Wirtschaft


Never Mind the Markets

Krugman und der Bond-Bubble

Markus Diem Meier am Mittwoch 25. August 2010

Die Langfristzinsen befinden sich weltweit auf Tiefstständen. Warum? Wer angesichts der steigenden Staatsschulden mit einem baldigen Kollaps der Staatsanleihen rechnet, kann sich das nur so erklären, dass sich bei diesen Anleihen eine irrationale Blase gebildet hat, die irgendwann platzen muss – mit einem dramatischen Zinsanstieg als Konsequenz. Zum negativen Zusammenhang von Zinsen und Staatsanleihen siehe hier (Box links beachten).

Nobelpreisträger Paul Krugman, Bild: Keystone

Das Problem dieser Sichtweise: Wieso sollte jemand dem Staat Geld leihen, wenn er doch erwartet, dass dieser es nicht mehr vollständig zurückbezahlen wird?

Die andere Erklärung ist, dass die tiefen Zinsen schlicht die Erwartung einer anhaltenden weltwirtschaftlichen Krise sind. So argumentiert der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in diesem Blogeintrag mit einer verblüffenden Rechnung. Achtung, ist etwas technisch, daher seine Warnung «wonkish». Hier die Kernüberlegung:

Die Zinsen, die man langfristig erhält– zum Beispiel in 10 Jahren – müssen etwa dem Ertrag entsprechen, den man bekommt, wenn man nacheinander kurzfristig anlegt – zum Beispiel jährlich – und jeweils die Erträge reinvestiert. Die Kurzfristzinsen wiederum werden von der Zentralbank bestimmt, wenn auch meist indirekt.

Krugman hat sich gefragt, welche Kurzfristzinsen, also welchen Leitzins die amerikanische Zentralbank Fed in den nächsten Jahren festsetzen wird. Dafür hat er sich eine Daumenregel zunutze gemacht, die auch die Notenbanker gerne benutzen: Die «Taylor-Regel». Deren Aussage: Je höher die Inflation und je tiefer die Arbeitslosigkeit, desto höher der Leitzins. Klar, die Formel ist leicht komplexer und sie liefert vor allem konkrete Daten für den Leitzins.

Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit  in den USA von 9,5 Prozent und einer (Kern-)Inflation von 1 Prozent hat Krugman die folgenden Leitzinsentscheide der US-Notenbank errechnet:

US-Leitinsentscheide der nächsten Jahre gemäss Krugmans Berechnung

Die US-Zentralbank wird demnach über weitere vier Jahre die Leitzinsen bei null belassen. Wenn das keine dramatische Vorhersage ist?

Der Gag der ganzen Übung. Krugman im O-Ton:

I asked what interest rate on a 10-year security would yield the same present value as investing in short-term debt at the predicted rates, and rolling it over each year… And the implied interest rate was … 2.6 percent.

Das heisst, der Nobelpreisträger kam exakt auf jenen Langfristzins, der am Tag seiner Berechnung vorgeherrscht hat.

Krugmans Schlussfolgerung bezogen auf die ganze Bubble-Debatte:

My sense is that a lot of people just can’t bring themselves to face the reality that we’re likely to be in a zero-interest world for a long time. They just keep assuming that the Fed is going to raise rates soon, even though there is absolutely nothing about the macro situation that would justify such a rate increase.

But once again: if you take standard economic forecasts seriously, they point to near-zero short-term rates for a very long time, which in turn justifies low longer-term rates. Remember Japan.

Japan ist das moderne Horrorbeispiel: Zwanzig Jahre ökonomisches Jammertal. Wenn das den USA droht, kommt keiner ungeschoren davon. Widerspruch?

Nachtrag:

Das gewüschte Summary: Das extrem tiefe langfristige Zinsniveau in den USA ist bestens mit der hohen Arbeitslosigkeit und der Tatsache erklärbar, dass der Leitzins der US-Notenbank bereits bei Null liegt. Das heisst, sie kann die Zinsen nicht weiter senken. Um die Arbeitslosigkeit wieder auf ihr normales Niveau zu senken, muss die Notenbank daher die Zinsen noch vier Jahre bei Null belassen (das hat Krugman mit der Taylor-Regel berechnet). Berechnet man aus dieser Abfolge der Kurzfristzinsen den Langfristzins, ergibt sich das aktuelle Niveau. Das heisst, damit wären die Anleihen «fair» bewertet. Klar kann man weiter an einen Bubble glauben, doch das sollte man dann gut begründen und das vorgebrauchte Argument zum Beispiel von Krugman gescheit entkräften.

