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Die Eurokrise im historischen Vergleich

Tobias Straumann am Montag den 16. Juni 2014
Verlorene Jahre: Demonstranten mit Masken der italienischen Arbeitsministerin Elsa Fornero gegen Massenarbeitslosigkeit in Neapel (November 2012). (AFP/Mario Laporta)

Tal der Tränen: Demonstranten mit Masken der italienischen Arbeitsministerin Elsa Fornero marschieren auf den Strassen Neapels gegen die Arbeitslosigkeit (November 2012). (AFP/Mario Laporta)

Die Massnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) haben gezeigt, dass die Eurozone das Tal der Tränen noch nicht durchschritten hat. Man muss weiterhin mit einer längeren Periode der Stagnation rechnen. Es droht ein verlorenes Jahrzehnt. Gab es das schon einmal in der jüngeren Vergangenheit?

Die letzte grosse Krise, die eine ganze Region in den Abgrund riss, war die Asienkrise der späten 1990er-Jahre. Aber nur schon ein kurzer Blick auf die Wachstumsraten unmittelbar nach der Asienkrise zeigt, dass ein anderer Film als in der Eurozone ablief. Die ostasiatischen Länder erholten sich sehr schnell. Selbst Indonesien und Thailand, die von der Krise besonders stark getroffen worden waren, fanden schnell zum Wachstum zurück, wie die Grafik zeigt (Quelle: The Economist).

So drängt sich der Vergleich mit der lateinamerikanischen Schuldenkrise der 1980er-Jahre auf. Auch damals sprach man von einem verlorenen Jahrzehnt. In der Tat gibt es eine starke Parallele: In beiden Fällen, das heisst sowohl in Lateinamerika vor dreissig Jahren wie in der heutigen Eurozone, versäumte man es, die Rekapitalisierung des Bankensektors und die Abschreibung der Staatsschulden zügig vorzunehmen.

In Lateinamerika kam erst am Ende der Dekade das Eingeständnis, dass die lateinamerikanischen Länder nur noch einen Teil der Schulden an die westlichen Banken zurückzahlen können. In der Eurozone hat man bisher nur einen Teil der griechischen Schulden den privaten Gläubigern aufgebrummt. Das ist zu wenig.

Aber selbst Lateinamerika hatte nach Ausbruch der Krise ein höheres Wachstum als die Eurozone. Die lateinamerikanischen Exporte erholten sich viel schneller als diejenigen der Eurozone, wie die Grafik zeigt (Quelle). Ein wichtiger Grund war, dass die Weltwirtschaft ab 1983 – das heisst ein Jahr nach Ausbruch der lateinamerikanischen Schuldenkrise – wieder stark expandierte (wie Ende der 1990er-Jahre). Die Krisenländer der Eurozone mussten hingegen bereits 2009 mit einem Einbruch des Exports zurechtkommen. Die Grafik oben nimmt nämlich das Jahr 2008 als Beginn der Eurokrise, aber wirklich begonnen hat die Eurokrise erst 2010. Diese Datierung verzerrt den Vergleich.

Aber die Verzerrung erklärt nicht alles. Von Bedeutung ist auch die starke Abwertung der Währungen Lateinamerikas (wie in Ostasien Ende der 1990er-Jahre). Ganz anders in der Eurozone: Die Krisenländer leiden nicht nur darunter, dass sie nicht abwerten können, sondern dass der Aussenwert des Euro trotz Krise hoch ist. Die EZB hat mit ihrem Massnahmenpaket eine leichte Schwächung des Euro herbeiführen können, aber das ist nicht ausreichend, um dasselbe Exportwachstum wie Lateinamerika zu erzielen.

So landet man auch auf diesem historischen Umweg wieder bei der Grundfrage, die seit vier Jahren unbeantwortet geblieben ist: Woher soll der Wachstumsimpuls in Südeuropa kommen?

