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Am Bondmarkt sterben die Kanarienvögel

Mark Dittli am Freitag den 29. Januar 2016
NMTM

Viele neue Rohstoffunternehmen haben sich über Anleihen finanziert: Ölförderanlage in Kalifornien. Foto: Richard Vogel (Keystone)

Der Bondmarkt gilt gemeinhin als langweilig. Kleine Renditeveränderungen bei Staatsanleihen liefern in den breiten Medien kaum je Schlagzeilen. Und wen interessierts schon, ob Nestlé für eine neu ausgegebene Anleihe 1,5 oder 2 Prozent Zins bezahlen muss.

Doch in einem Segment des Bondmarktes, im sogenannten High-Yield-Bereich, läuten derzeit alle Alarmglocken. Und es lohnt sich, dieses Segment genau im Auge zu behalten.

Zunächst ein kurzer, stark vereinfachter Exkurs zum Bondmarkt: Anders als Aktien, die über regulierte Börsen gehandelt werden, werden Schuldpapiere von Staaten, öffentlichen Körperschaften und Unternehmen über unregulierte Over-the-Counter-Plattformen von Banken gehandelt.

Die Rendite einer Anleihe bewegt sich invers zu ihrem Preis; das heisst, wenn der Preis einer Anleihe steigt, sinkt ihre Rendite, und wenn der Preis sinkt, steigt die Rendite.

Für die Zwecke dieses Blogbeitrags lassen sich drei Segmente des Bondmarktes unterscheiden:

  • Staatsanleihen
  • Anleihen von Unternehmen mit hoher Anlagequalität (Investment Grade)
  • Anleihen von Unternehmen minderer, spekulativer Anlagequalität (High Yield)

Die gängige Definition für High Yield ist ein Bonitätsrating von unter BBB, was ein erhöhtes Ausfallrisiko signalisiert.

Und um dieses Segment geht es. Genauer: Um den amerikanischen Dollar-High-Yield-Markt.

Früher, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, hiessen Anleihen niederer Qualität im gängigen Sprachgebrauch Junk-Bonds: Ramsch- oder Schrottanleihen.

Irgendwann in den vergangenen zwanzig Jahren wurden daraus High-Yield- oder zu Deutsch hochverzinsliche Anleihen. Das klingt irgendwie sauberer, unschuldiger. Und: Wer kann als Investor schon etwas gegen einen höheren Zins haben?

So weit zum Exkurs.

High-Yield-Bonds waren in den vergangenen Jahren extrem beliebt. Die Nullzinspolitik der Zentralbanken hat die Renditen auf sicheren Wertpapieren wie Staatsanleihen nahezu ausgelöscht, respektive in Fällen wie der Schweiz sogar tief in den negativen Bereich gedrückt. Es herrschte (und es herrscht immer noch) Anlagenotstand. Investoren waren daher gezwungen, grössere Risiken einzugehen, um überhaupt noch eine Rendite zu erzielen.

High-Yield-Bonds behaupteten sich in diesem Umfeld als lukrative Anlage: Sie werfen genügend Rendite ab, sind gemäss der gängigen finanztheoretischen Lehre aber doch nicht ganz so riskant wie Aktien.

Die Nachfrage vonseiten der Investoren war also da. Die Unternehmen haben das ausgenutzt – besonders in den USA, wo der High-Yield-Bondmarkt am besten entwickelt ist.

Hinzu kam im Fall der USA ein weiterer Faktor: Der Boom in der Schieferöl- und -gasförderung in Gegenden wie Texas, North Dakota und Pennsylvania rief Hunderte von Förderunternehmen ins Leben, die sich zu einem beträchtlichen Teil über die Ausgabe von Junk-Bonds finanzierten.

Ihr Geschäftsmodell war simpel: Sie nehmen via Bonds Kapital auf, bohren Löcher in das Schiefergestein, fördern Öl oder Gas, verkaufen es, bedienen mit dem erhaltenen Geld die Bond-Zinsen und streichen den Rest als Gewinn ein. Und wenn der Bond abläuft, wird er einfach durch einen neuen ersetzt.

In den Jahren 2012 bis 2015 wurden in den USA Junk-Bonds im kumulierten Wert von 1200 Milliarden Dollar ausgegeben, wie die folgende Grafik des Hongkonger Brokerhauses CLSA zeigt:

Hinzu kamen weitere 2000 Milliarden Dollar für sogenannte Leveraged Loans, von Banken erteilte Kredite (mittlerer Balken in der Grafik).

