Wo bleibt die Öldividende?

Pendler, die mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs sind, spüren die positiven Auswirkungen des Preisrückgangs von Rohöl am Weltmarkt am unmittelbarsten. Bei jeder Tankfüllung stellen sie fest, dass die Kosten sinken. Im Februar zahlten sie durchschnittlich 1.35 Franken für den Liter Bleifrei 95. Das ist ein Viertel weniger als im Sommer 2014. Damals begann der globale Preisabschwung.

Hauseigentümer füllen ihren Tank zwar seltener auf, aber ihre Kosten sind kräftiger gesunken: Heizöl wurde seither um ein Drittel billiger.

Das sind handfeste Einsparungen. Die Ökonomie spricht von der Öldividende. Der Begriff bezieht sich auf die Metapher, die im entgegengesetzten Fall bemüht wird: Steigt der Ölpreis, zahlen Verbraucher mehr für Transport und fürs Heizen, wie bei einer Zusatzabgabe oder einer «Ölsteuer».

Die Einsparungen sollten eigentlich dazu führen, dass die Energiekonsumenten das Geld für andere Dinge ausgeben und so der Wirtschaft einen Wachstumsschub verleihen. Das haben die meisten Konjunkturforschungsinstitute auch so vorausgesagt. Aber die Realität ist in fast allen Ländern enttäuschend ausgefallen. Warum nur hat die Öldividende diesmal die Wirtschaft so wenig beflügelt?

Die einfachste Erklärung: Der Wachstumseffekt war schwach, weil der Einkommenseffekt vergleichsweise mager ausfiel. Die eingangs angeführten Preisrückgänge um 25 respektive 33 Prozent sind ein Bruchteil des tatsächlichen Rückgangs der Ölpreise am Weltmarkt. Die Qualität WTI beispielsweise hat sich seit Juni 2014 um 70 Prozent verbilligt. Das ist «der grösste anhaltende Preisrückgang in mehr als 30 Jahren», haben die Analysten der Bank Barclays ausgerechnet (siehe Chart).

Quelle: Barclays Research

Dass dieser Einspareffekt nur zu einem geringen Teil bei den Ölkonsumenten ankommt, ist Vater Staat zu verdanken. Viele Länder erheben umfangreiche Steuern und Abgaben auf Benzin. Manche nutzen den Ölpeisrückgang sogar, um diese Abgaben zu erhöhen, ohne dass der Konsument davon etwas mitbekommt…

Aber es gibt noch andere Gründe für den enttäuschenden Wachstumsimpuls durch den Ölpreiszerfall.

In der Schweiz fiel er zeitlich mit dem Frankenschock zusammen, der die Konjunktur per Saldo abbremste. Weltweit wurde der Impuls beim Privatkonsum durch die Abschwächung in den Emerging Markets – den Schwellenländern – abgewürgt, der wiederum durch den Konjunktureinbruch in China verursacht wurde. Zu dem zu erwartenden negativen Effekt des Ölpreiszerfalls für Ölforderstaaten gesellte sich also auch noch ein Abschwung in den übrigen Schwellenländern hinzu.

Betroffen sind jene Regionen, deren Sozialprodukte traditionell überdurchschnittlich wachsen. Europa und die USA können da kaum gegenhalten. Folglich weist die Weltwirtschaft insgesamt ein spürbar tieferes Wachstum aus.

Der Chart zeigt diese unterschiedlichen insgesamt aber enttäuschenden Reaktionen im Privatkonsum bei Netto-Öl-Importeuren und -Exporteuren. Vor allem das energiehungrige China profitiert kaum von der Öldividende.

Quelle: Barclays Research

Interessant ist, wie skeptisch die Finanzmärkte auf das rekordgünstige Öl reagieren, das doch eigentlich ein Segen sein sollte.

Hier spiegelt sich mehr als nur die Besorgnis über die Ertragskraft der Erdölriesen. Befürchtet wird, dass Unternehmen generell weniger investieren werden, weil die Rohstoffbaisse und der Deflationswind, der über Europa, Japan und Nordamerika hinwegweht, allen vor Augen führen, dass weltweit in vielen Branchen Überkapazitäten vorhanden sind.

