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Die paradoxen Sorgen des IWF

Andreas Neinhaus am Freitag den 9. Oktober 2015
International Monetary Fund (IMF) Managing Director Christine LaGarde makes a statement about sanctions leveled against Russia, during a news conference following an IMF Executive Board meeting at IMF Headquarters in Washington, Wednesday, April 30, 2014. LaGarde announced that the IMF board has approved a two-year, $17 billion loan package for Ukraine. (AP Photo/Cliff Owen)

Fürchtet einen Liquiditätsengpass: IWF-Chefin Christine Lagarde. Bild: Cliff Owen (Keystone)

Seit vor einer Woche die Arbeitsmarktzahlen in den USA schwächer als erwartet ausgefallen sind, feiern die Aktien- und Obligationenmärkte weltweit. Hinweise auf weniger Wirtschaftswachstum und mehr Arbeitslose sind zwar keine guten Nachrichten. Aber die schlechte Botschaft verringert die Chance, dass die Zinsen in den USA steigen werden – und das wiederum bedeutet freie Fahrt für höhere Kurse an den Börsen.

Nicht nur Anleger jubeln: Auch beim Internationalen Währungsfonds macht sich Erleichterung breit. Der IWF ist die einflussreichste internationale Wirtschaftsbehörde schlechthin, ausgestattet mit der Lizenz, Beistandskredite an Länder zu vergeben, und mit einem Wirtschaftsforschungsbereich, der weltweit seinesgleichen sucht. Welches Interesse hat die Organisation daran, dass die Zinsen in den USA nicht steigen? Immerhin rufen seine Spitzenvertreter seit vielen Jahren die führenden Wirtschaftsnationen dazu auf, endlich die globalen Ungleichgewichte abzubauen.

Rechtzeitig zum Jahrestreffen in Lima, das am heutigen Freitag beginnt, hat der IWF eine Analyse veröffentlicht, in der er Gefahren für die Finanzstabilität aufspürt, die von Zinserhöhungen der amerikanischen Zentralbank ausgehen können. Der Grund: Es mangle weltweit an Liquidität.

Wie ist das möglich? Haben die führenden Notenbanken in den vergangenen acht Jahren via Nullzinsen und quantitative Lockerung (QE) nicht so viel Geld gedruckt wie nie zuvor? Der IWF argumentiert anders. Die von den Notenbanken geschaffene Liquidität und die Marktliquidität seien zwei verschiedene Paar Schuhe. Genau genommen unterscheidet er sogar drei Arten voneinander:

    • Erstens die «monetäre Liquidität», wenn Notenbanken Geld schöpfen und die monetären Aggregate wie M0, M1 etc. zunehmen.

 

    • Zweitens die «Kreditliquidität» oder die Möglichkeit der Marktteilnehmer, sich zu akzeptablen Bedingungen finanzieren zu können.

 

  • Drittens die «Marktliquidität». Sie ermöglicht es, umfangreiche Wertschriftentransaktionen rasch ausführen zu können, und zwar zu geringen Kosten und ohne dass sich der Kurs zu sehr verändert.

Zentralbanken steuern vorwiegend die beiden ersten Typen der Geldschwemme. Wenn sie die Geldpolitik lockern, können sich Banken besser finanzieren. Dadurch kann deren Position als Market Maker, der den Handel liquid hält, gestärkt werden. Aber das muss nicht so sein. Der IWF argumentiert deshalb, dass Zentralbanken nur begrenzt Einfluss darauf nehmen können, ob auch die Marktliquidität am Ende ausreicht. Und das ist der Haken an ihrem geldpolitischen Wirken.

Der Effekt von QE kann sogar kontraproduktiv ausfallen. Seit November 2014 lässt sich das bei den Ankäufen von Hypothekenverbriefungen (Mortgage Backed Securities, MBS) in den USA beobachten. Zur Erklärung: Das Fed hat sein letztes Kaufprogramm zwar vergangenen Herbst beendet, aber es fallen weiter Erträge des MBS-Portefeuilles an. Und die investiert es, indem es MBS erwirbt. Das Investitionsvolumen ist immer noch beachtlich und führt am MBS-Markt regelmässig zu Knappheitserscheinungen. Das Fed stört also die Marktliquidität, anstatt sie zu verbessern.

Wie gross sind solche Effekte? Und wie steht es also um die Marktliquidität? Das lässt sich leider nicht abschliessend beantworten. Das Problem besteht darin, dass sie sich nicht so einfach messen lässt wie beispielsweise die von den Zentralbanken aufgepumpten Geldmengenaggregate. Es können nur Indizien gesammelt werden. Die IWF-Experten listen einige auf:

    • Die Spanne zwischen dem Geld- und dem Briefkurs hat sich zuletzt bei US-Treasury-Anleihen ausgeweitet.

 

    • Die Kurseffekte beim Kauf oder Verkauf haben bei europäischen Staatsanleihen sowie, wenn auch in geringerem Masse, bei hochverzinslichen Unternehmensanleihen zugenommen. Bei Letzteren dauert es zudem immer länger, bis sich der Kurs nach der Veröffentlichung schlechter Meldungen erholt, im Vergleich zu Investment-Grade-Anleihen mit BBB-Bonität und besser – ein weiteres Indiz.

 

  • Und der Anteil grossvolumiger Transaktionen mit US-Firmenbonds ist gesunken; für den IWF ein Hinweis darauf, dass es heute viel schwieriger ist, grosse Trades durchzuziehen als vor zehn Jahren. Gleichzeitig ist der Konzentrationsgrad bei der Investorenbasis gestiegen…

Spektakuläre Rückgänge der Marktliquidität spürt der IWF nicht auf. Dafür latente Gefahrenherde. Die grösste Sorge gelte nicht so sehr dem absoluten Niveau, das nicht zuletzt durch die mehr als reichliche Geldversorgung der Notenbanken geschönt werde, sondern dem Risiko, dass die Liquidität plötzlich einbreche, ist zu lesen.

Dieses Risiko sei heute beachtlich. Gut gemeinte Kapitalauflagen für Banken und Handelseinschränkungen, um riskante Spekulation zu vermeiden, könnten in Schocksituationen die Liquiditätskrise sogar verschärfen. Die viel gepriesenen Brandmauern fehlen: Die Wahrscheinlichkeit sogenannter Spill-over-Effekte sei gross. Der Funke kann also rasch auf andere Märkte und Länder überspringen wie 2007/09, als die US-Subprime-Hypothekenkrise einen weltweiten Bankenkollaps nach sich zog.