Dann geschah das, womit kaum jemand gerechnet hatte: Der Ölpreis brach innerhalb von weniger als zwei Jahren von über 100 auf unter 30 Dollar ein:

Der Einbruch des Ölpreises wiederum hat die Einnahmen der amerikanischen Ölförderer versiegen lassen.

Immer mehr von ihnen bekunden Mühe, die Zinsen ihrer ausgegebenen Junk-Bonds zu finanzieren. Die Zahlungsausfälle (Default) häufen sich. Als Folge davon sind die Preise der Junk-Bonds aus dem Ölsektor eingebrochen, respektive ihre Renditen sind in die Höhe geschnellt, wie der folgende Chart zeigt (Quelle: FuW):

Die schwarze Kurve zeigt den Ölpreis in Dollar (rechte Skala), die rote Kurve zeigt den Zinsaufschlag zu US-Staatsanleihen, den Junk-Bonds aus dem US-Energiesegment aufweisen: Lag der Zinsaufschlag Mitte 2014 noch bei fünf Prozentpunkten, ist er mittlerweile auf über 18 Prozent in die Höhe geschossen.

Das an den Renditeaufschlägen abzulesende Stressniveau liegt im Sektor der Energieunternehmen heute bereits höher als während der Finanzkrise von Herbst 2008, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: CLSA):

Die blassblaue Kurve zeigt die Renditen für US-Junk-Bonds aus dem Energiesegment. Sie liegen heute auf einem höheren Niveau als Anfang 2009.

Die dunkelblaue Kurve zeigt die Renditen für US-Junk-Bonds aus allen Branchen. Sie haben zwar noch lange nicht das Stressniveau von 2008/09 erreicht, doch auch sie sind bereits deutlich gestiegen.

Hier eine andere Ansicht, die die Entwicklung der Junk-Bond-Renditen in den USA zeigt (Quelle: CLSA):

Einige Erklärungen dazu: Die Balken zeigen die Renditen von US-Junk-Bonds in verschiedenen Branchen in vier Momentaufnahmen: Ende Juni 2014 (hellblau), Ende Dezember 2014 (hellgelb), Ende Dezember 2015 (dunkelblau) und am 20. Januar 2016 (gelb).

Eindrücklich ist zu sehen, wie in der Energiebranche (zweite Balkengruppe von links) die Bondrenditen von unter 5 Prozent auf über 18 Prozent in die Höhe geschnellt sind.

Doch die Grafik zeigt ebenso deutlich: Die erhöhte Furcht vor einem Zahlungsausfall ist nicht bloss ein isoliertes Phänomen des Energiesektors. In allen Branchen sind die Renditen für Junk Bonds deutlich gestiegen, besonders im Transport und in der Basisindustrie.

Nun könnte man die These aufstellen, dieser Junk-Crash sei übertrieben und stelle sogar eine tolle Kaufgelegenheit dar. Schliesslich werden mutige Investoren ja mit jährlichen Renditen von 10 Prozent und mehr belohnt.

Doch mit dieser These könnte man sich gehörig die Finger verbrennen. Der Bondmarkt hat sich nämlich in der Vergangenheit oft als guter Vor-Indikator für eine heftige Konjunkturabkühlung, eine Rezession und damit einher gehende Aktienbaisse erwiesen.

Die folgende Grafik verdeutlicht dies über den Zeitraum der letzten zwanzig Jahre (Quelle: FuW):

Die rote Kurve zeigt den Zinsaufschlag für US-Junk-Bonds, die grau unterlegte Fläche markiert Rezessionen in den USA. Beiden Rezessionen ging ein deutlicher Anstieg der Renditen von Junk-Bonds zuvor.

“Alle Krisen fangen im Kleinen an und breiten sich dann immer weiter im System aus. Der Hochzinsmarkt ist im Chaos. Weil sich Investoren im Energiesektor verspekuliert haben, müssen sich auch Unternehmen aus anderen Branchen zu höheren Kosten finanzieren. Es wird daher wohl noch schlimmer werden”, sagt der in den USA hoch angesehene Finanzmarktstratege Jim Bianco in diesem sehr lesenswerten Interview mit meinem Kollegen Christoph Gisiger.

In Kohlebergwerken hielten die Minenarbeiter früher Kanarienvögel in Käfigen. Hörten die empfindlichen Tiere auf zu singen und starben, drohte Gefahr: Gefährliche Gase machten sich in der Mine breit.