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37 Kommentare zu “Die Eurokrise im historischen Vergleich”

  1. Josef Anton sagt:

    Interessant ist, wie sehr wir uns an das Manipulieren der wirtschaftlichen Faktoren gewöhnt haben, dass wir selber schon diese oder jene Zwangsmassnahme als die Lösung der Problematik sehen und empfehlen. Es scheint irgendwo im ganzen Wirrwarr unterzugehen, dass die Ungleichgewichte und die Krise unter dem Strich genau auf diesem Gedankengut der Manipulation kurzfristiger wirtschaftlicher Vorteile beruht, indem die Währungen seit Jahrzehnten einer langfristigen Entwertung unterworfen wurden. Jetzt wo sich die negativen Konsequenzen meldeten, wurden von den gleichen Institutionen noch stärkere Zwangsmassnahmen der unbedingt notwendigen Geldentwertung implementiert, wodurch sich viele andere Fehlentwicklungen immer offensichtlicher zeigen. Die Idee, dass Geldentwertung aufgrund der damit in Gang gesetzten Entwicklung nicht erkannter fehlender Nachhaltigkeit in verschiedenen gesellschaftlichen Programmen in sich den Samen einer immer stärkeren Instabilität des Systems in sich trägt, scheint auch heute noch extrem schwierig zu vermitteln zu sein. Stattdessen fokussieren sich die meisten Beobachter auf die Auseinandersetzung innerhalb der einzelnen Segmente des gesamten verzerrten Systems und glauben damit die Ursache der Problematik erkannt zu haben. Dabei handelt es sich bestenfalls um einen offensichtlichen Grund, dessen Ursache jedoch in der fehlerhaften Doktrin der geldentwertenden Politik zu finden ist. Anstatt die Systemdebatte anzupacken, sind wir damit verdammt, die Missstände weiter auszubauen und träumen von einer wundersamen Heilung des Systems aufgrund der immer währenden und notwendigerweise erzwungenen Spirale einer inflationäreren Geldpolitik. Beim nächsten Crash werden uns die gleichen Entscheidungsträger jedoch ihre im geheimen vorbereiteten Pläne unter Drohung des Systemzusammenbruchs als einzige und unausweichliche Rettung mit all den damit zusammenhängenden sozialen Einbussen unterbreiten und wir werden wieder wie die Lämmer nicken. Gleichzeitig organisieren sich diese gleichen Entscheidungsträger und ihr Heer an Bürokraten im Mantel der Immunität ein ausserordentlich angenehmes Leben.

    Und jetzt können die Autoritätsgläubigen und Freunde der Planwirtschaft wieder kommen und meinen Kommentar in der Luft zerreissen.

    • Fred Ruegg sagt:

      Sehr treffend, klar und ueberzeugend. Danke.
      Bin unterwegsimMittlere Osten. Mehr vielleicht spaetern.

    • Ueli sagt:

      @Josef Anton
      Sie sind doch selber ein “Autoritätsgläubiger”! – Sie glauben an die magische “Autorität” des Marktes. Die “Manipulation”, welche Sie permanent als “den Teufel” an die Wand malen – nennt sich auch Wirtschaftspolitik. Nun können Sie freilich immer behaupten, dass es “zu viele Eingriffe” seitens der Politik oder der “Bürokraten” gibt – oder dass das Geld systematisch entwertet wird von den Nationalbanken u.s.w. Trotzdem: dem Kern der Sache kommen Sie mit solchen “Analysen” keinen Schritt näher, da Sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass die Kapitalakkumulation unter allen Umständen eine “honorige Sache” sei, der man “dienen soll”. Die Schuld an Missständen wird von Ihnen schon fast reflexhaft immer in menschlichem Fehlverhalten und Korruption einer ominösen “bürokratischen Elite” gesucht – anstatt die systematische Ebene ein bisschen näher unter die Lupe zu nehmen und zu begreifen, dass die Geschichte des Kapitals als solche nix anderes als einen gewaltigen Raubzug an Mensch und Natur darstellt – der immer nur für eine Minderheit, die sich den Planeten unter den Nagel riss – tatsächlich “profitabel” / “sinnvoll” war.

      • Fred Ruegg sagt:

        Ueli, an einer anderen Stelle im Tagi haben Sie uns an den Kapitalgeber erinnert und voralem daran dass der auch leben muss. Habe ich verpasst wo Sie gleicherweise fuer den Arbeiter und Zinsbezahler eingetreten sind?

      • Josef Anton sagt:

        “die Kapitalakkumulation unter allen Umständen eine “honorige Sache” sei”

        Ob die menschliche Natur eine honorige Sache ist oder nicht, spielt weniger eine Rolle als die Frage, ob das System derart angelegt ist, dass die positiven Aspekte resp. Eigenschaften der Menschen gefördert werden; in solch einem System hat z.B. die Institutionalisierung von “Moral Hazard” oder die Umverteilung der Kosten des Risikos auf die Allgemeinheit definitiv keinen Platz, sondern muss sich durch persönliche Konsequenzen für den Risikonehmer unbedingt und in jedem Falle und nicht nur im Falle eines positiven Resultates auszeichnen.

