Wirtschaft


Never Mind the Markets

Hausmitteilung

Redaktion am Freitag 4. Mai 2012

Wir gratulieren unseren Bloggern zum dritten Platz beim Finanzblog Award 2012! Zitat der Jury:  «Sie beeindrucken durch Fachwissen und verzichten auf einen belehrenden Ton. ‹Never Mind The Markets› hat es deshalb verdient, ausgezeichnet zu werden!» Dem können wir nur zustimmen. Die Redaktion.

Mark Dittli (r.) und Markus Diem Meier (3.v.r.) im Kreise der Ausgezeichneten in Berlin, 2.5. 2012.

Mark Dittli (r.) und Markus Diem Meier (3.v.r.) im Kreis der Ausgezeichneten in Berlin, 2. Mai 2012.

Natürlich wäre dieser Erfolg nicht ohne Ihre Kommentare, die im Blog immer wieder zu angeregten Diskussionen geführt haben, zustandegekommen. Deshalb gebührt die Auszeichnung auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser:

Der talentierte Mr. Trichet

Mark Dittli am Freitag 4. Mai 2012

Die Stabs- bzw. Glockenübergabe kam keine Minute zu früh: Jean-Claude Trichet gratuliert seinem Nachfolger Mario Draghi. (Bild: Keystone)

Der Wechsel war auf den ersten Blick unspektakulär. Die Übergabe des Präsidiums der Europäischen Zentralbank von Jean-Claude Trichet an Mario Draghi am 1. November 2011 war personell keine Überraschung, nachdem Axel Weber im Frühjahr im Protest aus der EZB-Führung ausgeschieden war.

Dass mit Draghi ein deutlich pragmatischerer Mann an der Spitze der EZB stand, wurde allerdings rasch evident, als der Italiener Anfang Dezember die dreijährige Longer Term Refinancing Operation (LTRO) bekannt gab, in dessen Folge die EZB mehr als eine Billion Euro in das europäische Bankensystem pumpte und dieses möglicherweise in letzter Minute vor dem Kollaps bewahrte. Das hat am Donnerstag Mario Draghi selbst klargemacht, hier und hier war das auch schon Thema bei uns.

Was aber wäre geschehen, wenn Trichet das Amt nicht abgegeben und in den letzten sechs Monaten weiterhin die EZB geleitet hätte? Die Frage mag müssig klingen, denn alternative Geschichtsverläufe bleiben hypothetisch. Dennoch: Die Aussagen von Jean-Claude Trichet gestern Donnerstag am St. Gallen Symposium liessen meine (zugegebenermassen wenigen) Haare zu Berge stehen.

Als seinen grössten Leistungsausweis bezeichnete er, dass die durchschnittliche Inflationsrate in der Eurozone von 1999 bis heute 2.03 Prozent betrug und das Ziel der Preisstabilität damit makellos erfüllt wurde. Fair enough.

Tiefe Einblicke gaben aber seine Aussagen über die letzten vier Krisenjahre in Europa:

Die Entscheidungen, die Leitzinsen im Juli 2008, im April 2011 und im Juli 2011 zu erhöhen, bezeichnete Trichet rückblickend als richtig, denn in Europa habe zu dieser Zeit schliesslich keine Rezession geherrscht. Bravo. Dass die Zinserhöhungen in allen Fällen zu einer Zeit geschahen, als im Finanzsystem unter der Oberfläche längst gewaltige Spannungen herrschten – die man sehen konnte, wenn man nur hinschaute -, scheint er bis heute nicht zu erkennen. Noch vor einem Jahr sprach Trichet vom geldpolitischen «Exit», während der Südrand des Währungsraumes, für den er zuständig war, in Richtung Exitus rauschte.

Vom Moderator angesprochen auf die Frage, was geschehen müsse, damit die Europäische Währungsunion in ihrer heutigen Form überleben könne, reagierte Trichet entsetzt. Der im März unterschriebene neue Fiskalpakt, der die Verschuldungs- und Defizitkriterien mit der Androhung von Sanktionen und Bussen durchsetzen soll, sei doch genau der Garant dafür, dass die Eurozone bestehen bleibe.

Vielleicht habe ich da ja etwas falsch verstanden: Aber wie genau soll ein Stabilitätspakt, der in den letzten zwölf Jahren von nahezu allen Mitgliedsländern komplett missachtet wurde, und der im Fall einer Rezession prozyklisch wirkt und den Abschwung noch verstärkt – wie soll der genau Garant für eine sonnige Zukunft der Währungsunion sein?

