Europas fettleibige Zombies

 

Mitte 2013 hatte die Deutsche Bank die dünnste Eigenkapitaldecke der grossen Banken im EU-Raum. Foto: Ralph Orlowski (Reuters)

Sprechen wir mal wieder über Europa. Rund um die Eurokrise ist es in den vergangenen Monaten angenehm ruhig geworden. Fast schon könnte man meinen, alles sei wieder gut. Regelmässige Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen, dass wir das nicht so sehen. Wir sind überzeugt, dass die grundlegenden Probleme der Europäischen Währungsunion alles andere als gelöst sind.

Eines dieser Probleme ist der europäische Bankensektor, und über diesen wollen wir heute sprechen. Machen Sie sich bitte gefasst: Dies wird ein langer Beitrag.

Anfang dieser Woche hat eine Expertengruppe des European Systemic Risk Board einen Bericht mit dem Titel «Is Europe Overbanked?» publiziert. Die Autoren sind Marco Pagano und Sam Langfield, unter Mitarbeit von intellektuellen Schwergewichten wie Markus Brunnermeier, Martin Hellwig (den wir bereits in diesem Beitrag vorgestellt haben) und Claudia Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank.

Der Bericht hat es in sich. Noch nie habe ich von einer offiziellen EU-Instanz eine derart scharfsinnige, klarsichtige und schonungslose Analyse der europäischen Bankenlandschaft gelesen.

Jeder Politiker und Banker in Europa – auch in der Schweiz – sollte den Bericht lesen.

Die Autoren gehen darin, wie der Titel bereits suggeriert, einer grossen Frage nach: Leidet Europa unter einem zu grossen Bankensektor?

Minutiös zeigen sie, wie die Banken in Europa – ganz besonders die 20 grössten Institute – in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv überproportional zur Wirtschaftsleistung gewachsen sind. Die Autoren legen dar, weshalb diese Aufblähung des Finanzsektors überhaupt stattgefunden hat, wie das die Krisenanfälligkeit des Finanzsystems erhöht hat und weshalb ein überproportionierter Bankensektor für die Realwirtschaft eine Belastung darstellt.

Der Bericht schliesst mit dem Fazit, dass Europa eine grosse Zahl von Zombie-Banken unterhält, die mittels fehlgeleiteter Anreize am Leben erhalten werden und die mit ein Grund für die lethargische Wirtschaftsentwicklung sind.

Zu den Details:

Die folgenden Grafiken (sie stammen alle aus dem zitierten Bericht) zeigen eindrücklich, wie sich das Bankensystem in Europa in der Zeit seit den frühen Neunzigerjahren aufgebläht hat.

Die erste Grafik zeigt den Anteil der ausstehenden Bankkredite in Relation zum Bruttoinlandprodukt über den Zeitraum der vergangenen 114 Jahre:

Die schwarze Kurve zeigt Europa, rot Japan und blau die USA. In allen drei Regionen verlief die Entwicklung über ein Jahrhundert weitgehend stabil. Ab den späten Achtzigerjahren nimmt die Kreditschöpfung der Banken in Europa deutlich zu und liegt aktuell auf ungefähr dem doppelten Niveau der USA (Anmerkung: Eindrücklich zu sehen ist die Kreditblase in Japan in den Achtzigerjahren).

Die folgende Grafik zeigt, in welchen Ländern der grösste Teil dieser Kreditschöpfung stattgefunden hat:

Die hellgrauen Balken zeigen das Verhältnis von Bankkrediten zum BIP im Jahr 1995, die schwarzen Balken im Jahr 2011. In Staaten wie Deutschland, Frankreich oder Österreich war das Wachstum moderat. Die grösste Ausweitung der Kreditschöpfung fand in Ländern wie Zypern statt (CY), in Irland (IE), Spanien (ES), Portugal (PT), den Niederlanden (NL) und Griechenland (GR). Dort hat sich das Verhältnis von Bankkrediten zum BIP meist mehr als vervierfacht, auf ein Niveau von 200 Prozent oder mehr.

Es ist kein Zufall, dass das – mit Ausnahme der Niederlande – die Staaten sind, an denen sich die Eurokrise kristallisiert hat.

Werden die gesamten Bankbilanzen (also nicht nur die Kredite) eines Landes in Relation zum jeweiligen BIP dieses Landes gesetzt, beträgt der Wert in vielen Ländern Europas über 400 Prozent, wie folgende Grafik zeigt:

Nur zum Vergleich: Die kumulierte Bilanzsumme aller japanischen Banken beträgt 192 Prozent des BIP, und in den USA kommt die kumulierte Bilanzsumme (inklusive der verstaatlichten Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac) auf 145 Prozent des BIP.

