Logo

Neun Charts, die den Saudis den Schlaf rauben

Mark Dittli am Freitag den 27. November 2015

Saudi Arabien schwimmt in Öl. Und damit in Geld. Mit diesem Geld kann das Königshaus in Riad die eigene Bevölkerung ruhig halten und allerlei «Projekte» im Ausland finanzieren.

So zumindest lautet die weit verbreitete Meinung.

Doch nun läuft rund um das Thema Öl, Geld und Saudi Arabien etwas sehr Spannendes. Etwas, das weit reichende Konsequenzen haben könnte.

Erzählen wir diese Geschichte in neun Charts.

Hier zunächst einmal der Preis der Öl-Sorte Brent in Dollar pro Fass über die vergangenen fünf Jahre (Quelle: Bloomberg)

Von 2011, der Zeit des «arabischen Frühlings», bis Mitte 2014 hielt sich der Ölpreis beständig über der Marke von 100 Dollar je Barrel. In der zweiten Jahreshälfte 2014 stürzte er ab und schwankt seither zwischen 40 und 50 Dollar.

Was war geschehen?

Eine Erklärung liegt in der Nachfrage: Chinas Wirtschaft und damit Chinas Bedarf an fossilen Energieträgern hat sich deutlich abgekühlt.

Die zweite, wohl wichtigere Erklärung liegt jedoch im Angebot, wie der folgende Chart zeigt (Quelle: Société Générale):

Kanada und die USA haben ihre Öl-Fördermenge seit 2012 um satte 50 Prozent ausgeweitet, von rund 8 Millionen Barrel pro Tag auf aktuell über 12 Millionen Barrel pro Tag.

Der grösste Teil dieser Angebotsausweitung ist der Extraktion von Schieferöl-Vorkommen (Shale Oil) in US-Staaten wie North Dakota, Texas und Pennsylvania zu verdanken.

Und was taten die Saudis, als die Amerikaner und Kanadier ihre Fördermenge ausweiteten? Richtig: Sie erhöhten die Fördermenge ebenfalls, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: ycharts.com)

Saudi Arabien pumpt aktuell mehr als 10 Millionen Barrel Öl pro Tag aus dem Boden. Nie in den letzten fünf Jahren war die Fördermenge höher als heute. Diese beiden Faktoren, sinkende Nachfrage in Asien und steigendes Angebot aus Nordamerika und Saudi Arabien, haben den Ölpreis kollabieren lassen.

Es darf angenommen werden, dass Riad diese Entwicklung bewusst zugelassen, ja provoziert hat. Denn die Saudis hätten es in der Hand gehabt, mit einer Drosselung ihrer Fördermenge den Ölpreis zu stabilisieren oder wieder steigen zu lassen. Sie taten es nicht.

Wieso?

Einerseits haben sie jahrelang die neue Konkurrenz von den Schieferöl-Förderern in den USA unterschätzt. Die massive Produktionsausweitung in Nordamerika hat die meisten Spieler im Markt überrascht. Mit der Produktionsausweitung und dem Ölpreiszerfall wollte Riad diese zahlreichen amerikanischen Schieferöl-Förderer, von denen viele hoch verschuldet sind, wieder aus dem Markt drängen.

Ein zweiter Grund liegt einige hundert Kilometer nördlich von Riad: im Iran, dem Erzfeind der Saudis. Das politische Tauwetter zwischen dem Westen und Teheran dürfte in absehbarer Zeit dazu führen, dass der Iran seine Förderanlagen modernisieren kann.

Bereits jetzt hat der Iran begonnen, seine Ölfördermenge auszuweiten, wie der folgende Chart zeigt (Quelle: CLSA):

Von 2,4 Millionen Barrel pro Tag in den Jahren 2013 und 2014 ist die Produktionsmenge auf aktuell knapp 3 Millionen Barrel gestiegen. Da liegt es auf der Hand, dass die Saudis dem Iran nicht noch ein Geschenk machen wollen und mit einer Drosselung ihrer Produktion mehr Geld in die Kassen Teherans fliessen zu lassen.

