Das finanzielle Trilemma

NMTM

Im Fall Lehman hat die internationale Kooperation kläglich versagt: Mitarbeiter eines Auktionshauses tragen ein Firmenschild zur Versteigerung. Foto: Kirsty Wigglesworth (Keystone)

Die Behörden aller Länder betonen immer wieder die Notwendigkeit einer Koordinierung der Bankenregulierung. Ein niederländischer Ökonom zeigt, warum das kaum funktioniert.

Als die USA im September 2008 die damals viertgrösste Investmentbank der Welt, Lehman Brothers, untergehen liessen, kümmerten sie sich nicht um die internationale Verflechtung des Hauses. Diese Verflechtung war einer der Hauptgründe, weshalb dieser Konkurs die Finanzmärkte in die Tiefe riss und die Finanzkrise weltweit explodieren liess. Die Geschichte dieses Bankrotts und weitere ähnliche Beispielen beschreibt der an der Universität von Amsterdam lehrende Ökonom Dirk Schoenmaker in seinem Buch «Governance of International Banking – The Financial Trilemmas».

Das Beispiel von Lehman (und weiterer ähnlicher Fälle) ist nicht das einer ausnahmsweise unglücklich verlaufenen internationalen Zusammenarbeit. Es war und ist auch künftig nichts anderes zu erwarten, denn die folgenden drei Ziele lassen sich nicht vereinbaren: Finanzstabilität, ein internationales Banking und eine nationale Politik zur Stabilisierung des Finanzsystems oder zur Abwicklung einer wichtigen Bank. Das besagt das sogenannte finanzielle Trilemma von Schoenmaker. Das Schema unten zeigt, was gemeint ist:

Trilemma

Das Trilemma besagt, dass nur zusammengeht, was an zwei Ecken liegt, die miteinander direkt durch eine Achse verbunden sind. Die jeweils dritte Ecke ist nicht auch noch zu haben. Konkret ergeben sich folgende Kombinationen:

  1. Finanzstabilität bei nationaler Stabilisierungspolitik geht nur ohne international ausgerichtete Banken.
  2. Finanzstabilität ist mit international ausgerichteten Banken zu haben, wenn die Stabilisierungspolitik nicht mehr national organisiert ist, sondern international.
  3. Mit international ausgerichteten Banken ist bei einer nationalen Stabilisierungspolitik schliesslich keine Finanzstabilität zu haben.

Das ist nicht das erste Trilemma, das wir hier besprechen. Thema war zum Beispiel das Währungstrilemma, wonach fixierte Wechselkurse nicht mit offenen Kapitalmärkten und einer unabhängigen Geldpolitik zusammengehen. Ebenfalls Thema war das Trilemma, dass sich eine sehr weitgehende ökonomische Öffnung (Hyperglobalisierung) nicht gleichzeitig mit Demokratie und nationaler Unabhängigkeit vertragen. Hier, hier und hier die Links zu entsprechenden Beiträgen.

Die Begründung von Schoenmakers Trilemma ist relativ simpel: Je internationaler Banken ausgerichtet sind, desto geringer fällt im Verhältnis zu den Kosten der Stabilisierung dieser Banken der Nutzen für das entsprechende Heimatland der Bank aus, das für diese Kosten aufkommt. Deshalb ist es mit wachsender Internationalisierung der Finanzbrache immer weniger interessiert, für die Kosten aufzukommen oder sich nur schon anteilsmässig daran zu beteiligen.

Zeichnen wir nun die Überlegungen Schoenmakers nach und beginnen mit dem aus der Spieltheorie bekannten sogenannten Gefangenendilemma (hier was das ist und warum es so heisst):

Gefangenendilemma

Gezeigt werden der Einfachheit halber nur zwei Länder A und B, beide haben die Wahl, zur Stabilisierung beizutragen und dafür Kosten zu übernehmen oder nichts beizutragen.