Daraus folgt die erste Feststellung: Das europäische Bankensystem ist, sowohl gemessen am ausstehenden Kreditvolumen wie auch an den kumulierten Bilanzsummen, deutlich schneller gewachsen und in Relation zum BIP auch deutlich grösser als in Japan und den USA.

Dazu kommt ein weiterer Faktor: Das hiesige Bankensystem ist nicht nur grösser, es ist auch konzentrierter. Wie die Autoren in der Studie zeigen, ist es in Europa normal, dass die drei grössten Banken eines Landes für jeweils 65 bis 75 Prozent des aggregierten Bilanzvolumens verantwortlich sind. In den USA kommen die drei grössten Banken nur auf ein Gewicht von gut 25 Prozent.

Doch damit nicht genug. Europas Banken sind nicht nur grösser und mächtiger, sie sind auch schwächer kapitalisiert: Wie die Autoren der Studie darlegen, belief sich die ungewichtete Eigenkapitalquote (Eigenkapital zu Bilanzsumme) der zwanzig grössten börsenkotierten Banken in der EU Ende der Neunzigerjahre auf durchschnittlich 6 Prozent. Im Jahr 2008 waren es noch 3 Prozent.

In der Zwischenzeit haben die europäischen Banken ihre Bilanzen etwas gestärkt, sodass die durchschnittliche Eigenkapitalquote der 14 grössten EU-Banken per Mitte 2013 rund 3,9 Prozent betrug. Das ist aber immer noch deutlich weniger als in den USA, wo die grossen, systemrelevanten Banken auf eine durchschnittliche Eigenkapitalquote von 4,5 Prozent kommen (Anmerkung: Die Bilanzsummen sind immer ungewichtet, und die Daten für die US-Banken sind zur besseren Vergleichbarkeit auf IFRS-Rechnungslegungsstandards umgerechnet).

Die folgende Grafik zeigt, wie die europäischen Banken immer noch deutlich schwächer kapitalisiert sind als Banken aus dem Nicht-EU-Raum:

Die schwarzen Balken stellen Banken aus dem EU-Raum dar. Die dünnste Eigenkapitaldecke per Mitte 2013 hatte die Deutsche Bank (DB), gefolgt von Barclays (Barc), Santander (Sant) und Crédit Agricole (CA). Immerhin scheint die Deutsche Bank ihr Manko endlich erkannt zu haben und führt aktuell eine massive Kapitalerhöhung durch (hier mehr dazu).

Hier noch eine andere, eindrückliche Darstellung für die Ansammlung von Bankkolossen in Europa:

Die Balken stehen für einzelne Banken, und die Grösse des Balkens zeigt die Bilanzsumme der Bank in Relation zu ihrem Domizilstaat. Schwarz sind Banken aus der EU, rot aus den USA, orange aus Asien, grün aus dem Rest der Welt. Sieben EU-Banken bringen eine Bilanzsumme von mehr als 100 Prozent des BIP ihres Heimatstaates auf die Waage.

Von den 40 globalen Banken, deren Bilanzsumme mehr als 50 Prozent des BIP ihres Heimatstaates ausmacht, sind 29 in der EU domiziliert.

Zum Vergleich: J. P. Morgan Chase, die grösste Bank der USA, kommt mit ihrer Bilanzsumme nur gerade auf 15 Prozent der US-Wirtschaftsleistung.

(Anmerkung: Ich nehme an, dass die beiden grünen Balken ganz links in der Grafik für die UBS und Credit Suisse stehen, die beide in Relation zum Schweizer BIP gigantisch sind. Allerdings konnte ich diese Annahme nicht bestätigen.)

Wir rekapitulieren:

  1. Das Bankensystem in Europa ist im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte deutlich überproportional zum BIP gewachsen – und deutlich mehr als in den USA und Japan.
  2. In zahlreichen europäischen Ländern beträgt die Grösse des Bankensektors (gemessen an den Bilanzvolumen) das Vierfache des BIP oder mehr. Sowohl in den USA als auch in Japan beträgt die Grösse des Bankensektors weniger als 200 Prozent des BIP.
  3. Die Bankenlandschaft in Europa ist konzentriert. Eine Handvoll Schwergewichte dominiert den Markt.
  4. Europas Grossbanken sind im internationalen Vergleich nach wie vor schwach kapitalisiert.