Vielleicht ist der Crash der Junk Bonds an den Finanzmärkten einmal mehr das Aequivalent sterbender Kanarienvögel in der Kohlemine: Ein Warnsignal für grösseres Unheil.

Ein anderes Thema, in eigener Sache: 

Wer sich für Gold interessiert: Mein Redaktionskollege Alexander Trentin erklärt hier in neun Charts, was es mit dem Goldpreis-Anstieg der vergangenen Wochen auf sich hat.

 

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40 Kommentare zu “Am Bondmarkt sterben die Kanarienvögel”

  1. Maiko Laugun sagt:

    Interview (Link) Jim Bianco: “China ist ein kommunistisches Land.”

    Ist dann die Schweiz auch ein kommunistisches Land? Mit seinen Staats- oder staatsnahen Betrieben wie die Kantonalbanken, Post, PostFinance, SBB, Swisscom, RUAG etc. etc.. und seiner planwirtschaftlich subventionierten SVP-Agrarwirtschaft und den durch Paralell-Import-Verbot geschützten Oligarchen? Der einzige Unterschied ist, dass keine mutmasslich unschuldigen in Haft gesetzt werden. Schauprozesse für das Volk – mit Kostenauflage an dieses – finden aber auch in der CH statt: UBS, Swissair etc. etc…

    • Rolf Zach sagt:

      Sie haben recht, ein kommunistisches Land scheint heute China nicht mehr zu sein. Was ist dann das grundlegende zwischen der Schweiz (West-Europa) und China. In allen Ländern von Westeuropa, auch früher Großbritannien, war der Wirtschaftssektor in staatlicher Hand, öfters mit Monopolcharakter, ein alltägliches Ding und förderte das Wirtschaftswachstum mittel Standardisierung und der Entwicklung aller Regionen eines Landes. Der Unterschied zwischen China und West-Europa ist die Geschlossenheit der Machteliten in China wie früher die Mandarine der Kaiser mit ihrer konfuzianischen Geisteshaltung. Chinas Problem war immer die “Check and Balances”, die nie fest verankert wurden.

      • Rolf Zach sagt:

        Bei guten Kaiser ging das gut, bei schlechten weniger. Es gibt ja den berühmten Ausdruck über das Mandat des Himmels, ging es verloren, waren blutige Auseinandersetzungen da. Der Macht-Transfer innerhalb der Eliten im heutigen China funktioniert nun ohne Todesurteile, aber ist geheim und brennt enorm viele gute Aktivitäten der Funktionselite ab, die China fördern wollen. Eine Entwicklung zur Verkalkung der Machtelite, die China in den nächsten Jahren teuer bezahlen wird und dies noch kombiniert mit einer willkürlichen und abhängigen Rechtspflege. Nicht nur politisch, sondern auch auf wirtschaftlichem Gebiet, wo einige Mittelständler aus Europa, die kein Guanxi haben, Verluste produzieren.

        • Maiko Laugun sagt:

          Guanxi = Lobbyismus/Vetternwirtschaft in der CH (z.B. Parlament). Die meisten CH-Richter haben ein Parteibüchlein. Ich bezweifle da eine unabhängige Rechtspflege. Die Unterschiede sind kleiner als man sie in der Ch wahrhaben will.

  2. Zufferey Marcel sagt:

    Der Ölmarkt (Kontrakte) ist hypernervös, die implizite Volatilität bei Crude Oil liegt seit einer halben Ewigkeiten bei über 50, neulich lag sie bei knapp über 74! Zum Vergleich: 2008 lag die Vola beim DJIA einmal bei knapp 79!

    https://finance.yahoo.com/echarts?s=%5EOVX+Interactive#{“allowChartStacking”:true}

    • Roli sagt:

      Es geht doch nicht um den Ölmarkt, es geht um die Kanarienvögel!
      Früher hatte man in den Minen unter Tag einen Kanarienvogel und sobald er mit seinem Gezwitscher aufhörte, war es höchst Zeit aus der Mine wieder zurück an die frische Luft zu steigen, sonst wäre man erstickt, ohne es zu merken.
      Ein weiterer Metapher ist der Bergsteiger, er steigt höher und höher, bekommt immer weniger Sauerstoff. Nur merkte er den Sauerstoffmangel nicht, die Wahrnehmung wird getrübt und die Risiken können nicht mehr beurteilt werden, was meistens tödlich endet.
      Es sind ja nicht nur die faulen Kredite von Fracking Firmen, dazu kommen neu die Subprime Studentloans und die Carloans. Die Situation ist ähnlich wie…

