Der Zinswahnsinn in drei Grafiken

Dieser Tage werden still und leise reihenweise Rekorde gebrochen. Es sind Rekorde, die in der Öffentlichkeit kaum Wellen schlagen; zu trocken, zu abstrakt ist die Materie, um die es geht.

Und doch spielt sich rund um diese Rekorde etwas historisch Einmaliges ab, etwas, das in seiner gnadenlosen Konsequenz uns alle betrifft.

Um welche Rekorde es sich handelt? Um die Zinsen.

Im Folgenden stellen wir drei Charts vor, die den gegenwärtig zu beobachtenden Zinswahnsinn verdeutlichen. Und wir hängen sie auf an drei Zahlen:

  • -0,023%
  • 2600 Milliarden Euro
  • 13 Jahre

Hier die erste Grafik (Quelle: Bloomberg):

Die Kurve zeigt das Zinsniveau von Anleihen der Republik Italien mit zwei Jahren Laufzeit. Am Dienstag letzter Woche kam es zu einem Novum in der Geschichte des Landes: Erstmals überhaupt konnte Italien einen zweijährigen Bond mit einer Negativrendite am Markt platzieren. Minus 0,023%, um genau zu sein.

Sie haben richtig gelesen. Am Bondmarkt bezahlen Investoren dem italienischen Staat Geld für das Privileg, ihm Kredit geben zu dürfen.

Eindrücklich zeigt die Grafik die Zinsentwicklung in den vergangenen gut vier Jahren: Noch Ende 2011 musste Italien fast 8 Prozent Zins für zweijährige Schulden bezahlen. Im Sommer 2012 waren es noch fünf Prozent.

Dann, Ende Juli 2012, äusserte EZB-Chef Mario Draghi in seiner «Whatever it takes»-Rede die mittlerweile berühmten 33 Worte, die die Finanzwelt veränderten. Seither geht es mit den Zinsen in Italien – und allen anderen Euro-Staaten – nur noch abwärts.

Ach, und nebenbei bemerkt: Italiens Staatsschuld liegt bei gut 130 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Kommen wir zur zweiten Grafik (Quelle: Bank of America Merrill Lynch):

Dieser ist etwas komplexer. Die abgebildete Fläche zeigt das Gesamtvolumen (in Milliarden Euro) an Staatsanleihen aus dem Euroraum, die gegenwärtig eine negative Rendite aufweisen. Der grösste Negativzins-Zahler ist Deutschland (dunkelrote Fläche), gefolgt von Frankreich (hellrot), Italien (braun) und den Niederlanden (blau).

Insgesamt sind es alleine im Euroraum gemäss Berechnungen der Ökonomen von Bank of America Merrill Lynch bereits Staatsanleihen im Gesamtwert von über 2600 Milliarden Euro, die eine negative Rendite aufweisen.

Den letzten Schub zu diesem Rekord erhielt der Markt vor knapp zwei Wochen, als Mario Draghi in Frankfurt eine Ausweitung des EZB-Anleihenkaufprogramms (Quantitative Easing) in Aussicht stellte (hier mehr dazu).

Und hier die letzte Grafik (Quelle: Bloomberg via FuW):

Sie zeigt die Zinskurve in der Schweiz, also die Rendite von Obligationen der Eidgenossenschaft mit Laufzeiten zwischen drei Monaten (links) und fünfzig Jahren (rechts).

Was auffällt: Die Zinskurve liegt bis zu einer Laufzeit von 13 Jahren im negativen Bereich. Zehnjährige «Eidgenossen» werfen gegenwärtig eine Rendite von minus 0,37% ab, was weltweit ein absoluter Rekord ist.

Die Eidgenossenschaft wird bezahlt dafür, wenn sie Geld mit einer Laufzeit von bis zu 13 Jahren aufnimmt. Oder anders gesagt: Investoren bezahlen dem Bund Geld für das Privileg, Schuldscheine der Schweiz halten zu dürfen.

Wahnsinn, nicht wahr?

In eigener Sache: Hier noch für alle, die es interessiert, die weiteren Teile unserer FuW-Serie über historische Spekulationsblasen:

Ach, und falls Sie die Berichterstattung rund um die neue Strategie der Credit Suisse verfolgt haben: Sind Sie der Meinung, dem Gespann von CEO Tidjane Thiam und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner wird es gelingen, die Grossbank wieder auf Erfolgskurs zu bringen? Hier geht’s zu unserer Online-Abstimmung.