Vier Rätsel der Weltwirtschaft

NMTM

Kostet die Automatisierung weniger Arbeitsplätze als befürchtet? Testdrohne von Amazon. Foto: Keystone

Wir leben immer noch im Ausnahmezustand: Der Konjunkturzyklus hat seinen Höhepunkt überschritten, aber die Zinsen sind bereits auf null. Falls eine Rezession kommt, hat die Notenbank kaum noch Spielraum.

Daneben gibt es weitere Erscheinungen, die Kopfschmerzen verursachen. Vier Rätsel werden zur Zeit besonders intensiv diskutiert:

  1. Wir leben in einer Phase von schnellem technologischem Wandel. Alle, die damit zu tun haben, können nur bestätigen: Digitalisierung und Automatisierung sind daran, die heutigen Unternehmen grundlegend zu verändern. Gleichwohl sehen wir keine erhöhten Produktivitätsfortschritte in den Statistiken.
  2. In Deutschland und den USA ist die Arbeitslosigkeit relativ gering. Gleichwohl entsteht kein richtiger Inflationsdruck.
  3. Der tiefe Ölpreis hätte eigentlich das Wachstum der Weltwirtschaft ankurbeln sollen. Gleichwohl übertreffen die negativen Folgen die positiven.
  4. Eine Verlangsamung des chinesischen Wachstums sollte rein quantitativ keine grosse Rolle spielen. Der US-Aussenhandel mit China entspricht etwa einem Prozent des US-BIP. Gleichwohl versetzen die neuen chinesischen Zahlen die Anleger und Unternehmer in einen Alarmzustand.

Natürlich gibt es bei allen vier Rätseln gute Antworten. Aber sie vermögen nicht ganz zu überzeugen.

  1. Die Messung der Produktivität ist ungenau und muss revidiert werden. Einwand: Sie war schon immer ungenau. Warum sollte dies gerade jetzt entscheidend sein?
  2. In den USA ist der Anteil der Erwerbsbevölkerung immer noch deutlich unter dem Niveau der Vorkrisenzeit. Entsprechend gibt es keinen Lohn- und Inflationsdruck. Einwand: Bei bestimmten Berufen mag es immer noch ein zu hohes Arbeitsangebot geben, aber längst nicht bei allen. Dennoch sehen wir kaum Lohnerhöhungen.
  3. Die Ölproduzentenländer spüren den Ölpreisverfall schneller als die Ölkonsumentenländer, das heisst der positive Effekt kommt erst mit einer Verzögerung. Einwand: Es sind relativ wenige Ölproduzentenländer, die negativ betroffen sind. Die überwiegende Mehrheit der Länder hat einen Nettokonsum. Warum kann eine Minderheit einen dermassen starken bremsenden Effekt verursachen?
  4. China ist mittlerweile die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Veränderungen in China haben deshalb eine grosse Wirkung auf die Erwartungen, was zu Übertreibungen führen kann. Einwand: Dass die Erwartungen übertrieben sind, ist klar, aber damit lässt sich die geradezu panische Reaktion nicht erklären. Es müssen gute Gründe vorhanden sein für den grassierenden Pessimismus.

Vielleicht ist alles ganz anders. Ich nenne mal vier Hypothesen:

  1. Digitalisierung und Automatisierung werden völlig überschätzt. Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft, in der die personengebundenen Tätigkeiten bei weitem überwiegen. Es gibt wenig Raum für grosse Produktivitätsfortschritte. Deswegen sehen wir keine Veränderung in der Statistik.
  2. Die Inflation ist seit den 1980er-Jahren am Sinken. Das hat weniger mit der Nachfrageseite (Geldpolitik, Löhne) zu tun als mit der Angebotsseite. China überschwemmt die Welt mit billigen Waren, die immer noch billiger werden.
  3. Der tiefe Ölpreis hilft enorm. Wenn er nicht gefallen wäre, wäre das Wachstum in den USA und in Europa deutlich geringer.
  4. Die Panik ist berechtigt, weil man weiss, dass China bald die Währung erneut abwerten wird, was grosse Probleme verursachen wird. Die Vorstellung, dass China schon längst daran ist, das ökonomische Modell umzubauen, ist schönfärberisch. China ist immer noch voll im Exportmodus und wird es bleiben. Deutschland und Japan haben es auch nie geschafft, ihre Fixierung auf den Exportüberschuss aufzugeben.

Das sind vielleicht auch keine wirklich gültigen Erklärungen. Aber es ist Zeit, die Diskussion zu öffnen und eingeschliffene Wahrnehmungsmuster aufzubrechen. Der Ausnahmezustand erfordert mehr Phantasie im Denken.