  3. Marcel Senn sagt:

    Hier noch ein sehr interessanter und vielschichtiger Artikel z.B. unter anderem zu den bald übervollen Oellagern (und warum es darum billiger kommt das Zeug zu verscherbeln wie neulich das Dakota Sour – eine zwar minderwertige Oelqualität, die kurzfristig für 1.50 $ das Fass gehandelt wurde, weil niemand mehr wusste wohin mit dem Zeug — also realwirtschaftliche Lagerengpässe.)

    http://ourfiniteworld.com/2016/01/07/2016-oil-limits-and-the-end-of-the-debt-supercycle/

    • Linus Huber sagt:

      Danke Marcel

      Seit dem Beginn der Geldpolitik nach PhD-Standard, zeigt der Chart des Ölpreises massive Ausschläge; dies dürfte kaum ein Zufall sein.

      “recent very low interest rates have encouraged unwise investments” oder eben Fehlinvestitionen 🙂

    • Rolf Zach sagt:

      Die Frage ist doch wegen den Gestehungskosten des Schieferöls gegenüber dem konventionell geförderten Erdöl onshore. Offshore wird etwa die Gestehungskosten in der Nähe von Schieferöl haben, ein Beispiel ist Norwegen. Heute haben wir ein Ölpreis der Sorte Brent zwischen 32 und 35 $, ein Verlustgeschäft für die Produzenten in den USA mit Kosten von geschätzten 40 bis 45 $. Aber es gab einmal die von Präsident Eisenhower eingeführte Import-Beschränkung für Erdöl aus dem Nahen Osten 1958 um die einheimischen Ölproduzenten zu schützen, die mit den Saudi-Preisen damals nicht mithalten konnten.Es könnte durchaus sein, daß sich die US-Regierung entschließt eine Preis-Untergrenze von $40 einzuführen

      • Rolf Zach sagt:

        Damit wären die wackligen Bankkredite gerettet und es wäre gleichzeitig ein Ansporn für erneuerbare Energie. Man könnte sich auch vorstellen, daß die Texas Railroad Commission zur Regulierung der Erdölproduktion wieder eingeführt wird. Für Senator Cruz aus Texas die Aufrechterhaltung der lupenreinen Marktwirtschaft.

  4. Lidija Jametti sagt:

    Von 169 Fracking Firmen auf Pump in den erwähnten Bundesstaaten sind um die 70 pleite.
    Die US Regierung unterstützte bis jetzt die Fracking Öl-Förderung um sich erstens von Saudi Arabiens OPEC zu lösen, die vor kurzem bis 32 Millionen Barrel per Tag förderte um gerade das Fracking-Öl abzuschaffen, weil für die Saudis wären die US Fracking grosse Konkurrenz. Mit Fracking-Öl wollte Obama auch den Russen auswischen um sie wie auch schon im Jahre 2008 und 2009 wirtschaftlich zu vernichten, weil die Russen zu 50% ihr Budget aus den Fossilen Verkauf füllen.
    Die Golf Länder stehen zu Russen fest, die Saudis haben viel an Cash eingebüsst. Die Russen sind gestärkt. Wer will noch zu Obama nach USA?

    • Rolf Zach sagt:

      Rohstoffnationen sind grundsätzlich schwache Nationen, sie agieren mit den Schätzen der Mutter Erde, aber nicht mit der Kreativität ihrer Bürger. Rußland würde besser daran tun, die Wertschöpfungs-Kette ihrer Industrie zu verlängern, als das Donez Becken mit Krieg zu überziehen. Putin schwafelt von der verarbeitenden Industrie, aber wenn ein Unternehmer in diesem Gebiet Erfolg hat, kommen all diese blutsaugenden Insekten hervor (seine Geheimdienst-Beamten), auf die er angewiesen ist und das Unternehmen stirbt an Blutarmut.

  5. will williamson sagt:

    “Das klingt irgendwie sauberer, unschuldiger. Und: Wer kann als Investor schon etwas gegen einen höheren Zins haben?”
    Niemand braucht etwas gegen höhere Zinsen zu haben. Es reicht, dass man sich berwusst ist, dass höhere Zinsen in aller Regel mit höheren Risiken verbunden sind.

