Du sollst nicht stehlen

Andrew Haldane. (Foto: Bank of England)

Einer der luzidesten Denker unter den Notenbankern der heutigen Zeit: Andrew Haldane, Exekutivdirektor der Bank of England. (Foto: Bank of England)

Alles spricht über Notenbanker.

Gestern Donnerstag hingen die Weltfinanzmärkte an jedem Wort, das aus dem Mund von EZB-Präsident Mario Draghi kam (wir stürzen uns hier im Blog ja in der Regel nicht in die Tagesaktualität – aber wen es interessiert, findet hier die Analyse meiner Redaktionskollegen Andreas Neinhaus und Tommaso Manzin zum EZB-Entscheid).

Und eine knappe Woche ist es her, da richteten sich alle Blicke nach Jackson Hole, Wyoming, wo die Federal Reserve Bank of Kansas City zum jährlichen Notenbankersymposium gerufen hatte. Fed-Chef Ben Bernanke lobte in seiner Rede (hier die Originalversion) seine eigene Krisenpolitik der vergangenen vier Jahre. Kollege Diem Meier hat sich in diesem sehr lesenswerten Blogbeitrag mit Michael Woodford und dessen Kritik an Bernanke befasst.

Die brillanteste Rede in Jackson Hole kam aber von einem Briten: Andrew Haldane, Exekutivdirektor und verantwortlich für die Abteilung Finanzmarktstabilität der Bank of England.

Ich halte Haldane für einen der luzidesten Denker unter den Notenbankern der heutigen Zeit. Vor drei Jahren beispielsweise hat er mit dem Biologen Robert May eine faszinierende Studie über die Gemeinsamkeiten – etwa die enorme Fragilität – zwischen dem Weltfinanzsystem und hochkomplexen Ökosystemen wie dem Regenwald verfasst (hier eine Rede Haldanes aus dem Jahr 2009 dazu).

In seiner Jackson-Hole-Rede mit dem Titel «The dog and the frisbee» – hier in der Originalversion – geht es ebenfalls um Komplexität.

Haldane beginnt mit einer extrem wichtigen – in der modernen Finanztheorie und in der modernen Ökonomie leider nahezu in Vergessenheit geratenen – Feststellung: Menschen sind in ihrem Alltag und in ihrem wirtschaftlichen Handeln stets mit echter Ungewissheit konfrontiert.

Das ist gar nicht so banal, wie es klingt. Die Volkswirtschaftslehre der Nachkriegszeit basiert zu einem beträchtlichen Teil auf dem Gleichgewichtsprinzip (General Equilibrium Framework) der Ökonomen Kenneth Arrow und Gerard Debreu. Darin wird angenommen, dass jedes handelnde Individuum alle möglichen Zukunftsszenarien erkennen, ihnen eine Wahrscheinlichkeit zuordnen und sie so berechenbar machen kann.

Die moderne Finanztheorie, zu deren wichtigsten ideologischen Väter Harry Markowitz und Robert Merton zählten, nahm diesen Gedanken auf und stellte die Grundannahme auf, dass alle möglichen Zukunftsszenarien an den Finanzmärkten erkannt, mit einer Wahrscheinlichkeit quantifiziert und berechenbar gemacht werden können. In der Modern Finance hat sich dafür der Begriff «Risiko» etabliert.

Wie so oft in der praktischen Anwendung der Ökonomie und der modernen Finanztheorie wurde eine Annahme im Verlauf der Zeit zu einer allgemeingültigen Wahrheit.

Haldane ruft den amerikanischen Ökonomen Frank Knight in Erinnerung, der 1921 in seinem Buch «Risk, Uncertainty and Profit» die wichtige Unterscheidung zwischen quantifizierbaren Risiken und echter – eben unberechenbarer – Ungewissheit aufstellte. (In den Arbeiten von John Maynard Keynes spielt der Einfluss echter Ungewissheit auf das Verhalten der Wirtschaftsindividuen übrigens ebenfalls eine zentrale Rolle – bloss haben das die «Neokeynesianer» der Nachkriegszeit vergessen.)

Haldane stellt fest, dass der Begriff echter Ungewissheit in der modernen Finanztheorie weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Mit fatalen Folgen im Finanzsystem.

Der Irrglaube, alle Risiken an den Finanzmärkten seien jederzeit quantifizier- und damit absicherbar, hat in den Banken und Aufsichtsbehörden in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Scheinpräzision und zu einem falschen Gefühl von Sicherheit geführt. Die bank-internen Risikomanagementsysteme, ja das gesamte «Basel»-Regelwerk, das in den Neunzigerjahren aufgezogen wurde, basierte auf der Grundannahme, dass Marktrisiken jederzeit identifiziert, quantifiziert und abgesichert werden können.