Der Energiesektor ist besonders betroffen: Hier werden in grossem Stil neue Förderprojekte und Expansionspläne eingestampft, weil sie sich nicht mehr lohnen. Im Fokus steht eine kapitalintensive Branche mit schwacher Bonität, die ihren Finanzbedarf jahrelang problemlos stillte, indem sie Obligationen emittierte. Die fanden reissenden Absatz, weil weniger riskante Papiere keine Zinsen mehr abwerfen. Solange das Fass Öl fast 100 Dollar kostete, war die Ertragslage der Emittenten stabil und waren die Bonds begehrt. Das hat sich inzwischen geändert.

Die Finanzwelt zittert nun vor einem Crash am Bondmarkt. Inzwischen erholen sich die Aktienindizes, wenn der Ölpreis zulegt, wie diese Woche geschehen als das Fass Brent über 37 Dollar kletterte. Kein Wunder sorgen die rekordtiefen Rohstoffnotierungen in den (häufig finanzmarktlastigen) Stimmungsindikatoren nicht für Jubel.

Das ist alles plausibel. Aber geht damit der Ölpreisschock 2014/16 als Ausnahmephänomen in die Wirtschaftsgeschichte ein?

Ein Blick zurück legt offen: Auch in der Vergangenheit endete die Hoffnung auf die Öldividende meist mit einer Enttäuschung. Nehmen wir die Achtzigerjahre.

Quelle: BIZ

Als sich 1986 der Fasspreis mehr als halbierte, prophezeite beispielsweise der Ökonomenstab der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) einen substanziellen Wachstumsschub für die meisten Mitgliedstaaten. Es handelte sich um den ersten substanziellen Preisrückgang, nach den Ölschocks der Vergangenheit. Die BIZ schrieb damals von einer Ölkrise neuer Art, eine in der die Notierungen stark fielen, anstatt stark anzuziehen. Da gleichzeitig auch der Dollar an Wert verlor, sei der Kaufkraftgewinn in den Ölimportländern (von den USA abgesehen) in heimischer Währung sogar noch grösser, frohlockten die Basler Experten.

Die Ernüchterung kam ein Jahr später.

Die weltwirtschaftliche Entwicklung habe nicht die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt, trotz des Rückgangs der Ölpreise, ist im BIZ-Jahresbericht 1987  nachzulesen.

Schuld daran sei, erstens, dass «die Öleinfuhrländer nur zögernd auf die durch das verbesserte Austauschverhältnis im Aussenhandel erzielten Realeinkommenszuwächse» reagierten.

Zweitens «reagierten die Ölausfuhrländer vergleichsweise rasch auf den Rückgang der Exporterlöse, während die übrigen Entwicklungsländer eine relativ schwache Importnachfrage entfalteten».

Drittens trugen «in den USA (…) niedrigere Ölpreise zu einer scharfen Einschränkung der Unternehmensinvestitionen bei».

Die damalige Lage war von der heutigen gar nicht so verschieden.

Ist das Konzept von der Öldividende in der Praxis also irrelevant?

Die Erfahrung legt das nahe. Aber vielleicht sollten wir uns daran gewöhnen, einen gutartigen Ölpreisrückgang von einem bösartigen zu unterscheiden; ähnlich wie die gute von der schlechten Deflation.

Ersterer liegt vor, wenn der Fasspreis in einem kräftigen konjunkturellen Umfeld einbricht. Beispielsweise wenn dank eines technologischen Durchbruchs, wie dank des Schieferölabbaus in Nordamerika, neue Vorkommen entdeckt werden und sich das weltweite Fördervolumen erhöht. In einem solchen Umfeld sind die grössten Wachstumsimpulse dank der Öldividende zu erwarten.

Anders sieht es aus, wenn der Ölpreis einbricht, weil die Nachfrage sinkt (beispielsweise jene Chinas) oder ein Angebotsschock in einem bereits angeschlagenen konjunkturellen Umfeld auftritt. Dann verpufft die Öldividende. Ein besonders scharfer Preiszerfall kann dann sogar zu einem Systemrisiko werden.

Der aktuelle Ölpreisschock hat leider mit diesem zweiten Szenario mehr gemeinsam als mit dem ersten.