Was haben Donald Trump und die Deutsche Bank gemeinsam?

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Deutsche-Bank-CEO John Cryan und Donald Trump. Foto: Kai Pfaffenbach/Jim Young (Reuters)

Donald Trump dominiert in der Politlandschaft die Schlagzeilen.

Die Deutsche Bank dominiert in der Finanzlandschaft die Schlagzeilen.

Was haben die beiden gemeinsam?

Auf den ersten Blick natürlich nichts. Und ich weiss, es ist eine herbe Beleidigung für die Deutsche Bank, in einem Atemzug mit Trump genannt zu werden, der primär mit sexistischen, rassistischen und xenophoben Äusserungen auffällt.

Doch die beiden Themen beleuchten ein Phänomen, das in der Spieltheorie als «collective-action problem» bekannt ist, was auf Deutsch etwa so viel wie das «Problem der gemeinschaftlichen Handlung» bedeutet (mit Dank an Tyler Cowen für die Idee des Themas).

Im Kern geht es dabei um folgendes Dilemma: Es gibt Situationen, in denen ein Konflikt zwischen den Interessen einer Gruppe und den einzelnen Individuen in dieser Gruppe besteht. Vereinfacht gesagt: Für die gesamte Gruppe ist es wichtig, dass die Individuen kooperieren, doch für die einzelnen Individuen kann es besser sein, aus der Gruppe auszuscheren und ihre eigenen Interessen zu maximieren.

Eines der bekanntesten Collective-Action-Probleme ist das Gefangenendilemma.

Was aber hat das mit Trump und der Deutschen Bank zu tun?

Die Treuen verlieren

Beleuchten wir es etwas genauer, und beginnen wir mit der Bank.

Eine Bank arbeitet auf der Basis von Vertrauen; sie geschäftet mit Tausenden von Gegenparteien, die ihr für kurze oder längere Zeit Geld ausleihen – und dabei darauf vertrauen, dass sie ihr Geld jederzeit, respektive zu einem vorbestimmten Zeitpunkt, wieder zurückerhalten.

Die Deutsche Bank, die Mitte September von den US-Justizbehörden mit einer heftigen Milliardenbusse konfrontiert wurde, hat gezeigt, was es bedeutet, wenn die Gegenparteien einer Bank beginnen, das Vertrauen zu verlieren: Das Frankfurter Institut wurde am Markt als schwächstes Glied im globalen Finanzsystem identifiziert, der Aktienkurs sackte in die Tiefe, die Kurse ausstehender Anleihen ebenfalls, und die Preise für Kreditausfallversicherungen – sogenannte Credit Default Swaps – schossen in die Höhe.

CEO John Cryan sah sich mehrmals gezwungen, zu bekräftigen, dass die Deutsche Bank solid finanziert, liquid und sicher sei.

So weit, so gut. Doch was genau hat das mit dem Collective-Action-Problem zu tun?

Ganz einfach: Jede Gegenpartei der Deutschen Bank, das heisst jede andere Bank, die dem Institut Geld ausleiht oder die ihre Eurogeschäfte über die Deutsche abwickelt; jeder Obligationär; jeder Geldmarktfonds; jeder Hedgefonds, der mit ihr geschäftet; ja, jeder Sparkunde musste sich überlegen, ob es noch sicher ist, Gegenpartei der Deutschen Bank zu sein.

Was, wenn die Bank kollabiert wie Lehman Brothers im September 2008 und ich mit meinen Forderungen auf dem Trockenen sitzen bleibe?

Und jetzt kommt das Entscheidende: Wenn alle Gegenparteien der Bank treu bleiben, dann hat sie kein Problem. Wenn aber einzelne Gegenparteien beginnen, ihr Geld oder ihre Geschäfte abzuziehen, kann die Bank schnell in Not geraten: Ein Bankensturm (Bank Run) setzt ein, der für das angeschlagene Institut innert kürzester Zeit den Tod bedeuten kann.