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Sie soll die Leitzinsen nur vorsichtig erhöhen: Fed-Chefin Janet Yellen. (Bild: Keystone)

Es herrscht also wieder Brandgefahr auf den Weltfinanzmärkten. Einen möglichen Funke stellt gemäss IWF die Normalisierung der US-Geldpolitik dar. «Smooth normalization is crucial», mahnt er. Janet Yellen und ihre Kollegen im amerikanischen Fed sollten die Leitzinsen nur vorsichtig erhöhen, um Störungen in der Marktliquidität sowohl in den Industriestaaten als auch in den Schwellenländern zu vermeiden.

Rechtzeitig zum Lima-Gipfel liefert der Weltwährungsfonds damit ein weiteres Argument, das den zögerlichen Zinswendekurs der US-Zentralbanken rechtfertigt. Skeptikern, die zu Recht darauf hinweisen, dass Spekulationsblasen nur grösser werden, wenn Notenbanken nicht rechtzeitig etwas dagegen unternehmen, antwortet der IWF in einem Blog-Beitrag. Dort wird argumentiert, dass es sich für Notenbanken nicht auszahlt, gegen vermeintliche Marktübertreibungen vorzugehen.

Letztlich setzt sich damit eine Tradition in der US-Notenbankpolitik fort. Schon Alan Greenspan (Fed-Chef von 1987 bis 2006) hielt nichts von «leaning against the bubble». Ebenso Nachfolger Ben Bernanke (bis 2014). Er stellte diese Woche seine lang erwarteten Memoiren vor, für die er den Titel «Mut zu Handeln» («The Courage to Act») wählte. Bernanke bezieht sich damit auf die präzedenzlose monetäre Lockerung unter seiner Führung.

Die Frage, wie viel Mut es braucht, um heute die Nullzinsen auf ein normales Niveau zurückzuführen, lässt er leider unbeantwortet.

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36 Kommentare zu “Die paradoxen Sorgen des IWF”

  1. Josef Marti sagt:

    Damit dürft auch klar sein, dass schon die kleinste Zinserhöhung die Aktien- aber auch die Bondkurse in die Tiefe reissen könnte und einen grossen Katzenjammer verursacht, man denke nur an die sodann massiv untergedeckten Pensionsfonds. Die Marktliquidität war schon immer davon abhängig dass Investoren ihre Engagements wegen optimaler Verbriefung und Handelbarkeit so schnell und billig wie möglich wechseln können, diese Party ist ernsthaft gefährdet und bewegt sich auf dünnem Eis. Es bleibt also nur die Wahl zwischen frühzeitigem Absturz oder Blase mit aufgeschobenem Absturz, oder einfach nichts tun, die Japaner kennen das gut.

    • Markus Ackermann sagt:

      @Marti
      1. Richtig gesehen.
      – Nennen wir die Bewertungen eine asset inflation (im Gegensatz zu einer price inflation)
      – Die Schuldenstände sind höher als nach einem Weltkrieg: ein deleveraging der Schuldenstände würde logischerweise zu einer Entwertung von assets führen. Die Schuld des Einen ist das Guthaben des Anderen.
      – Die Politik der €ZB läuft auf eine Abwertung des € hinaus
      Die Geschichte wiederholt sich nicht telquel, aber sie reimt sich:
      1922ff war die (Preis-)Inflation sehr hoch (Hyperinflation). Da z.B. die Reichsmark abwertete, zogen die ausländischen Geldgeber ihr Vermögen aus der Reichsmark, die einheimischen Geldgeber flüchteten ebenfalls aus der Reichsmark, denn die Abwertung bedeutete einen Gewinn in Reichsmark, wenn die ausländische Währung relativ aufwertete.
      => 1922 kam es in D zu einer Liquiditätskrise
      => Die Reichsbank druckte mehr Geld (dies führte zu mehr Inflation: DIES haben wir z.Zt. nicht, weil das Geld nicht in die Realwirtschaft fliesst)
      ABER:
      ZUGLEICH kamen die dt. Banken unter Druck, weil Einlagen ins Ausland abflossen und ausländische Banken weniger/kaum mehr Kredite in Reichsmark nach D vergaben
      => Kredit-Klemme ab ca. Juni/Juli 1922
      => Die Reichsbank wird zur Kredit-Bank für Industrie und Gewerbe: Schuldverschreibungen der Industrie konnten bei der Reichsbank platziert werden. DAMIT kam das Geld direkt in der Realwirtschaft an
      => höhere Inflation (heute würde dies bedeuten: da €ZB-Geld tatsächlich in der Realwirtschaft ankäme, würde Inflation starten … also EXAKT, WAS die Zentralbanken eigentlich wollen)
      In D beschleunigte sich die Inflation damals RUCKartig, was zur Hyperinflation führte (Ketchup-Flasche).
      Weil sich die Preise schnell und stark erhöhten, fehlte Bargeld. Banken wurden illiquid (was zu bankruns führte) … umso mehr als ausländische Einlagen knapp waren (siehe oben, Abwertung).
      – Also musste die Reichsbank auch die Privatbanken versorgen.
      – Also musste die Reichsbank weiter viel Geld drucken … und verlor die Steuerung / Kontrolle
      -> Schliesslich wollte niemand mehr Gläubiger in Reichsmark sein … mit Ausnahme der Reichsbank. Dies wäre dann der ultimative Schritt einer Liquiditätskrise.
      2. Warum diese lange Abhandlung? Weil man die Lage nicht nur FINANZwirtschaftlich analysieren darf.
      -> Irgendwann ruft jemand “liefern” (z.B. das Ausland oder die Realwirtschaft: beide Fälle sind oben dargestellt) … und all die schönen finanzwirtschaftlichen Bewertungsmodelle fallen in sich zusammen.
      3. Die REALwirtschaft verlangt einen REALZINS von > 2% … sonst machen realwirtschaftliche Investitionen keinen Sinn (es macht keinen Sinn, sich müde zu machen). Und diesen minimalen Zins wird die Realwirtschaft irgendwann durchsetzen können: der arbeitende Teil der Bevölkerung streikt einfach (secular stagnation), bis man mit produktiver Arbeit mehr Geld verdient, als mit unproduktivem Papierli-Wenden (z.B. bei finanzwirtschaftlichen Bewertungen). Eine Volkswirtschaft kann nicht davon leben, sich gegenseitig die Haare zu schneiden. Egal, wie hoch der Dienstleistungsanteil einer Wirtschaft ist: am Ende des Tages gibt es reale Bedürfnisse (Essen, Wohnen, Gesundheit, Kleidung, Verkehr etc. pp), die von der Realwirtschaft geliefert werden müssen. Diese Preise werden sich erhöhen, bis der Realzins die Investitionen trägt.
      => Es wird früher oder später zu Zinserhöhungen kommen, auch wenn derzeit die Wachstumsraten weiter sinken bis zum Stillstand oder sogar in den negativen Bereich (claro: Wachstumsraten und Zinsen sind voneinander verschieden, aber sie hängen miteinander zusammen)
      Die finanzwirtschaftlichen Bewertungen sind aber vom Zins abhängig (discounted cash flow braucht einen Zins, zum Diskontieren), wie Sie richtig schreiben: höherer Zins heisst tiefere asset-Preise
      Bref:
      Auch wenn die Zentralbanken (aus der von Ihnen beschriebenen Überlegung) Zinserhöhungen scheuen, wie der Teufel das Weihwasser: es wird zu erheblichen Real-Zinserhöhungen kommen (müssen) … oder zur secular stagnation.