Drei Meter vor Trichet im Hörsaal der Uni St. Gallen sass der frühere griechische Premier Giorgios Papandreou. Was heute in Griechenland geschehe, sei bloss die Korrektur eines Booms, den das Land in den ersten Jahren der Euro-Mitgliedschaft erlebt habe, sagte Trichet. Das schmerze halt ein wenig.

Ja, so kann man es auch sehen. So ungefähr klang übrigens auch US-Finanzminister Andrew Mellon, als sein Land Anfang der Dreissigerjahre in die Grosse Depression absackte.

Von einem Zuschauer konkret gefragt, ob ein Land wie Spanien mit einer aktuellen Arbeitslosenrate von 24 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent mit der erzwungenen Austeritätspolitik nicht in eine Depression gedrückt werde, antwortete Trichet: «Wir alle müssen unser Haus in Ordnung bringen.»

Das war ein Satz, den er mindestens zehn Mal wiederholte, meist mit einem Seitenhieb an die USA und Grossbritannien verbunden, deren Verschuldungssituation nicht besser sei als die der europäischen Länder. Das stimmt – mit dem kleinen Unterschied, dass die USA und Grossbritannien eine eigene Geldpolitik betreiben können, während Spanien, Italien & Co. zumindest bis im Herbst 2011 mit einem Klon der Bundesbank lebten, der nur drei Mandate kannte: Preisstabilität, Preisstabilität, Preisstabilität.

Die Frage, ob es nicht überlegenswert sei, temporär das Potenzial etwas höherer Inflationsraten – um 4 Prozent – zuzulassen, um die nominalen Wachstumsraten hoch verschuldeter Länder etwas anzuheben, wischte Trichet mit dem Argument «akademische Idee» vom Tisch. Ein wichtiger Verfechter dieser These ist übrigens Trichets Kompatriot Olivier Blanchard, Chefökonom des IMF.

Als seine «grösste Überraschung» bezeichnete Trichet die Erkenntnis, dass das Finanzsystem viel instabiler sei, als er angenommen hatte – worauf er die Zuhörer aufforderte, sich diesem Forschungsgebiet mal etwas vertiefter zu widmen. Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl: Versuchen Sie’s mal auf Google mit dem Suchbegriff «Financial Instability Hypothesis». Mit Aussagen wie diesen ist es nachträglich betrachtet kein Wunder, hat sich Trichet in den Jahren nach 2008 – im Gegensatz zu einigen seiner Notenbankkollegen in der Schweiz, Grossbritannien und den USA – nicht mit Ideen profiliert, wie die Robustheit des globalen Grossbankensystems erhöht werden könnte.

Dies sei keine Zeit für langweilige Notenbanker, schrieb der ehemalige SNB-Präsident Philipp Hildebrand am Montag in der «Financial Times». In der Tat. Nicht, dass Mario Draghi perfekt wäre: Aber der Wechsel an der Spitze der EZB im November 2011 war dringend nötig.

Die einflussreichste Kaderschmiede

Tobias Straumann am Mittwoch 2. Mai 2012
Massachusetts Intitute of Technology. (Bild: MIT)

Hat wichtige Entscheidungsträger im Bereich der Wirtschaftspolitik hervorgebracht: Massachusetts Institute of Technology. (Bild: MIT)

Die Universität Zürich ist zu Recht stolz auf ihr Institut für Volkswirtschaftslehre. Es gehört zu den besten im deutschsprachigen Raum und wird auch im übrigen Europa und den Vereinigten Staaten stark beachtet. Auch an den übrigen Schweizer Universitäten haben die VWL-Institute in den letzten Jahren stark zugelegt, wie die Rangliste von RePec belegt. Die Ökonominnen und Ökonomen suchen den direkten Wettbewerb mit dem Ausland und können offensichtlich mithalten.

Der Weg zu obersten Spitze scheint aber noch weit zu sein. Gemäss RePec sind 16 der 20 leistungsstärksten VWL-Institute der Welt amerikanisch. Nur Oxford, Toulouse, Barcelona und Paris sind in der Spitzengruppe vertreten. Zürich liegt auf Rang 59. Natürlich fällt jedes Ranking etwas anders aus. Aber die Tendenz ist überall dieselbe: Die US-Universitäten dominieren die VWL nach wie vor.