So viel zur Grösse des Bankensektors. Nun zur nächsten Frage: Ist das ein Problem? Anders gefragt: Sind Europas Banken fettleibige Monster oder muskelstrotzende Kraftpakete, die der realen Wirtschaft helfen?

Diverse empirische Studien haben die Gefahr gezeigt, wenn der Kreditschöpfungsmechanismus zu heiss läuft (in diesem Blogbeitrag mehr dazu). Als Faustregel kann gesagt werden, dass zusätzliche Kreditschöpfung kontraproduktiv auf das Wirtschaftswachstum wirkt, wenn das ausstehende Kreditvolumen 100 Prozent des BIP übersteigt.

Nun könnte man argumentieren, grosse Banken seien gut für die reale Wirtschaft, weil das sicherstellt, dass die Unternehmen immer üppig mit Kredit versorgt sind.

Leider ist das Gegenteil der Fall. Der Kontrast zwischen den USA und Europa illustriert das.

Schauen wir es uns genauer an. Vereinfacht gesagt, hat ein Unternehmen aus der Realwirtschaft zwei Möglichkeiten, sich Fremdkapital zu beschaffen:

  1. über einen Bankkredit oder
  2. über die Ausgabe einer Anleihe am Bondmarkt

Die USA verfügen über einen sehr gut etablierten, liquiden Bondmarkt. Je nach Schätzung laufen dort rund 70 Prozent aller Unternehmensfremdfinanzierungen über den Bondmarkt. Nur 30 Prozent entfallen auf Bankkredite.

In Europa ist es genau umgekehrt. Die europäischen Unternehmen sind für gut 70 Prozent ihres Fremdfinanzierungsbedarfs auf Bankkredite angewiesen. Der Bondmarkt ist als Finanzierungsquelle weniger etabliert.

Die folgende Grafik zeigt, weshalb dieser Unterschied höchst relevant ist:

Die schwarze Kurve zeigt die Veränderungsrate der Bankkredite für Unternehmen in der Eurozone (NFC = Non Financial Corporations) in Prozenten des BIP. Die graue Kurve zeigt die Veränderungsrate für Bond-Finanzierungen (Debt Securities).

Es ist augenfällig, dass die Bankkredite viel schwankungsanfälliger sind. Das zeigt das prozyklische Verhalten der Banken: Zu Boomzeiten (bis 2008) waren sie überaus freimütig in ihrer Kreditvergabe. Als dann jedoch die Finanz- (2008/09) und etwas später die Eurokrise (ab 2010) zuschlug, schränkten sie ihre Kreditvergabe massiv ein.

Das raubte vielen europäischen Unternehmen in den Krisenjahren die Luft: Genau dann, als sie Finanzhilfe bitter nötig hatten, waren die Banken nicht mehr willens oder fähig, Kredite zu vergeben.

Der Bondmarkt (graue Kurve) ist dagegen in Boom- wie auch in Panikzeiten viel weniger schwankungsanfällig und stellt daher eine verlässlichere Finanzierungsquelle dar.

Aber könnte nicht doch noch etwas am Argument sein, grosse Banken seien wichtig für die reale Wirtschaft, weil sie diese mit Kredit versorgen? Die nächste Grafik entkräftet diese Behauptung vollends:

Die Kuchengrafik zeigt die Zusammensetzung der aggregierten Bilanzanlagen aller Banken in der EU. Insgesamt handelt es sich dabei um Anlagen in der Höhe von 42’000 Milliarden Euro. Das grösste Kuchenstück (dunkelblau, 30 Prozent) entfällt auf Darlehen, die die Banken anderen Banken gewährt haben. Weitere 13 Prozent (hellblau, remaining assets) entfallen auf Derivate. 9 Prozent (gelb) sind Staatsanleihen, die die Banken in ihrer Bilanz halten.

Kredite an die europäische Realwirtschaft im eigentlichen Sinn stellen nur die beiden roten Kuchenstücke dar: 18 Prozent der Anlagen entfallen auf Kredite an private Haushalte (HH total loans), und 15 Prozent (hellrot, NFC loans) sind Kredite an private Unternehmen.

Das heisst: Nur gerade 33 Prozent der aggregierten Bilanzsumme aller europäischen Banken dienen Krediten für private Haushalte und Unternehmen. Der Rest dient Spielereien innerhalb des Bankensektors sowie der Finanzierung von Staaten. Die französische Grossbank Crédit Agricole beispielsweise hält nur gerade 18 Prozent ihrer Bilanzsumme in Form von Krediten an private Haushalte und Unternehmen. Bei der Deutschen Bank sind es 20 Prozent, bei Société Générale 29 Prozent.

