Das kleine Einmaleins der Geldreformen

FILE - This April 3, 2013 file photo shows bitcoin tokens in Sandy, Utah. The Mt. Gox bitcoin exchange in Tokyo is headed for liquidation after a court rejected its bankruptcy protection application. Mt. Gox said Wednesday, April 16, 2014, the Tokyo District Court decided the company, which was a trading platform and storehouse for the bitcoin virtual currency, would not be able to resurrect itself under a business rehabilitation process filed for in February. (AP Photo/Rick Bowmer, File)

Lautet die Zukunft des Geldsystems auf den Namen Bitcoin? (Bild: Rick Bowmer/Keystone)

Vollgeld, Bitcoin, Bargeldabschaffung, Free Banking, Goldstandard und Weiteres wird immer wieder als Grundreform des Geldsystems diskutiert. Zeit für einen Kurzüberblick über die wichtigsten Ideen.

Die Geldpolitik der grossen Zentralbanken steht diesen Dezember wieder besonders im Fokus. Am vergangenen Donnerstag hat die Europäische Zentralbank ihre Sondermassnahmen ausgeweitet: mit einer Absenkung ihrer Negativzinsen auf -0,3 Prozent für Einlagen der Banken und einer Verlängerung ihrer Staatsanleihenkäufe (Quantitative Easing) bis zum März 2017. Am kommenden Donnerstag ist die Schweizerische Nationalbank an der Reihe. Sie steht weiter unter Druck, etwas gegen den hohen Aussenwert des Frankens und die relativ schwache Wirtschaftsentwicklung zu tun. Noch eine Woche später folgt die US-Notenbank, von der erstmals seit dem August 2007 wieder eine Zinserhöhung erwartet wird.

Mindestens so stark wie die unmittelbaren geldpolitischen Entscheide der Notenbanken interessieren aber seit der Finanzkrise grundlegendere Fragen wie jene, wie denn das Geld- und Finanzsystem fundamental reformiert werden könnte. NMTM ging auf einige Ideen schon ein. Hier folgt nun ein kurzer Überblick über die Ziele, die Nachteile und die Chancen der am meisten genannten Vorschläge:

Vollgeld

Zielsetzung: Der wichtigste Zweck besteht darin, die Geldschöpfung der Geschäftsbanken auszuschalten. Die Banken schaffen Geld, indem sie Kredite vergeben, die dann als Einlage auf einem Bankkonto landen: Weil der Kredit dem Kreditnehmer direkt gutgeschrieben wird oder den Empfängern des Geldes, wenn der Kreditnehmer mit dem Kredit Käufe oder Investitionen tätigt. Damit basiert Geld erstens auf Schulden und das Finanzsystem hängt stark von Kreditzyklen und den Banken ab (hier mehr dazu). Euphorien und Übertreibungen werden oft von schweren Krisen abgelöst. Ziel von Vollgeld ist daher, die Geldschöpfung der Banken zu unterbinden. Das ist dann der Fall, wenn auch das Buchgeld – und nicht nur wie jetzt das Bargeld – einzig von der Notenbank geschaffen werden kann. Kredite können dann nur noch mit vorhandenem Notenbankgeld vergeben werden, also mit speziell dafür bereitgestellten Spareinlagen oder über speziell zu diesem Zweck von Banken ausgegebenen Anleihen.

Nachteile: Die Geldmengensteuerung liegt dann alleine in der Hand der Notenbanken, was ihnen eine enorme Macht und Verantwortung verleiht. Wie die Geschichte zeigt, sind auch sie nicht vor grossen Fehleinschätzungen und Fehlern gefeit. Eine engere politische Kontrolle würde sie der Gefahr aussetzen, für Sonderinteressen eingespannt zu werden. Die Wahrscheinlichkeit wäre zudem gross, dass Banken auch in einem solchen System Wege finden würden, dieses zu umgehen.

Chancen: Gering

100-Prozent-Reservegeld/Chicago-Plan

Zielsetzung: Das System baut auf der gleichen Analyse auf wie die Vollgeldidee, geht aber weniger weit. Hier sollen die Banken in der Möglichkeit der Geldschöpfung per Kreditvergabe dadurch eingeschränkt werden, indem sie für alle Einlagen (die aus Krediten entstehen) gleich hohe Reserven bei der Notenbank halten müssen. Die Reserven gemessen an den Einlagen müssten als0 100 Prozent betragen. Jetzt müssen die Banken in Prozent ihrer Einlagen nur einen geringen Anteil bei der Notenbank als Reserve halten.

Nachteile: In den Grundzügen wie beim Vollgeld, allerdings ist hier der Einfluss der Notenbank nicht gleich gross wie beim Vollgeld.

