Banken schreiben Gewinne – aber schaffen sie auch Wert?

Bundles of bank notes (US dollars, Euros, Swiss francs and British pounds) and gold bars at the bank vault of the "Zuercher Kantonalbank" bank, pictured on August 9, 2011 in Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Wie sieht es mit der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung der Banken aus? Geldnoten und Goldbarren im Tresor der Zürcher Kantonalbank. (Bild: Keystone)

Beginnen wir mit einer hübschen Zahl:

529’530’810’000

So viel, in Euro, hat die Europäische Zentralbank vorgestern Mittwoch in ihrer zweiten Runde der Longer Term Refinancing Operation (LTRO) an 800 europäische Banken ausgeschüttet.

Eine weitere Zahl:

1’018’721’560’000

So viel, ebenfalls in Euro, hat die EZB kumuliert in den beiden LTRO-Runden (die erste Auktion fand Ende Dezember statt) verteilt. Sie hat eine satte Billion Euro aus dem Nichts gezaubert und ins Finanzsystem gepumpt. Die Geschäftsbanken Europas konnten sich das LTRO-Geld für drei Jahre zu einem Zins von 1 Prozent ausleihen – und damit machen, was sie wollen. Zum Beispiel italienische und spanische Staatsanleihen mit 5 Prozent Rendite kaufen und die Zinsdifferenz einstreichen. In diesem Blog-Beitrag haben wir den Effekt von LTRO-1 auf die Finanzmärkte behandelt. In einer ersten Reaktion drehten die Börsen am Mittwoch, nach Bekanntgabe der Details zu LTRO-2, ins Minus. Aber wetten, dass es bald wieder aufwärts geht? Schliesslich muss das viele neue Geld ja irgendwo angelegt werden.

Soviel zur Einleitung. Die Zahlen waren zu schön, zu gross, um sie unkommentiert zu lassen. In diesem Beitrag soll es jedoch um ein anderes, wenngleich artverwandtes Thema gehen: um die Frage nämlich, wie viel der Finanzsektor überhaupt zur Wirtschaftsleistung eines Landes – gemessem am Bruttoinlandprodukt – beiträgt. Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. In der Schweiz beispielsweise ist der Finanzsektor – gemäss Zahlen der Bankiervereinigung für 10,7 Prozent des BIP verantwortlich. In Grossbritannien sollen es 10 Prozent sein, in den USA 8 Prozent. Aber stimmt das auch?

Es ist gar nicht so einfach festzustellen, wie gross die tatsächliche volkswirtschaftliche Wertschöpfung einer Bank, respektive des gesamten Finanzsektors eines Landes, ist. Führen wir uns kurz vor Augen, was eine Bank eigentlich macht: Sie nimmt auf der einen Seite Geld auf, von Sparern, von Obligationären, von anderen Kreditgebern, und reicht auf der anderen Seite Geld in Form von Krediten weiter: an Unternehmen, an Hausbesitzer, an Staaten, et cetera. Sie sorgt also dafür, dass Kapital in der Wirtschaft dorthin fliesst, wo es produktiv eingesetzt werden kann. Des weiteren bietet sie Zahlungsverkehrs-Dienstleistungen und dergleichen an.

In all diesen Geschäften verdienen die Banken an Gebühren und an Zinsdifferenzen. Das heisst aber noch lange nicht, dass alle diese Verdienste wirklich ökonomische Wertschöpfung darstellen. Um diese zu evaluieren, müsste korrekterweise der Akt des Risikomanagements vom Akt der blossen Risiko-Inkaufnahme getrennt werden. Was in der BIP-Berechnung in der Regel aber nicht getan wird.

die blosse Inkaufnahme von Risiken durch die Banken keine Wertschöpfung darstelle

Die blosse Inkaufnahme von Risiken durch die Banken stellt keine Wertschöpfung dar: Andrew Haldane. (Bild: Bank of England)