So weit so gut.

Doch nun beginnt der Preiskampf, den Riad gegen die amerikanischen Schieferöl-Förderer und den Iran angezettelt hat, im eigenen Land zu schmerzen.

Der Staatshaushalt ist in den tiefroten Bereich gerutscht, wie die folgende Grafik veranschaulicht (Quelle: Société Générale):

Im laufenden Jahr beträgt das Budgetdefizit im Haushalt Saudi Arabiens mehr als 21 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Dagegen ist sogar Griechenland ein Musterknabe.

Die Staatsverschuldung, die im letzten Jahr auf nahezu null lag, beginnt zu steigen. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass Saudi Arabiens Staatsschulden bis 2020 auf gut 40 Prozent des BIP steigen, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: CLSA):

Das ist freilich noch lange kein Problem. Saudi Arabiens Staatsfinanzen können sich noch jahrelang verschlechtern, bevor Grund zu Besorgnis entsteht.

Problematischer ist eine andere Entwicklung, nämlich das Defizit in der Leistungsbilanz des Staates. Doch dazu kommen wir gleich.

Hier zunächst noch eine Übersicht, wie der niedrige Ölpreis im gesamten Nahen Osten und in allen ölfördernden Staaten zu schmerzen beginnt (Quelle: Société Générale):

In der dritten Spalte von rechts sind die Daten des diesjährigen Haushaltsdefizits abgebildet: Saudi Arabien hat sich von einem Minus von 3,4 Prozent im Vorjahr auf aktuell minus 21,6% des BIP verschlechtert. Venezuela kämpft mit einem Budgetdefizit von 24,3 Prozent des BIP, die Vereinigten Arabischen Emirate mit minus 5,5 Prozent und der Irak mit minus 23,1 Prozent.

In der letzten Spalte stehen die Leistungsbilanzsaldi in Prozenten des BIP. Sie haben sich in allen Ölförderstaaten massiv verschlechtert: In Saudi Arabien von einem Plus von 10,3 Prozent im Jahr 2014 auf aktuell minus 3,5 Prozent.

Und nun kommt das Problem: Je grösser das Leistungsbilanzdefizit, desto grösser wird der Druck auf die saudi-arabische Währung, den Riyal, sich abzuwerten. Dieser jedoch ist an den Dollar gebunden, und Riad scheint nicht gewillt zu sein, eine Abwertung zuzulassen.

Der Riyal wird verteidigt, was dazu führt, dass die Währungsreserven der saudischen Zentralbank sinken, wie die folgende Grafik verdeutlicht (Quelle: Société Générale):

Auch hier gilt: Alarmismus ist noch nicht angebracht, die Währungsreserven des Staates sind noch gross. Aber wenn der Ölpreis noch lange auf dem aktuellen Niveau bleibt, ist es eine Frage von wenigen Jahren, bis die steigende Staatsverschuldung, das grösser werdende Leistungsbilanzdefizit und die schwindenden Devisenreserven zu einem Problem werden.

Riad steckt in einem Dilemma: Auf die Dauer kann das Königshaus nicht den Ölpreis nach unten drücken, die Bevölkerung mit grosszügigen und teuren Zuschüssen ruhig halten und den Riyal an den Dollar binden.

An den Devisenmärkten wird bereits klar darauf spekuliert, dass der Riyal abgewertet wird. Dies zeigt die folgende Grafik, die mein Redaktionskollege Peter Rohner mit Daten von Bloomberg erstellt hat:

Die rote Kurve zeigt den Kassa-Wechselkurs zwischen dem Riyal und dem Dollar. Er bewegt sich zwischen 3.75 und 3.76 Riyal pro Dollar.

Die blaue Kurve zeigt die Zwölfmonats-Forward-Rate, also den Wechselkurs, den die Devisenhändler in einem Jahr erwarten. Er ist in den letzten Tagen deutlich gestiegen und beträgt aktuell etwas mehr als 3.82 Riyal je Dollar.