Diese Verhältnisse sollte sich jeder Politiker vor Augen halten, wenn die Banken das nächste Mal drohen, eine Verkürzung ihrer Bilanz oder schärfere Eigenkapitalvorschriften würden zwangsläufig zu einer Verringerung der Kreditvergabe führen.

Sind Sie noch bei mir?

Rekapitulieren wir nochmals. Europas Banken sind also nicht nur übergross, konzentriert und schwach kapitalisiert, sondern

  1. sie setzen auch zwei Drittel ihrer Bilanz nicht für Aktivitäten ein, die der Finanzierung der Realwirtschaft dienen, und
  2. verhalten sie sich dermassen prozyklisch, dass sie ihre Kreditvergabe im jeweils ungünstigsten Moment ausweiten und eindämmen.

Nach diesen Feststellungen verbleiben zwei Fragen: Wieso ist das europäische Bankensystem so gross geworden? Und was muss unternommen werden, um das Problem zu beheben?

Zur Beantwortung der ersten Frage geben die Autoren des Berichts eine Reihe von Gründen an: So sei die Bankenaufsicht in den europäischen Staaten über Jahre viel zu lasch und die Verbindung von Banken und Politik zu eng gewesen. Dem übermässigen Wachstum der Megabanken ebenfalls förderlich sei die Tatsache gewesen, dass einzelne Regierungen bewusst «nationale Champions» schaffen wollten, die auf dem globalen Finanzparkett mit den ganz Grossen tanzen können. Der Ökonom Nicolas Véron hat in dieser Studie den verhängnisvollen Einfluss dieses «Bankennationalismus» auf die Eurokrise untersucht.

Eine Erklärung für die grosse Zahl an Zombie-Banken, die seit der Finanzkrise ihre volkswirtschaftliche Funktion in Europa nicht mehr richtig wahrnehmen können, liefert folgende Grafik:

Die grauen Balken zeigen die Anzahl Banken, die im jeweiligen Jahr von der US-Einlagenversicherungsbehörde (FDIC, Federal Deposit Insurance Corporation) zwangsgeschlossen und abgewickelt wurden. Die schwarzen Balken zeigen die Anzahl Zwangsschliessungen und Abwicklungen in der EU. Während in den USA mehrere Hundert marode Finanzhäuser aus dem Verkehr gezogen wurden, sind es in Europa nur wenige Dutzend.

Ihren Empfehlungen zur Behebung des Fettleibigkeitsproblems in Europas Bankensektor widmen die Autoren des Berichts leider etwas wenig Platz:

  • Sie argumentieren, zur Steigerung der Robustheit des Systems sollten die Banken deutlich mehr Eigenkapital halten.
  • Zudem sollte der Kapitalmarkt gefördert werden, sodass sich auch kleinere Unternehmen mit sogenannten Mini-Bonds eine alternative Finanzierungsquelle erschliessen können.
  • Und um überhaupt zu verhindern, dass das Kreditvolumen in der Wirtschaft zu stark steigt, sollten die Regierungen schliesslich die steuerlich privilegierte Behandlung von Fremdkapital abschaffen.

Hier zum Wochenende noch einige Links aus unserer Reihe «Der Chart des Tages» auf fuw.ch:

  • Dieser Chart zeigt, dass Aktien aus Emerging Markets aktuell so günstig bewertet sind wie im Winter 2008/09, zum Höhepunkt der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Eine Kaufgelegenheit?
  • Dieser Chart zeigt die gespenstische Ruhe am Rohstoffmarkt, gemessen am Baltic Dry Index der Frachtkosten.
  • Dieser Chart zeigt, wie die Wein-Blase geplatzt ist.
  • Dieser Chart zeigt, wie die Kreditkonditionen für Unternehmen aus der Euro-Peripherie nach wie vor höchst restriktiv sind.
  • Und dieser Chart schliesslich zeigt ein potenziell besorgniserregendes Bild am Aktienmarkt: Die Kurse steigen von Rekord zu Rekord, während die Volatilität – das «Angstbaromenter» – immer tiefer fällt. Ist das ein Zeichen gefährlicher Sorglosigkeit an den Börsen?
  • Und hier, in eigener Sache, der jüngste Teil unserer Serie über berühmte Theoreme aus der Ökonomie: Mein Kollege Peter Rohner erklärt die Kaufkraftparität.