In einem fiktiven Beispiel nimmt Schoenmaker an, das Finanzsystem sei akut gefährdet. Die Stabilisierung des Bankensystems sei daher mit einem Nutzen von insgesamt 120 Geldeinheiten für jedes der beiden Länder verbunden. Der Nutzen ergibt sich aus den eingesparten volkswirtschaftlichen (Opportunitäts-)Kosten, zu der eine Finanzkrise führen würde (die Geldeinheiten können für Millionen oder Milliarden in irgendeiner Währung stehen). Die Kosten für die Stabilisierung des Finanzsystems werden mit 100 Geldeinheiten beziffert (bei Schoenmaker sind es die Kosten für die Rettung von Banken). Der Einfachheit nehmen wir an, dass Kosten und Nutzen für beide Länder gleich verteilt sind. Es wird klar, dass aus übergeordneten Warte die beste Strategie für beide Länder darin bestehen müsste, für die Kosten der Stabilisierung aufzukommen. Denn das maximiert den gesamten Nettogewinn auf 20 (120 Nutzen – 100 Kosten, siehe linke obere Ecke im obigen Schema). Sowohl A wie B tragen hier je hälftig die Kosten und erreichen einen jeweiligen auf ihr Land bezogenen Nutzen von 60, was einen Nettonutzen von 10 pro Land ergibt.

Dieser Idealfall kommt aber nicht zustande, wenn wir das Kalkül jedes einzelnen Landes betrachten. Entscheidend dabei ist, dass vom Nutzen der Stabilität ohnehin jedes Land profitiert, selbst wenn es nichts dafür bezahlt. (Ökonomen sprechen in diesem Fall von einem öffentlichen Gut). Schauen wir uns das Kalkül jedes Landes genauer an:

Jedes Land kommt nach Berücksichtigung der besten Strategie des anderen dann besser weg, wenn es den Beitrag verweigert und darauf setzt, dass das andere Land gänzlich für die Kosten der Stabilisierung aufkommt. Denn in diesem Fall würden für das verweigernde Land dennoch 60 an Nutzen resultieren, während das andere Land einen Nettoverlust von 40 erleidet (Nutzen von 60 minus Kosten  von 100).

Sobald also ein Land Kosten auf sich nimmt, um die Lage zu stabilisieren, hat das andere erst Recht keinen Anreiz zu kooperieren (zu bezahlen), da es sich sozusagen als Trittbrettfahrer verhalten kann und ohne Aufwand dennoch von der Stabilität profitiert. Kooperiert/bezahlt das eine Land nicht, hat das andere wiederum erst Recht keinen Anreiz, dies zu tun, da es sonst die gesamten Kosten alleine tragen muss, aber nur die Hälfte des Nutzens erhält.

Da nach diesem Kalkül kein Land kooperiert bzw. bezahlt, lässt sich die Finanzkrise nicht verhindern. Das Ergebnis ist ein Nettoverlust von insgesamt 20 mit einem Anteil von 10 pro Land  (eingesparte Kosten von je 50 abzüglich des Preises der Finanzkrise von 60 pro Land). Das deutlich bessere Resultat einer Kooperation mit einem Nettonutzengewinn von 10 kommt nicht zustande.

Klar, das waren fiktive Zahlen. Klären wir daher nun, unter welchen Bedingungen es tatsächlich zu einem solchen Gefangenendilemma kommt. Greifen wir dazu erneut auf die Kernpunkte von Schoenmakers Überlegungen zurück. Aus einer Vogelperspektive lohnt es sich, die Kosten für die Stabilisierung (wir bezeichnen sie als K) auf sich zu nehmen, wenn der Nutzen durch eine verhinderte Krise (wir bezeichnen ihn als N) grösser ist als diese Kosten: Formal:

Generelle Bedingung für die Stabilisierung: N > K

Doch hier haben wir nicht berücksichtigt, dass einzelne Grossbanken mit Sitz in einem Land weltweit Geschäfte treiben. Der Anteil des Geschäftsumfangs des Finanzsystems (der Grossbanken) eines Landes, der sich im Heimatland befindet, nennen wir (α). Liegt also zum Beispiel ein Drittel des Geschäfts der Grossbanken im Heimatland, dann ist α = 0,33 (33 Prozent).