Andrew Haldane zeigt in seiner Rede auf, wie für die Gewichtung der Risiken in der Bilanz einer Grossbank Millionen von Parametern geschätzt werden müssen, für die die historischen Datenreihen viel zu kurz sind, um überhaupt brauchbare Resultate zu erhalten.

Eigentlich absurd, dass in einem derart komplexen System wie der Finanzwelt angenommen wird, alle möglichen Zukunftsszenarien seien berechenbar: Sogar in einem vergleichsweise simplen System wie dem Schachspiel sind Grossmeister nicht in der Lage, mehr als fünf künftige Züge zu evaluieren, sagt Haldane. Sogar die besten Schachcomputer schaffen es nicht, mehr als zehn künftige Zug-Abfolgen zu evaluieren.

Haldanes Rezept: Komplexe Systeme dürfen nicht mit komplexen Regeln kontrolliert werden. Komplexe Systeme verlangen nach klaren, simplen Regeln.

Demnach hält es der Brite für völlig falsch, wenn die Banken, Regulierungsbehörden respektive Gremien wie der Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in ihrem Versuch, das Problem der «Too big to fail»-Banken in den Griff zu bekommen, immer ausgeklügeltere Methoden ersinnen, wie die Risiken in einer Bankbilanz gewichtet und das Eigenkapital berechnet werden kann.

Haldane plädiert für einfache, klare und für jedermann nachvollziehbare Regeln. Sie sind viel effektiver, wenn es darum geht, ein komplexes System zu zügeln. Im Fall der Grossbanken heisst das: Das harte Eigenkapital der Bank darf einen gewissen Prozentsatz der rohen, ungewichteten Bilanzsumme nicht unterschreiten. Punkt. Diese These vertritt übrigens auch Martin Hellwig vom Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter in Bonn – leider als einer der ganz wenigen im deutschsprachigen Raum (hier ein Blogbeitrag vom März, der sich mit Hellwig befasst hat). Haldane erwähnt, dass eine Eigenkapitalquote (Leverage Ratio) von 7 Prozent den hundert weltgrössten Banken gereicht hätte, um die Finanzkrise ohne Rettung zu überstehen. Basel-III sehe jedoch nur eine Leverage Ratio von 3 Prozent vor. Das heisst, 97 Euro Fremdkapital fussen in der Bankbilanz auf drei Euro Eigenkapital. Keine sehr solide Sache in einer von Ungewissheit geprägten Welt (genau deshalb fordert u. a. Hellwig, man müsse über eine harte Eigenkapitalquote von 20 Prozent sprechen).

Die Untermauerung seiner These liefert Haldane gleich mit. Von den hundert global grössten Banken mussten im Verlauf der Finanzkrise von 2007 bis 2009 deren 37 gerettet oder abgewickelt werden. Wer die Solidität der Banken vor ihrem Untergang anhand der risikogewichteten Kapitalkennzahlen des «Basel II»-Regelwerks abgeschätzt hatte, konnte die Gewinner nicht von den Verlierern unterscheiden. Auch zahlreiche Banken mit vermeintlich soliden Kapitaldecken kollabierten.

Diese Grafik verdeutlicht das (Quelle: Bank of England):

Die vertikale Achse zeigt die Dicke des Kapitalpolsters in Prozent der risikogewichteten Bilanzsumme nach Basel II, die roten Linien stehen für Banken, die gerettet werden mussten. Es ist eindeutig zu sehen, dass sich die roten Fälle – also Banken, die gerettet werden mussten – überall zeigen. Auch in recht grosser Zahl unter den vermeintlich solide kapitalisierten Banken.

Wer die krude Formel für die Bilanzsolidität – hartes Eigenkapital zu ungewichteter Bilanzsumme – anwandte, konnte die 37 Verlierer schon viel besser von den Gewinnern unterscheiden, wie diese Grafik zeigt (Quelle: Bank of England):

Selbstverständlich gab es auch hier Fälle von besser kapitalisierten Banken, die trotzdem kollabierten. Aber die roten Fälle massieren sich klar – statistisch signifikant – im linken Bereich der Grafik, also unter den schwach kapitalisierten Finanzhäusern.

Der Grundsatz «simple Regeln für komplexe Systeme» ist übrigens gar nicht so neu. Die zehn Gebote sollen auf zwei Steintafeln Platz gefunden haben, und sie haben das komplexe Zusammenspiel der menschlichen Gesellschaft gar nicht schlecht geregelt. «Du sollst nicht töten» ist eine simple Regel für ein komplexes System.

Weitere Beispiele?

Die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika fand auf sechs Seiten Platz.

Der Glass Steagall Act, der 1933 das Trennbankensystem in den USA einführte, umfasste 37 Seiten.

Der Dodd-Frank Act, der 2010, im Nachgang der jüngsten Finanzkrise, in Washington verabschiedet wurde, dürfte in seiner Endfassung wohl gegen 30’000 Seiten umfassen.

Welches der vier obengenannten Gesetze ist wohl das ineffektivste?