Die Krux ist die: Die Gegenparteien, die sich als Erste abwenden, kriegen ihr Geld meist noch ausbezahlt. Die anderen, die der Bank treu geblieben sind – also im Interesse der Gruppe gehandelt haben –, stehen dann unter Umständen plötzlich vor geschlossenen Toren.

Es kann sich also lohnen, aus der Gruppe auszuscheren, um die eigenen Interessen zu maximieren – obwohl man damit den verhängnisvollen Bankensturm möglicherweise erst auslöst.

So funktioniert jeder Bank Run: Es ist im Interesse aller, dass es nicht dazu kommt. Doch es ist im Interesse des Einzelnen, sein Geld zurückzufordern, bevor es alle anderen tun.

Nun kann es aber auch sein, dass der Einzelne einen teuren Fehler begeht, wenn er sich als Einziger und zu früh abwendet. Ein Obligationär bespielsweise, der seinen Bond mit grossem Verlust verkauft, kann an der Wertsteigerung nicht mehr partizipieren, wenn sich die Panik um die Bank als übertrieben herausstellt und sich alles wieder beruhigt.

Achtung: Es geht hier in keiner Weise darum, die These aufzustellen, die Deutsche Bank sei akut gefährdet. Das Beispiel dient rein zur Veranschaulichung des Collective-Action-Problems.

So weit die Bank.

Und was hat das nun mit Donald Trump zu tun?

Wählergunst oder Desaster

Für politische exponierte Mitglieder der Republikanischen Partei der USA – Kongressabgeordnete, Senatoren, Parteibonzen oder Gouverneure, die zur Wiederwahl stehen – stellt Trump ein Collective-Action-Problem erster Güte dar.

In den Primärwahlen vor dem Parteikonvent vom Juli, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass Trump die Wählerbasis gewinnen wird, ergab es für die einzelnen Politiker Sinn, sich ihm anzuschliessen und ihn öffentlich zu unterstützen.

Das war zwar nicht unbedingt im Interesse der Gruppe – also der Republikanischen Partei –, aber im Interesse des Einzelnen: Wer Donald Trump öffentlich seine Unterstützung gelobte, stieg in der Wählergunst der Basis und erhöhte seine Chancen auf eine Wiederwahl im November oder auf einen Posten im Kabinett von Präsident Trump.

Doch nun, spätestens nach dem verhängnisvollen Video mit den sexistischen Äusserungen von vergangener Woche, ist Trump zu einer Hypothek geworden.

Er ist sozusagen nun die Deutsche Bank für die Republikaner: Jeder Einzelne muss sich überlegen, ob er/sie noch treue Gegenpartei von Trump sein kann.

Jeder einzelne republikanische Politiker ist nun damit konfrontiert, seine individuellen Interessen gegen die der ganzen Gruppe – der Republikanischen Partei – abzuwägen: Ist es besser für meine Wahlchancen und meine politische Zukunft, wenn ich mich deutlich und öffentlich vom Sexisten und Rassisten Trump abwende?

Wenn viele Individuen diese Frage mit Ja beantworten, könnten sich innert kurzer Zeit Dutzende Exponenten der Partei von Trump abwenden. Möglicherweise hat diese Phase nun, mit der Abkehr von Paul Ryan, dem Speaker des Abgeordnetenhauses, bereits begonnen.

Ein derartiger Massen-Exodus – also das Äquivalent eines Bank Run – könnte Trumps Kampagne implodieren lassen.

Das aber wiederum könnte die Republikanische Partei mit in die Tiefe reissen, Hillary Clinton von der rivalisierenden Demokratischen Partei zu einem Erdrutschsieg verhelfen und dazu führen, dass die Republikaner möglicherweise die Mehrheit im Kongress verlieren.

Auch hier also ein klassisches Beispiel eines Collective-Action-Problems: Es könnte im Interesse des Einzelnen sein, sich jetzt von Trump abzuwenden. Und genau das könnte für die gesamte Gruppe bei den Wahlen am 8. November im Desaster enden.