Ihr grosser Einfluss beruht nicht nur auf den Publikationen und Zitationen, sondern auch auf der Ausbildung von zukünftigen Entscheidungsträgern. Dabei sticht ein VWL-Institut besonders heraus: das Department of Economics am MIT. Praktisch alle wichtigen Entscheidungsträger in der internationalen Währungspolitik haben ihr Studium dort abgeschlossen: Ben Bernanke, Mario Draghi und Olivier Blanchard, der seit 2008 als Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) arbeitet und die Grundpositionen der Institution fundamental verändert hat. Blanchard, ein gebürtiger Franzose, hat nach allem, was man hört und liest, enormen Einfluss auf Christine Lagarde, die ehemalige Finanzministerin unter Sarkozy und seit Juni Managing Director des IWF. Auch in der Arena der öffentlichen Meinung dominieren MIT-Absolventen: George Akerlof, Paul Krugman, Gregory Mankiw, Kenneth Rogoff, Joseph Stiglitz und Robert Shiller. Im Bereich der internationalen Wirtschaftspolitik ist der Einfluss des MIT überwältigend. Es ist in diesem Bereich die einflussreichste Kaderschmiede der Welt.

Dabei waren es bei Bernanke, Draghi und Blanchard eigentlich nur zwei eingewanderte Professoren, die einen entscheidenden Einfluss ausübten: Rudi Dornbusch und Stanley Fischer. Dornbusch (*1942) stammte aus Nordrhein-Westfalen, studierte an der Universität Genf und brach Ende der 1960er Jahre nach Chicago auf, um dort zu doktorieren. 1975 kam er als Professor ans MIT. Leider verstarb er bereits 2002  im Alter von 60 Jahren. Stanley Fischer wuchs in Rhodesien (Zimbabwe) auf, studierte in London und übernahm 1977 eine Professur am MIT. Seit 2005 ist er Chef der israelischen Zentralbank. Dornbusch und Fischer begeisterten die Studierenden dadurch, dass sie die Ökonomie nicht nur als akademische Tätigkeit betrieben, sondern immer die Anwendung der Theorie auf konkrete wirtschaftspolitische Probleme («economics about the real world») einforderten.

Wenn sich also die führenden Notenbanker und Wirtschaftspolitiker jeweils im Frühling und Herbst am IWF-Treffen in Washington einfinden, so ist das im Wesentlichen eine Klassenzusammenkunft von MIT-Absolventen, die bei Dornbusch und Fischer studiert haben. Die Globalisierung ist eine Tatsache, aber die Welt der wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger ist immer noch sehr überschaubar und amerikanisch geprägt.

Bernanke vs. Bernanke

Markus Diem Meier am Montag 30. April 2012

An der Pressekonferenz, die US-Notenbankchef Ben Bernanke letzte Woche nach dem offiziellen «Zinsentscheid» gehalten hat, war es vor allem eine Stellungnahme von ihm, die in angelsächsischen Ökonomenblogs auf besondere Beachtung stiess. Unten das Video der gesamten Pressekonferenz. Der hier interessierende Ausschnitt beginnt mit der 13. Minute. Man schiebe also den Regler im Video auf 13.00 und höre den zweiten Teil einer Journalistenfrage und Bernankes Antwort darauf:

Bernankes Aussagen sind eine direkte Antwort auf einen Artikel von Paul Krugman in einem längeren Beitrag im Wochenendmagazin der New York Times (gratis Anmeldung erforderlich). Der Wirtschaftsnobelpreisträger erklärt dort, Bernanke breche als Zentralbankchef mit seinen eigenen Ansichten, die er noch als Professor vertreten habe. Dabei bezieht sich Krugman auf den Aufsatz «Japanese Monetary Policy: A Case of Self-Induced Paralysis?» (PDF) aus dem Jahr 2000, den Bernanke noch vor seiner Zeit bei der Notenbank zur Liquiditätsfalle in Japan verfasst hat. So ganz nebenbei kennt Krugman Bernanke auch persönlich. Der heutige Notenbankchef hat Krugman einst an die Elite-Uni Princeton geholt.

