Frankenschock: Phase 3 hat begonnen

Ein Arbeiter in der Von-Roll-Giesserei Emmenbrücke. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Die Maschinen- und Metallindustrie ist nach wie vor der grösste Arbeitgeber aller Exportindustrien: Arbeiter in der Von-Roll-Giesserei Emmenbrücke. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Es ist nun mehr als vier Monate her, seit die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Euro-Untergrenze aufgehoben hat. Wo stehen wir heute? Wie wird es weitergehen? Es ist wieder einmal Zeit für eine Standortbestimmung.

Der Einfachheit halber könnte man die bisherige Diskussion in drei Phasen einteilen.

In der ersten Phase, die unmittelbar an die Entscheidung der SNB anschloss, dominierten in der öffentlichen Meinung die besorgten Stimmen (mich eingeschlossen). Einige Konjunkturprognose-Institute sagten eine kurze Rezession im laufenden Jahr voraus. Mehrere Beobachter bemängelten die Kommunikation der SNB.

In der zweiten Phase, die im Februar einsetzte, drehte die Stimmung. Der Wechselkurs begann sich zu erholen, die SNB vermochte ihren Entscheid besser zu erläutern, und die unmittelbaren negativen Auswirkungen blieben überschaubar. Ferner übten sich die Branchenverbände in Zurückhaltung. Es machte sich das Gefühl breit, dass die Schweizer Wirtschaft den Frankenschock gut verdauen würde. Die Kritik am Entscheid verstummte. Eine Umfrage zeigte, dass eine klare Mehrheit der Bevölkerung die Überlegungen der SNB guthiess.

Vor wenigen Wochen sind wir in eine dritte Phase eingetreten – zumindest ist das mein Eindruck. Neu ist, dass man anhand der Daten erstmals sehen kann, wie sich die Exportindustrie seit dem 15. Januar 2015 entwickelt. Auch lässt sich nun eine erste Einschätzung des Devisenmarkts vornehmen. Die öffentliche Diskussion ist nüchterner und ernsthafter geworden. Die Zeit der Spekulationen über Sinn und Unsinn des Entscheids und die potenziellen Folgen ist vorbei. Jetzt kann man in Echtzeit beobachten, wie sich die Wirtschaft entwickelt.

Was den Aussenhandel anbelangt, so ist die Bremsspur bereits deutlich zu sehen, insbesondere bei der Maschinen- und Metallindustrie, die nach wie vor der grösste Arbeitgeber aller Exportindustrien ist (Quelle: Eidgenössische Zollverwaltung, 23. Januar 2015).

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Der Devisenkurs (hier die aktuelle Übersicht auf Tagesanzeiger.ch) scheint bei einem Niveau von CHF 1.04 per Euro festzukleben. Nur beim Dollar hat sich die Hoffnung auf eine baldige Erholung einigermassen erfüllt: Anfang Jahr notierte der Kurs bei etwa CHF 1.02 per Dollar, heute bei 0.95. Eine weitere Grafik der Eidgenössischen Zollverwaltung zeigt dies schön: Die Exporte in den Euroraum gingen zurück, diejenigen in den Dollarraum (USA und Asien) nahmen zu.

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Wie wird es weitergehen? Die gute Nachricht vorab: Gemäss den jüngsten Zahlen von Eurostat wird das Wachstum der Eurozone höher sein als letztes Jahr – vor allem dank dem tiefem Erdölpreis und dem schwächeren Euro. Das bedeutet, dass die Schweizer Firmen «nur» unter dem starken Franken und nicht auch noch unter einer ausländischen Nachfrageschwäche leiden werden.

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Könnte das höhere Wachstum der Eurozone dazu führen, dass sich der Euro gegenüber dem Franken wieder aufwertet? Davon ist leider kaum auszugehen. Die EZB wird wohl alles unternehmen, um den Euro schwach zu halten, weil sie weiss, dass eine unterbewertete Währung ein wesentlicher Bestandteil der Erholung ist. EZB-Chef Mario Draghi warnte am Freitag erneut davor, das Ende der Euro-Krise auszurufen, nur weil gewisse Fortschritte erzielt worden seien (Quelle):

The economic outlook for the euro area is brighter today than it has been for seven long years. Monetary policy is working its way through the economy. Growth is picking up. And inflation expectations have recovered from their trough.

This is by no means the end of our challenges, and a cyclical recovery alone does not solve all of Europe’s problems. It does not eliminate the debt overhang that affects parts of the Union. It does not eliminate the high level of structural unemployment that haunts too many countries. And it does not eliminate the need for perfecting the institutional set-up of our monetary union.

Draghi will auf keinen Fall das Risiko eingehen, dass eine Aufwertung des Euro die Erholung frühzeitig abbricht. Das Quantitative Easing wird deshalb noch mindestens ein Jahr dauern.

Der Poker um Griechenland und die spanischen Wahlergebnisse haben ferner bestätigt, dass die politischen Probleme der Eurokrise immer grösser werden. Das Wachstum müsste viel höher ausfallen, um eine spürbare Verbesserung der Lebensverhältnisse herbeizuführen. Die Lage bleibt unberechenbar.

Aus all den genannten Gründen ist eine deutliche Abschwächung des Frankens kaum zu erwarten. Das schweizerische Währungsdrama ist noch längst nicht zu Ende.