      • Marcel Senn sagt:

        Die Hyperinflation in D von 1921 bis 1923 (eine massive Abwertung der Reichsmark vs USD gab schon seit 1914) ist wohl eher in politischen Ursachen zu suchen z.B. die horrenden Reparationszahlungen – 1921 wollten die Siegermächte sogar 269 Mrd Goldmark (was über dem 4fachen der damaligen gesamten Weltgoldbestandes entsprach)
        Weil die Reichsregierung nicht mehr in der Lage war, die Reparationen in angemessener Höhe zu bezahlen oder Ersatzleistungen in Form von beispielsweise Kohle zu erbringen, kam es zur Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen. Die deutsche Regierung unter Reichskanzler Wilhelm Cuno rief zum „Ruhrkampf“, zum passiven Widerstand gegen die militärische Besetzung auf. Um die Streikenden bei Laune zu halten, wurden ihnen entsprechende finanzielle Hilfen ausgezahlt – in einer Mark, die sich durch die von der Regierung betriebene Geldvermehrung immer rascher entwertete. Damit begannen die Monate der Hyperinflation, die noch Generationen von Deutschen als Beispiel für die Schrecken einer Inflation verfolgten.
        .
        Der € Raum ist zwar auch hoch verschuldet, aber eben in € und nicht in einer “Fremdwähurng” (Goldmark) wie das DR damals – darum ist Ihr Vergleich eben nicht ceteris paribus. Auch gab es damals noch nicht so eine grosse Finanzindustrie, die die Geldmengenausweitung wie heute grossenteils absorbiert anstatt der Realwirtschaft zukommen zu lassen.
        .
        Sie könnten allenfalls die aktuelle Inflation von Argentinien mit dem DR vergleichen, denn dort fehlen auch v.a. die Devisen!

        • Rolf Zach sagt:

          Kompliment an Marcel Senn, er schildert die Hyperinflation in Deutschland farbiger und genauer als ich in meinem Beitrag. Lesenswert!

          • Marcel Senn sagt:

            Zach: Ihnen auch Kompliment. Die Reichsmark war dann ab August 1924 eine relativ stabile Währung

            1 RM war ab 30.8.1924 rund 3.6 € wert, stieg 1933 auf 4 € bevor sie 1944 auf immer noch stolze 3.3€ zum Ausgabekurs abwertete und 1948 dann durch die DM und der DDR Mark ersetzt – beide im gleichen Verhätlnis 10:1

      • Marcel Senn sagt:

        PS Ackermann: Sollten Sie als Keynes-Spezialist eigentlich wissen, denn der sah die Folgen der völlig überrissenen Reparationszahlungen dazu in Fremdwähurung resp. in der an Gold gebunden Goldmark schon früh:
        “British economist John Maynard Keynes called the treaty a Carthaginian peace that would economically destroy Germany.”
        .
        Und so kams denn auch mit der Hyperinflation…
        .
        Und Sie argumentieren auch sonst heute ungewöhnlich schlampig — die Reichsmark wurde erst im Aug. 1924 eingeführt, von Nov. 1923 bis Aug. 1924 war die Rentenmark eine Uebergangswährung und die Hyperinflation passierte unter der Papiermark – einfach so zur historischen Richtigstellung

      • Rolf Zach sagt:

        Die Hyperinflation in Deutschland von 1921 bis 1923 war eine eminent politische Sache und wurde von der deutschen Elite zielgerichtet herbeigeführt. Die Ziele waren folgende: Die Franzosen zu zwingen sich aus Ruhrgebiet zurückzuziehen und den Alliierten klar zu machen, daß die Reparationen gemäß Versailler Vertrag unmöglich waren zu erfüllen, gleichzeitig konnte man das Unglück Deutschlands den Franzosen augenfällig in die Schuhe schieben. Resultat: Dawes-Anleihe 1924 und nochmals eine Verbesserung mit der Young-Anleihe 1929. Interessanter ist die Depression in den USA von 1920 bis 1921 mit einem Preisrückgang auf beinahe Vorkriegsniveau. Im Gegensatz zu 1929 konnte sich die US-Wirtschaft schnell erholen, obwohl die Arbeitslosenrate 1921 sich je nach Schätzung zwischen 9 bis 12 % bewegte. Sogar die Schweiz emittierte damals eine Dollaranleihe in den USA von 7 %.
        Sie sind überzeugt, daß diese Tiefzinsperiode nicht lange vom Kapitalmarkt akzeptiert wird und folgerichtig zu einer Depression führt, da das System mindestens einen Realzins von 2 % verlangt. Warum muß es ein Realzins von 2 % sein, kann es auch 0.5 % sein oder sogar 3 %? Vor 2008 war ja der große Renner zur Erhöhung der Rendite Derivate aller Art und Sub-Prime Papiere. Die Anleger sind damit nicht so überaus glücklich gefahren, sogar ein ausgefuchster Anlageprofi wie die Harvard University. Ich glaube heute handeln mehr Leute als vor 2008 bei Investitionen nach dem Motto “Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach”. Die Regierungen und mit ihnen zusammen die Zentralbanken der Länder mit Reservewährungen handeln nicht dem grobschlächtigen Schwert der Zinspolitik, sondern versuchen die Probleme des Marktes und allfälliger heraufkommender Blasen mit dem feinen Messer der qualitativen Reglemente für die Politik der Geschäftsbanken zu steuern. So empfiehlt es auch der IWF. Die Gretchenfrage ist doch die, schadet dies dem Interaktionsverhalten der Unternehmen und der Sparrate. Wir müssen unterscheiden bei den Investitionen in diejenigen, die für den Güter- und Dienstleistungsmarkt bestimmt sind und Investitionen für den langfristigen Konsum, hauptsächlich Kredite für den Bau von privaten Wohnungen. Auch die Ausgaben der öffentlichen Hand für langfristige Dienstleistungen sind Investitionen. Bei Griechenland wurden keine Unterscheidungen mehr gemacht zwischen solchen Investitionen und dem Konsum von Militär und Sozial-Transfers, die fröhlich zum größten Teil mit Krediten bewerkstelligt wurden.