Und noch ein Feedback:

Nein, mit den Voodoo-Begründungen, die während  der Internet-Bubble vorgebracht wurden, um die damaligen irrationalen Aktienbewertungen zu begründen, hat das hier nichts zu tun. Bei Krugmans Berechnungen handelt sich um eine Anwendung gängiger ökonomischer Theorie, die nicht erst zur Begründung der tiefen Zinsen entwickelt wurde. Ende der 90er Jahre wurden die gängigen ökonomischen Erkenntnisse mit der nie gut begründeten Behauptung über Bord geworfen, angesichts einer «New-Economy» sei eh alles anders, weshalb auch Aktienbewertungen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 100 und mehr akzeptiert wurden.

8 Kommentare zu „Krugman und der Bond-Bubble“

  1. Tom sagt:

    Mir gefallen die Berichte. Jedoch wuerde ich mir ein Summary wuenschen, das kurz zusammenfasst, was die Kernaussage sein soll. Was ist nun so erstaunlich: dass die Zinsen so tief sind?, dass Krugman’s simples Modell genau den jetzigen Zins liefert?, dass mit diesem Modell, dass die niedrigen Zinsen liefert auch vorausgesagt wird, dass es noch lange so bleiben wird, die Investoren aber was anderes glauben?, dass es keine Bond-Bubble gibt, sondern dies genau so Sinn ergibt?, dass das Fed richtig handelt, wenn es die Zinsen noch lange tief haelt?

    • Fabian Baum sagt:

      @Tom: Die Kernaussage ist, dass es keine Bond-Bubble gibt und man sich zur Zeit sorgen um die Wirtschaftsentwicklung nicht aber um den Staatshaushalt machen muss. Mit der Bond-Bubble argumentieren die Oekonomen, die in der jetztigen Lage vor allem einen ausgeglichenen Staatshaushalt einfordern, weil sie die öffentlichen Haushalte als überschuldet betrachten. Auf das Argument, warum denn die Zinsen so tief sind, wenn denn die Staaten pleite wären, antworten diese Oekonomen eben mit dem Argument der Bond-Bubble (Bond-preise seien irrational hoch). Krugman zeigt, dass es keine Bond-Bubble gibt, wenn man die Prognosen des CBO heranzieht und eben die Taylor-rule für die Zinsentwicklung heranzieht.

  2. Stefan Ernst sagt:

    Ich errechne die Langfrist-Zinsen nach der Failure-Regel (habe ich eben erfunden): Die Fed kann die Zinsen nach ihren Massstaeben eigentlich nie wieder anheben, da sie mit ihrer Niedrigzinspolitik seit Jahren ein deflationaeres Mega-Event vor sich herschiebt. Der Haeuser-Markt steht unwiderruflich am Abgrund und die Regierungen weltweit haben aufgrund der aufgetuermten Schuldenberge keinerlei Interesse an steigenden Zinsen, hingegen sehr wohl an steigender Inflation.