  2. Ueli sagt:

    Es handelt sich eben nicht nur um eine “Euro-Krise”, sondern um eine Weltwirtschaftskrise, die mit beispiellosen Massnahmen seit bald 6 Jahren seitens Politik und Zentralbanken in die Zukunft verschoben wird. Tatsächlich hat die virtuelle Realität, mit der an der Börse spekuliert wird – nur noch wenig mit der makroökonomischen Realität “am Boden” zu tun. Wann war das nochmal der Fall in der Geschichte? Ach ja – Ende 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der grosse Unterschied: Dieses mal handelt es sich um noch viel gewaltigere Summen, die mit noch viel gewaltigerem Speed um den Erdball zirkulieren…und noch viel gewaltiger crashen werden.

  3. urs lehmann sagt:

    Den tatsächlich passenden Vergleich übersieht TS: Japan!

    Die Gemeinsamkeiten:

    – Dienstleistungsgesellschaft. 1. plus 2. Sektor zusammen betragen lediglich 30% des BIP
    – überaltert. die aggregierte Nachfrage ändert sich dauerhaft (Umfang und Art der Güter/Dienstleistungen)
    – überaltert. die Versorgung der Rentner entzieht der aktiven Generation dringend für den “Nestbau” benötigte Kaufkraft, was den Konsum belastet
    – überaltert. Die Nachfrage nach “Neuheiten” schwindet, die Konsumlust schwindet, in den meisten Marktsegmenten herrscht Verdrängungs-Wettkampf, die Arbeitslosigkeit steigt
    – überaltert. die steigende Nachfrage in einzelnen Segmenten (zB betreutes Wohnen) vermag den Stellenverlust in den anderen Bereichen nicht zu kompensieren
    – überaltert. die Bevölkerung schwindet
    – schwindende Bevölkerung. die Rendite von Investitionen sinkt ganz direkt weil die Anzahl potentielle Kunden sinkt
    – schwindende Bevölkerung. wegen sinkender Rendite werden Investitionen weniger attraktiv, dadurch sinkt die Nachfrage nach Fremdkapital, die Zinsen sinken anhaltend und auf breiter Front
    – schwindende Bevölkerung. Nachfrage nach Wohnraum sinkt, Wertverlust auf Immobilien

    Irgendwie erinnert mich das Ganze verflixt stark an eine deflationäre Spirale.

    • ast sagt:

      Da befindet sich Europa und Japan in “guter Gesellschaft”. Bis 2030 werde es in China einen höheren Anteil von Menschen über 65 Jahre geben als in Japan, heisst es in einem Bericht der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften. Derzeit hat China noch “demographische Vorteile”.

      Allerdings bezweifle ich die Verwendbarkeit solcher Angaben bis in fernere Zukunft, die Effekte der Überalterung könnten inzwischen generell durch die technischen Fähigkeiten zur Überproduktion in den Schatten gestellt sein. Mit andere Worten, in Zukunft wird durch Automatisierung und Rationalisierung, sowie schnelle technische Fortschritte, das Angebot die Nachfrage immer übersteigen.

      Ein japanischer Autokonstrukteur behauptete vor Kurzem, man habe damit zu kämpfen dass die Anlagen etwa von Toyota alsbald in der Lage wären die Autos für die gesamte Menschheit alleine zu produzieren und dazu weniger statt mehr Arbeitskräfte benötige. Damit wird Produktion ein Faktor für die regionale Politik, die sich aber in der Vergangenheit gescheut hat das Problem der “technologischen Überproduktion” durch Automaten ernst zu nehmen.

      • urs lehmann sagt:

        Das offizielle China hat das Problem erkannt, die Ein-Kind-Politik wurde bereits leicht gelockert (falls einer der beiden Ehepartner keine Geschwister hat, darf das Paar zwei Kinder haben). Nur ein sehr kleiner Schritt, aber da wird wohl mehr kommen mit den Jahren.