        • Markus Ackermann sagt:

          @Zach
          “Warum muß es ein Realzins von 2 % sein, kann es auch 0.5 % sein oder sogar 3 %?”
          Ich komme auf die 2%, indem ich mir ansehe, wie viel eine entwickelte Wirtschaft (wie z.B. die Schweiz) “gesund” wachsen kann. Die Zinsniveaus variieren: mal ist es mehr, mal ist es weniger. Aber wenn man den Trend über die Zeit glättet, werden wir nicht weit weg sein von 2%
          Ich meine mithin den Zins, den eine Volkswirtschaft mittelfristig bis langfristig per Saldo erwirtschaften kann dank Produktivitätssteigerungen. Sie können diesen ~2% auch Potentialwachstum sagen … halt eben der Realwirtschaft (denn in meinem Verständnis ist die Finanzwirtschaft nicht produktiv)
          Ich meine mit dem Realzins nicht die Differenz zwischen der Inflation, die mit einem Warenkorb gemessen wird, und einem bestimmten Zinsniveau

        • Linus Huber sagt:

          “sondern versuchen die Probleme des Marktes und allfälliger heraufkommender Blasen mit dem feinen Messer … für die Politik der Geschäftsbanken zu steuern”

          Das Schwergewicht sollte wohl auf dem Wort “versuchen” liegen, denn haben die Zentralbanken nicht schon seit 40 Jahren VERSUCHT zu steuern, woraus sich die heutige Situation ergab. Oft wäre ein bisschen weniger “versuchen” zu steuern und anstelle dessen die Anwendung eines Anreizsystems, welches nicht einzig auf kurzfristige Vorteilen sondern auf grundlegenden Prinzipien beruht, sicherlich von Vorteil gewesen. Der Markt hat ja grundsätzlich kein Problem sondern Marktpreise (inkl. der Preis von Geld) sind notwendige Informationen, welche so wenig wie möglich verfälscht werden sollten um keine fehlerhaften Anreize zu erzeugen. Zu tiefe Zinsen verleiten zu überhöhtem Konsum, zu überhöhten Investitionen und in der Folge zu einem Kreditwachstum weit über dem Wirtschaftswachstum. Wachstum, welches in erster Linie auf die Ausweitung von Kredit beruht, ist nicht von nachhaltiger Natur, denn es handelt sich um vorgezogenen Konsum und an einem unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft wird eine Gegenbewegung in Gang kommen, welche entsprechende Verwerfungen nach sich ziehen müssen. Das wirkliche Problem liegt darin, dass der einfache Sparer, Pensionär und auch die jungen Leute die Rechnung zu begleichen haben, während jene, welche verantwortlich sind, sich auf persönlicher Ebene bestens absicherten und Immunität geniessen.

    • Linus Huber sagt:

      “Es bleibt also nur die Wahl zwischen frühzeitigem Absturz oder Blase mit aufgeschobenem Absturz”

      Es fragt sich, ob diese Wahl überhaupt, ausser in Anwendung extremer Massnahmen, besteht, respektive sich eine eintretende Risikoaversion verhindern lässt. Wie Marcel erläutert, sind solche Massnahmen definitiv von politischen Entscheiden abhängig, wobei wir die Kreativität der Entscheidungsträger keinesfalls unterschätzen dürfen, da sie auf ihrer abgehobenen Ebene sich als Garanten des bestehenden Systems empfinden und nicht in der Lage sind, sich und ihre früheren prinzipienfreien und marktverzerrenden Massnahmen zu hinterfragen, respektive darin das eigentliche Problem erkennen können.

  2. Linus Huber sagt:

    “IMF: keep interest rates low or risk another crash”

    http://www.theguardian.com/business/2015/oct/11/imf-keep-interest-rates-low-or-risk-another-crash

    Weil das Wachstum schwach ist, sollen die Zinsen tief gehalten werden. Der eigentliche Grund, dass das Wachstum schwach ist, liegt allerdings nicht an zu hohen Zinsen sondern darin, dass die Überschuldung (Kreditmenge im System) viel zu hoch ist und anstatt schon lange sich daran zu machen, das damit verknüpfte offensichtlich fehlerhafte Anreizsystem zu überarbeiten, wird im gleichen Tramp und mit der gleichen Doktrin jahraus und jahrein weitergemacht. Die immer offensichtlich werdende Ponzi Scheme mit immer höheren Schulden und den damit einhergehenden immer höheren Ungleichgewichten soll weiter ausgebaut werden und weitere die wirtschaftliche Dynamik tötende Zwangsmassnahmen soll das System vor einem Zusammenbruch retten, wobei es eigentlich bekannt sein sollte, dass Zentralplanung in der Vergangenheit nicht sonderlich erfolgreich war, sondern einzig ein Bonanza für die Bürokraten zulasten des immer stärker bevormundeten und diesen Unsinn via verschiedener Mechanismen finanzierenden souveränen Bürgers darstellt.

