Neun Charts, die den Saudis den Schlaf rauben

Saudi Arabien schwimmt in Öl. Und damit in Geld. Mit diesem Geld kann das Königshaus in Riad die eigene Bevölkerung ruhig halten und allerlei «Projekte» im Ausland finanzieren.

So zumindest lautet die weit verbreitete Meinung.

Doch nun läuft rund um das Thema Öl, Geld und Saudi Arabien etwas sehr Spannendes. Etwas, das weit reichende Konsequenzen haben könnte.

Erzählen wir diese Geschichte in neun Charts.

Hier zunächst einmal der Preis der Öl-Sorte Brent in Dollar pro Fass über die vergangenen fünf Jahre (Quelle: Bloomberg)

Von 2011, der Zeit des «arabischen Frühlings», bis Mitte 2014 hielt sich der Ölpreis beständig über der Marke von 100 Dollar je Barrel. In der zweiten Jahreshälfte 2014 stürzte er ab und schwankt seither zwischen 40 und 50 Dollar.

Was war geschehen?

Eine Erklärung liegt in der Nachfrage: Chinas Wirtschaft und damit Chinas Bedarf an fossilen Energieträgern hat sich deutlich abgekühlt.

Die zweite, wohl wichtigere Erklärung liegt jedoch im Angebot, wie der folgende Chart zeigt (Quelle: Société Générale):

Kanada und die USA haben ihre Öl-Fördermenge seit 2012 um satte 50 Prozent ausgeweitet, von rund 8 Millionen Barrel pro Tag auf aktuell über 12 Millionen Barrel pro Tag.

Der grösste Teil dieser Angebotsausweitung ist der Extraktion von Schieferöl-Vorkommen (Shale Oil) in US-Staaten wie North Dakota, Texas und Pennsylvania zu verdanken.

Und was taten die Saudis, als die Amerikaner und Kanadier ihre Fördermenge ausweiteten? Richtig: Sie erhöhten die Fördermenge ebenfalls, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: ycharts.com)

Saudi Arabien pumpt aktuell mehr als 10 Millionen Barrel Öl pro Tag aus dem Boden. Nie in den letzten fünf Jahren war die Fördermenge höher als heute. Diese beiden Faktoren, sinkende Nachfrage in Asien und steigendes Angebot aus Nordamerika und Saudi Arabien, haben den Ölpreis kollabieren lassen.

Es darf angenommen werden, dass Riad diese Entwicklung bewusst zugelassen, ja provoziert hat. Denn die Saudis hätten es in der Hand gehabt, mit einer Drosselung ihrer Fördermenge den Ölpreis zu stabilisieren oder wieder steigen zu lassen. Sie taten es nicht.

Wieso?

Einerseits haben sie jahrelang die neue Konkurrenz von den Schieferöl-Förderern in den USA unterschätzt. Die massive Produktionsausweitung in Nordamerika hat die meisten Spieler im Markt überrascht. Mit der Produktionsausweitung und dem Ölpreiszerfall wollte Riad diese zahlreichen amerikanischen Schieferöl-Förderer, von denen viele hoch verschuldet sind, wieder aus dem Markt drängen.

Ein zweiter Grund liegt einige hundert Kilometer nördlich von Riad: im Iran, dem Erzfeind der Saudis. Das politische Tauwetter zwischen dem Westen und Teheran dürfte in absehbarer Zeit dazu führen, dass der Iran seine Förderanlagen modernisieren kann.

Bereits jetzt hat der Iran begonnen, seine Ölfördermenge auszuweiten, wie der folgende Chart zeigt (Quelle: CLSA):

Von 2,4 Millionen Barrel pro Tag in den Jahren 2013 und 2014 ist die Produktionsmenge auf aktuell knapp 3 Millionen Barrel gestiegen. Da liegt es auf der Hand, dass die Saudis dem Iran nicht noch ein Geschenk machen wollen und mit einer Drosselung ihrer Produktion mehr Geld in die Kassen Teherans fliessen zu lassen.

So weit so gut.

Doch nun beginnt der Preiskampf, den Riad gegen die amerikanischen Schieferöl-Förderer und den Iran angezettelt hat, im eigenen Land zu schmerzen.

Der Staatshaushalt ist in den tiefroten Bereich gerutscht, wie die folgende Grafik veranschaulicht (Quelle: Société Générale):

Im laufenden Jahr beträgt das Budgetdefizit im Haushalt Saudi Arabiens mehr als 21 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Dagegen ist sogar Griechenland ein Musterknabe.