  3. Patzrick Ryf sagt:

    Die Staatsanleihen sind in der Tat eine irrationale Mega-Blase. Wenn nicht gewisse Zentral-Banken die Staats-Anleihen monetisieren würden, wäre wäre die Blase schon in diversen Ländern geplatzt und diese wären Bankrott gegangen. Ohne die absurd billigen Zinsen, hätte das gefräsige Kredit-Monster einen Herzinfarkt. Dieses inflationieren der Geldmengen aber verändert denn objektiven inneren Geldwert der einzelnen Geld-Einheit, geschäftliche Kalkulationen werden zufällig. Dies wird das Vertrauen in die Währung untergraben. Der Fiebermesser, der diese Inflation und das schwindende Vertrauen ins Geldsystem anzeigt, ist der Gold-Preis. Die schon bald einsetzende Flucht aus dem Fiat-Geld System in die ultimative Währung Gold, wird mit den künstlichen, von der Hochfinanz diktierten, billigen Zinsen Schluss machen. Zweistellige Zinsätze werden dann keine Seltenheit mehr sein. Am Ende eines langen Kredit-Zykluses taugt lineares Denken nicht mehr, weil die nicht mehr rückzahlbaren Schulden und Zins-Dienste nicht mehr realisierbar sind. Ohne die zu grossen Schulden abzuschreiben, wird diese Krise nicht mehr gelöst werden können. Ein Schneeball -System am Ende, kann nur weitergeführt werden, wenn man es von Neu anfängt. Die Frage ist nur noch, wer wird den Schaden des alten Systems davon tragen müssen. Die Bankster und ihre Kumpane sind schon eifrig daran, aus diesem Niedergang möglichst viel Kapital zu schlagen und uns Alle mit der Rechnung zurück zu lassen. Japan und die USA kann man aus verschieden Gründen nicht vergleichen.

  4. gammal quellsson sagt:

    Sehr geehrter Herr Diem Meier

    zwei Fragen, eine Anmerkung

    1. Die gleiche Argumentation wie Krugman zu Bonds haben Tech-Analysten im 2000 zum Aktienmarkt gebracht. „Die Aktienkurse implizieren gigantische Gewinnsteigerungsraten?!?“. Lapidarer Kommentar dazu: „Zwanzig Jahre ökonomischer Höhenflug“.

    Wieso genau stehen wir vor keiner Bond-Bubble?

    2. Horrorbeispiel: Die US-Arbeitslosigkeit veharrt 5 Jahre auf 10%. Das Fed denkt sich NAIRU 5% und fährt mit seiner Nullzinspolitik fort.
    HORRORBEISPIEL: Die US-Arbeitslosigkeit veharrt 5 Jahre auf 10%. Das Fed denkt sich EUROSLEKORSE und erhöht den US-Leitzins auf 4.5%.

    Wieso genau stehen wir vor keiner Bond-Bubble?

    3. Kruman 2010 zu blogen ist etwa gleich bünzlig wie Never mind the bollocks 2010 auf itune herunterzuladen.

    Ihr gammla quellsson

  5. Markus Schneider sagt:

    Die Staaten der Welt (insbesondere die Industriestaaten) sind dabei, mit Hilfe selbstgemachter Inflation und neuen Gesetzen einen gigantischen Raubzug auf die Vermögen der Privaten vorzubereiten. Der Staat besteht bekanntermassen aus natürlichen und juristischen Personen – die juristischen werden seit Jahren hofiert, entlastet, gefördert und im Krisenfall gerettet – die natürlichen Personen werden dafür mit Zinssenkung belohnt und dürfen via Steuern sämtliche anfallenden Kosten berappen.

    Gut dran ist, wer jetzt in Papiere von Firmen investiert ist und möglichst wenig Privatvermögen hat. Man glaube doch nicht, die angebliche Spendenfreudigkeit der reichen Amerikaner (mithin die Erzkapitalisten) beruhe auf reiner Menschenliebe. Nein, natürlich dienen die geförderten Stiftungen dem Machterhalt über alle Einkommens- und Vermögenssteuergesetze hinweg, ganz ähnlich wie es die Pharaonen einst taten – nur dass der Reichtum heute nicht mehr in der Pyramide eingemauert, sondern an die Stiftung gegeben wird, wo sie von den Handlangern der eigenen Macht verwaltet wird und den Rest der Menschheit immer mehr versklavt.

  6. Hans sagt:

    Der Zins ist bekanntlich der Preis fuer Geld und richtet sich nach Angebot und Nachfrage. Offensichtlich ist das Angebot an Geld fuer Staaten so gross, dass der Preis (Zins) klein ist. Staaten gehen kaum pleite, also sind Staatspapiere langfristig die sicherste Anlage.

  7. Karla Ruoss sagt:

    ..was heisst den das nun für die Schweiz? Und was heisst das für den Immobilienmarkt in der Schweiz? Der ist ja auch von den Zinsen abhängig und man spricht von einer drohenden Bubble…bricht der den jetzt bald ein oder nicht..

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