  3. Rolf Zach sagt:

    Sind die Erwähnung von Fakten überhaupt erlaubt, oft scheint es so, daß man ein bösartiger Mensch ist, wenn man sie erwähnt.
    Das Pro-Kopf-Einkommen eines Syrers war 1980 1/8 eines Amerikaners, 2011 vor Ausbruch des Bürgerkrieges 1/30. 1980 gab es 9 Mio. Syrer, 2010 21 Mio.. Sind diese Zahlen nun die Schuld des Westen und der bösen Ungläubigen? Kein Wunder, daß alle Syrer in den angeblich goldenen Westen wollen. 80 % haben eine schlechte oder gar keine Ausbildung. Bei den jungen Männer sind die Zahlen betreffend Ausbildung erschreckend und bei den Frauen sind sie katastrophal, die als unmündige erzogen werden und vielfach jede Initiative vermissen lassen. Sie müssen Kopftuch tragen und demütig sein, daß genügt. 20 % der Flüchtlinge haben eine normale bis gute Ausbildung, dort ist auch der Anteil der Christen überproportional. Die Christen konnten sich bis vor kurzem trotz Verfolgung in Syrien besser bewegen als die christlichen Kopten in Ägypten. Noch vor 50 Jahren waren ein Viertel der Syrer Christen im Geburtsland des Christentums.
    75 % der Syrer sind Sunniten, davon 9 % Kurden und 3 % Turkmenen, 63 % Araber. Der Rest sind 17 %Schiiten (am meisten Alawiten), 10 % Christen und 3 % Drusen. Die Christen haben schon vor dem Bürgerkrieg enorm abgenommen, obwohl sie treue Anhänger des arabischen Nationalismus waren und mit Michael Aflak den Gründer der Baath-Partei stellten. Alle sagen, der Alawite Assad müsse weg, aber es ist klar, daß nicht nur der IS, sondern auch die gemäßigten arabischen Sunniten, die übrigen massakrieren werden, besonders die Alawiten und die Christen, die von allen verfolgt werden. Diese sunnitischen syrischen Flüchtlinge kommen in Europa an, alle ihre Frauen tragen Kopftuch, obwohl ihre Familien wissen, daß sie in den bösen Ländern der Ungläubigen sind. Sie sind sich auch nicht zu schade, ihre christlichen Mitflüchtlinge zu verprügeln. Diese moslemischen Flüchtlinge tun in ihrem Verhalten gar nichts, um unsere Ängste vor dem Islam zu verringern.
    Ich gestehe es, ich bin nur bereit Christen aus Syrien aufzunehmen und keine Moslems. Man soll die Moslems in den dortigen Flüchtlingslager der Nachbarländer sehr großzügig unterstützen. Wir reden immer von den Kriegsopfern von den Gegner von Assad, was sicher schrecklich ist, aber auch 50’000 Alawiten sind getötet worden und nicht alle davon sind Profiteure der Korruption von Assad.

    • Rolf Zach sagt:

      Entschuldige mich bei allen Lesern, dieser Kommentar war für den Politblog “Hilfe vor Ort” bestimmt. Für den Zweck IWF nicht relevant.

      • Anh Toàn sagt:

        @Rolf Zach: Auch wenn ich Ihre Kommentare sonst so sehr schätze, dieser ist nicht nur hier weil am falschen Ort, sondern ganz generell daneben: Sie beginnen mit “Erwähnung von Fakten” und enden mit, dass man Muslime weit weg halten müsse, weil die uns totschlagen wollen. Sie beurteilen Menschen anhand deren Religion, rechtfertigen Ausgrenzung vom Asylrecht auch Grund von Religionszugehörigkeit. Schreiben Sie doch noch, dass sich Muslime von vorzugsweise christlichen Kindern ernähren, das sind doch Fakten.

        Hätte ich nicht an anderen Orten Ähnliches von Ihnen gelesen, würde ich glauben, jemand hätte Ihren Nick geklaut: Sie scheinen tatsächlich eine riesige Angst vor dem Islam zu haben. Angst ist irrational. Wir haben vor allem Angst vor dem Unbekannten. Rational ist, das Unbekannte zu untersuchen, sich damit vertraut machen, dann geht die Angst weg. Tun wir dies nicht, steigern wir die Angst zu Hass, indem wir dem Unbekannten alles Üble zuschreiben. Lassen Sie Ihre Neugier über Ihre Angst gewinnen und lernen Muslime kennen, geht Ihre Angst vor dem Islam weg.

        • Rolf Zach sagt:

          @Anh Toàn. Ganz kurz: Ich habe Ihre Standpauke zur Kenntnis genommen und werde darüber reflektieren. Ich habe selbst beinahe 10 Jahre an verantwortlicher Stelle mit muslimischen Vorgesetzten in einer muslimischen Institution gearbeitet.

    • Anh Toàn sagt:

      Wären die Muslime des nahen Osten derart in mittelalterlichen Denken (Patriachat ist genauso wenig “muslimisch” wie “christlich”) gefangen wie Sie es beschreiben, müssten doch die Muslime den IS als Befreier von dem westlichen Teufelszeugs feiern: Dies macht aber nur ein sehr kleiner Teil, verstärkt durch irgendwelche Vollidioten aus dem Westen, während der grösste Teil entweder flüchtet oder gegen den IS kämpft (Kurden). Passt die Realität der gegen IS kämpfenden Muslime zu Ihrer Theorie? Kämpfen die miteinander darum, wer das Recht hat, die Christen “abzuschlachten”? Ich habe über 1 Jahr unter Muslimen gelebt, keiner wollte mich abschlachten, sie haben mich mit grosser Mehrheit nach Whisky gefragt. Sie selber merken, dass es irgendwie nicht passt, dass diese mit ihren Kopftuch tragenden Frauen in den Westen flüchten, aber Sie sagen nicht, warum die dies tun.

      In Syrien wird es nie mehr eine Lösung mit Assad geben, genauso wenig wie es für die FIFA eine Lösung mit Blatter geben wird. Ziel der Russen ist, den Konflikt in Syrien zu erhalten, eine Lösung des Konfliktes würde die Ölpreise noch weiter drücken.

      • Josef Marti sagt:

        Infolge Rückständigkeit und Primitivismus aufgrund überlieferten archaisch patriarchalen Sippen und Clanstrukturen ist man nicht in der Lage eine zivile Gesellschaft aufzubauen. Stattdessen schaut man hilflos zu wie sich die nackte Barbarei ausbreitet und flüchtet in den verhassten ungläubigen Westen. Es handelt sich aktuell hier um eine totale Bankrotterklärung einer ganzen (Un)Kultur.