  6. Anton Schneier sagt:

    In der ganzen Analyse ist nicht berücksichtigt oder erklärt, wie gross der Anteil der Bonds des Energiesektors ist.
    Im weiteren haben die Grossbanken bereits Milliarden Rückstellungen gebildet. Die BDC-Gesellschaften halten Anteile von wenigen Prozentpunkten bis 10% Bonds aus dem Energiesektor. Die Werte dieser BDC (business development companies) haben sich mehr als halbiert, und weisen noch einen grossen Discount gegenüber dem NAV aus.

    Tragischer ist die riesige Verschuldung beinahe aller Unternehmen aufgrund des billigen Geldes. Das billige Geld wurde aber nicht investiert sonder für Aktienrückkäufe verwenden. Die Schuldenquete heute enorm!

    • Josef Marti sagt:

      Was soll daran tragisch sein wenn Unternehmen resp. die Aktionäre ihre EK Rendite optimieren?

      • Linus Huber sagt:

        @ Josef

        Mitunter war das Problem der Krise 2008/09 eine niedrige Eigenkapitalquote der Banken, sodass ich nicht verstehe, wie Sie dies nicht als Problem erkennen können. Das Risiko eines Konkurses im Falle einer Rezession mit all den negativen Konsequenzen für die Gesellschaft erhöht sich aufgrund des reduzierten Risikokapitals exponentiell.

        • Josef Marti sagt:

          Wenn man von einer impliziten Staatsgarantie für Grossbanken ausgeht haben Sie sicher recht. Jedoch in einem Schuldgeldsystem die Verschuldung auch für die Realwirtschaft einschränken zu wollen ist ein Widerspruch, da müsste man konsequenter Weise gleich die Postwachstumsgesellschaft propagieren. Der Erfolg und die Stärke des kapitalistischen System begründet sich im Ausschluss der persönlichen Haftung der Aktionäre und damit der Möglichkeit das Risiko des unternehmerischen Scheiterns auf die Gläubiger abzuwälzen.

          • Bernhard Piller sagt:

            Der Unternehmer kann nicht das gesamte unternehmerische Risiko auf die Gläubiger abwälzen. Er verliert zwar nicht sein persönliches Vermögen, aber er verliert die Firma. Wenn er seinen Anteil an der Firma mit Fremdkapital finanziert hat, ist ein Konkurs des Unternehmens noch schlimmer.

          • Josef Marti sagt:

            Dass Privatpersonen das Risiko eines Privatkonkurses nicht ausschliessen können wenn sie verschuldet sind ist banal. Und dass der Aktionär seinen Einsatz verliert sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein wenn man von freier Marktwirtschaft schwafelt, ausser natürlich in der monopolistischen Finanzplanwirtschaft, siehe unten Kommentar von ilrettev oder der Fall Zypern.
            Der Bankaktionär hat ein Interesse an hohen Risiken gepaart mit einem hohen Hebel. Der Verlust des Einsatzes kann so durch eine Mini EK Quote über die Zeitachse gesehen minimiert und die Rendite extrem erhöht werden, denn der wegen hohem Risiko auch nach unten wirkende Hebeleffekt ist auf ein Minimum limitiert.

          • Josef Marti sagt:

            Ergänzung zum Thema Haftungsbeschränkung: Tatsächlich gab es beim ersten Aktienrecht, das 1844 in GB eingeführt wurde, noch keine Haftungsbeschränkung. Das führte aber dazu, dass sich das Interesse der Investoren für Aktien anfänglich stark in Grenzen hielt. So dass das Gesetz 1855 um die Haftungsbeschränkung ergänzt werden musste. Ab dann war es ein durchschlagender Erfolg. Aus heutiger Sicht ist klar, dass sich Kapitalgesellschaften nur in Kombination mit einer Haftungsbeschränkung als Motor der modernen Industrieentwicklung haben durchsetzen können.

          • Linus Huber sagt:

            “Jedoch in einem Schuldgeldsystem die Verschuldung auch für die Realwirtschaft einschränken zu wollen ist ein Widerspruch”

            Es geht wohl weniger um “einschränken” als um dieses Verhalten mit entsprechender Geldpolitik fast schon gezielt zu fördern. Weder Verschuldung noch Sparen sollte zentralistisch gefördert oder benachteiligt werden.