Chancen: Gering

Bitcoin/Blockchain/Kryptowährungen

ZielsetzungDie Entwickler von Bitcoin hatten ebenfalls das Ziel, den Einfluss der Banken in der Geldversorgung auszuschalten – im grossen Unterschied zu den Vollgeldlern aber auch jenen der Notenbanken. Letztere machen sie für die Fehlentwicklungen bis zur Finanzkrise mitverantwortlich. Bei Bitcoin handelt es sich um ein neues, international einsetzbares Geld, das nur in digitaler Form funktioniert, aber dennoch wie Bargeld ausgetauscht werden kann. Das Besondere liegt in der sogenannten Blockchain (Blockkette), die alle Informationen zu den erfolgten Tauschbeziehungen und Guthaben enthält und nach jedem Austausch aktualisiert wird. Wer sich am Unterhalt des Systems durch die Bereitstellung von Rechenleistung beteiligt und komplexe Aufgaben löst, kann so auch neue Bitcoin schaffen (man spricht hier von «schürfen»). Die Gesamtmenge an schürfbaren Bitcoins ist allerdings begrenzt. In diesem rein dezentral aufgebauten System widerspiegelt sich besonders deutlich die Unabhängigkeit von Notenbanken und dem bestehenden Finanzsystem. Neben Bitcoin gibt es auch weitere Währungen, die ähnlich aufgebaut sind und ebenfalls nur digital existieren. Der Überbegriff dafür lautet Kryptowährungen.

Nachteile: Die dezentralen Strukturen, der hohe Grad an Anonymität und die leichte internationale Einsetzbarkeit machen die Währung auch für Kriminelle interessant. Verschiedene Skandale haben ihr daher einen schlechten Ruf verschafft. Ein weiteres Problem besteht in ihren starken Wertschwankungen. Einige sehen in Bitcoin daher weniger eine Währung als vielmehr ein Anlageinstrument, was dem Zweck von Geld fundamental widerspricht. Die Funktion als Zahlungsmittel wird deutlich eingeschränkt, wenn die damit zu kaufenden Güter und Dienste in Bitcoin-Preisen drastisch ausschlagen und unbestimmt sind. Wie beim Goldstandard (siehe unten) führt die Begrenzung der maximal schürfbaren Bitcoin-Menge ausserdem dazu, dass das System bei einer weiter wachsenden Wirtschaft deflationär wirkt: Eine steigenden Geldknappheit müsste zu einem stetig sinkenden Preisniveau führen, was enorme Anpassungskosten zur Folge hätte.

Chancen: Gute Chancen auf eine breitere Durchsetzung hat vor allem die dezentrale Blockchain-Technologie, da sie den Geldaustausch von deutlich weniger Involvierten abhängig macht, sicherer ist und eine breitere Einsetzbarkeit ermöglicht.

Free Banking

Zielsetzung: Gerade umgekehrt zur Vollgeld- oder 100-Prozent-Reserve-Idee geht es hier darum, den Einfluss der Notenbanken auszuschalten. Noch nicht einmal das Monopol der Notenausgabe sollen sie beibehalten. Jede Bank soll ihr eigenes Geld – auch das Bargeld – emittieren dürfen. Im Wettbewerb unter den Banken soll sich dabei das stabilste Geld durchsetzen, während die instabilen Geldsorten dann samt den Banken dahinter untergehen würden und sollen. Das müsste gemäss dieser Theorie für die Banken einen Anreiz schaffen, für Stabilität im Finanzwesen zu sorgen. Die Idee geht auf die ökonomische Schule der Österreicher zurück. Vor allem Friedrich August von Hayek war ein Protagonist der Idee. Die Anhänger dieser Vorstellung verweisen auf frühere Geldsysteme vor der Gründung von Notenbanken, als Banken, Fürsten und weitere Emittenten (wie etwa Goldschmiede) eigene Währungen (in Form von Münzen und Noten) emittiert haben.

Nachteile: Das grösste Problem liegt darin, dass die Leute sich ständig einen Überblick über die verschiedenen Währungen und ihre Stabilität verschaffen müssten. Das bedeutet, die Transaktions- und Informationskosten im Zusammenhang mit dem Geld wären in einem solchen System hoch. Das würde auch Tür und Tor für Missbräuche von Geldanbietern öffnen. Die Gefahr von Finanzkrisen wäre hoch, wie auch die Zeit vor der Gründung der Notenbanken gezeigt hat. Gerade um solche Krisen zu minimieren, wurden die Notenbanken letztlich geschaffen und mit dem Geldmonopol versehen.