        Ich stimme Ihnen zu, Prognosen sind grundsätzlich mit Vorsicht zu geniessen. Bei unserem Thema ist jedoch zu berücksichtigen, dass 100,0% der 2030 arbeitenden Bevölkerung bereits geboren wurde, das reduziert die Unsicherheit bis bspw 2040 auf plötzliche Ereignisse wie Krieg, sowie auf die Einwanderungspolitik, welche sich jedoch ebenfalls nur langsam ändert. Zudem wird sich eine weitestgehend geschlossene Gesellschaft wie Japan kaum in relativ kurzer Zeit (bspw 20 Jahre) massiv umorientieren.

        Das mit der Überproduktion wegen dem Fortschritt haben wohl schon die Weber gesagt, als sie durch mechanische Webstühle wegrationalisiert wurden. Prognosen… 😉

  4. demokröte sagt:

    Im Kern ist es doch so Deutschland setzt ausschließlich auf Export seine Niedriglohnpolitik hat dazu geführt,daß der Rest
    der EU nicht mehr wettbewerbsfähig ist.Wir geben dann über die Target Salden unser Geld (eigentlich das des Volkes) wieder der EU,damit diese unsere Produkte kaufen. Die Gewinner bei diesem Spiel sind die Banken,die Exportindustrie.
    Verlierer gibt es auch das sind die Völker Europas. Deshalb zurück zu nationalen Währungen. Wir konkurrieren nicht nur mit
    der EU sondern auch mit Schwergewichten USA -China -Korea-Russland. Sind aber so idiotisch den Russen ständig auf die
    Füße zu treten. Bismarck formulierte es mal knall hart: Staaten haben keine Freunde,sie haben Interessensgemeinschaften.
    Der Euro wird zum Sprengsatz und nicht zur Einigung Europas führen.

  5. Manfred Grieshaber sagt:

    Eigentlich waren fast alle aktuellen Industriestandorte in Europa schon um 1900 industrialisiert. Es gibt nur wenige Ausnahmen, z.B. das D-Bundesland Bayern welches noch lange ein Agrarland war. Die Industriestandorte München und Nürnberg sind jünger als die anderen. Und auch das Argument, der EURO verhindere einen Aufschwung im Süden zieht nicht. Denn als die separaten Währungen noch in der “Währungsschlange” waren gab es schon die gleichen Verwerfungen wie heute. Die südlichen Länder Griechenland, Portugal und Spanien wurden erst 1975 demokratisch. Vorher verhinderten die Machthaber ganz bewusst jeden Fortschritt denn wenn die Bürger mehr Geld zur Verfügung haben lassen sie sich weniger gefallen. Eigentlich gibt es zwischen 2014 und 1900 nur 2 Unterschiede, heute ist China neu dabei und die alten Mächte massakrieren keine Kolonialvölker mehr. Ansonsten sind die Rollen in der Globalwirtschaft immer noch dieselben wie früher.

  6. ASHER sagt:

    Die nationale Währung der Euroländer wird unverhofft wieder kommen, nach einem langen Wochenende……die Fragen sind nur: 1) wann 2) wie kann dieses Ereignis geheimgehalten werden….

  7. G. Nardone sagt:

    – “… in der heutigen Eurozone, versäumte man es, die Rekapitalisierung des Bankensektors und die Abschreibung der Staatsschulden zügig vorzunehmen.”
    “… dass die lateinamerikanischen Länder nur noch einen Teil der Schulden an die westlichen Banken zurückzahlen können.”
    Eben, es sind nicht die Staatsschulden das Problem in der Euro-Zone, sondern Auslandsschulden innerhalb Euro-Zone, die können sowohl im staatlichen als auch im privaten Sektor vorhanden sein.

    – “So landet man auch auf diesem historischen Umweg wieder bei der Grundfrage, die seit vier Jahren unbeantwortet geblieben ist: Woher soll der Wachstumsimpuls in Südeuropa kommen?”
    Diese Frage ist schon längst beantwortet und auch relativ einfach, sofern man sich wirtschafts-wissensch. damit befasst: Der Impuls kann nur von Deutschland kommen und zwar vor allem über höhere Löhne. Deutschland ist Export-Welt- & Europa-Meister währendessen die Euro-Krisen-Länder die Import-Defizit-Meister sind, das Ganze muss jetzt für die nächsten 10 – 20 Jahre umgekehrt werden, die Euro-Krisen-Länder können nur dann Export-Überschüsse erzielen um damit ihre Auslandsschulden vor allem Deutschland ggü. zu begleichen, wenn Deutschland bereit ist Import-Defizite zu machen.
    Deutschland stemmt sich aber dagegen, sie will tatsächlich nicht, dass die anderen Länder ihr ihre Schulden zurückbezahlen, weil D sich nicht vorstellen kann, Import-Defizite zu verbuchen! Also HOFFT man nun in der EU, dass die USA, China oder die Entwicklungsländer bereit sind, XX Mia pro Jahr Import-Defizite bzw. Schulden anzuhäufen um den euro zu retten …