Damit verändert sich aber die Bedingung, ob ein Land die Kosten für die Stabilisierung auf sich nimmt. Weil es nur den inländischen Nutzenanteil  (α x N) berücksichtigt, muss dieser Anteil grösser sein als die Kosten (K) für die Stabilisierung. Das ergibt:

Bedingung für die Stabilisierung in einem Land: α x N > K

Ist das gefährdete Bankensystem gänzlich im Heimatland, ist α = 1, entspricht das der obigen Formel N > K und die Stabilisierung kommt ohnehin zustande

Mit einer leichten Umformung (in dem man auf beiden Seiten durch N teilt) erhält man:

Bedingung für die Stabilisierung in einem Land: α > K/N

Umgekehrt haben wir nun die gesuchte Bedingung dafür, dass ein Gefangenendilemma im obigen Sinn entsteht und keine Stabilisierung bzw. Kooperation (gemeinsame Übernahme der Kosten) bei einer Gefährdung des Finanzsystems zu erwarten ist: Nämlich dann, wenn der Anteil eines Landes am zu rettenden Finanzsystem kleiner ist als das Verhältnis der Kosten für die Stabilisierung zu dessen Nutzen.

Im Einschub wenden wir die Formel auf das obige Beispiel an:

In diesem Beispiel lag der Anteil (α) am Finanzsystem in jedem Land  bei 50 %, bzw. 0,5. Dieser Anteil muss also grösser sein als das Verhältnis der Kosten (K) von 100 zum Nutzen (N) von 120 damit kein Gefangenendilemma entsteht und die internationale Stabilisierung gelingt. Doch o,5 ist kleiner als 100/120=0,833. Wir haben ein Gefangenendilemma und die internationale Finanzstabilisierung ist nicht zu erwarten.

Daraus folgt:

  1. Je internationaler das Bankensystem ausgerichtet ist, je geringer ist die Chance einer Stabilisierung.
  2. Je geringer die Kosten für eine Stabilisierung sind, beziehungsweise je höher ihr Nutzen, desto grösser ist für sich gesehen die Chance einer Stabilisierung und umgekehrt. Diese Überlegung dürfte kaum überraschen. Wichtig ist aber, dass es nicht reicht, wenn der Nutzen die Kosten übertrifft, solange nicht der gesamte Nutzen im Inland anfällt, wenn die Banken also international agieren.

Die Lösung unseres Gefangenendilemmas würde darin bestehen, dass sich die Beteiligten glaubhaft an eine Verpflichtung binden können, im Notfall für die Stabilisierung mit zu bezahlen. Glaubwürdig meint, dass kein Land von der eingegangenen Verpflichtung im Ernstfall wieder abweichen kann oder einen Anreiz dazu hat.

Doch das erfordert eine internationale Instanz, die Länder zu Zahlungen verpflichten, bzw. in einem ausreichenden Ausmass bestrafen kann, wenn sie nicht kooperieren. Eine internationale Instanz mit einer solchen Macht über die nationalen Budgets gibt es nicht und ist auch schwer vorstellbar.

Fazit:

Die Überlegungen Schoenmakers haben eine kaum zu überschätzende Sprengkraft. Erstens stellt eine Instabilität der internationalen Finanzbeziehungen eine besonders grosse volkswirtschaftliche Gefahr dar und zweitens zeigen die Überlegungen, dass all die Beteuerungen einer engeren internationalen Kooperation im Vorfeld einer Krise nur noch wenig Bedeutung haben, wenn eine Krise tatsächlich eintritt.