        • Anh Toàn sagt:

          “Rückständigkeit und Primitivismus aufgrund überlieferten archaisch patriarchalen Sippen und Clanstrukturen” darf und soll man durchaus kritisieren, die gibt es aber im Nahen Osten gemäss meiner subjektiven Erfahrung genauso bei Christen im Nahen Osten. (Oder in den tiefen Tälern des Wallis, oder den Tea Party Rednecks in den USA)

          • Anh Toàn sagt:

            Wir können doch nicht “Rückständigkeit und Primitivismus” pauschal vorwerfen, ohne selber in die gleiche Rückständigkeit zu verfallen. Wir können “Rückständigkeit und Primitivismus” nicht jemandem vorwerfen, der noch nie etwas anderes als diese rückständigen Werte gehört hat. Wenn wir unsere modernen Werte der Aufklärung beiseite legen müssten, um uns gegen die Bedrohung archaischer Rückständigkeit zu verteidigen, wären unsere Werte ja nichts wert. Unsere Fortschrittlichkeit und Aufgeklärtheit zwingt uns, zu differenzieren, zu analysieren, zu argumentieren, wenn wir dies vergessen, sind wir noch rückständiger und primitiver wie die, denen wir genau dies vorwerfen, weil wir doch die von uns als besser bezeichneten Alternativen kennen.

            Mein Geschäftspartner und Freund in Ägypten hat mir erzählt, er hätte seine Frau geschlagen. Ich habe gesagt, das darf Mann nicht, Mann kann keine Frau schlagen. Er hat gesagt, ich setze meine Werte über seine. Ich musste ihm recht gegeben, und habe nach etwas nachdenken gefragt, warum er seine Frau geschlagen habe. Sie habe ihn nicht respektiert. Also habe ich ihn gefragt, ob er schon mal geschlagen wurde, und was er dann empfunden hätte. Tatsächlich Respekt, oder nicht eher Angst, Wut oder gar Hass. Nur ein taugliches Mittel lässt sich rechtfertigen. Dies hat ihn nachdenklich gemacht. Auch Gehirne im Nahen Osten sind der Vernunft zugänglich. Nicht alle, aber bei uns auch nicht.

          • Anh Toàn sagt:

            Der Saudi in Genf sagte betreffend die Verschleierung seiner Frau im Kern das Gleiche wie Linus Huber mal hier geschrieben hat: Er wolle seine Frau nicht teilen.

        • Linus Huber sagt:

          Die Idee diese Staaten zu “demokratisieren”, also von ausserhalb mit unterschiedlichen Mitteln zu beeinflussen, ist in erster Linie gescheitert und diejenigen, welche in ihrer Überheblichkeit damit diese Probleme schufen, sollten zur Verantwortung gezogen werden. Einzig weil eine Gesellschaft nicht die gleiche Struktur wie unsere besitzt, muss man sie nicht als minderwertig betrachten; was nicht heisst, dass die Gefahr, welche deren Gedankengut (z.B. das teilweise offizielle Ziel der Wahabiten Europa islamisieren zu wollen) beinhalten mag, nicht zu ignorieren ist. So wenig wir uns nicht einmischen sollten, sollten wir deren Probleme auch nicht zu unseren eigenen machen respektive importieren, indem durch grenzenlose Zuwanderung ein immer höherer Anteil unserer Bevölkerung mit ähnlichem Gedankengut ausgestattet wird. Die demographische Situation mit einer jungen Bevölkerung erzeugt zusätzlichen Treibstoff für gesellschaftliche Verwerfungen.

          Dass der westliche Wohlfahrtsstaat in der gegenwärtigen Form und mit den vermeintlichen sozialen Errungenschaften evtl. die Regeln der Nachhaltigkeit verletzt und aufgrund der nachlassenden sozialen Leistungen daher schrittweise eine Zersetzung der gesellschaftlichen Kohäsion eintreten mag, ist eine nicht mehr unvorstellbare Möglichkeit und daher erkenne ich keinen Grund für Überheblichkeit und eine herablassende Art gegenüber anderen Kulturen.

          • Anh Toàn sagt:

            Nonsense: Klar ist unsere moderne Kultur besser als die archaischen Sippen und Clanstrukturen. Wären letztere nachhaltiig, hätte es keine Aufklärung gegeben. (Video killed the Radio Star) Deswegen sind aber nicht die einzelnen Menschen bei uns besser.

            Neben unserem Verhalten in der Vergangenheit (Ausbeutung der Rohstoffe, Grenzziehungen der meisten Länder Afrikas und des Nahen Ostens) verpflichten uns nicht nur “unsere Kultur” und “unsere Werte”, sei es die christliche Nächstenliebe, seien es die universellen Menschenrechte, deren Probleme zu unseren zu machen. Auch unser eigenes Interesse verpflichtet uns dazu, denn deren Probleme werden zu uns kommen: Die aktuelle Flüchtlingsstrom aus Syrien beruht zu einem grossen Teil auf mangelnder Unterstützung in den Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien usw. usw. Der Erfolg irgendwelcher Hassprediger und Heilsverkünder beruht auf der sozialen Not in diesen Gesellschaften. Wir haben gemeint, das Problem ginge uns nichts an, da kam das Problem zu uns.

          • Anh Toàn sagt:

            “That until the basic human rights are equally
            Guaranteed to all, without regard to race
            There’s a war”

            Bob Marley “war”, eine Rede von Haile Selassie zitierend

            Und wo Krieg ist, gibt’s Flüchtlinge.

          • Anh Toàn sagt:

            Oder wie es mein Freund formulierte, als die italienischen Familien unseren Hangoversonntagnachmittagsschlaf im Pinienwald hinter dem Strand störten (Im Zelt war es zu heiss zum schlafen): Könnten alle auf dieser Welt am Sonntag mit den Familien in den Pinienwald um das mitgebrachte Mittagessen zu verspeisen, gäbe es keinen Krieg auf der Welt.

          • Linus Huber sagt:

            Ich bleibe dabei, Einmischen ob früher (z.B. Iraq, Libyen etc.) oder heute in Syrien, Ukraine erzeugt mehr Schaden als Nutzen. Diese Menschen müssen selber ihren Weg finden und es liegt nicht an uns mit entsprechender Überheblichkeit die Induktion (Finanzierung von Opposition, Entmachtung von Diktatoren etc. mit entsprechenden Kriegen) zu gesellschaftlichem Wandel zu liefern. Es reicht diesbezüglich die letzten 30 Jahre zu betrachten um zu erkennen, dass die meisten von den USA und seinen Verbündeten angefachten Machtspielchen entsprechenden Blowback (Boomerang) von immer weiteren potentiell stärkeren Problemen erzeugte, wie eben z.B. die Flüchtlingskrise. Es ist übrigens ein totales Versagen und eine Bankrotterklärung von Regierungen, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, die Zugangskontrolle zum eigenen Territorium sicherstellen zu können, während die anscheinend unterentwickelten arabischen Staaten dies bestens im Griff haben und viele Staaten ihre Glaubensbrüder genau zur Verhinderung von gesellschaftlichen Problemen nicht aufnehmen. Europa durchlebte unzählige blutige Kriege bis sich eine demokratische Gesellschaft bilden konnte, wobei das demokratische System heute immer stärker korrumpiert und untergraben wird.