          • Rolf Zach sagt:

            Hätte die FED nicht auch solche Sub-Prime Papiere von den US-Banken übernommen, so wären der Verlust noch viel gigantischer angeschwollen, als es der Fall war. Die Zeit heilt Wunden und mit der Erholung des Immobilien-Marktes konnte sich der Wert vieler solcher anrüchiger Papiere erholen, was dem Stabsfonds der SNB geholfen hat, seine von der UBS gekauften Papiere, mit einem kleinen Gewinn, abzustoßen. Was der Skandal war, daß der Bund mit gutem Bargeld diese Papiere, die zum Zeitpunkt des Erwerbs Non-Valeurs waren, ohne Risiko-Entschädigung gekauft hat. Mir wäre es lieber gewesen, der Bund hätte sich so benommen wie Warren Buffet bei der Schweizer Rück. So wären diese UBSGötter weniger laut

      • ilrettev sagt:

        Nichts gegen hohe EK-Renditen. Die Forderungen der Aktionäre ist natürlich berechtigt. Bei einer dadurch entstehenden Schieflage eines Instituts müssen die risikotragenden Aktionäre ja auch mit ihrem Einsatz bluten.
        Skandalös ist nur, wenn bei einem solchen Ereignis staatliche Stellen die Rettung der Aktionäre herbeiführen und diese nicht auf eine gesunde Art untergehen lässt. Der Staat kann Bankgebilde retten, aber niemals darf er die verantwortlichen Bankinhaber (Aktionäre) mitretten.
        Der Fall UBS hat diesbezüglich denkbar schlechte Anreize gesetzt.
        Eine nachträgliche Korrektur der damalige Gewinnverteilung (SNB/Bund = 6 Mrd., Altaktionäre =60 Mrd.) ist nach wie vor ausstehend.

        • Monique Schweizer sagt:

          ilrettev: Ob man eine Bank wie die UBS retten soll – darüber kann man sicher streiten — nur für die CH wäre ein UBS-Untergang damals volkswirtschaftlich fatal gewesen.
          .
          Und die Altaktionäre haben ja auch ganz schön geblutet – damals betrug der Börsenwert über 240 Mrd – heute noch etwa 60 Mrd – also gut 75% futsch.
          .
          Für Bund/SNB und auch die Angestellten gabs ja dann doch noch sowas wie ein Happy End – einzig die Altaktionäre haben kräftig geblutet.
          Ich sehe in der Causa UBS keine wirklichen Pendenzen mehr – was genau meinen Sie denn damit?

          • ilrettev sagt:

            Das Bankgebilde UBS musste natürlich gerettet werden. Aber nicht die Bankinhaber (Aktionäre). Diese haben die risikoreiche Politik des VR jeweils getragen und sind dabei gescheitert.
            Die UBS Stand Mitte Okt.2008 vor er Insolvenz. Die Aktionäre hatten ihren Einsatz eigentlich verloren.
            Durch das ausgesprochen unglückliche Vorgehen von Bund und SNB, mittels Stabfondskonstrukt, wurden die Aktionäre geschützt. Wie in den meisten anderen Staaten (USA, GB, D, NL) hätten diese Gelder ins Eigenkapital fliessen müssen. Das hätte die verantwortlichen und schuldigen Inhaber der UBS praktisch enteignet.
            Gewinnverteilung zur Zeit der Stabfondsauflösung: Bund/SNB 6 Mrd., die Altaktionäre konnten eine…

          • ilrettev sagt:

            ….Börsenkapitalisierung von 60 Mrd ihr Eigen nennen.
            Dies ist ein Skandal. Die Allgemeinheit hat die hohen Risiken getragen aber nicht den hohen Gewinn erhalten. Dieser wurde nun ausgerechnet den, für dieses Debakel verantwortlichen, Aktionären überlassen.
            Ein absurdes Ergebnis. Eigentlich eine Begünstigung/Belohnung der Verursacher. Ein Skandal, welchen man wohl eher in einer Bananenrepublik vermuten würde.