Wem das im Video zu schnell ging. hier nochmals in schriftlicher Form, was Bernanke zu diesem Vorwurf gesagt hat. Quelle ist Business Intelligence – eine ohnehin empfehlenswerte Website:

So  there’s this view circulating that the views I expressed about 15 years ago on the Bank of Japan are somehow inconsistent with our current policies. That is absolutely incorrect. My views and our policies today are completely consistent with the views that I held at that time. I made two points at that time. To the Bank of Japan, the first was that I believe a determined central bank could, and should, work to eliminate deflation, that is it’s falling prices.

The second point that I made was that when short-term interest rates hit zero, the tools of a central bank are not exhausted, there are  still other things that the central bank can do to create additional accommodation.

Now looking at the current situation in the United States, we are not in deflation. When deflation became a significant risk in late 2010 or at least a moderate risk in late 2010, we used additional balance sheet tools to help return inflation close to the 2% target. Likewise, we’ve been aggressive and creative in using nonfederal funds rate centered tools to achieve additional accommodation for the U.S. economy. So the very critical difference between the Japanese situation 15 years ago and the U.S. situation today is that, Japan was in deflation and clearly, when you’re in deflation and in recession, then both sides of your mandate, so to speak, are demanding additional accommodation.

Why don’t we do more? I would reiterate, we’re doing a great deal of policies extraordinarily accommodative. You know all the things we’ve done to try to provide support to the economy. I guess the question is, does it make sense to actively seek a higher inflation rate in order to achieve a slightly increased pace of reduction in the unemployment rate? The view of the committee is that that would be very reckless. We the Federal Reserve have spent 30 years building up credibility for low and stable inflation, which has proved extremely valuable, in that we’ve been able to take strong accommodative actions in the last four or five years to support the economy without leading to an un-anchoring of inflation expectations or destabilization of inflation. To risk that asset, for, what I think would be quite tentative and perhaps doubtful gains on the real side would be an unwise thing to do.

Ben Bernanke am Schluss einer Sitzung der Fed in Washington, 25. April 2012.

Ben Bernanke nach der Pressekonferenz in Washington, 25. April 2012. (Bild: Reuters)

Was also stimmt jetzt? Hat Bernanke seine eigenen alten Erkenntnisse über Bord geworfen oder gings damals in Japan um etwas ganz anderes? Die Auseinandersetzung ist deshalb von Bedeutung, weil sie sich um den Kern von Zentralbankpolitik überhaupt dreht und um die Frage, ob eingespielte Dogmen einer notwendigen Politik jetzt im Wege stehen. Genau das war der Vorwurf, den Bernanke im erwähnten, sehr lesenswerten Papier im Jahr 1999 der Bank of Japan gegenüber gemacht hat.

Vier mögliche Interpretationen dieser Meinungsverschiedenheit scheinen mir prüfenswert zu sein:

  • Interpretation 1: Bernanke hat Recht und die Auseinandersetzung in seinem Paper hat nichts mit seinen Ansichten und seiner Politik jetzt zu tun. Der Notenbankchef begründet den Unterschied vor allem damit, in Japan hätte Deflation geherrscht, was in den USA heute nicht der Fall sei. Daher seien die Politikempfehlungen in seinem damaligen Papier ohne Relevanz für heute. Der Inhalt des Japan-Papiers von Bernanke scheint mir diese Interpretation zu widerlegen. Dem damaligen Professor ging es nicht in erster Linie um die Deflation, sondern vor allem um die fehlende Gesamtnachfrage und die Liquiditätsfalle, die eben in Deflation münden kann. Was die Liquiditätsfalle und die fehlende Gesamtnachfrage betrifft, herrscht die gleiche Situation heute auch in den USA vor. Kommt dazu, dass die Arbeitslosigkeit in Japan nicht besonders hoch war, meist lag sie sogar unterhalb der US-Quote. Mit nach wie vor mehr als 8 Prozent (seit 2009) ist sie dagegen für ein Land wie die USA extrem hoch. Wenn man eine hohe Arbeitslosigkeit genau wie eine Deflation als gefährliches Zeichen eines Nachfragemangels taxiert, dann drängen sich durchaus die von Professor Bernanke im Jahr 1999 verlangten Massnahmen für eine Zentralbank auf. Um welche Massnahmen handelt es sich denn da? Damit gleich zur nächsten Interpretation.
  • Interpretation 2: Eine der Massnahmen, die Bernanke 1999 vorgeschlagen hat, war ein höheres Inflationsziel. Wenn die Inflationserwartungen höher sind, dann sinken die Realzinsen, was die Schuldenlast erträglicher macht und die Kosten für Investitionen senkt. Die Nominalzinsen können bei einem Leitzins von Null Prozent nicht mehr sinken. An der Pressekonferenz hat Bernanke nun einen interessanten Hinweis zum Thema Inflation geliefert: «I guess the question is, does it make sense to actively seek a higher inflation rate in order to achieve a slightly increased pace of reduction in the unemployment rate? The view of the committee is that that would be very reckless.» Die Inflation müsste also entweder deutlich erhöht werden oder für längere Zeit etwas höher liegen, um die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken. Bernanke stellt sich gleich nach dieser Bemerkung hinter das Zentralbankerdogma der strikten Inflationsverankerung (hier mehr dazu) und betont, wie gefährlich es wäre, diese über Jahrzehnte erkämpfte Stabilität zu riskieren. Das steht allerdings im klaren Widerspruch zu seiner eigenen früheren Haltung, dieses Dogma eben gerade nicht für sakrosankt zu halten. Und Bernanke betont auch, dass das «Committee» (seiner  Kollegen im Entscheidungsgremium) eine höhere Inflation für «reckless» halten würden. Das führt zu Interpretation 3.
  • Interpretation 3: Bernanke ist ein überaus schlauer Fuchs, der genau weiss, dass ihm in der US-Öffentlichkeit und selbst im eigenen Gremium der obersten Geldpolitiker (Federal Open Market Committee FOMC) ein scharfer Wind ins Gesicht blasen würde, wenn er sich offen zu einem höheren Inflationsziel bekennen würde. Viel besser passen würde es daher, ohne ein solches Bekenntnis die Inflationserwartungen zu schüren. Tatsächlich wird er dort wie in der Öffentlichkeit schon jetzt dafür kritisiert, mit seiner Politik tatsächlich eine höhere Inflation zu risikieren. Die konkreten Massnahmen der Notenbank würden jedenfalls zu dieser Interpretation besser passen als die offiziellen Bekenntnisse. Das gilt vor allem für die Festlegung, die Zinsen bis 2014 bei Null Prozent zu belassen. Das war hier schon mal Thema. Kommt dazu, dass neben Krugman sich auch schon eine Reihe anderer nahmhafter Ökonomen für ein höheres Inflationsziel ausgesprochen haben, so etwa der IWF-Chefökonom Olivier Blanchard, einer seiner Vorgänger Kenneth Rogoff oder der einstige George W. Bush-Chefökonom und aktuelle Wirtschaftsberater Mitt Romneys Gregory N. Mankiw. Die Beispiele zeigen auch, dass die Idee keiner spezifischen Ideologie zugeordnet werden kann.
  • Interpretation 4: Sie setzt ebenfalls beim Druck von aussen an, der sich Bernanke anpasst. Nur erscheint er hier nicht mehr als schlauer Fuchs, sondern eher als Feigling. In diese Richtung argumentiert der Ökonom Lawrence Ball (hier). Aus einer Untersuchung der Fed-Verlautbarungen seit mehr als  einem Jahrzehnt glaubt er herauslesen zu können, dass Bernanke tatsächlich seine eigenen früheren Ansichten nicht mehr zu vertreten wagt. Dies darum, weil er sonst mit seinen Ansichten zu weit vom Mainstream entfernt gewesen wäre, weil er vom Wesen her ohnehin eher scheu sei und weil in den entscheidenden Gremien der US-Notenbank der Gruppendruck besonders gross gewesen sei. Ball datiert allerdings seinen behaupteten intellektuellen Kniefall Bernankes bereits auf das Jahr 2003 zurück. Sollte er Recht haben, dann wäre es wenig überraschend, wenn sich Bernanke aktuell noch sehr viel stärker an die gängigen Dogmen klammert. Immerhin ist er im letzten Jahr in einem Ausmass in der öffentlichen Kritik gestanden -  bis zu jener berühmten Drohung des einstigen republikanischen Präsidentschaftskanditaten Rick Perry – wie es schon lange keinem Notenbankchef mehr widerfahren ist.