            Regierungen sind der eigenen Bevölkerung verpflichtet und sollten sich nicht durch hochstehende menschliche Allüren profilieren (natürlich immer zulasten der Allgemeinheit, während in ihrem persönlichen Bereich keine Opfer gemacht werden), sondern solche Profilierung dem einzelnen Bürger überlassen, denn dieser bewirtschaftet z.B. die temporäre Aufnahme und Integration eines echten Flüchtlings bedeutend effizienter und kostengünstiger als eine aufgeblähte Sozialindustrie. Die Anzahl der aufzunehmenden Flüchtlinge muss durch diese in der Bevölkerung herrschenden Bereitschaft festgelegt werden. Das heisst nicht, dass eine Regierung diesbezüglich keine Funktion erfüllen mag, sondern genau die Organisation dafür mit bescheidenen Mitteln übernehmen kann (Meldestelle, Festlegung von einigen wenigen Regeln, wobei ein Flüchtling nicht einem Bürger gleichgestellt werden darf), jedoch sicherlich nicht die Entscheidung über Aufnahmequoten.

          • ast sagt:

            Aus meiner Sicht werden viele Probleme der stark von religiösen Einflüssen wie der Sharia-Gesetze beeinflussten Politik auf bewusst von den Klerikern und dem Adel (z.B. Saudi Arabien) verteidigten Verhaltensweisen beruhen.

            Es sind ja nicht nur die ökonomischen Strukturen in dieser Weltgegend betroffen, vielmehr gibt es auch ein schwarzes Loch im Bereich (fast) aller Wissenschaftsdisziplinen zu beobachten. Das geht bis hin zum Buchdruck, auf dem Höhepunkt der islamischen Kultur wurden vor Jahrhunderten um Faktoren mehr Literatur produziert als heute.

            Für die hier anwesenden Ökonomen wäre es vielleicht Sinnvoll einemal das Verbot von Zinsen in diesen Weltregionen etwas genauer zu beleuchten. Mich jedenfalls erstaunt es es, dass die gegenwärtige Nullzinspolitik des Westens in Ansätzen zu ähnlichen Zerstörungen in der Organisation des Kreditwesens zu führen scheint. Wer Geld in der Wirtschaft erhält wird immer mehr politisch gesteuert, da man offenbar die Realwirtschaft wie bei den Arabern zugunsten virtueller paradiesischer Versprechungen zu marginalisieren versucht.

          • Anh Toàn sagt:

            @ast: Meines Erachtens dient ein Zinsverbot dem Erhalt bestehender Vermögensstrukturen: Kostolani hat gesagt, wer arm ist, müsse spekulieren (mit Arbeit kann man nicht reich werden). Spekulieren bedeutet auch wieder gemäss Kostolani, fremdes Geld investieren.

            (Ich habe mein Finanzierungsgeschäft in der zinsverbotenen Welt als Kommissionsgeschäft gemacht: Als Gläubiger habe ich damit mehr Vorteile, geht das Geschäft gut, habe ich auch Gewinn, geht es schlecht und der Schuldner pleite, kann ich meine Ware zurücknehmen statt eine Forderung gegen einen zahlungsunfähigen Schuldner zu haben.)

          • Linus Huber sagt:

            @ ast

            Der Aspekt des Zinsverbotes ist wirklich interessant, aber ich bezweifle, dass dies einer der wichtigen Gründe für die schwächere wirtschaftliche Entwicklung sein dürfte. Das Zinsverbot bezweckt eher, dass jede Investition Gewinnbeteiligung beanspruchen will, respektive Kredit für Konsum, da daraus keine Gewinne resultieren, keinen Anreiz erzeugt. Prinzipiell mag dies kurzfristig wirklich schwächeres Wachstum erzeugen, da Konsum auf Kredit ja zeitlich vorgezogener Konsum darstellt, aber das Wachstum dürfte grundsätzlich unter diesen Bedingungen nachhaltiger sein. Viele sehr unterschiedliche Gründe (z.B. Klima, kulturelle Aspekte etc.) sind sicherlich stärker verantwortlich für die unterschiedliche wirtschaftliche Dynamik. Vergessen wir nicht, dass diese Menschen sich gemäss Hijri Kalender im Jahre 1436 befinden (begründet als Mohamed von Mekka nach Medina emigrierte); wie war unsere gesellschaftliche Situation ca. 1400 A.D. 😉

  4. miscellaneous sagt:

    Timing. Ich freue mich auf die neuen Schweizer Banknoten wie ein kleines Kind.

    Ungern schreibe ich hiervon. Ich benutze für meine Lieben ein Beispiel. Ein Stück von einem Zugsitz eines Bahnwaggons der Schweizerischen Bundesbahnen scheint praktisch. Wenn der Zug nicht mehr fährt und das Licht aus ist, hilft das auch nicht weiter. Ein Stück. Wer sich zusammen tut und die Sitze drin lässt kann wenigstens noch Stöckchen ziehen wer sich als erster die ersten acht Stunden setzen darf.

    Ich habe mir im Sommer einen Campingstuhl gekauft. It’s all Showmanship, sagte mal einer.

    Darf ich das schreiben?

  5. Linus Huber sagt:

    Wieder einmal eine Analyse, welche ein selber produziertes Problem nun anhand von komplexen Zusammenhängen erörtern will und natürlich niemand für die Entstehung der Problematik schuldig sein soll, respektive die verantwortlichen Massnahmen durch vermeintliche kurzfristige Vorteile gerechtfertigt werden. Es ist doch offensichtlich, dass die Geldpolitik der vergangenen Jahre sämtliche Akteure gleichartig auf erhöhte Risikobereitschaft trimmte und wenn nun aus welchen Gründen auch immer (z.B. Reduktion der zentralplanerischen Eingriffe, steigende Zinsen etc.) die Risikobereitschaft abnehmen sollte, plötzlich alle durch die gleiche viel zu kleine Türe fliehen wollen, was eben zu solchen Schocks respektive Marktverwerfungen führt. Die erzeugte Instabilität muss man natürlich mit weiteren zentralplanerischen Massnahmen und unter Vernachlässigung grundlegender auf Prinzipien beruhenden Anreizsystemen in den Griff kriegen. Ein El Dorado für Bürokraten und eine Bürde für die diesen Unsinn finanzierenden souveränen Bürger.

