Die Mär vom spanischen Wunder

Workers build a structure in front of the Spanish flag in Madrid, Spain, Tuesday, Sept. 2, 2014. The number of people registered as unemployed in Spain grew by 8.070 in August, leaving the total number at 4.427.930 of people, Spain’s Labor Ministry said. (AP Photo/Andres Kudacki)

Noch ist die Krise nicht überwunden: Bauarbeiter in Spanien. Foto: Andres Kudacki (Keystone)

Je länger man sich mit Wirtschaftspolitik beschäftigt, desto mehr fällt einem auf, wie diffus die Meinungsbildung ist. Plötzlich beginnen alle, dasselbe zu behaupten, ohne dass sich etwas Fundamentales verändert hätte. Und wenn man die Daten genauer anschaut, löst sich alles in Luft auf.

Olivier Blanchard, der abtretende Forschungschef des IWF, hat dieses Phänomen über Jahre aus nächster Nähe miterlebt. In einem kürzlich publizierten Porträt wird er folgendermassen zitiert:

What he [Olivier Blanchard] found most surprising, … was how quickly a consensus can develop around some question on the basis of what decision-makers read in the press or hear over dinner. (…). «There’s a big risk of people agreeing on something without thinking about it or doing the hard analysis», he said. In the face of incomplete information and genuine uncertainty, he said, it was disquieting «how easily bad ideas become entrenched».

Ein aktuelles Beispiel ist die Mär vom spanischen Wachstumswunder. In den letzten Monaten hat man immer wieder lesen können, dass Spanien gezeigt habe, wie man mit Reformen und Sparmassnahmen die Krise überwinden könne. Wenn alle Länder diesen Weg gehen würden, würde die Währungsunion gut funktionieren, wird argumentiert.

Als Beleg für diese Behauptung wird das überdurchschnittliche Wachstum seit 2014 angegeben. Zuletzt hat Spanien sogar die USA und Grossbritannien überflügelt. (Alle folgenden Grafiken stammen aus derselben Quelle.)

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Ein weiterer Beleg, der oft genannt wird: Die Wettbewerbsfähigkeit des Exportsektors hat sich stark verbessert, weil die Lohnkosten pro Output im Vergleich zu den Handelspartnern zurückgegangen sind. Dies gelang einerseits durch Lohnzurückhaltung, andererseits durch grosse Produktivitätsfortschritte. Die Grafik zeigt die Leistungsbilanz und den relativen handelsgewichteten realen Wechselkurs (REER), der auf eine Verbesserung der relativen Lohnkosten pro Output (Relative Unit Labour Costs) hinweist.

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Es ist also durchaus eine Verbesserung festzustellen. Aber reicht das schon, um von einem spanischen Wachstumswunder und einer Lösung des Europroblems zu sprechen? Ganz und gar nicht. Dagegen sprechen folgende Argumente:

Erstens ist Spanien von einem äusserst tiefen Niveau aus gestartet. Ein grosser Teil des Wachstums ist deswegen auf die Erholung von der schweren Krise zurückzuführen. Nur Italien ist schlechter dran, während zum Beispiel Frankreich sich in einer deutlich besseren Position befindet.

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Zweitens ist ein grosser Teil des Wachstums nicht auf die hohen Exportzahlen, sondern auf die Lockerung der Austeritätspolitik und den Binnenkonsum zurückzuführen. Zerlegt man nämlich das BIP-Wachstum in die einzelnen Nachfragekomponenten, sieht man, dass der Nettohandelsüberschuss in jüngster Zeit wieder negativ geworden ist. Das bedeutet, dass Spanien genau das Gegenteil dessen tut, was die Legende sagt: öffentliche Schulden abbauen. Eben ist die spanische Regierung von der EU-Kommission ermahnt worden, weiter zu sparen. Es drohe ein Defizit von 4,5 Prozent des BIP (statt wie vereinbart 4,2 Prozent des BIP). Von den Maastricht-Kriterien – drei Prozent Defizit – ist Spanien weit entfernt.

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Drittens handelt es sich bei den Produktivitätsfortschritten um einen einmaligen Effekt. Als Folge der Krise sind die unproduktiven Betriebe verschwunden, und die produktiven Betriebe haben alle Leute entlassen, die nicht unbedingt gebraucht wurden. Diese erbarmungslose Flurbereinigung hat die gesamte Produktivität sprunghaft erhöht, aber eben nur für einmal. In Irland lässt sich dasselbe Phänomen (compositional effects) beobachten. In Zukunft wird sich die spanische Produktivität viel langsamer verbessern.

Viertens darf man nie vergessen, dass im Moment aussergewöhnlich günstige Bedingungen vorherrschen: tiefer Ölpreis, günstige Zinsen, schwacher Euro. Wie robust der Aufschwung tatsächlich ist, wird man sehen, sobald die Schönwetterlage vorbei ist, und dieses Szenario kann jederzeit eintreffen. Der IWF ist in seinem neusten Bericht recht skeptisch, was das Wachstum der Weltwirtschaft anbelangt. Das wird auch Spanien spüren.

Von einem spanischen Wirtschaftswunder zu sprechen, ist also reichlich übertrieben. Man wird deshalb den Verdacht nicht los, dass es im Kern um etwas ganz anderes geht. Manche Analysten möchten offenbar immer noch daran glauben, dass die Eurozone durch eine Exportoffensive der südeuropäischen Länder wieder ins Gleichgewicht gebracht werden kann. Die Krise soll sich sozusagen von selbst in Luft auflösen.

Das ist leider vollkommen illusorisch. Innerhalb der Währungsunion können aus buchhalterischen Gründen nie alle Länder einen Exportüberschuss haben, und die Eurozone als Ganzes wird nie einen so grossen Exportüberschuss gegenüber dem Rest der Welt erzielen können, dass sie automatisch aus der Krise herauswächst. Es handelt sich bei der spanischen Krise nicht nur um eine gewöhnliche Rezession, die irgendeinmal vorübergeht, sondern um ein Symptom eines grundlegenden Problems, das mit der institutionellen Ausgestaltung der Währungsunion zu tun hat.

Angesichts der blockierten Situation wird das Mezzogiorno-Szenario immer wahrscheinlicher: langjährige Stagnation in Südeuropa und bald grössere Auswanderungswellen Richtung Norden – falls dort die Nachfrage nach Arbeitskräften weiter anhält. Auch das kann sich schnell ändern.