    • Josef Marti sagt:

      In dieser Debatte haben sich va. die deutschen Liberalen mit ihrer Wirtschaftskompetenz hervorgetan. Die Euro Partner und insbes. F müssten es halt den Deutschen gleich tun, weil das beste Ergebnis im Aussenhandel nur dann erreicht wird wenn alle sich gegenseitig mit Lohndumping und Unterbietung zu Boden konkurrieren, und das in einer Währungsunion (!)

    • Martin Holzherr sagt:

      Sie schreiben: “Der Impuls kann nur von Deutschland kommen und zwar vor allem über höhere Löhne.”
      Doch die Löhne sind in Deutschland höher als in den USA und den meisten anderen Ländern. Lesen sie den Artikel von Paul Krugman “German Labor costs” ( http://krugman.blogs.nytimes.com/2014/06/17/german-labor-costs/) vom 17. Juni 2014 dazu.

      • urs lehmann sagt:

        Krugman spricht ausschliesslich vom 2. Sektor, und von den Personalkosten, nicht den Löhnen. Die Tieflohn-Jobs sind praktisch ausschliesslich im Dienstleistungsbereich angesiedelt.

  8. ast sagt:

    Der Wachstumsimpuls wird vermutlich über ABS -Kredite kommen, das sind jene Assets welche man in den USA für die Subprime-Krise im Vorfeld der 2008 Finanzkrise verantwortlich machte. Nein- ich bin nicht in Zynismus gefallen, im September gibts von Mario Draghi mehr Infos darüber zu haben.

    • ilrettev sagt:

      ABS sind hervorragende Produkte, um Kreditrisiken zu diversifizieren. Auslagerungen aus den Bankbilanzen machen Sinn.
      Die Probleme in den USA bei Hypokredit-Verbriefungen bis 2008 bestand im Rating dieser Papiere.
      Nicht am Konstrukt ABS.

      • urs lehmann sagt:

        Die Idee mag gut tönen, die (bisherige?) Praxis für xMBS sieht anders aus. Und das betrifft durchaus auch die Produkte selbst, nicht nur das Vorgehen:
        – auf “adjustable rate mortgage” (ARM) basierende xMBS
        die Bank gibt die Kreditrisiken weiter, deshalb wurde alles verkauft was verkäuflich ist, unter anderem ARMs mit Null EK an tiefe Einkommen bei denen keinerlei realistische Chance besteht, dass der Schuldner seine Pflicht erfüllt
        – Automatische Unterschriften für xMBS:
        Durch Automaten signierte Dokumente sind wahrscheinlich ungültig (endgültiger Entscheid ausstehend). Falls so entschieden wird, haben die Banken in betrügerischer Weise versucht, ungerechtfertigte Ansprüche durchzusetzen und werden schadenersatzpflichtig. Auch das Herabsetzen von Credit Ratings von Hypo-Nehmern, die geforderte Zahlungen nicht leisteten, wäre betrügerisch erfolgt.
        – xMBS/CDO/CMO, gegebenfalls mit mehreren Tranchen
        Da schein u.U. unklar zu sein, wem die Liegenschaften tatsächlich gehören, der geforderte un-unterbrochene Nachweis der Eigentümerschaft (chain of title of ownership) kann nicht mehr erbracht werden. Die Liegenschaft steht nicht mehr in der Pflicht, die Hypo wird im besten Fall zum normalen ungedeckten persönlichen Kredit.
        – Teilweise ist MERS (Mortgage Electronic Registration System) nicht eigentlicher Kreditgeber, sondern Agent derselben. Viele Zwangsvollstreckungen wurden jedoch durchgeführt, wo MERS in eigener Regie agierte, was sie illegal machen würde. Auch hier: Schadenersatzpflicht

        Das Ganze ist ein riesige Chaos, die Banken versuchten vor ein paar Jahren mit den 50 Attorney General einen Deal abzuschliessen, aber der Versuch scheint gescheitert zu sein.