Chancen: Gering

Goldstandard

Zielsetzung: Beim Goldstandard kann man zwischen verschiedenen Formen unterscheiden: Geld besteht selbst aus Gold oder das umlaufende Geld kann jederzeit zu einem fixen Preis gegen Gold eingetauscht werden. Eng verwandt mit der letzten Form ist die Vereinbarung, dass mehrere Länder für Gold einen fixen Preis festsetzen. Das führt dazu, dass die Wechselkurse aller an einem solchen Goldsystem beteiligten Länder gegenseitig ebenfalls fixiert sind. Sie lassen sich  dann aus den Goldpreisen jeder Währung ableiten. Die Idee hinter jeder Form des Goldstandards besteht darin, die Geldmenge in einem Land zu stabilisieren und eben auch die Wechselkurse. Ein Grund für die Beliebtheit des Goldstandards ist der Umstand, dass hier sozusagen etwas Reales – eben Gold –, das nicht beliebig vermehrbar ist, dem Geld unterliegt und ihm Wert gibt. Ein zweiter Grund ist die Geschichte. Gold hatte in der Vergangenheit oft die Rolle des Geldes gespielt. Den Goldstandard als solchen gab es allerdings erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er hat sich in immer abgeschwächterer Form bis zu Beginn der 1970er-Jahre gehalten, als er mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems komplett zusammenbrach.

Nachteile: Der Goldstandard beschneidet die geldpolitischen Möglichkeiten einer Notenbank zu stark. In einer Wirtschaftskrise kann sie dann nicht mit zusätzlich geschaffener Liquidität für Entspannung sorgen. In diesem Sinn war der Goldstandard auch dafür mitverantwortlich, dass die Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er-Jahre in eine grosse Depression münden konnte. Da sich die Goldmenge nicht im gleichen Ausmass vermehren lässt, wie die Wirtschaft wächst, wirkt der Goldstandard zudem deflationär. So war die Zeit des Goldstandards schon vor der Grossen Depression eine Zeit wiederholter schwerer Krisen. Schliesslich verunmöglichen goldstandardbedingte fixe Wechselkurse Anpassungen des Aussenwerts einer Währung. Eine permanente Überbewertung einer Währung kann ein Land ebenfalls in eine schwere Krise stürzen, weil seine Exportprodukte zu teuer sind, während im Inland die heimische Produktion nur noch schwer gegen zu billige Importe bestehen kann.

Chancen: Gering

Abschaffung des Bargelds

Zielsetzung: Angesichts der Entwicklung zu einer immer grösseren Bedeutung von Buchgeld durch den Gebrauch von modernen elektronischen Zahlungsmethoden und Kartensystemen ist es naheliegend, eine weiter abnehmende Bedeutung des Bargelds anzunehmen. Es gleich ganz abzuschaffen ist durch diese modernen und sich weiter verbessernden Möglichkeiten überhaupt erst möglich geworden. Als Vorteil einer solcher Abschaffung werden eine ganze Reihe Gründe angeführt. So können etwa Transaktionskosten eingespart werden, die mit dem Bargeld verbunden sind: Das mit sich herumtragen oder (auf Bankenseite) der Aufwand für das Lagern, Sichern und Transportieren des Bargeldes, die Absicherung gegen Diebstahl- und Bankraub, das Verlustrisiko oder nur schon die oft mühsame Notwendigkeit, die passende Stückelung vorweisen zu können. Der Bargeldaustausch und die Bargeldhaltung hinterlässt zudem kaum Spuren, so dass es sich vor allem für Verbrecher und Terroristen gut eignet. Und nicht zuletzt steigt der Einfluss der Geldpolitik durch die Notenbanken. Denn ohne Bargeld kann zum Beispiel niemand mehr Negativzinsen für seine Einlagen ausweichen.

Nachteile: Die Nachteile ergeben sich zum Teil direkt aus den Zielsetzungen. Der Umstand, dass Bargeld und eine Bargeldtransaktion nicht im gleichen Mass kontrolliert werden kann wie Buchgeld, macht es nicht nur für Verbrecher sympathisch. Man will gar nicht, dass alles, was man zahlt und kauft Spuren hinterlässt, die andere möglichweise einsehen können. Bargeld ist eine Möglichkeit, dem Überwachungsstaat auszuweichen. Dass man mit Bargeld überdies eine Möglichkeit hat, dem Finanzsystem und etwa Negativzinsen auszuweichen, ist aus Sicht der einzelnen Individuen ebenfalls ein Vorteil. Dazu kommt der rein psychologische Effekt, dass ein Geld, dass nur noch rein elektronisch vorhanden ist, als weniger vertrauenserweckend gilt als ein Geld, das  grundsätzlich in Bargeld – und damit in sichtbare und fassbare Münzen und Noten – verwandelt werden kann. So ist es kaum Zufall, dass auch Bitcoin – wie im Einstiegsbild – oft als Münzen dargestellt werden, obwohl es solche bei Kryptowährungen als Zahlungsmittel gar nicht gibt.

Chancen: Gering im Sinne einer gezielten Abschaffung des Bargelds. Über die Zeit und mit technologischen Neuerungen wird das Bargeld allerdings automatisch eine immer geringe Bedeutung haben.