Das mag noch nicht nach viel erscheinen, ist aber immerhin schon ein Zeichen, dass darauf spekuliert wird, dass Saudi-Arabien den Dollar-Peg nicht wird halten können.

Die nächsten Monate werden spannend sein. Riad hat zwei Optionen:

  1. Eine Drosselung der Fördermenge auf unter 10 Millionen Barrel pro Tag. Damit würde der Ölpreis gesteigert, wodurch Budget- und Leistungsbilanzdefizit verringert respektive zum Verschwinden gebracht werden. Damit würde auch der Abwertungsdruck auf den Riyal wegfallen.
  2. Eine Abwertung des Riyal, um die Leistungsbilanz wieder ins Lot zu bringen.

Welche Stellschraube wird Riad wählen? Falls Option Zwei gewählt wird, könnte das gravierende Konsequenzen für den Ölpreis haben. Denn eine Riyal-Abwertung würde bedeuten, dass Saudi Arabien nicht von seiner No-Cut-Förderpolitik abrückt und den Weltmarkt mit Öl flutet.

Dann würde es nicht überraschen, wenn der Ölpreis auf 30 Dollar oder noch tiefer fällt.

« Zur Übersicht

14 Kommentare zu “Neun Charts, die den Saudis den Schlaf rauben”

  1. Meier sagt:

    Zumindest wird das iranische Volk leidensfähiger sein, als das der lebensunfähigen Saudis.

  2. Roli sagt:

    Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: der Saudische Staatsfond verkauft seine US T-Bills, Bonds und Aktien. Die können das noch lange durchhalten.
    Ich denke es handelt sich um einen Krieg um die Vormacht im Nahen Osten und auch um die Ölversorgung, denn mit den Preisen der Saudis kann niemand mithalten.
    Ölschiefer und Ölsande inUSA und Kanada leiden unter dem Preis, und damit die Highyieldbonds mit denen das Geschäft finanziert wurde. Die Börsen könnten unter Druck geraten, denn auch die Chinesen verkaufen US Bonds.
    Iran hat eine total veraltete Struktur und bräuchte höhere Preise um die Förderung massiv zu steigern oder aber billiges Geld.
    Wer am eisten profitiert ist China.
    Den Saudis…

  3. Markus Stefan sagt:

    Wenn den Saudis weniger Bares bleibt für die IS-Terrorfinanzierung, dann hilft uns das sehr direkt.

  4. Georg Stamm sagt:

    Was den Saudis den Schlaf raubt, sind ganz sicher nicht die aufgenommenen Flüchtlinge aus dem ,Irak und aus Syrien. Die kann man nämlich an einer Hand abzählen. Viel eher raubt ihnen den Schlaf, dass sie nicht mehr jedes Jahr einen neuen Business-Jet kaufen können, sondern nur noch alle 2 Jahre …

  5. Marcel Senn sagt:

    Kein Wort darüber, dass Saudiarbien seit 1990 immer dieselben Oelreserven ausweist -zwischen 258 bis 268 Mrd Barrel, dito Abu Dhabi, Kuwait und einige andere.

    Siehe Tabelle über Reserven mit verdächtigen Erhöhungen im Wikipedia Artikel

    https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lvorkommen

    Dies obwohl Saudiarabien seit 1990 zw. 8-10 Mrd Fass pro Jahr gefördert hat und mittlerweile Mrd von m3 Meerwasser z.B. in Ghawar (dem grössten Oelfeld aller Zeiten – 1948 mal ca 170 Mrd Fass) reinpumpt.
    .
    Kein Mensch ausser wenigen Vertrauten weiss wieviel Oel die wirklich noch haben — sind die Angaben überschätzt oder auch unterschätzt oder ist es einfach ein taktisches Spiel?

