Die Eurokrise im historischen Vergleich

Verlorene Jahre: Demonstranten mit Masken der italienischen Arbeitsministerin Elsa Fornero gegen Massenarbeitslosigkeit in Neapel (November 2012). (AFP/Mario Laporta)

Tal der Tränen: Demonstranten mit Masken der italienischen Arbeitsministerin Elsa Fornero marschieren auf den Strassen Neapels gegen die Arbeitslosigkeit (November 2012). (AFP/Mario Laporta)

Die Massnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) haben gezeigt, dass die Eurozone das Tal der Tränen noch nicht durchschritten hat. Man muss weiterhin mit einer längeren Periode der Stagnation rechnen. Es droht ein verlorenes Jahrzehnt. Gab es das schon einmal in der jüngeren Vergangenheit?

Die letzte grosse Krise, die eine ganze Region in den Abgrund riss, war die Asienkrise der späten 1990er-Jahre. Aber nur schon ein kurzer Blick auf die Wachstumsraten unmittelbar nach der Asienkrise zeigt, dass ein anderer Film als in der Eurozone ablief. Die ostasiatischen Länder erholten sich sehr schnell. Selbst Indonesien und Thailand, die von der Krise besonders stark getroffen worden waren, fanden schnell zum Wachstum zurück, wie die Grafik zeigt (Quelle: The Economist).

So drängt sich der Vergleich mit der lateinamerikanischen Schuldenkrise der 1980er-Jahre auf. Auch damals sprach man von einem verlorenen Jahrzehnt. In der Tat gibt es eine starke Parallele: In beiden Fällen, das heisst sowohl in Lateinamerika vor dreissig Jahren wie in der heutigen Eurozone, versäumte man es, die Rekapitalisierung des Bankensektors und die Abschreibung der Staatsschulden zügig vorzunehmen.

In Lateinamerika kam erst am Ende der Dekade das Eingeständnis, dass die lateinamerikanischen Länder nur noch einen Teil der Schulden an die westlichen Banken zurückzahlen können. In der Eurozone hat man bisher nur einen Teil der griechischen Schulden den privaten Gläubigern aufgebrummt. Das ist zu wenig.

Aber selbst Lateinamerika hatte nach Ausbruch der Krise ein höheres Wachstum als die Eurozone. Die lateinamerikanischen Exporte erholten sich viel schneller als diejenigen der Eurozone, wie die Grafik zeigt (Quelle). Ein wichtiger Grund war, dass die Weltwirtschaft ab 1983 – das heisst ein Jahr nach Ausbruch der lateinamerikanischen Schuldenkrise – wieder stark expandierte (wie Ende der 1990er-Jahre). Die Krisenländer der Eurozone mussten hingegen bereits 2009 mit einem Einbruch des Exports zurechtkommen. Die Grafik oben nimmt nämlich das Jahr 2008 als Beginn der Eurokrise, aber wirklich begonnen hat die Eurokrise erst 2010. Diese Datierung verzerrt den Vergleich.

Aber die Verzerrung erklärt nicht alles. Von Bedeutung ist auch die starke Abwertung der Währungen Lateinamerikas (wie in Ostasien Ende der 1990er-Jahre). Ganz anders in der Eurozone: Die Krisenländer leiden nicht nur darunter, dass sie nicht abwerten können, sondern dass der Aussenwert des Euro trotz Krise hoch ist. Die EZB hat mit ihrem Massnahmenpaket eine leichte Schwächung des Euro herbeiführen können, aber das ist nicht ausreichend, um dasselbe Exportwachstum wie Lateinamerika zu erzielen.

So landet man auch auf diesem historischen Umweg wieder bei der Grundfrage, die seit vier Jahren unbeantwortet geblieben ist: Woher soll der Wachstumsimpuls in Südeuropa kommen?