Ist Ungleichheit nur eine Frage der Wahrnehmung?

LUXUS, REICHTUM,

Die Frage ist nicht, ob man es sich leisten kann, sondern ob man denkt, die anderen können es: Besucherinnen an einer russischen Millionärsmesse. Foto: Keystone

Es besteht heute grosse Übereinstimmung, dass ein hohes Mass an Ungleichheit der Demokratie schadet. Wenn ein grosser Teil der Bevölkerung sich materiell benachteiligt fühlt, schwindet die Unterstützung für die politische Ordnung. Das scheint so klar, dass es gar nicht begründet werden muss.

Nun haben aber der russische Ökonom Vladimir Gimpelson und der amerikanische Politologe Daniel Treisman einen wissenschaftlichen Aufsatz publiziert, der den Zusammenhang zwischen tatsächlicher Ungleichheit und Demokratie durcheinanderbringt (Quelle). Ihre Behauptung: Tatsächliche Ungleichheit spielt keine Rolle, es zählt nur die Wahrnehmung.

Als Datenbasis verwenden sie eine Umfrage, die 2009 in 40 Ländern durchgeführt wurde. Dort wurde gefragt, wie die Einwohner die Ungleichheit in ihrem Land einschätzen. Fünf Möglichkeiten standen zur Verfügung:

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Der Vergleich mit der tatsächlichen Ungleichheit zeigt, dass in den meisten Ländern Dichtung und Wahrheit stark auseinanderklaffen. In der Schweiz haben zum Beispiel nur 24 Prozent eine realistische Vorstellung der Einkommensungleichheit nach staatlicher Umverteilung, und nur sechs Prozent wissen, wie die Einkommensungleichheit vor staatlicher Umverteilung aussieht. Am besten schneiden die Bewohner Südafrikas ab, die bei beiden Kategorien jeweils zu 49 Prozent richtig lagen. Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht (Der Gini-Koeffizient ist ein Mass für die Einkommensungleichheit).

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Die Frage ist nun, inwiefern sich die Leute getäuscht haben. Die Autoren geben leider nur eine Übersicht zur Einkommensungleichheit vor staatlicher Umverteilung. Was die Schweiz anbelangt, so unterschätzen die meisten Bewohner das Mass der Ungleichheit: Typ A ist die korrekte Antwort, aber nur 6,4 Prozent haben richtig getippt. Tabelle A1 zeigt die Ergebnisse im Detail.

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Als nächstes untersuchen die beiden Autoren, wie stark die tatsächliche Einkommensungleichheit mit der politischen Forderung nach Umverteilung korreliert. Das Ergebnis lautet: überhaupt nicht. Ein Land kann einen hohen Grad an Ungleichheit aufweisen, und trotzdem fordert kaum jemand staatliche Umverteilung. Umgekehrt kann ein Land einen starken Wohlfahrtsstaat aufweisen, und trotzdem ist die Forderung nach staatlicher Umverteilung besonders virulent.

Sind die Resultate wasserdicht? Kaum. Völlig ausgeblendet wird nämlich das Niveau des Einkommens. In den reichen OECD-Ländern ist das Einkommen der unteren Einkommensklassen ungleich höher als zum Beispiel in Bulgarien. Die Umfrage konzentriert sich nur auf die relativen Einkommensunterschiede.

Eines kann die Studie dennoch klar zeigen: Wer sich nur auf den gemessenen Gini-Index stützt, kommt politisch nicht weit.