        Die xMBS als sinnvoll zu bezeichnen, scheint mir reichlich blauäugig.

        • ilrettev sagt:

          An U.Lehmann
          Wenn der Inhalt dieser ABS bekannt und das Paket richtig geratet ist, scheint mir dies kein allzu grosses Problem.
          Zur Zeit der “Subprime-Krise” in den USA war vielfach unklar, was sich in diesen Produkten befand. Man sprach von Giftpapieren.
          Die Bedingungen der ABS müssen natürlich bekannt und transparent sein. Gesetzgeber kann Rahmenbedingungen schaffen.
          Eine Verbriefung ist sinnvoll.

          • urs lehmann sagt:

            Da unbekannt ist, ob tatsächlich legal auf die jeweilige Liegenschaft Rückgriff genommen werden kann, ist man im Grunde in derselben Situation wie wenn man nicht weiss, was tatsächlich drin ist. Und wegen dieser Unsicherheit ist ein Rating nicht sinnvoll machbar.

          • ilrettev sagt:

            Auch dem CH-Immobilienmarkt würden Verbriefungen (vor allem ins Ausland) in grösserem Ausmass gut anstehen.
            CH-Hypo-Markt ist ausgesprochen schlecht diversifiziert. Ueber 96% der Kredite liegen in den Büchern von CH-Banken.
            Eine Förderung von Auslandbanken, oder Verbriefungen von Hypo-Krediten ins Ausland würde das, eigentlich in jedem Staat vorhandene Klumpenrisiko in diesem Bereich, vermindern.
            Die USA hatten ihre Hypo-Kredite zu einem gewissen Anteil “ausgelagert”. Dies häufig via Verbriefungen.
            U.a. mussten die mehrheitlich im Besitz Schweizer Aktionäre liegende UBS über 40 Mrd. abschreiben.

          • urs lehmann sagt:

            20% der UBS-Aktien sind auf Schweizer eingetragen, 45% auf Ausländer, und 35% sind nicht eingetragen. Somit kann nicht mir Sicherheit gesagt werden, ob die UBS mehrheitlich im in- oder ausländischen Besitz ist, sehr wahrscheinlich jedoch ist sie mit klarer Mehrheit in ausländischem Besitz.

            Statt die Ursache (Förderung der Hypo-Verschuldung durch die Steuergesetze) zu bekämpfen, betreiben Sie Symptombekämpfung, und fordern dazu die Förderung genau derjenigen Produkte, die für die Finanzkrise verantwortlich waren. Falls Sie zynisch sein wollten, so ist Ihnen das hervorragend gelungen.

          • ilrettev sagt:

            an Urs Lehmann
            Es waren nicht die Produkte, sondern deren Inhalte und Intransparenz welche für die Krise mitverantwortlich waren.
            In CH ist die Förderung von Hypoverschuldung natürlich zu verurteilen und sollte abgeschafft werden.
            Bis es soweit ist, liegen in den Bankbilanzen weiterhin diese Kredite. Um diese Risiken zu begrenzen ist eine Verbriefung (vor allem ins Ausland) eigentlich optimal.

  9. Bernerin sagt:

    Ganz einfach: Den Euro abschaffen.

  10. Daniel Graf sagt:

    Mich interessiert eigentlich nur der Zeitpunkt, an dem wir (CH) zusammen mit den Deutschen die Steuergelder abschreiben zur Entschuldung Griechenlands und Co. Vor der Selbstinszenierung (“EU-Wahlen”) der Hauptverantwortlichen des Desasters wurde dieses Thema ja wohlwissend nicht angeschnitten. Und die Banken lachen sich ins Fäustchen, wurde und werden nach wie vor mit Steuergeldern ihre Kreditzinsen bezahlt.

