Von Grossbanken und Umweltverschmutzern

Martin Hellwig

Einer der weitsichtigsten Ökonomen in Sachen Systemrisiken und Bankenregulierung: Martin Hellwig. (Bild: Universität Münster)

Es ist wieder still geworden in der Diskussion um die Regulierung der Grossbanken. Der Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat das Basel-III-Paket verabschiedet, in der Schweiz sind die etwas verschärften Bestimmungen der «Too big to fail»-Vorlage in Kraft. Alles ist wieder gut. Gegenwärtig mag die Staatsschuldenkrise peripherer Euroländer wie Griechenland die Schlagzeilen beherrschen, aber wenigstens bereiten uns die Grossbanken keine Kopfschmerzen mehr.

Das klingt beruhigend. Leider ist diese Ansicht aber falsch.

An dieser Stelle – beispielsweise hier, hier und hier – haben wir in den vergangenen Wochen mehrmals die Longer Term Refinancing Operation (LTRO) der Europäischen Zentralbank thematisiert. Mit der Aktion hat die EZB eine gute Billion Euro in das europäische Bankensystem gepumpt. Alternative Geschichtsverläufe lassen sich bekanntlich nicht beweisen, aber möglicherweise hat EZB-Präsident Mario Draghi mit der LTRO in letzter Minute einen seriellen Bankenkollaps in Europa verhindert. In den Herbstmonaten 2011 war der Interbankenmarkt in Europa nämlich komplett eingefroren, Misstrauen herrschte unter den Banken, amerikanische Geldmarktfonds zogen ihr Kapital ab, etliche Institute bekundeten Mühe, sich zu refinanzieren. Das LTRO-Programm hat die akute Liquiditätsnot der Banken gelindert. Das ist gut so. Aber am Grundproblem – nämlich der Solvenz der Finanzhäuser – hat die Aktion nichts verändert: Die europäischen Banken sind zu schwach kapitalisiert, die systemischen Risiken sind nach wie vor enorm gross.

Einer der klar- und weitsichtigsten Ökonomen in Kontinentaleuropa in Sachen Systemrisiken und Bankenregulierung ist Martin Hellwig, Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. Am Mittwoch hielt er auf Einladung von Professor Hans Gersbach ein Gastreferat zum Thema Bankenregulierung und Finanzkrise an der ETH Zürich.

«Basel 3 müsste eigentlich Basel 2.01 heissen», sagte Hellwig, dem das Regelwerk viel zu wenig weit geht. Die konzeptionelle Grundlage der Basel-III-Anforderungen habe sich nicht verändert; nach wie vor sei es den Banken erlaubt, die Risikogewichtung ihrer Anlagen anhand eigener Modelle vorzunehmen – obwohl die Bankenkrise von 2008 gezeigt hatte, dass diese Modelle (nicht zuletzt auch im Fall der UBS) oft komplett versagt hatten. Wollte man die Sicherheit im System wirklich deutlich erhöhen, müssten die Banken gezwungen werden, eine Eigenkapitalquote (Eigenkapital in Prozent der ungewichteten Bilanzsumme) von 20 bis 30 Prozent zu halten, sagte Hellwig. Basel III dagegen schreibt eine minimale Eigenkapitalquote von ganzen 3 Prozent vor.

Beim Thema Kapitalanforderungen argumentieren die Banken stets, dass Eigenkapital sehr teuer sei und dass sie ihre Kreditvergabe kräftig einschränken müssten, falls sie tatsächlich mehr Eigenkapital halten müssten. Diese Argumente hält Hellwig für schlichtweg falsch. In zwei hervorragenden Arbeitspapieren aus dem Jahr 2010 zerpflückte Hellwig – teils in Zusammenarbeit mit den Mitautoren Anat Admati, Peter DeMarzo und Paul Pfleiderer – die Behauptungen der Grossbanken Punkt für Punkt. Die Studien sind hier und hier abrufbar. Sie sind ausgesprochen lesenswert. Eines der Kernargumente von Hellwig ist das Theorem von Modigliani und Miller, das vereinfacht gesagt festhält, dass die Finanzierungskosten eines Unternehmens unabhängig von der Aufteilung zwischen Fremd- und Eigenkapital sind. Konkret: Eigenkapital ist für Banken nur teuer, weil sie fast kein Eigenkapital halten und dieses daher eine hohe Risikoprämie trägt. Besitzt eine Bank mehr Eigenkapital, wird ihre Bilanz sicherer, und als Folge davon sinkt die Risikoprämie sowohl auf dem Fremd- wie auf dem Eigenkapital. An den gesamten Kapitalkosten ändert sich nichts, und ergo kann das für die Bank auch kein Grund sein, ihre Kreditvergabe einzuschränken.

Das Theorem von Modigliani und Miller spielt im Fall von Banken allerdings nicht reibungslos, weil ihre Kapitalkosten verzerrt sind: Dank der impliziten – und seit 2008 eigentlich auch expliziten – Staatsgarantie im Rücken kommen sie in den Genuss abnormal tiefer Fremdkapitalkosten. «Das ist nichts anderes als eine staatliche Subvention, die den freien Markt verzerrt», sagte Hellwig. Er verglich die Grossbanken mit umweltverschmutzenden Industrien. Beide verursachen externe Kosten, die die Gesellschaft trägt. Im ersten Fall sind es verschmutzte Flüsse, im zweiten das Risiko des Steuerzahlers, dass er im Notfall die Grossbanken seines Landes retten muss.

Das ist die wahre Ironie – oder Idiotie? – der Grossbankendiskussion, wie sie in den letzten drei Jahren in den USA, Europa und der Schweiz geführt wurde. Befürworter höherer Kapitalanforderungen wurden in einem naiven politischen Links-Rechts-Schema rasch als «Links» abgetan. Aber seit wann gilt es als «Links», sich für die Eliminierung versteckter staatlicher Subventionen und den Abbau von Marktverzerrungen einzusetzen?

(Ein ausführliches Interview mit Martin Hellwig erscheint übrigens in der «Finanz und Wirtschaft» am Samstag, 10. März.)