Die Staatsverschuldung, die im letzten Jahr auf nahezu null lag, beginnt zu steigen. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass Saudi Arabiens Staatsschulden bis 2020 auf gut 40 Prozent des BIP steigen, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: CLSA):

Das ist freilich noch lange kein Problem. Saudi Arabiens Staatsfinanzen können sich noch jahrelang verschlechtern, bevor Grund zu Besorgnis entsteht.

Problematischer ist eine andere Entwicklung, nämlich das Defizit in der Leistungsbilanz des Staates. Doch dazu kommen wir gleich.

Hier zunächst noch eine Übersicht, wie der niedrige Ölpreis im gesamten Nahen Osten und in allen ölfördernden Staaten zu schmerzen beginnt (Quelle: Société Générale):

In der dritten Spalte von rechts sind die Daten des diesjährigen Haushaltsdefizits abgebildet: Saudi Arabien hat sich von einem Minus von 3,4 Prozent im Vorjahr auf aktuell minus 21,6% des BIP verschlechtert. Venezuela kämpft mit einem Budgetdefizit von 24,3 Prozent des BIP, die Vereinigten Arabischen Emirate mit minus 5,5 Prozent und der Irak mit minus 23,1 Prozent.

In der letzten Spalte stehen die Leistungsbilanzsaldi in Prozenten des BIP. Sie haben sich in allen Ölförderstaaten massiv verschlechtert: In Saudi Arabien von einem Plus von 10,3 Prozent im Jahr 2014 auf aktuell minus 3,5 Prozent.

Und nun kommt das Problem: Je grösser das Leistungsbilanzdefizit, desto grösser wird der Druck auf die saudi-arabische Währung, den Riyal, sich abzuwerten. Dieser jedoch ist an den Dollar gebunden, und Riad scheint nicht gewillt zu sein, eine Abwertung zuzulassen.

Der Riyal wird verteidigt, was dazu führt, dass die Währungsreserven der saudischen Zentralbank sinken, wie die folgende Grafik verdeutlicht (Quelle: Société Générale):

Auch hier gilt: Alarmismus ist noch nicht angebracht, die Währungsreserven des Staates sind noch gross. Aber wenn der Ölpreis noch lange auf dem aktuellen Niveau bleibt, ist es eine Frage von wenigen Jahren, bis die steigende Staatsverschuldung, das grösser werdende Leistungsbilanzdefizit und die schwindenden Devisenreserven zu einem Problem werden.

Riad steckt in einem Dilemma: Auf die Dauer kann das Königshaus nicht den Ölpreis nach unten drücken, die Bevölkerung mit grosszügigen und teuren Zuschüssen ruhig halten und den Riyal an den Dollar binden.

An den Devisenmärkten wird bereits klar darauf spekuliert, dass der Riyal abgewertet wird. Dies zeigt die folgende Grafik, die mein Redaktionskollege Peter Rohner mit Daten von Bloomberg erstellt hat:

Die rote Kurve zeigt den Kassa-Wechselkurs zwischen dem Riyal und dem Dollar. Er bewegt sich zwischen 3.75 und 3.76 Riyal pro Dollar.

Die blaue Kurve zeigt die Zwölfmonats-Forward-Rate, also den Wechselkurs, den die Devisenhändler in einem Jahr erwarten. Er ist in den letzten Tagen deutlich gestiegen und beträgt aktuell etwas mehr als 3.82 Riyal je Dollar.

Das mag noch nicht nach viel erscheinen, ist aber immerhin schon ein Zeichen, dass darauf spekuliert wird, dass Saudi-Arabien den Dollar-Peg nicht wird halten können.

Die nächsten Monate werden spannend sein. Riad hat zwei Optionen:

  1. Eine Drosselung der Fördermenge auf unter 10 Millionen Barrel pro Tag. Damit würde der Ölpreis gesteigert, wodurch Budget- und Leistungsbilanzdefizit verringert respektive zum Verschwinden gebracht werden. Damit würde auch der Abwertungsdruck auf den Riyal wegfallen.
  2. Eine Abwertung des Riyal, um die Leistungsbilanz wieder ins Lot zu bringen.

Welche Stellschraube wird Riad wählen? Falls Option Zwei gewählt wird, könnte das gravierende Konsequenzen für den Ölpreis haben. Denn eine Riyal-Abwertung würde bedeuten, dass Saudi Arabien nicht von seiner No-Cut-Förderpolitik abrückt und den Weltmarkt mit Öl flutet.

Dann würde es nicht überraschen, wenn der Ölpreis auf 30 Dollar oder noch tiefer fällt.