  6. Marcel Senn sagt:

    “Schon Alan Greenspan (Fed-Chef von 1987 bis 2006) hielt nichts von «leaning against the bubble»” – der hat ja mit seiner Zinspolitik nach der Dot-Com Blase unter anderem auch dazu beigetragen, dass die Housingblase sich so stark ausprägen konnte, dann befeuerte Bernanke die US Schuldenblase, die Aktienblase und die Bondblase, auch die US-Hauspreise sind schon wieder über dem 2007 Niveau — mit anderen Worten wir sind schon in der Vorstufe von viel grösseren Blasen, die jedesmal an Volumen zunehmen – das Great Bond Massacre 1994 war mit 1.5 Bio noch “günstig”, Dot Com mit 5 Bio schon mehr, dann die Subprime Krise inkl. Europa mit 6-8 Bio noch mehr und die kommende wird noch grössere Schäden hinterlassen.
    .
    Nur noch Staatspapiere kaufen ist auch nicht wirkich die Aufgabe einer Zentralbank, aber die letzte Möglichkeit noch in grossem Umfang Liquidiät in die Wirtschaft zu pumpen, dass dann aber meist nicht produktiv realwirtschaftlich eingesetzt wird, sondern sich lieber im Finanzcasino verlustiert.

    • G. Nardone sagt:

      @Marcel Senn:
      – “nicht produktiv realwirtschaftlich eingesetzt wird, sondern sich lieber im Finanzcasino …”
      Dafür ist Greenspan eben nicht schuld, sondern eher die Investoren.

      • Marcel Senn sagt:

        Nardone: Eigentlich hätte es die Politik merken müssen schon um 2004 rum, da war schon absehbar, dass sich eine ungesunde Housing Bubble auftut, aber unter dem einfältigen GW Bush war das natürlich logisch, dass nichts passierte.
        Und Greenspan hat die Märkte mit Tiefzinsen noch angefeuert – von dem her hat er auch eine gewisse Teilschuld, er hatte eigentlich das ganze Zahlenmaterial und hätte das kommen sehen müssen – nur schon etws gesunder Menschenverstand hätte da eigentlich genügt, dass sich z.B. mexikanische Geringverdiener kein überdimensioniertes Haus auf die Dauer leisten können.
        .
        Ich habe meine Chefs damals schon Ende 2004 vor dieser US-Housing Bubble gewarnt, aber ich wurde von denen nur in selbstgefälliger Weise als Pessimist ausgelacht — nun ja die Geschichte gab mir dann doch recht!!

        • ast sagt:

          “nun ja die Geschichte gab mir dann doch recht!!”

          Die Unrecht hatten, aber meistens ohne Folgen übernehmen zu müssen. Einige derjenigen Manager, welche sich besonders eifrig am Bubble beteiligt hatten, konnten sogar schon 2 Jahre später mehr Geld für sich abzweigen als vorher.

          Herr Senn, trotz des geplatzten Bubble mussten ihre ehemaligen Chef’s vermutlich nie Kosten übernehmen?

          Der Schaden/Risiko wurde durch die Politik der Allgemeinheit aufgebrummt. Die Auswirkungen wurden in die Zukunft verlagert. Das ist ja nicht ganz unähnlich der Softwaremanipulation beim Volkswagenkonzern, der Herr Winterkorn (der Übrigens wie Frau Merkel Mitglied der Denkfabrik Atlantik Brücke ist) erhält zum Abgang weitere Millionen (17 Millionen Euro hat er im Jahr 2011 “verdient”), während an der Basis nun wohl vor allem die schlechter bezahlten Arbeitsstellen abgebaut werden, von den Schäden am Ökosystem gar nicht zu sprechen.

          • Marcel Senn sagt:

            Ast: Logisch mussten die keine Folgen übernehmen, gut muss noch dazu sagen, dass wir damals nicht im US-Housing Markt investiert waren, aber sonst mit knapp 1000 Mio in den verschiedensten Assetklassen.
            .
            Es geht mehr um die Blindheit der Lemminge in Boom-Phasen – sowohl Banker (gut die sowieso), Bevölkerung, Politik und Zentralbanken spielten da mit – keiner machte sich Gedanken, dass die Hauspreise immer teurer und teurer wurden, die Finanzierungsmodelle alles andere als stabil und seriös waren und so kam es dann, wie es kommen musste.
            Dabei würde etwas gesunder Menschenverstand da schon genügen um solche Fehlentwicklungen zu erkennen.
            .
            Am schlimmsten aber fand ich die 0815 Oekonomen, die sich dann rausreden wollten, das hätte niemand sehen können – dabei gab es schon Jahre zuvor einige wenige namhafte Warner wie zB ex BIZ Chefökonome William White, der schon 2003 ausdrücklich vor dieser Entwicklung warnte und auch der Economist hatte schon früh Titelstories zum Thema.

          • Linus Huber sagt:

            @ Marcel

            Da ging es Ihnen ähnlich wie mir – nicht im Traum hatte ich mir vorstellen können, dass solche Phasen durch die Unterstützung in der Form unterschiedlichster Massnahmen der Entscheidungsträger sich derart lange halten würden wodurch sich die nachfolgende Reaktion/Verwerfung dementsprechend verschärfte. Dies kann einzig damit erklärt werden, dass die Entscheidungsträger aufgrund der offiziellen oder de facto Immunität keine negativen Folgen auf persönlicher Ebene zu erwarten haben. Solch Verhalten kann schlussendlich die Türe zu gesellschaftlichen Verwerfungen öffnen, indem jemand gewählt wird, der den Saustall diktatorisch ausmistet, aber eben auch andere Ideen verfolgen dürfte. – Die kurzfristige Sichtweise und Vernachlässigung ökonomischer wie gesellschaftlicher Prinzipien der einzig auf den Erhalt der eigenen Macht bedachten Entscheidungsträger ist sehr ätzend!

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