without any boost to job creation at least until economic recovery gathers momentum.

Eine weitere einfache Untersuchung, ob denn nun die Arbeitslosigkeit vor allem konjunkturell oder strukturell bedingt ist, liefern so genannte Beveridge-Kurven – benannt nach dem gleichnamigen Baron, Sozialreformer und Ökonomen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Simpel erklärt, müsste bei einer gestiegenen strukturellen Arbeitslosigkeit die gewachsene Zahl an Arbeitslosen in einigen Branchen einem Mangel an Beschäftigten in anderen Branchen gegenüberstehen. Es können ja nicht alle plötzlich unpassend qualifiziert sein. Bei einer konjunkturellen Arbeitslosigkeit hingegen steigt die Arbeitslosigkeit generell über alle Branchen.

In einem Beveridge-Diagramm wird  nun auf der vertikalen Achse die Quote an offenen Jobs abgetragen und auf der waagrechten die Arbeitslosenquote. Trägt man diese Quoten eines Landes als Punkte in dieses Diagramm ein und zeigt sich dabei im Zeitverlauf die Form einer fallenden Kurve, verweist das auf eine konjunkturelle Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosenquote steigt, während die Quote der offenen Stellen zurückgeht. Verlagern sich die Punkte im Zeitverlauf nach aussen, verweist das auf eine steigende strukturelle Arbeitslosigkeit: Sowohl die Arbeitslosenquote, wie auch die Quote der offenen Stellen nimmt dann zu. Hier die Beveridge-Kurven zur USA und Spanien über den Zeitraum von 2001 bis 2011 aus der erwähnten OECD-Studie. Auch hier wieder zeigt sich die Dominanz des konjunkturellen Einflusses auf die Arbeitslosigkeit:

Die Daten zeigen klar: Die Arbeitslosigkeit ist vor allem konjunkturell bedingt. Dass die Politik hier zu wenig tut, kommt einem Verbrechen an einer ganzen Generation gleich.