            Pendenz: Die “Gewinnverwendung” muss korrigiert werden. Zum Beispiel mit Gratisaktien zu Handen des Bundes. Dies in der Grössenordnung, welches den Anteil der heutigen Aktionäre pulverisiert.
            Wird schwierig umzusetzen sein. Aber der Sündenfall UBS muss gelegentlich abgearbeitet…

          • Monique Schweizer sagt:

            Ilrettev: Nur wie sollen die Aktionäre solche Strategien überhaupt noch verstehen, wenn selbst die CEO’s z.B.. der US Grossbanken vor dem Untersuchungsausschuss zwar gemeint hätten, sie hätten die Risiken ihrer Geldhäuser noch im Griff gehabt, aber sie haben Gesamtsystemrisiko nicht mehr unter Kontrolle gehabt — ein solcher Fall war in deren Risikomodellen einfach als fast unwahrscheinlich taxiert worden.
            .
            In der CH ist der Fall ja noch glimpflich ausgegangen, die Altakionäre (unter anderem auch wir via PK/AHV Fonds) sind meines Erachtens mit 75% Wertverlust genügend abgestraft worden.
            Schlimmer finde ich z.B. Irland, wo das Versagen der Banken den Staatschulden zugeschlagen wurde.

          • Linus Huber sagt:

            “Nur wie sollen die Aktionäre solche Strategien überhaupt noch verstehen”

            Das ist wirklich bedeutungslos, wenn die Aktionäre die Risiken nicht verstehen, sondern es geht um das Anreizsystem, welches gepflegt sein muss. Dass die CEOs der Grossbanken die Risiken “nicht verstanden” lag natürlich darin, dass sie sich aufgrund ihrer Lobby-Abteilung in Form der Zentralbanken sicher fühlten bei etwelchen Schwierigkeiten eh in der einen oder anderen Form aus der Patsche geholfen zu werden.

          • Monique Schweizer sagt:

            Huber: Ob die das ex-ante schon gewusst haben, dass ihnen die FED und die Regierung dann in so grossem Umfange aus der Patsche helfen werden…..glaube ich nicht unbedingt. War ja in dem Stil und Ausmasse das erste Mal und geholfen wurde ja dann vor allem, als den Notenbankern und einigen wenigen Politikern, die überhaupt eine Ahnung von der Materie hatten (gibt ja nicht allzuviele von denen), dass das ganze Finanzsystem kurz vor der Kernschmelze stand.

          • Linus Huber sagt:

            Na ja, die Zentralbanken haben die Banken ja geradezu dahingehend konditioniert, dass sie jederzeit als deren Retter bereitstehen, was dazu führte, dass ein immer höherer Hebel, welchen eben ein erhöhtes Risiko einer “Kernschmelze” beinhaltet, eingesetzt wurde. Was haben die Zentralbanker daraus gelernt? Nill, zero, zilch, zip …

          • ilrettev sagt:

            @M.Schweizer
            Hohes Risiko und tiefes EK ergibt die von den Aktionären gewünschte hohe EK-Rendite. Wenn nun diese Politik Schiffbruch erleidet trifft dies die Inhaber (Aktionäre) dieses Unternehmens. Sie verlieren ihren Einsatz. Wer Investiert darf und soll reich werden. Er kann aber auch auf die Nase fallen und muss dann seinen Einsatz abschreiben. So sind die Spielregeln.
            Das Nichteinhalten dieser Regeln, ausgerechnet in der liberalen Schweiz, hat nun die Summe von bis zu 60 Mrd. schlicht in die falschen Hände geleitet. Eine Umverteilung von Staatsgeldern an gescheiterte Bankinhaber.

          • ilrettev sagt:

            Fortsetzung:
            Frau Schweizer… Die UBS stand vor der Insolvenz. Das bedeutet Totalverlust. Die Aktionäre erhielten völlig unverdient 60 Mrd. CHF. Nicht die Altaktionäre, sondern die Allgemeinheit hat die Risiken getragen und dieses Konstrukt am Leben erhalten. Dem Risikoträger gehört der Gewinn. Nicht den, untoten, Altaktionären.

          • Linus Huber sagt:

            @ Monique

            Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich inhaltlich wiederhole, versuche ich Ihnen das Problem zu erlaeutern. Jede Zwangsmassnahme hat einen Einfluss auf das Verhalten der Akteure; das Loesen von Problemen unter Vernachaessigung grundlegender oekonomischer Prinzipien beruecksichtigt oft einzig die kurzfristigen direkten Konsequenzen, jedoch vernachlaessigt oft die langfristigen Konsequenzen, welche sich aufgrund des damit veraenderten Anreizsystems langsam einstellen und welche oft schwerwiegender Probleme erzeugen als das urspruengliche Problem war.