Für ein abschliessendes Urteil ist es wohl zu früh und die Entwicklung bleibt spannend. Das untenstehende Zitat aus dem Japan-Paper (mit Verweis auf Roosevelt während der Depression) macht jedenfalls klar, was Ben Bernanke einst von geldpolitischen Dogmen mitten in einer aussergewöhnlichen Krise hielt:

But Roosevelt’s specific policy actions were, I think, less important than his willingness to be aggressive and to experiment—-in short, to do whatever was necessary to get the country moving again. Many of his policies did not work as intended, but in the end FDR deserves great credit for having the courage to abandon failed paradigms and to do what needed to be done…. Why isn’t more happening? To this outsider, at least, Japanese monetary policy seems paralyzed, with a paralysis that is largely self-induced. Most striking is the apparent unwillingness of the monetary authorities to experiment, to try anything that isn’t absolutely guaranteed to work. Perhaps it’s time for some Rooseveltian resolve in Japan.

Deutschland und Spanien: Näher, als man denkt

Mark Dittli am Freitag 27. April 2012
Ein unvollendetes Gebäude in Madrid. (Keystone/Arturo Rodriguez)

Eine Immobilienblase ist in Deutschland auch möglich: Ein unvollendetes Gebäude in Madrid. (Keystone/Arturo Rodriguez)

Spanien ist kein notorischer Defizitsünder.

Genauso wenig wie Irland.

Das kann nicht oft genug wiederholt und betont werden. Es ist schlichtweg falsch, wenn diese beiden Länder heute in der Diskussion rund um die Eurokrise den gleichen Stempel erhalten wie Griechenland, Italien und Portugal.

Nein, die Geschichte dieser beider Länder ist differenzierter, und sie birgt einige Lehren, die sich gerade der heutige Musterknabe in Europa, Deutschland, zu Herzen nehmen sollte.

Der Reihe nach. Hier eine schöne Zusammenstellung – aufbereitet vom australischen Blog Macrobusiness – basierend auf Eurostat-Daten des Haushaltsdefizits und der Staatsverschuldung der 17 Länder der Europäischen Währungsunion für den Zeitraum von 2000 bis 2010. Zunächst die Übersicht zum Defizit (in Prozent des BIP):

Und hier die Staatsschulden, ebenfalls in Prozent des BIP:

Graue Felder in der Grafik bedeuten, das betreffende Land hat die Maastricht-Kriterien einer Staatsverschuldung von maximal 60 Prozent des BIP beziehungsweise eines Budgetdefizits von maximal 3 Prozent des BIP erfüllt. (Das sind auch die Kriterien für den neuen Fiskalpakt, der künftig mit der Androhung von Bussen durchgesetzt werden soll.)

Sehr schön zu sehen: Griechenland hat die Kriterien nie erfüllt, Italien nahezu nie. Deutschland und Frankreich zählten in den frühen Jahren der Währungsunion fast permanent zu den Sündern. Blütenreine Westen haben nur Finnland, Estland und Luxemburg.

Nun aber konkret zu Spanien und Irland: Bis und mit 2007 zählten beide zu den Musterschülern Europas. Sowohl punkto Staatsverschuldung wie auch punkto Haushaltsbudget haben sie die Maastricht-Kriterien stets erfüllt. Und das sogar deutlich: Die Staatsschulden Irlands und Spaniens erreichten 2006/07 ein Tief von 24,7 respektive 36,2 Prozent des BIP.

Was ist geschehen, dass Irland und Spanien mittlerweile zu den PIIGS, den krisengeplagten Peripherieländern der Eurozone, zählen? Ganz einfach: Für beide war die Geldpolitik der EZB in den frühen Jahren der Währungsunion viel zu expansiv, das Zinsniveau war für ihre Wirtschaftsdynamik zu niedrig. In beiden Ländern lösten die tiefen Zinsen einen kolossalen Immobilienboom aus, der sich, angetrieben von einem wildgewordenen Bankensystem, zu einer kreditgetriebenen Spekulationsblase ausweitete.

Dieser Bauboom feuerte in den Jahren bis und mit 2007 das Wirtschaftswachstum zusätzlich an, was die Einkommen der Bevölkerung steigen liess, was die Banken in ihrer Kreditvergabe noch freimütiger werden liess, was wiederum die Immobilienblase noch mehr aufblähte. Ein perfekter positiver Feedback-Mechanismus.

Dann, 2008, platzte die Blase. Der Rest ist Geschichte.

Die Wucht des Kollapses sandte beide Länder in eine Depression, und seither wandert der private Schuldenberg, der sich in den Boomjahren in Spanien und Irland angehäuft hatte, nach und nach auf die öffentliche Bilanz des Staates. Sehr schön ist in obenstehender Grafik zu sehen, wie die Kosten der seriellen Bankenrettung in Irland die Staatsschulden von 24,8 Prozent des BIP im Jahr 2007 auf 92,5 Prozent im Jahr 2010 hochschnellen liessen.