  11. Josef Marti sagt:

    In diesem Zusammenhang ein Verweis auf das letzte Buch des kürzlich verstorbenen Prof. Hankel. Dieser propagiert eine Wiedereinführung der Landeswährungen bei gleichzeitiger Beibehaltung des Euro als Parallelwährung welcher als Goldstandard fungieren würde. Jedes Land hätte zum Euro einen festen Umrechnungskurs welcher nicht aufgewertet werden könnte. Im Krisenfall wäre nur eine Abwertung zum Euro zulässig. Der Sparer kann sich auf diesen Euro und seine immer währende („goldgleiche“) Stabilität verlassen. Auch darauf, dass in diesem System der Euro-Geldschöpfung durch die EZB enge Zügel auferlegt sind. Sie kann, streng genommen, gar keine Geld-“Schöpfung“ mehr betreiben, nur noch Geld-“Umtausch“: Sie gibt neue Euro nur gegen Ankauf – und Einzug – bereits am Markt zirkulierender nationaler Währungen aus.
    Die Gesamtgeldmenge im EU- und Euro-Raum bleibt konstant, Währungssünder wären gezwungen abzuwerten. Das System hat also eine monetaristische Note, Hankel zitiert Friedman: „Es ist bei weitem einfacher, einem einzigen Preis zu erlauben, sich zu verändern, nämlich dem Wechselkurs, als sich darauf zu verlassen, es mit einer Vielheit von Preisen tun zu können, die (in einer Volkswirtschaft) insgesamt die interne Preisstruktur bilden“
    Die Klimmzüge und Verrenkungen welche den Politikern drohen um sich aus den ökonomischen Realitäten und Sachzwängen herauszuwinden werden immer anspruchsvoller.

    • Markus Reichmuth sagt:

      Sehr interessant. Würde mich freuen, wenn die Blog-Betreiber diesen Vorschlag mal darstellen und beurteilen würden.

    • Anh Toan sagt:

      @Josef Marti

      “Jedes Land hätte zum Euro einen festen Umrechnungskurs welcher nicht aufgewertet werden könnte. Im Krisenfall wäre nur eine Abwertung zum Euro zulässig. Der Sparer kann sich auf diesen Euro und seine immer währende („goldgleiche“) Stabilität verlassen.”

      Der Sparer soll also in Euro sparen. Aber die Schuldner sich in der Landeswährung verschulden, sonst würde ja keine benötigt. Wir die Währung abgewertet, gehen die Banken pleite, da Schulden in Euro und Ausleihungen in Landeswährung.

      Also muss die Landeswährung dem Abwertungsrisiko entsprechende Zinsen abwerfen, damit Sparer in dieser anlegen wollen, dann hilft den Spareren aber die Stabiltät des Euro nicht.

      Ich meine, der Euro wäre dann eine Währung ohne Volkswirtschaft / Währungsraum.

      Aber vor allem verkennen alle diese Gedanken: Es gibt keine nationalen Wirtschaftsräume mehr im Binnenmarkt, es ist darum unsinnig, die Zahlen Griechenlands mit Deutschland zu vergleichen, genau so wenig wie man Meck-Pom mit Baden Würtemberg vergleichen kann um die Einführung einer schwachen, und damit hichverzinslichen Währung für Meck-Pom zu begründen.

      Nationale Volkswirtschaften in Europa waren mal, vor mindestens 25 Jahren.

      • Josef Marti sagt:

        Dann bleibt aber nichts anderes übrig als endlich zuzugeben dass es ohne Transferunion nicht geht, daran führt kein Weg vorbei.
        Wenn der Parallel-Euro wie eine Art Goldstandard funktionieren soll, dann ist es im Interesse eines Krisen- bwz. Handelsdefizitlandes den Umrechnungkurs einmalig abzuwerten, weil es sonst wie früher unter dem Goldstandard „Gold“ verliert; die Flucht in den Euro muss dann also durch Verteuerung erschwert werden, weil sonst die Binnenwirtschaft ruiniert wird. Anders als im klassischen Goldstandard gilt nämlich nicht das Prinzip Goldmenge = Geldmenge und damit feste Wechselkurse mit langfristigem Zahlungsbilanzausgleich aufgrund des Goldautomatismus.

        Pleite gehen von Banken und Staaten muss selbstverständlich endlich wieder möglich sein, denn getreu dem liberalen Credo: „Leistung muss sich wieder lohnen“, richtig so? So propagiert zB. H.W. Sinn immer wieder das System USA und CH wo die Gliedstaaten keine Bundesdefizitgarantie geniessen. Für den Euroraum fordert er deshalb eine Art Konföderation nach CH Vorbild. Jedenfalls werden die Euro Versager nicht drum rum kommen Euro Bonds einzuführen, selbstverständlich werden diese dann nicht so genannt, man wird sie dann „Project Bonds“ taufen, vielleicht können dann endlich auch Merkel/Schäuble und die EZB Fritzen den längst verdienten Friedensnobelpreis bekommen.

