33 Wörter, die die Welt veränderten

 

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«Mister Euro»: Mario Draghi während einer Rede im Juni 2012. Foto: Mario Vedder (AP)

Morgen Samstag ist ein denkwürdiges Jubiläum.

Vor genau zwei Jahren, am 26. Juli 2012, äusserte Mario Draghi während einer Rede in London diese Worte:

«But there is another message I want to tell you. Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the Euro. And believe me, it will be enough.»

Der Sommer 2012 war für die Europäische Währungsunion eine extrem kritische Zeit. Die Angst vor einem Zusammenbruch der Union kursierte, das Bankensystem wankte bedrohlich. Die Renditeaufschläge, die Peripherieländer wie Spanien und Italien auf ihren Bonds bezahlen mussten, schossen in die Höhe.

Möglicherweise stand ein Kollaps des Finanzsystems kurz bevor. Doch dann kamen Draghi und seine 33 Wörter.

Im Nachfolgenden präsentieren wir sechs Charts, die eindrücklicher als 1000 Worte zeigen, was an den Finanzmärkten nach dem 26. Juli 2012 geschah. Zusammengestellt hat die Charts mein Redaktionskollege Gregor Mast in dieser Analyse.

Beginnen wir mit dem Wechselkurs:

Ein Euro kostete im Juli 2012 nur minimal mehr als 1.20 US-Dollar. Es war die schwächste Notierung des Euro seit dem Ausbruch der Eurokrise im Frühjahr 2010.

Nahezu punktgenau mit dem 26. Juli 2012 begann der Euro zu erstarken und notierte in den vergangenen zwei Jahren meist zwischen 1.30 und 1.35 US-Dollar.

Die nächste Grafik zeigt die Renditeaufschläge (Spread), die die beiden grossen Peripherieländer Spanien und Italien am Kapitalmarkt auf ihren zehnjährigen Anleihen im Vergleich zu Deutschland bezahlen müssen:

Zum Höhepunkt der Panik musste Spanien (schwarze Kurve) im Vergleich mit deutschen Bundesanleihen einen Aufschlag von 600 Basispunkten (sechs Prozentpunkte) bezahlen. Italien musste einen Spread von 500 Basispunkten berappen.

Der 26. Juli 2012 markiert die Wende. Seither sind die Renditeaufschläge stetig gesunken und auf das Vorkrisenniveau geschrumpft.

Nur nebenbei bemerkt: Frankreich kommt gegenwärtig in den Genuss der günstigsten Bondzinsen seit 260 Jahren, wie die folgende Grafik zeigt:

Weiter gehts mit dem Effekt der Draghi-Rede. Die folgende Grafik zeigt die Preise für Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps) für Italien und Spanien:

Im Juli 2012 kostete es bis zu 600 Basispunkte, einen italienischen oder spanischen Staatsbond mit fünf Jahren Laufzeit gegen einen Ausfall zu versichern. Auch hier: Der 26. Juli 2012 markierte die Wende. Gegenwärtig kosten Credit Default Swaps für Italien und Spanien weniger als 100 Basispunkte.

Kommen wir nun zum Effekt an den Aktienmärkten. Der nächste Chart zeigt die Aktienindizes Spaniens und Italiens, verglichen mit Deutschland:

Am Höhepunkt der Panik rund um die Eurokrise markierten der Mib-Index in Italien (rot) und der Ibex35 in Spanien (schwarz) ihren Tiefpunkt. Draghis Rede leitete die Wende ein: Seither hat der italienische Aktienindex 70 Prozent gewonnen, mit Aktien in Spanien konnten über zwei Jahre sogar 80 Prozent verdient werden. Der DAX in Frankfurt (blau) hat derweil seit dem 26. Juli 2012 «nur» gut 50 Prozent zugelegt (freilich ist er zuvor nicht so heftig abgestürzt).

Ein Segen waren Draghis Worte für die europäischen Banken, wie der nächste Chart zeigt:

Die rote Kurve zeigt den Euro-Stoxx-Banken-Index, der die 30 wichtigsten Banken der Eurozone umfasst. Der Index markierte exakt am 26. Juli 2012 seinen Tiefpunkt und begann danach zu steigen. Wer damals den Mut hatte, die Aktien europäischer Banken zu kaufen, hat innerhalb von zwei Jahren 60 Prozent verdient.

Zuletzt noch eine Grafik, die zeigt, wie viel Geld die europäischen Banken über Nacht bei der Einlagenfazilität der EZB deponiert haben:

Im Frühsommer 2012 lagen zeitweise mehr als 800 Milliarden Euro in der Einlagenfazilität der EZB. Dies ist ein Indikator des gegenseitigen Vertrauensverlustes unter den Geschäftsbanken. Sie leihen sich ihre Überschussreserven über Nacht nicht untereinander aus, sondern parken die Mittel lieber im sicheren Hafen der EZB.

Heute liegen üblicherweise noch rund 20 Milliarden Euro in der Einlagenfazilität der EZB.

Der grosse Rückgang von 800 auf 400 Milliarden Euro fand übrigens schon etwas vor dem 26. Juli 2012 statt. Eine mögliche Erklärung dafür ist die Tatsache, dass die EU-Regierungschefs in einem Krisengipfel Anfang Juli 2012 die Schaffung einer Bankenunion beschlossen hatten.

Fassen wir also zusammen: Fast punktgenau mit dem 26. Juli 2012 kam es in Bezug auf den Euro am Währungsmarkt, am Bondmarkt, am Aktienmarkt und am europäischen Interbankenmarkt zu einer Trendwende. Die Panik verebbte, die Märkte beruhigten sich, eine lang andauernde, stetige Erholung setzte ein.

Die 33 Wörter, die Mario Draghi an besagtem Juli-Donnerstag in London von sich gegeben hatte, sind ein eindrückliches Beispiel für die Macht einer Zentralbank, wenn sie glaubhaft resolut auftritt. Wer weiss, wo die Währungsunion heute stände, wenn nicht Draghi, sondern sein zaudernder Vorgänger Jean-Claude Trichet in jenen schicksalshaften Wochen das Ruder der EZB in der Hand gehalten hätte. Noch im Mai 2012 schien Trichet die Gefahr nicht zu sehen, wie wir in diesem Blogbeitrag geschrieben hatten.

Draghi musste seinen Worten übrigens nie Taten folgen lassen. Im September 2012 setzte die EZB mit dem Segen der Euro-Regierungschefs zwar das Notfall-Rettungsprogramm OMT (Outright Monetary Transactions) auf, doch zu dessen Anwendung im Ernstfall kam es bislang noch nie.

Die ungelöste Frage bleibt freilich: Ist die Eurokrise nun vorbei? Regelmässige Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen, dass wir skeptisch bleiben. Draghi hat mit seinem Versprechen bloss Zeit gekauft. Mehr nicht. Die grundlegenden Konstruktionsfehler der Währungsunion – dazu zählt das Fehlen einer funktionierenden Bankenunion und fiskalischer Ausgleichsmechanismen – können Draghi und die EZB nicht lösen.

Wird die Zeit nicht genutzt, wird die Eurokrise früher oder später mit Wucht wieder ausbrechen.

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Zum Schluss noch ein Link in eigener Sache:

Wer Interesse an unserer FuW-Serie über berühmte Theoreme aus der Ökonomie hat: Hier ist Teil 8 von Philippe Béguelin zur Random-Walk-Hypothese, gefolgt von Teil 9 von Andreas Neinhaus zur Cobb-Douglas-Produktionsfunktion.