Das hatte überhaupt nichts mit chronischer Defizitpolitik oder öffentlichem Schlendrian zu tun. Der keltische Tiger war mit 200 km/h gegen eine Betonwand geprallt. Etwas verlangsamt, aber im Grundsatz nach dem gleichen Muster, spielte sich die Katastrophe in Spanien ab.

Sowohl Irland wie auch Spanien werden noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, an den Folgen ihrer Immobilienblase zu leiden haben.

Was aber soll das Deutschland angehen? Nun, Deutschland ist heute dort, wo Spanien vor zehn Jahren stand: Die Geldpolitik der EZB ist heute zu expansiv für die deutsche Wirtschaft.

Machen wir also ein kleines Gedankenspiel und gehen dabei von der Annahme aus, dass a) die EZB ihre Niedrigzinspolitik zum Wohle Italiens, Spaniens, Frankreichs und diverser anderer Euro-Länder noch mehrere Jahre fortsetzen wird, und dass b) die Europäische Währungsunion in ihrer heutigen Form bestehen bleibt:

Diese lange Phase niedriger Zinsen könnte in Deutschland einen Immobilienboom auslösen. Nach zwei Jahrzehnten stagnierender Preise ist der Markt reif dafür. In der Tat sind erste Anzeichen dafür bereits zu sehen: Gemäss Daten der Bundesbank sind die Häuserpreise in Deutschland im vergangenen Jahr im Schnitt um 5,5 Prozent gestiegen, was der höchsten Zuwachsrate seit fast zwanzig Jahren entspricht.

Nehmen wir also an, aus dem moderaten Preisanstieg wird im Verlauf der kommenden Jahre ein Boom. Kapital strömt ins Land, die Deutschen nehmen mehr Schulden zu günstigen Zinskonditionen auf, um den Zug nicht zu verpassen und sich ebenfalls eine schicke Wohnung in Berlin oder ein Haus auf dem Land kaufen zu können.

Irgendwann wird aus dem Boom dann eine Manie, eine Spekulationsblase – und weil die Immobilienpreise immer weiter steigen, gewähren die Banken noch freimütiger Kredit. Jeder will dabei sein.

Und die Blase pumpt sich weiter auf, immer weiter.

Die Binnenkonjunktur Deutschlands wird brummen, der Bauboom wird Hunderttausende neue Stellen schaffen, das Land wird sich selbst als Wirtschaftswunder feiern und vor Selbstbewusstsein strotzen. Der deutsche Finanzminister wird davon sprechen, dass die steigenden Immobilienpreise lediglich Ausdruck der Vitalität und Dynamik der deutschen Wirtschaft seien.

Dann, irgendwann, sagen wir im Jahr 2020, wird die deutsche Immobilienblase platzen. Die Banken des Landes – sie haben sich im internationalen Vergleich noch nie mit umsichtiger Geschäftsführung hervorgetan, daher werden sie es auch dieses Mal nicht tun – werden ihre Version des Aufpralls mit hoher Geschwindigkeit erleben. Sie werden mit Staatsgeldern gerettet werden müssen, faul gewordene private Schulden in Höhe von Hunderten Milliarden Euro werden das deutsche Finanzsystem erdrücken.

Und dann wird Deutschland plötzlich dort stehen, wo sich Spanien und Irland heute befinden. Ohne den Hauch einer Chance, die Vorgaben des Fiskalpaktes erfüllen zu können.

Wer, ja wer, wird dann wohl in Europa auf harte Budgetdisziplin pochen und die Fiskalsünder kasteien?

Als es verboten war, gegen den starken Franken zu reden

Tobias Straumann am Mittwoch 25. April 2012

Es gab mal eine Zeit, in der es verboten war, gegen den Schweizer Franken zu spekulieren und zur Spekulation aufzufordern. Im Juni 1936 verabschiedete der Bundesrat nämlich folgenden Beschluss:

Bundesratsbeschluss über den Schutz der Landeswährung. (Vom 19. Juni 1936.)
Der schweizerische Bundesrat, gestützt auf Art. 58 des Bundesbeschlusses vom 31. Januar 1936 über neue ausserordentliche Massnahmen zur Wiederherstellung des finanziellen Gleichgewichts im Bundeshaushalte in den Jahren 1936 und 1937, beschliesst :

Art. 1.
Wer in spekulativer Absicht eine Handlung vornimmt oder vermittelt, die geeignet ist, die Landeswährung oder den Landeskredit zu schädigen, wer zu einer solchen Handlung auffordert, wird mit Gefängnis oder mit Busse bis zu Fr. 100’000 bestraft. Beide Strafen können verbunden werden.