  12. Wave Dancer sagt:

    Wann fangen wir endlich an qualitatives und quantitatives Wachstum zu unterscheiden?
    Es ist klar, dass Schwellen- und Entwicklungsländer quantitatives Wachstum benötigen (aber auch eine Bevölkerungswachstum-Kontrolle!!). Industriestaaten hingegen sollten auf qualitatives Wachstum setzen! D.h. weniger Menschen dafür effizienter werden in Ressourcenverschwendung und Wirtschaftsgüterproduktion, gesünder und wehrhafter!

    • Daniel Heierli sagt:

      Das mit dem “qualitativen Wachstum” sollten wir endlich vergessen. Qualitatives Wachstum gibt es nicht, denn Wirtschaftswachstum im ökonomischen Sinne ist nur quantitativ definiert.
      Wir sollten endlich lernen, Wachstum von Wohlstand zu unterscheiden.
      Die armen Länder dieser Welt brauchen sicher Wirtschaftswachstum, um Wohlstand erlangen zu können.
      Die reichen Länder Westeuropas hingegen brauchen nicht noch mehr materiellen Konsum. Hingegen brauchen wir endlich eine Ökonomie, welche nicht jedes beliebige Problem reflexartig mit dem Einheitsmittel “Wirtschaftswachstum” zu lösen versucht – und damit je länger desto häufiger scheitert.

  13. H.Trickler sagt:

    In Griechenland ist die Infrastruktur (im weitesten Sinne) etwa auf dem Stand von 1950 der nördlichen Länder. Verbunden mit der politischen Instabilität und der Unmöglichkeit der Abwertung wird dies in absehbarer Zeit zu einer Explosion führen, weil die bisherigen Verbesserungen der Staatsbilanz weitgehend auf dem Buckel der unteren Schichten basieren.

    In Italien wären die Voraussetzungen etwas besser, aber die politische Situation ebenfalls zu verfahren.

    Frankreich wird ebenfalls seine Probleme nicht lösen können und in einem solchen Kontext kann die von Draghi herbeigeschnorrte Verschnaufpause keine nachhaltige Wirkung entfalten.

    Die Aussichten für den Euro sind damit eigentlich klar und es ist nur eine Frage der Zeit wann es wieder zur verbreiteten Wahrnehmung der Krise kommt.

  14. Josef Marti sagt:

    Mit der Asienkrise kann kein Vergleich gemacht werden. Die asiatischen Tigerstaaten hatten das Problem dass sowohl Staaten wie Banken sich in fremder Währung, va. $ und Yen verschuldet hatten. Gleichzeitig waren anfangs die Währungen an den $ gekoppelt, also typische Ankerwährungssysteme; diese rufen immer Spekulanten auf den Plan, sobald Anzeichen für Abwertung und Leistungsbilanzdefizite aufkommen, was nach 1995 durch die Aufwertung des $ und damit verursachte Verschlechterung der Wettbewerbssituation auch eintrat. Die Erholung erfolgte relativ schnell mit Aufgabe der Parität und massiver Abwertung.
    Dem Euro hingegen droht eine reale Aufwertung wegen der Deflationstendenzen in Südeuropa. Aus dieser Mausefalle gibt es keinen Ausweg.

  15. Leimgruber sagt:

    Und Mario Draghi von der EZB meint er könne die Euro-Krise mit endlosem Geld drucken lösen. Frage : Wie lange funktioniert das noch ?

    • Martin Cesna sagt:

      Die Schweizer Nationalbank ist meines Wissens ein dankbarer Abnehmer der Euro-Scheinchen, damit der SFr. nicht in die Höhe schiesst.

  16. Linus Huber sagt:

    “So drängt sich der Vergleich mit der lateinamerikanischen Schuldenkrise der 1980er-Jahre auf.”

    Eine Schuldenkrise am Anfang einer historischen weltweiten Kreditblase mit einer Schuldenkrise eher am zeitlichen Ende dieser gleichen Kreditblase angesiedelt zu vergleichen, finde ich eine eher oberflächliche Betrachtungsweise. Wenn die Aufrechterhaltung und leichte Ausweitung dieser Blase schon heute auf extrem fragwürdigen Massnahmen der Zentralbanken beruht und unter dem Strich nichts weiter als ein schwaches Wachstum der Weltwirtschaft erreicht wird, sollte man vielleicht langsam andere Vergleiche aus der Geschichte heranziehen.

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