Andrew Haldane, Exekutivdirektor für Finanzmarktstabilität bei der Bank of England – er ist in dieser Funktion das ungefähre Äquivalent zu Thomas Jordan in der Schweizerischen Nationalbank – argumentiert in einer Analyse, dass die blosse Inkaufnahme von Risiken durch die Banken keine Wertschöpfung darstelle. Das Papier wurde Ende November auf VoxEu publiziert und ist hier abrufbar. Vor allem in den Jahren vor der Finanzkrise von 2008, so schreibt Haldane, hätten die Banken einfach mit billigem, kurzfristig geliehenem Geld ihre Bilanz aufgebläht und damit allerlei riskante Dinge angestellt. Zum Beispiel Ramschpapiere aus dem US-Immobilienmarkt gekauft. Das habe in guten Zeiten zwar zu hohen Gewinnen geführt, im Crash aber riesige Verluste verursacht und zum Teil staatliche Rettungsaktionen nötig gemacht. Hier die wichtigsten Passagen aus Haldanes Papier:

In what sense is increased risk-taking by banks a value-added service for the economy at large? In short, it is not. The financial system provides a number of services to the wider economy, including payment and transaction services to depositors and borrowers; intermediation services by transforming deposits into funding for households, companies or governments; and risk transfer and insurance services. In doing so, financial intermediaries take on risk. For example, when they finance long-term loans to companies using short-term deposits from households, banks assume liquidity risk. And when they extend mortgages to households, they take on credit risk.

But bearing risk is not, by itself, a productive activity. The act of investing capital in a risky asset is a fundamental feature of capital markets. For example, a retail investor that purchases bonds issued by a company is bearing risk, but not contributing so much as a cent to measured economic activity. Similarly, a household that decides to use all of its liquid deposits to purchase a house, instead of borrowing some money from the bank and keeping some of its deposits with the bank, is bearing liquidity risk. Neither of these acts could be said to boost overall economic activity or productivity in the economy.

In guten Zeiten an den Finanzmärkten wird der Beitrag des Bankensektors an das BIP eines Landes demnach überschätzt: Die Banken schreiben zwar hohe Gewinne, aber diese Gewinne beruhen zu einem beträchtlichen Teil nicht auf geschicktem Risikomanagement, sondern auf blosser Risiko-Inkaufnahme. Ein treffender Satz von Haldane:

If risk-making were a value-adding activity, Russian roulette players would contribute disproportionately to global welfare.

Wenn sich die Banken in ihrem Rausch töricht verhalten und Risiken komplett falsch einschätzen – wie in den Jahren vor 2008 –, vernichten sie im Kern sogar ökonomische Wertschöpfung, schreibt Andrew Haldane. In seinen Berechnungen kommt er zum Schluss, dass der wirklich wertschöpfende Anteil des Finanzsektors am BIP Grossbritanniens nicht 10 Prozent, sondern bloss 6,5 bis 7Prozent darstellt. In einer anderen Studie aus dem Jahr 2010 kamen die Ökonomen Antonio Colangelo und Robert Inklaar zum Schluss, dass die ausgewiesene volkswirtschaftliche Wertschöpfung der europäischen Banken um 25 bis 40Prozent tiefer wäre, wenn der Effekt der blossen Inkaufnahme von Risiken eliminiert werde.

Zum Schluss ein sehr stark simplifiziertes Rechenbeispiel. Nehmen wir an, die europäischen Banken in ihrer Gesamtheit haben mit den beiden LTRO-Runden von der EZB eine Billion Euro für drei Jahre erhalten. Sie müssen dafür 1 Prozent Zins pro Jahr bezahlen, also zehn Milliarden Euro. Sie kaufen damit italienische und spanische Staatsanleihen und allerlei andere Anlagen mit drei Jahren Restlaufzeit und einer jährlichen Rendite von 5 Prozent, das heisst, sie streichen pro Jahr Zinseinnahmen von fünfzig Milliarden Euro ein. Abzüglich der Zinskosten ergibt das einen Nettogewinn von vierzig Milliarden Euro pro Jahr, den die Banken ausweisen und als ihr grosses Verdienst feiern können. Dieser Gewinn basiert jedoch einzig auf der Inkaufnahme von Risiken, ohne jegliches Management-Knowhow. Also ist die wahre volkswirtschaftliche Wertschöpfung dieses Gewinns: Null.