    • Maiko Laugun sagt:

      @Marcel: Ich tippe mal auf taktisches Spiel. Zu meiner Zeit in Saudi wussten selbst sonst sehr gut informierte Personen nichts über den Reserve-Stand. Das war nicht mal von den verantwortlichen Personen auf den Ole-Feldern selbst zu erfahren und ich hatte das Glück, mehrere mit Spezialbewilligungen des Innenministeriums zu sehen, obwohl ich nichts mit Oel zu tun hatte. Hingegen gibt es Gerüchte über weitere noch nicht angezapfte Bodenschätze. Ob da was dran ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Die unzähligen staatlichen Investitionen in Bildung, Finanzplatz und sogar (eingeschränkten) Tourismus lassen aber vermuten, dass die Reserven nicht so hoch sind wie angegeben.

  6. Anh Toàn sagt:

    Vereinfacht dargestellt verkauft Saudi Arabien Öl ans Ausland und importiert alle Güter und Arbeitskräfte aus dem Ausland. Die Kindermädchen aus Eritrea berechnen ihr Einkommen (bzw. die Möglichkeiten wieviel zu sparen) genauso wie die philippinischen Ölfeldarbeiter in USD. Selbst die Polizisten, welche in Saudi Währung bezahlt werden, wollen ihr gesamtes Einkommen für letztlich in USD denominierte Produkte und Dienstleistungen ausgeben. Ich habe Zweifel, ob eine Abwertung Saudi Arabien viel nützt.

  7. Maiko Laugun sagt:

    Seit die USA selber mehr Oel fördern (Grafik), haben sie sich merklich aus Kriegen zur Sicherung von Frieden und Demokratie zurückgehalten. Umgekehrt führt Saudi Arabien eine Allianz im Stellvertreter-Krieg gegen den Iran im Jemen. Seltsame Zufälle gibt’s.

  8. Hagen Tunt sagt:

    Die Saudis fördern also nicht nur den IS, sondern tragen durch billiges Öl auch massiv zur Klimakatastrophe bei. Auf Dauer werden sie verarmen, wie alle von Bodenschätzen abhängigen Länder, die keine alternativen wirtschaftlichen Standbeine aufbauen. Leider verliert der Westen den Antrieb zur Entwicklung alternativer Energiequellen. Was kurzfristig unsere Konjunktur stützt, wird langfristig den Wohlstand gefährden.

  9. Josef Marti sagt:

    Damit wird wieder mal vor Augen geführt dass in der Weltwirtschaft die Bodenrente nach wie vor für sehr lange Zeit absolut matchentscheidend ist solange die sog. Innovation nichts gescheiteres hervorbringt ausser kurzlebigen Konsumschrott für die Masse der Renditesklaven und Konsumentenschweinchen und wir immer noch mit den gleich primitiven Verbrennungsmotoren und Düsentriebwerken herumkurven. Ein Multi wie BP zB verdient 5/6 seines Gewinnes ausschliesslich mit der Bodenrente bzw. mit den Ölquellen und nur 1/6 aus dem Treibstoff und Raffineriegeschäft.

    • Rolf Zach sagt:

      @Marti.Natürlich haben Sie mit der Bodenrente recht und es gibt sicher zuviel sogenannter Konsumschrott für die Massen der Bevölkerung, obwohl meiner Ansicht nach das Handy dazu nicht gehört und dieses in der 3. Welt, gerade wegen den Unzulänglichkeiten der Staates, trotzdem mit dieser Technologie die Volkswirtschaften am Leben erhalten konnte. Seien wir doch zusammen ein bißchen Optimisten, habe gestern Arte geschaut mit interessanter Sendung über erneuerbare Energie auf einer dänischen Insel. Beeindruckend, was diese Gemeinschaft in Sachen Energieeffizienz und preiswerter Produktion von eigener erneuerbarer Energie auf die Beine gebracht haben, z.B. benützen sie Milch als Wärmeerzeuger.

    • Stadelman Reto sagt:

      Man könnte es wohl ergänzen. Wer Boden und Produktionsmittel besitzt. Aber ja, grundsätzlich hat sich daran wenig geändert Herr Marti.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Weiterbildung

Mobil, personalisiert, emotional

Adaptives Lernen ist einer der Trends im Bildungsbereich.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Abo

Weekend-Abo für 1.- testen

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-