Wie misst man Wettbewerbsfähigkeit?

NMTM

Die Krise in Spanien ist noch lange nicht vorbei: Ein Mann steht nach der Zwangsräumung seines Hauses mit seinem Hab und Gut auf der Strasse. Foto: Andres Kudacki (Keystone)

Die neusten Zahlen zum Wachstum der Eurozone sind einmal mehr enttäuschend ausgefallen. Im Mai 2014 ist die Industrieproduktion um 1,1 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken. Selbst in Deutschland war sie rückläufig (–1,4 Prozent). Am stärksten schrumpfte sie in Portugal (–3,6 Prozent). Von einer schnellen Erholung kann also keine Rede sein (Quelle: Eurostat).

Die Gründe für die anhaltende Krise haben wir schon oft diskutiert (zuletzt hier). Einem Punkt aber lohnt es sich noch einmal genauer nachzugehen: den sogenannten Lohnstückkosten. Sie sind ein Mass für die relative preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Exportsektors eines Landes. Je höher sie sind, desto teurer ist ein Land im Vergleich mit seinen Handelspartnern. Der Lohn spielt dabei eine wichtige Rolle, aber nicht nur. Ebenso zentral ist die Produktivität einer Wirtschaft. Die Schweiz hat zum Beispiel hohe Löhne, aber auch eine hohe Produktivität im Exportsektor. Entsprechend ist die preisliche Wettbewerbsfähigkeit intakt.

Das Thema ist wichtig, weil immer wieder Meldungen von dramatisch verbesserten Lohnstückkosten in Südeuropa auftauchen. Ich habe schon mehrmals E-Mails erhalten mit dem Titel «Spanien schafft es doch aus eigener Kraft!» Angeblich kann Spanien dank sinkender Lohnstückkosten einen Exportboom herbeiführen und so die Krise ganz von alleine überwinden. Wichtig ist diese Beobachtung vor allem für diejenigen, die den Euro zwar bewahren wollen, aber auf keinen Fall eine stärkere Integration wünschen.

Was bei diesen Meldungen immer vergessen wird, ist, dass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit äusserst schwierig zu berechnen ist. Der Vergleich der relativen Lohnstückkosten ist nur eine unter mehreren Methoden. Man kann auch die relativen Exportpreise als Massstab nehmen, was zu einem völlig anderen Ergebnis führt.

Die folgenden zwei Grafiken zeigen die beiden Ergebnisse (Quelle). Die erste Grafik zeigt die relativen Lohnstückkosten. Hier sieht man in der Tat eindrückliche Verbesserungen in einigen Krisenländern, insbesondere in Irland und Griechenland, aber auch in Spanien.

Chart 1: Nominal Unit Labour Cost-Based Competitiveness Comparison (www.economonitor.com)
http://www.economonitor.com/wp-content/uploads/2014/02/wood1.png

Die zweite Grafik zeigt die Entwicklung der relativen Exportpreise. Hier ist von einer Verbesserung in Spanien gar nichts zu sehen. Und besonders erstaunlich ist, dass sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und die von Frankreich etwa im gleichen Tempo entwickelt haben, zusammen mit derjenigen Irlands.

Chart 2: Export Price-Based Competitiveness Indicator (www.economonitor.com)
http://www.economonitor.com/wp-content/uploads/2014/02/wood2.png

Die Meldung, Spanien könne sich dank einem Exportboom selbstständig aus der Krise befreien, ist also empirisch schwach abgestützt. Das wird auch durch die neusten Zahlen von Eurostat (hier) bestätigt: Die spanischen Exporte sind im Jahr 2014 kaum gewachsen (im Vergleich zur Vorjahresperiode). Einmal mehr zeigt sich bei der Diskussion der Eurokrise: Der Wunsch ist der Vater des Gedankens.