          • Maiko Laugun sagt:

            @LH: Neue oder bereits existierende Zwangsmassnahmen und Regulationen können auch gezielt und bewusst erreicht oder verändert werden, indem man entweder nicht existente Probleme kreiert oder kleine grösser redet als sie sind. Oder umgekehrt, grosse Probleme im Sinne von kurzfristigem Denken klein redet, mit dem Ziel, die Dinge in die gewünschte Richtung zu lenken, zwecks Sicherung der Macht und/oder der Pfründe. Aktuell dürfte das zweite vorliegen.

          • Josef Marti sagt:

            @ ilrettev: Immerhin wurde mit dieser Rettung und Schadloshaltung der Altaktionäre eindeutig und klar dokumentiert, dass die Finanzwirtschaft eine staatliche Planwirtschaft aufgrund des staatlichen Geldmonopols – welches 1999 für das Buchgeld notabene privatisiert wurde – darstellt und mit Privatwirtschaft rein gar nichts zu tun hat. Gleichzeitig ist damit auch klargestellt, dass die allein entscheidende Gewalt im Land das Politbüro bestehend aus Bankdirektoren, SNB und Finma ist, welche als oberste Staatsangestellte sich die staatlich garantierten Boni selber bestimmen können. Mehr als abnicken können die gekauften Lakaien in Parlament und Regierung nicht.

          • ilrettev sagt:

            @J.Marti
            Die UBS-Sanierung war eine Kopie der Bear-Stearns-Rettung vom Frühling 2008. Diese Lösung wurde in den USA stark kritisiert. Mit Beginn der Finanzkrise Mitte Sept.2008 wurde diese Form der Konkursverhinderung für tbtf-Institute nicht mehr angewendet.
            Eigentlich nur die CH ist diesem unglücklichen Konstrukt treu geblieben. UBS-Rettung fand einen Monat nach dem Krisenauftakt statt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt hätten die zuständigen Beamten reagieren und den Rettungsplan abändern müssen.
            Keine Verschwörung. Schlicht schlafende und vor allem ausgesprochen unflexible Verantwortliche sind wohl an diesem absurden Resultat Schuld.
            Aber dies kann im Nachhinein noch korrigiert…

  7. D. Eicher sagt:

    Grafik 3: Es gab einen Anstieg dr Zinsaufschläge vor ’99 und es dauerte dann noch 2 Jahre bis etwas geschah.
    Auf den anstieg nach der Rezession im 02 folgte keine direkt weitere Rezession.
    Der Anstieg im ’11 ebenso.

    Ich finde die (chartbased) Begründung also etwas… fadenscheinig. Auch wenn die zugrundeliegende Argumentation gültig sein dürfte.

    Trotz allem. Würde sich der Ölpreis erhöhen (warum auch immer)… dürfte sich das Zinsaufschlagsniveau erholen. Insofern ist hier eine +/- monokausale Abhängigkeit vorhanden. Das Überspringen des Funkens auf “alle” ist hier etwas dünn begründet

    • Anh Toàn sagt:

      @D. Eicher: Was beeinflusst das Zinsniveau der High Yield Bonds mehr: Die moderaten Zinsanhebungen der FED oder der Absturz der Ölpreise, ist wohl im aktuellen Umfeld eher eine rhetorische Frage. Das “Überspringen des Funkens” lässt sich mit dem Herdentrieb erklären, damit dass auch wenn ich “charttechnik” für idiotisch halte, dies viele nicht tun, und darum die charttechnischen Signale (Steigende High Yield = sinkende Aktienmärkte) handeln werden: Marktbewgungungen evtl bis zu 6 Monaten hängen davon ab, was wer denkt, dass andere denken, er würde denken oder so.

      Vielleicht sehen wir bis Mai wieder tiefere Spreads (ausser für die Ölindustrie) und Höchsttände an den Aktienmärkten.

    • Daniel Keller sagt:

      Das ist mir auch aufgefallen: vor der 1. Rezession Anstieg von 5% auf 8%; nach der Krise dann nochmals von 7% auf 11% ohne weitere Auswirkung. Vor der 2. Rezession Anstieg von 2% auf 4%, aber dann während der Rezession von 4% auf 21%! Also rein vom Chart her sehe ich überhaupt keine Eignung als Warnsignal … (man könnte geradeso gut argumentieren, dass die Rezession bald vorbei ist, sobald die Zinsen Höchststände errreichen …)

      • Linus Huber sagt:

        “sobald die Zinsen Höchststände errreichen”

        Es geht um den “Spread”, welcher nicht zwingend dem höchsten Zinsniveau für Junkbonds entsprechen muss.

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