Aus heutiger Sicht mag dieser Bundesratsbeschluss nicht mehr als eine historische Kuriosität zu sein (hier ab S. 717 der ganze Beschluss). Er war aber durchaus ernst gemeint, und wenn man die Hintergründe etwas genauer ausleuchtet, sieht man durchaus Parallelen zur heutigen Situation. Damals wie heute ging es um den starken Schweizer Franken. Damals wie heute gab es viele Anleger, die darauf spekulierten, dass der Wechselkurs sich bald ändern würde. Und damals wie heute gab es viele, die ein Problem mit der Spekulation hatten.

Noch im Juni 1936 versuchte der Bundesrat, den starken Franken zu verteidigen: Menschenmenge vor der Nationalbank, Zürich 5. Oktober 1936. (Bild: Universität Zürich / ESO)

Der grosse Unterschied besteht nur darin, dass damals die meisten Anleger eine Abwertung befürchteten, während heute viele davon ausgehen, dass der Franken noch stärker wird, obwohl er immer noch deutlich überbewertet ist (siehe die neuste Warnung der exportorientierten KMU).

1936 rührte die Überbewertung daher, dass der Schweizer Franken immer noch die alte Parität gegenüber dem Gold aufwies, während die meisten Handelspartner ihre Währungen längst um 30 bis 40 Prozent abgewertet und vom Gold gelöst hatten – insbesondere Grossbritannien 1931 und die USA 1933. Aus guten Gründen fürchteten die Anleger, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis auch die Schweiz die Währung schwächen würde. Und sie hatten recht: Als im September 1936 Frankreich die Abwertung des Franc beschloss, folgte die Schweiz bald nach zusammen mit den Niederlanden. (Hier ist das Protokoll der dramatischen Bundesratssitzung, an der die Abwertung beschlossen wurde.)

Warum glaubte der Bundesrat noch im Juni 1936, dass er den Wechselkurs des Frankens weiterhin verteidigen könne? Aus den zeitgenössischen Quellen gehen zwei Gründe klar hervor:

  1. Der Bundesrat befürchtete, dass die Abwertung zu einem so starken Anstieg der Inflation führen würde, dass die Vorteile der Abwertung schnell wieder verschwunden wären.
  2. Der Bundesrat war der festen Überzeugung, dass man die Währungsverhältnisse nur während einer gravierenden Krise oder eines Krieges verändern dürfe. Beides war zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben.

Weil der Bundesrat davon überzeugt war, dass er die Währung nicht abwerten durfte, ging er gegen die inländische Spekulation vor. Interessant ist in diesem Zusammenhang Artikel 3, der noch weiter ging als der oben zitierte Artikel 1, denn er verbot jede öffentliche Diskussion über die Abwertung:

Wer vorsätzlich unwahre Tatsachen behauptet oder verbreitet, die geeignet sind, den Landeskredit zu schädigen oder das Vertrauen in die Landeswährung zu untergraben, wird mit Busse bis zu Fr. 20’000 oder mit Gefängnis bestraft. Beide Strafen können verbunden werden.

Artikel 3 hat aber nicht nur abschreckend gewirkt, sondern auch zu Spott Anlass gegeben. So meinten etwa die Anhänger der Freiwirtschaftslehre, die schon lange die Abwertung des Schweizer Frankens gefordert hatten, es sei unmöglich, diesen Artikel zu verletzen, denn es gebe keine «unwahren Tatsachen». Es gehöre zum Wesen einer Tatsache, dass sie wahr sei, ansonsten handle es sich nicht um eine Tatsache (siehe hier, S. 125).

Artikel 3 konnte jedenfalls nichts daran ändern, dass die Abwertung des Schweizer Frankens bald danach eine Tatsache wurde. Am 26. September 1936 wurde er gegenüber dem Gold um dreissig Prozent abgewertet. Von da an durfte man wieder frei über die schweizerischen Währungspolitik reden.